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Hesses "Unterm Rad" als Kritik am Schulsystem 1892

Inwiefern bezieht Hesse in "Unterm Rad" Stellung zur Schulkritikdebatte um die Jahrhundertwende?

Title: Hesses "Unterm Rad" als Kritik am Schulsystem 1892

Term Paper (Advanced seminar) , 2015 , 18 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Steffen Kutzner (Author)

Literature - Modern Literature
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Summary Excerpt Details

Diese Ausarbeitung wird versuchen die Frage zu beantworten, inwiefern "Unterm Rad" als Kritik am Schul- und Bildungssystem des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verstehen ist und welche Argumente jener Debatte aufgegriffen werden. Zu diesem Zweck wird umrissen, was genau unter dem Konzept ‚Schule’ anno 1892 zu verstehen ist und inwiefern dieses Konzept infrage gestellt wurde. Im Anschluss wird untersucht, wie der Lehrkörper und das Klosterseminar selbst im Roman dargestellt werden und inwiefern sich der Schulroman (nicht) in den Zeitgeist und das gesellschaftliche Selbstempfinden der Jahrhundertwende einfügt.

Die Zeit um 1900 herum ist eine Epoche, die von tiefgreifenden Veränderungen beherrscht wird – und damit von Unsicherheit, Misstrauen und Konflikten. Die ersten Entwicklungen in der Elektrotechnik wie Telefone, elektrisches Licht und Straßenbahnen wurden begleitet von einem enormen Bevölkerungszuwachs und der Emanzipation der Frauen; Sigmund Freud entdeckte in der Psyche eines jeden von uns Vorgänge, die den Menschen als konsequent selbstbeherrschtes Wesen in Frage stellten (und den Stellenwert der Kindheit für die soziale und psychische Entwicklung neu definierten); die Natur- und Ingenieurswissenschaften verdrängten 2000 Jahre alte Ansichten über den Ursprung der Menschheit. All diese Veränderungen zwischen Tradition und Moderne „erzeug[t]en ebenso viel Modernisierungsangst wie Euphorie.“

Der aufkeimende Generationenkonflikt unter dem Licht der in literarischen Kreisen hochstilisierten Dekadenz entwickelte sich durch Reformpädagogen und Jugendbewegungen um etwa 1880 von einem fachinternen Diskurs zu einer öffentlich diskutierten Kritik am Schulsystem, an der sich schließlich sogar der Kaiser persönlich beteiligte. Zentraler Terminus der Debatte war der Begriff ‚Überbürdung‘. Parallel zu der öffentlichen Diskussion wurden auffallend viele literarische Texte veröffentlicht, die einen jugendlichen Helden am unbarmherzigen Schulsystem scheitern lassen. Einer davon ist Hermann Hesses 1905 erschienene Erzählung „Unterm Rad“.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Rad im Detail - Was bedeutet ‚Schule’ im Jahr 1892?

2.1 Repression und Altphilologie: Alltag in Maulbronn

2.2 Schülerfiguren als Kämpfer der Moderne

2.3 Funktionen des Suizids

3. Rings ums Rad – Wie werden Schule und Lehrerschaft dargestellt?

3.1 - Lehrerschaft und Erwachsene in Unterm Rad

3.1.1 Joseph Giebenrath und der Ephorus

3.1.2 Empathische Ausnahmen – Flaig und Wüterich

3.2 Schuldarstellung in Unterm Rad

4. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht Hermann Hesses Erzählung "Unterm Rad" im Kontext der zeitgenössischen Schulkritik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, inwiefern das Werk als Kritik an den pädagogischen Zuständen und dem gesellschaftlichen Druck auf Jugendliche zu verstehen ist, wobei insbesondere die Darstellung von Machtverhältnissen, Figurenkonstellationen und die Funktion des Suizids im Fokus stehen.

