Die in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Untersuchungen zur Herkunft des Naumburger Meisters als auch Arbeiten aus seiner Hand bzw. seiner Werkstadt gipfelten in der 2011 durchgeführten Landesausstellung sowie deren begleitende Kolloquien, Tagungen und andere Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt. Im Mittelpunkt stand dabei der Naumburger Dom, speziell der Westchor mit seinem Lettner als auch die Stifterfiguren, welche dem Naumburger Meister zugeschrieben werden. Der Naumburger Meister ist bis heute anonym geblieben; Zuweisungen von Werken gelingen in der Regel lediglich über ikonographische Vergleiche.
Von nicht minderer Bedeutung zeigt sich dabei der nur noch in Fragmenten überlieferte Westlettner des Mainzer Doms. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geweiht sowie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts niedergelegt, sind uns doch einige Reliefs erhalten geblieben, die von einer bis dato nicht gekannten Fülle von Innovationen strotzen. Ein neuer künstlerischer Genius, beginnend in Frankreich im Zuge des neuen Zeitalters der Kathedralen fegt über Zentraleuropa hinweg und verändert das Bauwesen als auch den Bauschmuck in revolutionärer Geschwindigkeit.
Doch was ist wirklich neu in Mainz und wo finden sich Vorbilder in der französischen Gotik? Dieser Frage soll in diesem Aufsatz nachgegangen werden - in geringem Umfang und im Rahmen der Möglichkeiten bleibend, aber in Grundzügen aufzeigend.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Baugeschichte
a. Der Mainzer Dom St. Martin bis 1239
b. Der Mainzer Westlettner - Definition, Funktion, Beschreibung
III. Das Skulpturenprogramm des Mainzer Westlettners
IV. Vorbilder und Vergleiche in der französischen Gotik
V. Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das figürliche Skulpturenprogramm des ehemaligen Westlettners im Mainzer Dom und analysiert dessen Einordnung sowie mögliche Vorbilder innerhalb der französischen Gotik des 13. Jahrhunderts, um den Einfluss des sogenannten Naumburger Meisters in diesem Kontext zu beleuchten.
- Bauhistorische Entwicklung des Mainzer Doms im 13. Jahrhundert
- Definition, Funktion und architektonische Gestalt des Westlettners
- Ikonographische Analyse der Reliefs (Deesis, Zug der Seligen/Verdammten)
- Vergleichende Untersuchung französischer gotischer Bildhauerarbeiten
- Einordnung des Wirkens des Naumburger Meisters im europäischen Kontext
Auszug aus dem Buch
III. Das Skulpturenprogramm des Mainzer Westlettners
Die Rekonstruktion des Skulpturenprogramms des Mainzer Westlettners war eine der großen Aufgaben der Mainzer Dombauforschung des letzten Jahrhunderts. Nach dem Abbruch des Westlettners im 17. Jh. wurde eine unbestimmte Anzahl an Werksteinen auf verschiedene Orte zur sekundären Verwendung verstreut. Teile des Lettners wurden in Mainz wiederverwendet, so etwa wurden nach Abbruch der seitlichen Chorschranken neue Chorbühnen aus dem Steinmaterial eben dieser errichtet, die sich noch heute im Mainzer Dom befinden (Abb. VII).
Zu Beginn des 20. Jhs. erregten zwei im Kreuzgang eingemauerte Relieffragmente sowie ein Relief mit der Darstellung der Deesis am Außenbau des Domes die Aufmerksamkeit von Vöge, der in den drei Arbeiten aufgrund der außerordentlichen Qualität einen Zusammenhang sah. Er stellt zudem zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen den Naumburger und Mainzer Skulpturen dar und sieht Mainz als einen Ort des Aufeinandertreffens französischer sowie deutscher Bauleute.
Diese drei Reliefs bilden heute das zentrale Motiv der Rekonstruktion des figürlichen Programms der Front des ehemaligen Mainzer Westlettners. Im Giebelfeld des Lettnerdurchgangs war die zentrale Darstellung, eine Deesis angebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Die Einleitung erläutert den aktuellen Forschungsstand zum Naumburger Meister und stellt die Bedeutung der Fragmente des Mainzer Westlettners als innovatives künstlerisches Zeugnis des 13. Jahrhunderts dar.
II. Baugeschichte: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung des Mainzer Doms bis zur Errichtung des Westlettners und definiert dessen Funktion als Binnenarchitektur innerhalb des Kirchenraums.
III. Das Skulpturenprogramm des Mainzer Westlettners: Der Abschnitt widmet sich der Rekonstruktion der figürlichen Reliefs, insbesondere der Deesis sowie der Züge der Seligen und Verdammten, und beschreibt deren stilistische Neuerungen.
IV. Vorbilder und Vergleiche in der französischen Gotik: Hier werden Analogien zwischen den Mainzer Skulpturen und französischen Vorbildern, unter anderem aus Chartres und Reims, untersucht, um den künstlerischen Austausch zu belegen.
V. Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass der Mainzer Westlettner eine herausragende Stellung einnimmt und der Naumburger Meister durch seinen dynamischen Stil maßgeblich von französischen Einflüssen zehrte, diese jedoch eigenständig weiterentwickelte.
Schlüsselwörter
Mainzer Dom, Westlettner, Naumburger Meister, Gotik, Bildprogramm, Skulptur, Deesis, Relief, Frankreich, Baugeschichte, Bassenheimer Reiter, Kunstgeschichte, Mittelalter, Architektur, Ikonographie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der skulpturalen Gestaltung des ehemaligen Westlettners des Mainzer Doms und dessen kunsthistorischer Einordnung in die europäische Gotik des 13. Jahrhunderts.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rekonstruktion des verlorenen Bildprogramms, die Definition des Lettners als Binnenarchitektur und der stilistische Vergleich mit zeitgenössischen französischen Kathedralen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Frage zu klären, welche Innovationen der Mainzer Westlettner darstellt und wo sich konkrete Vorbilder in der französischen Gotik für die künstlerische Arbeit des Naumburger Meisters finden lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt vornehmlich die vergleichende kunsthistorische Analyse, ikonographische Untersuchungen sowie die Auswertung von bauhistorischen Quellen und Rekonstruktionsversuchen der Forschung.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Baugeschichte, die detaillierte Beschreibung und Deutung der erhaltenen Lettnerfragmente (Deesis, Stände-Züge) sowie eine vergleichende Analyse mit Werken aus Chartres, Reims und anderen Standorten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mainzer Dom, Naumburger Meister, Westlettner, gotische Skulptur und ikonographischer Vergleich charakterisiert.
Welche Rolle spielt der sogenannte Bassenheimer Reiter in diesem Zusammenhang?
Der Bassenheimer Reiter ist ein bedeutendes erhaltenes Fragment, das dem Umkreis des Naumburger Meisters zugeordnet wird und durch seine dynamische Darstellung der Mantelteilung als Beleg für den künstlerischen Stil des Meisters dient.
Was ist das Besondere an der Darstellung der Deesis am Mainzer Lettner?
Das Relief der Deesis zeichnet sich durch eine neue, expressive Bildsprache aus, in der Christus den Betrachter direkt anspricht und seine Seitenwunde entblößt, was einen Bruch mit statischen, formelhaften Traditionen darstellt.
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- Marco Chiriaco (Author), 2014, Skulptur der Gotik in Deutschland. Das Bildprogramm des Mainzer Westlettners und Vorbilder in der französischen Gotik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317149