Charismatiker, Visionär, Hoffnungsträger. Die öffentliche Inszenierung Barack Obamas


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

I. Barack Obama — ein Mann wie aus dem Märchenbuch?

II. Barack Obama — charismatischer Führer. Die Charismakonstruktion des Präsidenten
II.I. Der Charismabegriff im Wandel
II.I.I. Max Weber: Die Theorie des charismatischen Führers
II.I.II. Max Weber: Obama als charismatischer Führer
II.II. Charisma förderliche Faktoren
II.II.I. Rede und Rhetorik
II.II.II. Auftreten und Inszenierung
II.II.III. Obama zwischen Präsident, Star und Mensch
II.II.IV. Obama als Symbol einer rassenlosen Gesellschaft

III. Barack Obama und sein Charisma für das Wahljahr 2012

Literaturverzeichnis

I. Barack Obama — ein Mann wie aus dem Märchenbuch?

„Pick yourself up, dust yourself off and start all over again. “[1]

Charismatiker, Visionär, Hoffnungsträger. Barack Obama symbolisiert all dies für viele Amerikaner. Er besitzt einen Charme, dem sich kaum einer zu entziehen vermag und charakterliche Stärke, die sich selbst Rivalen nicht trauen zu attackieren.[2] Allein aufgrund seines Auftretens, seines Strahlens und seiner gewissen Verschmitztheit, waren die Erwartungen an den neuen Präsidenten am 20 Januar 2009 bei seiner Rede am Tag des Amtswechsels vielleicht noch ein wenig höher, als sie sonst gewesen wären. USA-Experte Georg Schild meinte sogar, dass es „so wahnsinnig viele Erwartungen und Hoffnungen sind, die [Obama] eigentlich nicht erfüllen [kann].“[3] Doch Barack Obama meisterte diese Situation vor hunderttausenden mit Bravur und begeisterte die Mengen. In seiner ersten Rede als 44. amerikanischer Präsident, schafft er es nicht nur aufgrund seiner Sympathie die Leute mitzureißen.[4] Er besticht nicht nur mit guter Inszenierung und womöglich leeren Worten — nein, im Gegenteil —auch seine Rede hat Inhalt und sind geprägt von Bodenständigkeit und Ernsthaftigkeit. Schon im Juli 2004 fiel Obama auf, als er beim Nationalkonvent der Demokraten die Grundsatzrede halten durfte, in der er über den „American dream“ sprach, den er und seine Familie lebten.[5] Bereits damals tat er dies auf seine unverwechselbare Art und Weise: „persönlich, wertebewusst, kopf-wie emotionsorientiert, integrierend, traditionsorientiert und doch zukunftsgewandt.“[6] Doch wie genau schafft es Obama so viele Menschen in seinen Bann zu ziehen? Welche Faktoren spielen zusammen, damit der erste schwarze Präsident diese unglaubliche charismatische Wirkung auf uns hat? Im Folgenden möchte ich auf die Frage eingehen, wie Obamas Charisma zustande kommt und welche Kniffe ihm dabei helfen, dieses im Bezug auf ein breites Publikum auch wirksam werden zu lassen.

II. Barack Obama — charismatischer Führer. Die Charismakonstruktion des Präsidenten

II.I. Der Charismabegriff im Wandel

Charisma, dem Altgriechischen entsprungen, kann etwa mit „Gnadengabe“ übersetzt werden.[7] Ursprünglich eingeführt wurde der Begriff durch den Apostel Paulus, der damit „Gaben des Geistes“ betitelte, die Christen zum Dienst in der Gemeinde erhielten. Max Weber nahm diesen Ausdruck auf, und wandte ihn auf die Herrschaft in der Soziologie an.[8] Bis zur heutigen Verwendung des Wortes „Charisma“, erfuhr dieser eine völlige Umdeutung, entledigte sich jeglichen theologischen Gehalts, und meint nun umgangssprachlich etwas, das mit Ausstrahlung betitelt werden kann.[9]