  • Historischer Kontext und zeitgenössische Bildungsdebatte um 1900
  • Analyse der Schul- und Internatsdarstellung als autoritäres System
  • Charakterisierung von Lehrerschaft und Erwachsenenfiguren
  • Symbolik und Funktion des Suizids als Akt der Verweigerung
  • Die Rolle des Individuums im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Auszug aus dem Buch

2.1 – Repression und Altphilologie: Alltag in Maulbronn

Bis in die 1930er Jahre hinein, waren an deutschen Schulen und Universitäten Karzerstrafen vorgesehen (wenngleich spätestens seit dem 20. Jhd. unüblich).14 Auch Hermann Hesse musste acht Stunden15 im Maulbronner Karzer absitzen, nachdem er am 7. März 1892 aus dem Seminar geflohen und erst am Tag darauf von einem Polizisten aufgegriffen worden war.16 Hesse, von klein auf energisch und freigeistig, im wahrsten Sinne des Wortes seinem ‚Eigensinn’ folgend, konnte sich nicht in die Strukturen der 1556 gegründeten Klosterschule einfügen, wo Freigeistigkeit ein Problem darstellte und stattdessen Homer „Wort für Wort wiedergekäut und untersucht [wird], bis es einem zum Ekel wird.“ (UR, 69)

Schwerpunkt des Zisterzienserklosters waren in erster Linie evangelische Religion und die antiken Sprachen, allem voran Griechisch, das man seinerzeit für besonders geeignet erachtete, den Schülern ein Gefühl für die eigene Muttersprache zu geben, da es deutliche Analogien zum Deutschen aufweise und die Schüler durch Begegnung mit dem Fremdartigen ihre Mitmenschen grundlegender kennenlernen würden.17 Die Sprache fand sich auch deshalb sehr häufig im Lehrplan höherer Schulen, weil das außerordentliche Ansehen Griechenlands aus den Zeiten der Romantik noch nicht verklungen war und man die republikanische Regierungsform der Griechen „als der Ausbildung von Kultur und Humanität förderlich“ erachtete.18 Es mag dieser romantisierten Vorstellung der antiken Welt geschuldet sein, dass auch Hans sich anfangs für die Altphilologie begeistern kann, der Erzähler im Nachhinein jedoch resigniert feststellt: „Es wird [durch die Abgeschiedenheit des Klosters] ermöglicht, den Jünglingen jahrelang das Studium der hebräischen und griechischen Sprache samt Nebenfächern allen Ernstes als Lebensziel erschienen zu lassen“ (UR, 54)

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung kontextualisiert die Epoche um 1900, stellt die Forschungsfrage nach Hesses Roman als Schulkritik und umreißt die Untersuchung des Lehrkörpers sowie des Klosterseminars.

2. Das Rad im Detail - Was bedeutet ‚Schule’ im Jahr 1892?: Dieses Kapitel beleuchtet den militärisch geprägten Schulalltag, die Rolle der Altphilologie sowie die zeitgenössische Debatte über die Überbürdung der Jugend und das Motiv des Suizids.

2.1 Repression und Altphilologie: Alltag in Maulbronn: Hier wird der klösterliche Alltag durch Zwang, karzerartige Strukturen und die Dominanz alter Sprachen als unterdrückendes System charakterisiert.

2.2 Schülerfiguren als Kämpfer der Moderne: Das Kapitel analysiert den Generationenkonflikt und die Rolle des Schülers als Repräsentant einer neuen, sich entfaltenden Moderne, die mit traditionellen Werten kollidiert.

2.3 Funktionen des Suizids: Hier werden die Suizidthematik in der damaligen Literatur und die Bedeutung des Freitods für den Protagonisten als Flucht- und Kontrollmechanismus untersucht.

3. Rings ums Rad – Wie werden Schule und Lehrerschaft dargestellt?: Dieses Kapitel untersucht die pädagogische Exekutive im Roman und wie Hesse durch die Charakterisierung der Erwachsenen Schulkritik übt.

3.1 - Lehrerschaft und Erwachsene in Unterm Rad: Es werden die homogenen, autoritätsgläubigen Erwachsenenfiguren analysiert, die dem Individuum kein Verständnis entgegenbringen.

