Big Brother is watching you. Überlegungen zur Macht der Daten


Essay, 2013

8 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Big Brother = Prism, strategische Telekommunikationsüberwachung?

II. Die Analyse von Machtverhältnissen - komplexe Vielfalt

III. George Orwell und die Realität

IV. Literaturangaben

I. Big Brother = Prism, strategische Telekommunikationsüberwachung?

Als Anfang Juni des Jahres 2013 der ehemalige NSA - und CIA - Mitarbeiter Edward Snowden das digitale Programm PRISM zur massenhaften Kommunikationsüberwachung aufdeckte, indem er einen Teil seines Wissens dem britischen Guardian und der Washington Post übermittelte, wurden schnell Vergleiche zu George Orwells 1949 veröffentlichten Roman ‚1984‘ gezogen. In den USA und Großbritannien wurde der Roman im Zuge der öffentlichen Debatte über Privatsphäre, Überwachung, u.s.w. wieder zum Bestseller.1 Auch ich selbst, der den Roman vorher noch nie gelesen hatte, erlag der Versuchung und war erstaunt darüber, wie passend Orwells Warnung vor einem totalen Überwachungsapparat mittlerweile Bezüge zur aktuellen Realität hat. Obwohl er eigentlich nur die zu seiner Zeit bestehenden Verhältnisse kritisieren wollte, wird einem relativ schnell klar, dass er wohl zumindest vor Augen hatte, dass die ‚Zukunft‘ - unsere Gegenwart - wahrscheinlich nicht viel rosiger aussehen werde. ‚Big Brother is watching you‘ - oder doch eher ‚Big Brothers are watching you‘? Nicht nur die USA haben ihre Überwachungsprogramme (offiziell) zum Zwecke der Sicherheit ausgebaut - auch andere Geheimdienste wie der BND haben Programme zur ‘strategischen Telekommunikationsüberwachung’ entwickelt und verbünden sich wohl gegenseitig sowie mit Wirtschaftsunternehmen, um das Verbot zu umgehen, die Daten der eigenen Bevölkerung ‚auszuspähen‘. Mein Interesse an dem Thema wurde insbesondere durch einen Artikel verstärkt, der von Jens Berger auf der Online-Plattform Nachdenkseiten veröffentlicht wurde.2 Zunächst soll die Macht der und die Macht über die Daten sowie ihre Verhältnisse anhand von Foucaults fünf Punkten der Analyse von Machtverhältnissen3 kurz veranschaulicht werden, um daraufhin Rückschlüsse zu ziehen, mit welcher Form von Macht wir es zu tun haben.

II. Die Analyse von Machtverhältnissen - komplexe Vielfalt

a) Laut Foucault bringt jegliches Machtverhältnis Differenzierungen mit sich, die zugleich seine Bedingungen und seine Wirkungen darstellen. In unserem Falle ist die wohl augenscheinlichste Differenzierung, dass der Staat [bzw. die Staaten] und ihre Institutionen als kollektive Gebilde Macht auf Individuen ausüben. Diese Unterschiede sind sowohl juridisch als auch traditionell zu begründen; hier v.a. mit dem staatlichen Gewaltmonopol. Die Bündelung ihrer Kompetenzen zusammen mit anderen Institutionen (bspw. Unternehmen) verschafft Ihnen auf dem Markt der Daten einen großen Vorteil gegenüber den Individuen.

b) Als Typen von Zielen der staatlichen Überwachungsprogramme ließen sich mehrere Punkte in den Fokus rücken. Es geht sowohl um die Aufrechterhaltung von Vorrechten (staatliches Gewaltmonopol vs. Terrorismus, Kriminalität, …), der Akkumulation von Profiten (Wirtschaftsspionage, Daten als ökonomisches Mittel), der Einrichtung einer statusbedingten Autorität des Staates und seiner Organe sowie die Ausübung ihrer Funktionen. Ein Geheimdienst hat nun einmal die Aufgabe potentielle externe Gefahren für den Staat und seine Bevölkerung aufzudecken, diese Informationen weiterzugeben und somit die Sicherheit zu bewahren. Die Bürger dagegen haben die Macht der Freiheit (welche Daten geben sie weiter) und das Ziel die Privatsphäre schützen zu wollen; sind dabei aber - wie ich im Verlauf dieser Arbeit noch erläutern werde - zunehmend eingeschränkt. Oder wie es ein NSA-Mitarbeiter schon vor einem Jahr gegenüber dem Technologie-Magazin Wired ausdrückte: ÄEverybody’s a target; everybody with communication is a target.“4

c) Die instrumentellen Modalitäten, die von den Überwachungsdiensten angewandt werden wirken insbesondere durch komplexe Kontrollmechanismen - bspw. Algorithmen - die die Daten gezielt und unpersönlich (durch Computerprogramme) nach Schlüsselwörtern, Ungereimtheiten - im Grunde nach für ‚relevant‘ gehaltene Kommunikation - durchforsten und auswerten. Die Regeln dafür sind zum Teil ausgesprochen - zum Dienst der Sicherheit, zum Schutz vor Terrorismus - allerdings belegen die von Snowden veröffentlichten Dokumente, inwieweit die Regeln zum Schutz der Privatsphäre in einer globalen, multikomplexen Situation für das Individuum unklar, uneinheitlich, quasi im Dunkeln bleiben.