II.I.I. Max Weber: Die Theorie des charismatischen Führers

„Charisma soll eine als außeralltäglich … geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als Führer gewertet wird.“[10]

Max Weber überträgt den bis dato in der Theologie gebräuchlichen Begriff des Charismas auf die Herrschaftssoziologie.[11] Dieser beschreibt Herrschaft als „die Chance für spezifische Befehle bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden“ und unterteilt sie nach ihren Geltungsgründen in drei legitime Formen: Die traditionale, rationale und charismatische Herrschaft.[12] Hierbei wird dem Charismatischen Führer aufgrund des Glaubens an „seine persönlichen Fähigkeiten“ und „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“, Gefolge geleistet, ganz egal, ob es sich dabei um eine „wirkliche oder angeblich oder vermeintlich[e]“ Qualität des Führers handelt.[13] Wichtig ist nur die Sichtweise der Beherrschten, sie allein schreiben dem Führer diese Qualität zu, was seinen Ursprung allein in dem Wort „Herrschaft“ hat, das im Gegensatz zur Macht das Einverständnis der Beherrschten voraussetzt. Sie entspricht somit keiner realen Eigenschaft desjenigen, sondern resultiert einzig aus der Hingabe des Gefolges.[14] Eine wesentliche Voraussetzung für diese Herrschaft ist eine krisenhafte Situation als Ausgangspunkt. Nur durch sie ist der Rahmen für eine von dem Volk ausgehende „Hingabe an das Heroentum gleichviel welchen Inhalts“[15] gegeben. Diese Hingabe zeichnet das Charisma auch dahingehend aus, als dass es die große revolutionäre Macht in traditional gebundenen Epochen ist.[16] Hat der Herrscher diese Fügsamkeit des Volkes sicher, steht er unter Druck Erfolge zu verbuchen. Damit ist gemeint, dass der Führer Wohlergehen über die Beherrschten bringen muss. Ist dies nicht der Fall, schwindet seine Autorität wie auch seine Anhängerschaft, und seine Führung wird nicht mehr als rechtens anerkannt.[17] Charisma entspricht somit nicht der Eigenschaft einer Person, sie ist kein Besitz, sondern vielmehr etwas von außen an die Person herangetragenes, das auch von diesen wieder entzogen werden kann.[18] Da charismatische Herrschaft dadurch labil ist, ist diese Art der Herrschaft nur als Anfangserscheinung denkbar.[19] Meist mündet sie in Webers sogenannte „Veralltäglichung“, was bedeutet, dass sie entweder durch die traditionale oder rationale Herrschaft abgelöst wird, oder der Herrscher seinen Status verliert.[20] Wichtig bei den drei nach Max Weber eingeteilten Herrschaftsformen ist, dass sie Idealtypen darstellen, die in reiner Form in der Realität nicht auftreten, sondern immer eine Mischung sind.[21]

II.I.II. Max Weber: Obama als charismatischer Führer

Er versteht es, Menschen zu beeindrucken, für sich einzunehmen und zu begeistern.

Er hat Charisma.“[22]

Obama hat Charisma — das ist klar. Doch welche Punkte des charismatischen Führers erfüllt er?