3.1.1 Joseph Giebenrath und der Ephorus: Dieser Abschnitt kontrastiert das kleinbürgerliche Philistertum des Vaters mit der autoritären Machtausübung des Ephorus.

3.1.2 Empathische Ausnahmen – Flaig und Wüterich: Hier werden die einzigen Figuren beleuchtet, die dem Protagonisten durch ihre Empathie aus dem starren System heraus positiv gegenüberstehen.

3.2 Schuldarstellung in Unterm Rad: Das Kapitel kontrastiert die äußere Schönheit des Klosters mit dessen Funktion als einengendes „Seelengefängnis“.

4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und bestätigt die Relevanz von Hesses Kritik an einem Bildungssystem, das die individuelle Entfaltung unterdrückt.

Schlüsselwörter

Hermann Hesse, Unterm Rad, Schulkritik, Internatsliteratur, Jahrhundertwende, Überbürdung, Autorität, Reformpädagogik, Generationenkonflikt, Suizid, Moderne, Bildungsroman, Maulbronn, Gehorsam, Adoleszenz

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Hermann Hesses Roman "Unterm Rad" im Hinblick darauf, wie er das Bildungssystem und die gesellschaftlichen Konflikte des späten 19. Jahrhunderts kritisch reflektiert.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Themen sind der militärisch geprägte Schulalltag, die Rolle von Lehrkräften, der Generationenkonflikt, das Phänomen der Überbürdung und die symbolische Bedeutung des Suizids.

Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hesses Roman als Kritik am autoritären Schul- und Bildungssystem seiner Zeit fungiert und welche Argumente der damaligen Debatte literarisch verarbeitet werden.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die historische Kontexte, zeitgenössische Diskurse und eine detaillierte Figuren- sowie Strukturanalyse des Romans kombiniert.

Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des epochenspezifischen Schulkonzepts, die kritische Darstellung des Lehrkörpers und der Schule als Institution sowie die psychologische Bedeutung der Figurenkonstellationen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Schulkritik, Überbürdung, Internatsliteratur, Autorität und Adoleszenz charakterisiert.

Wie unterscheidet sich die Rolle des Ephorus von anderen Erwachsenenfiguren?

Der Ephorus repräsentiert die offizielle, autoritäre Macht des Staates innerhalb des Klosters, während andere Erwachsene wie der Vater Giebenrath eher kleinbürgerliche, engstirnige Züge tragen.

Warum fungiert das Kloster Maulbronn sowohl als Rückzugsort als auch als Gefängnis?

Zu Beginn erscheint es für Hans als Fluchtmöglichkeit aus der Enge des Heimatortes, doch im Verlauf der Handlung entpuppt es sich als einengendes System, das seine individuelle Entfaltung verhindert.

Welche Bedeutung hat die Figur des Schuhmachermeisters Flaig für den Protagonisten?

Flaig ist eine der seltenen empathischen Figuren im Roman, die Hans als Mensch wahrnimmt und ihm mit aufrichtiger Anteilnahme begegnet, statt ihn nur auf seine Funktion im System zu reduzieren.

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Details

Title
Hesses "Unterm Rad" als Kritik am Schulsystem 1892
Subtitle
Inwiefern bezieht Hesse in "Unterm Rad" Stellung zur Schulkritikdebatte um die Jahrhundertwende?
College
University of Bonn  (Germanistik / Vergleichende Literaturwissenschaft)
Course
Moderne Erzählungen: Thematik, Form, Narration
Grade
1,7
Author
Steffen Kutzner (Author)
Publication Year
2015
Pages
18
Catalog Number
V317287
ISBN (eBook)
9783668163188
ISBN (Book)
9783668163195
Language
German
Tags
Hermann Hesse Unterm Rad Schulkritik Schulroman Schülerroman Coming of Age Adoleszenz Adoleszenzroman
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Steffen Kutzner (Author), 2015, Hesses "Unterm Rad" als Kritik am Schulsystem 1892, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317287
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