d) Die Formen der Institutionalisierung sind auf den ersten Blick leicht auszumachen; allerdings sind die Strukturen so komplex, dass sie an sich nicht mehr zu analysieren sind. Geheimdienste, Bundespolizei, Polizeiapparate, Regierungen, Parlamente, Unternehmen, u.s.w. bilden zusammen derart vielfältig ausgestatte Systeme über Staatsgrenzen hinweg, dass sich keine exakten Aussagen über die Hierarchien zwischen den Institutionen mehr treffen lassen können.

e) Der Handel mit Daten und die Überwachung derselben schrieben sich gerade in den Jahren des digitalen Zeitalters unglaublich schnell fort. Die Organisation der Machtausübung verwandelte sich ständig, organisierte sich um und wurde zunehmend komplexer und undurchdringlicher. Technologische Verfeinerungen und die Rationalität von Formeln,

Algorithmen und Programmen brachten große Veränderungen der Machtausübung mit sich.5

Die Gewissheit der Ergebnisse lassen sich allerdings umso mehr bezweifeln. Es erscheint unglaubwürdig, dass sich Terroristen und international agierende kriminelle Organisationen über Facebook, E-Mail & Co austauchen sollen. Auch ihnen wird die stete Überwachung bewusst und die Möglichkeiten des sog. ‚Deep Web‘ - zur Verschlüsselung ihrer Daten und Anonymisierung geläufig sein.6

Diese kurze, nur einen ersten Einblick bietende Analyse lässt den Schluss zu, dass sich eine komplexe Vielfalt von Machtbeziehungen rund um Datenaustausch, Kommunikation und deren Überwachung entwickelt hat, die es sehr schwer - wenn nicht unmöglich - macht, präzise Aussagen über die Verflechtungen von Macht bzw. Mächten und ihren Verhältnissen zu treffen.

III. George Orwell und die Realität

Byung-Chul Han weist daraufhin, dass die Macht umso mächtiger ist, je stiller sie wirkt.7 Die Führung der Macht muss dabei nicht repressiv erfolgen; im Gegenteil: sie steuert oder lenkt Kommunikation in eine bestimmte Richtung und beruht dabei eben nicht auf Unterdrückung. Dies erinnert uns an Foucaults zweiter Technologie der Macht: sie wirkt nicht als zwingende Gewalt, sondern als zwingende Gewissheit; sie will durch Vernunft - und nicht durch Terror wirken. So bindet ein wahrer Politiker die ‚Sklaven‘ durch ihre eigenen Ideen und deren erstes Ende macht er an der unveränderlichen Ordnung der Vernunft fest. So lässt sich sagen, dass nicht der Zwang, sondern die Automatik der Gewohnheit die Wirksamkeit der Macht erhöht: ÄMacht glänzt durch Abwesenheit.“8 Es ist schon erstaunlich, dass, obwohl Snowdens Enthüllungen im Prinzip keine Überraschung darstellen, die Macht der Gewohnheit in einem so hohen Maße wirkt und sowohl in den USA als auch in Europa die Debatte über Privatsphäre und Datenschutz - letztlich um Grundrechte - nicht dermaßen im Mittelpunkt steht, wie man es sich erhoffen bzw. vorstellen konnte. O‘ Brian, ein Mitglied der ‚inneren Partei‘ (der höheren Klasse in Orwell’s 1984) erklärt dem Hauptcharakter des Romans diese Auswirkungen wie folgt:

„Das ist die Welt, die wir vorbereiten, Winston. Eine Welt, in der ein Sieg den anderen, ein Triumph den nächsten jagt: ein Dauerreiz des Machtnervs.

[...]


1 Spiegel Online (2013): Prism-Skandal: Orwells "1984" wird in den USA und Großbritannien wieder zum

Bestseller. Artikel vom 13.06.2013. In: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/prism-george-orwells-1984-in- usa-und-grossbritannien-bestseller-a-905492.html [15.07.2013].

2 Berger, Jens (2013): Orwell 2.0 - Die totale Überwachung ist längst Realität. Artikel vom 02.07.2013. in: http://www.nachdenkseiten.de/?p=17827 [15.07.2013].

3 Foucault, Michel (1999): Wie wird Macht ausgeübt? In: Engelmann, Jan [Hrsg.]: Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader. Diskurs und Medien. Stuttgart. S. 187-201.

4 Bamford, James (2012): The NSA is building the country’s biggest spy center (watch what you say). Artikel vom 15.03.2012. in: http://www.wired.com/threatlevel/2012/03/ff_nsadatacenter/all/1 [15.07.2013].

5 Man denke dabei bspw. nur an das United Kingdom - United States of America Agreement, das 1946 das erste Mal von Großbritannien, den USA, Kanada und Neuseeland insbesondere zu Fernmelde- und elektronischen Aufzeichnungszwecken unterzeichnet wurde.

6 Dafür spricht u.a. eine Studie des niederländischen Geheimdienstes: General Intelligence and Security Service of the Netherlands (2012): Jihadism on the Web. A breeding ground for Jihad in the modern age. In: https://www.aivd.nl/english/publications-press/@2873/jihadism-web/ [15.07.2013].

7 Han, Byung-Chul (2005): Was ist Macht? Stuttgart. S.9

8 Ebd. S. 64

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Big Brother is watching you. Überlegungen zur Macht der Daten
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V317193
ISBN (eBook)
9783668162587
ISBN (Buch)
9783668162594
Dateigröße
785 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orwell, George, George Orwell, 1984, Big Brother, Foucault, Michel Foucault, PRISM, Edward Snowden, Snowden, Macht, Machtanalyse
Arbeit zitieren
Sebastian Kuschel (Autor), 2013, Big Brother is watching you. Überlegungen zur Macht der Daten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317193

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