Durch das Charisma, das Obama zugesprochen wird, wird der Eindruck erweckt, dass allein auf Basis dieser Gnadengabe ein Amt wie das des Präsidenten der Vereinigten Staaten einnehmbar sei. Einnehmbar möge es wirklich sein — bewähren würde sich ein charismatischer Führer jedoch nicht, wenn er die Erwartungen der Beherrschten nicht erfüllen könnte, und diese auf Grund dieser Enttäuschung ihre Gefolgschaft aufgäben. Grund dafür ist, dass die charismatische Herrschaft eine Form der legitimen bildet. „Erfüllt gar die betreffende Person nicht nur die Erwartungen einer umrissenen Anzahl von Personen, sondern kann sie ihr Anliegen an Werte und Normen rückbinden, die ethisch fundiert sind oder zumindest sein könnten“[23], so ist von dieser legitimen Herrschaft die Rede. Obama betont seine Legitimation immer wieder in seinen Reden, indem er diese als faktisch legitim angesehene Werte der Gründergeneration von Amerika rückbindet, und seine Verpflichtung dieser Tradition gegenüber kundtut.[24] Ersichtlich wird dies beispielsweise in seiner Rede in Denver, 2008: “That's why I stand here tonight. Because for two hundred and thirty two years, at each moment when that promise was in jeopardy, ordinary men and women – […] found the courage to keep it alive.”[25] Um sich als moralischen Menschen auszuweisen, hilft ihm die Bezugnahme auf Gott, die zwar nicht neu ist, aber gerade deswegen akzeptiert wird und seine Wirkung zeigt.[26] Typisch hierfür ist das Ende seiner Reden: „God bless you“ oder „God Bless the United States of America“. Hinzukommt, dass Obama seine Gegner nicht schlecht redet, sondern ihre Leistungen ausdrücklich würdigt. Indem er seinen Konkurrenten McCain für seinen langen Kampf für das Land dankt, rückt er sich ins rechte (moralische) Licht, denn wer huldigt schon seinen Rivalen vor den Zuschauern.[27] Auch Webers Beschreibung für Herrschaft, „die Chance für spezifische Befehle bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden“[28], ist bei Obama zutreffend. Dadurch, dass er es schafft Massen zu mobilisieren, die zu seinen Reden pilgern, und ihn wählen, wird klar, dass Obama diesen Gehorsam findet. Möglich wird dies dadurch, dass „das Charisma […] die große revolutionäre Macht [ist].“[29] Es beruht in seiner „Macht auf Offenbarungs- und Heroenglauben, auf der emotionalen Überzeugung von der Wichtigkeit und dem Wert einer Manifestation, auf Heldentum, der magischen Begnadigung oder welcher Art sonst.“[30] Dieser Glaube revolutioniert „von innen heraus“ die Menschen und versucht Dinge und Ordnungen nach seinem revolutionären Wollen zu gestalten. Schon nach Obamas Rede während der Democratic National Convention in Boston 2004, nachdem sein Name erst bekannt wurde, überschlugen sich die Sympathiebekundungen. Der Newsweek- Kolumnist Howard Fineman ist nur ein Beweis dafür. Er meinte, Barack Obama „sei das beste Argument für den amerikanischen Traum[31], das es derzeit in der Politik gibt.“[32] Dass Charisma „eine Wandlung der zentralen Gesinnungs- und Tatenrichtung unter völliger Neuorientierung aller Einstellungen zu allen einzelnen Lebensformen und zur Welt überhaupt“[33] bedeuten kann, unterstützt dies. Das zur Revolution nötige Charisma strahlt Obama wie oben bereits erwähnt, aus. Klarer Beweis hierfür ist außerdem die „Obamania“ die im Jahre 2008 ihren Lauf nahm. Zusammengesetzt aus den Wörtern Obama und Manie [34] , umschreibt Obamania „the national obsession with Senator Barack Obama“[35]. Diese Revolution verankert sich auch in der Überschrift seines Programms „change“ und führt die Obamania und den damit versprochenen Wandel zusammen: „Taste the flavor of change... taste the Obamania!“[36] Was hier von Statten läuft ist eine „emotionale Vergemeinschaftung“, die durch eine Erregung der Massen und dem Vorteil der situativen Bedingung möglich ist.[37] Ein weiterer Punkt der für die charismatische Herrschaft benötigt wird, ist eine „krisenhafte Situation“[38] als Ausgangslage. Mit dieser sah sich Barack Obama bei seinem Amtsantritt konfrontiert. Zu einer extrem schwierigen Zeit übernimmt dieser das Amt, und blickt auf ein Amerika, das durch Auflösung, Verunsicherung und Krisen im 21. Jahrhundert geprägt wurde.[39] Der 11. September, Kriege in Afghanistan und im Irak, und auch noch die schlimmste Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren rauben dem Volk jeglichen optimistischen Gedanken, dass mit dem Ende des Kalten Krieges auch beständiger Frieden und Wohlstand Einzug gehalten hätte.[40] Die zweite Amtszeit George W. Bushs, lies die Amerikaner auf einen Neuanfang hoffen, womit die Wahrscheinlich auf einen Regierungswechsel relativ hoch war. Additional zu dieser Ausgangssituation, die die charismatische Herrschaft begünstigt, kommt das Regierungssystem der USA. Dort herrscht das präsidentielle Regierungssystem vor, welches tendenzielle starker Führer befördert, da diese dem Parlament gegenüber relativ unabhängig sind.[41] Des Weiteren spielen in den USA die Wahlkreise eine vergleichbare Rolle wie in Europa die Parteien.[42] Hier sitzen die potentiellen Wähler, die jeder Präsident (bevor er einer wird) für sich gewinnen muss. Dieser direkte Kontakt zu den Wählern wirkt sich positiv auf die Erlangung des Herrschaftsstatus aus.

[...]


[1] Herz (2009, S. 204).

[2] Vgl. Trankovits (2010, S. 15).

[3] Baumann, Focus online (2008), Zugriff am 14.09.2012.

[4] Vgl. Trankovits(2010, S. 191).

[5] Vgl. Trankovits(2010, S. 34).

[6] Weibler (2012, S. 12).

[7] Vgl. Möller (2004, S. 4).

[8] Vgl. Janowski (2001, S. 46).

[9] Vgl. Kehrer (1990, S. 198).

[10] Kehrer (1990, S. 196).

[11] Vgl. Weber (2006, S. 654).

[12] Vgl. Möller (2004, S. 4).

[13] Möller (2004, S. 5).

[14] Vgl. Möller (2004, S. 5 ff.).

[15] Weber, Max (2006, S. 661).

[16] Vgl. Weber, Historische Texte und Wörterbücher, Zugriff am 14.09.2012.

[17] Vgl. Möller (2004, S. 4).

[18] Vgl. Möller (2004, S. 10).

[19] Vgl. Möller (2004, S. 6).

[20] Vgl. Möller (2004, S. 6).

[21] Vgl. Möller (2004, S. 9).

[22] Trankovits (2010, S. 172).

[23] Weibler (2012, S. 16).

[24] Vgl. Weibler (2012, S. 16).

[25] Obama, Barack, NBC news, Zugriff am 14.09.2012.

[26] Vgl. Weibler (2012, S. 16).

[27] Vgl. Weibler (2012, S. 30).

[28] Weber, Max (2006, S. 122).

[29] Weber, Historische Texte und Wörterbücher, Zugriff am 14.09.2012.

[30] Unbekannter Verfasser, Zeno.org, Soziologie, Zugriff am 14.09.2012.

[31] Dieser besagt, dass jeder Mensch, egal welcher Herkunft, die Möglichkeit besitzt durch eigene Willensstärke und Ehrgeiz ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

[32] Schläger (2010, S. 30).

[33] Unbekannter Verfasser, Zeno.org, Soziologie, Zugriff am 14.09.2012.

[34] Vgl. Enzyklo, online Enzyklopädie, Zugriff am 18.09.2012.

[35] Urban dictionary, Zugriff am 18.09.2012.

[36] Urban dictionary, Zugriff am 18.09.2012.

[37] Vgl. Gabler (2001, S. 19).

[38] Möller (2004, S. 5).

[39] Vgl. Trankovits (2010, S. 9).

[40] Vgl. Trankovits (2010, S. 9).

[41] Vgl. Hübner, Emil (2007, S. 113).

[42] Vgl. Hübner, Emil (2007, S. 125).

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Charismatiker, Visionär, Hoffnungsträger. Die öffentliche Inszenierung Barack Obamas
Hochschule
Universität Regensburg  (Medienwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V317030
ISBN (eBook)
9783668167551
ISBN (Buch)
9783668167568
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
charismatiker, visionär, hoffnungsträger, inszenierung, barack, obamas
Arbeit zitieren
Juljia-Emanuela Müllner (Autor), 2014, Charismatiker, Visionär, Hoffnungsträger. Die öffentliche Inszenierung Barack Obamas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317030

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