Tiergestützte Pädagogik mit dem Greifvogel

Den Einfluss von Tieren im sozialpädagogischen Alltag nutzen


Examensarbeit, 2016

68 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Übersicht über tiergestützte Interventionen

3. Erklärungsansätze zur Mensch-Tier Beziehung
3.1. Die Biophilie Hypothese
3.2. Die Spiegelneuronen
3.3. Die Bindungstheorie
3.4. Das Konzept der Du-Evidenz
3.5. Kumpantiere

4. Grundmethoden der tiergestützten Arbeit
4.1. Definition der „Methode“
4.2. Die Methode der freien Begegnung
4.3. Die Hort Methode
4.4. Die Brücken Methode
4.5. Die Präsenz Methode
4.6. Die Methode der Integration

5. Werteverständnis und Ethik
5.1. Naturethische Grundfrage
5.2. Alternative zur naturethischen Grundfrage
5.3. Pragmatismus, Alterität und Solidarität
5.3.1. Pragmatismus
5.3.2. Solidarität
5.3.3. Alterität

6. Falknerei
6.1. Geschichtlicher Abriss
6.2. Die Arbeit mit dem Greifvogel
6.3. Die Greifvögel für diese Facharbeit

7. Tiergestützte Pädagogik mit dem Greifvogel
7.1. Beschreibung eines Betreuungsverlaufes
7.2. Klient A
7.3. Klient B
7.4. Klient C

8. Leitfadeninterview
8.1. Was ist ein Interview
8.2. Auswertung
8.3. Auswertungsleitfaden
8.4. Ergebnisse

9. Zusammenfassung und Ausblick

10. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Kurzfassung

Diese Facharbeit beschäftigt sich mit dem Thema tiergestützte Pädagogik. Diese gibt es in immer mehr Formen und Ausprägungen, beziehungsweise mit sehr vielen verschiedenen Tierarten. Daher ist auch der Gedanke zum Thema dieser Facharbeit aufgetaucht. Können Greifvögel in der Sozialpädagogik im Bereich tiergestützte Pädagogik sinnvoll eingesetzt werden und zu mehr Wohlbefinden bei Kindern und Jugendlichen beitragen? In den ersten Kapiteln wird es eine kurze Übersicht über die tiergestützten Interventionen geben, sowie einige Erklärungsansätze zur Mensch-Tier-Beziehung. Außerdem werden die Grundmethoden der tiergestützten Arbeit laut Otterstedt (2007) vorgestellt. Werteverständnis und Ethik wird in einem Kapitel Raum gegeben, um die Frage zu bearbeiten mit welchem Recht der Mensch Tiere für seine Zwecke einsetzten darf. Da die Arbeit mit dem Greifvogel auf Basis der Falknerischen Arbeit mit Greifvögeln basiert, wird die Falknerei als Solches in einem weiteren Kapitel vorgestellt. Einen wesentlichen Bestandteil bildet eine Praktische Arbeit mit vier Kindern und Jugendlichen, welche zehn Einheiten tiergestützte Pädagogik bewältigten. Die Erfahrungen aus diesen Einheiten werden mit Hilfe eines Leitfadeninterviews zusammengefasst und ausgewertet. Den Abschluss bilden eine Zusammenfassung der Kapitel und die Erkenntnisse die aus den Interviews gewonnen wurden.

1. Einleitung

Wie schon Vernooij und Schneider (2010, S. 26) in ihrem Handbuch der Tiergestützten Interventionen schreiben, wird die Entwicklung, das Wohlbefinden, das Verantwortungsbewusstsein, die Emotionen eines Menschen und vieles mehr durch Tiere positiv beeinflusst. Kinder und Jugendliche im sozialpädagogischen Kontext befinden sich meist in besonderen und schwierigen Lebenslagen, in denen Tiere als Eisbrecher dienen können. Außerdem unterstützt die Arbeit mit Tieren Soziabilität, Motorik und Körpergefühl, Kognition und Lernen, Wahrnehmung, Emotionalität, Sprache und Kommunikation. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 110 ff).

Greifvögel erscheinen dem Autor dieser Abschlussarbeit in der Sozialpädagogik als besonders interessant. Zum einen symbolisieren Greifvögel, wie der Falke, uneingeschränkte Freiheit und Kraft. Zum andern steht es dem Vogel in der Tiergestützten Pädagogik jederzeit frei, davonzufliegen.

Daher lautet die Fragestellung dieser Facharbeit:

Wie kann tiergestützte Pädagogik, im Speziellen durch den Einsatz von Greifvögel, in der Sozialpädagogischen Arbeit, hilfreich eingesetzt werden?

Otterstedt (2007, S.359) beschreibt in ihrem Buch einige Ziele, die im sozialpädagogischen Setting von Bedeutung sein können. Durch den Umgang mit Tieren ist es leichter möglich, Emotionen zuzulassen und emotionale Bindungen aufzubauen. Eine Auseinandersetzung mit Geburt, Leben und Krankheit, wird erarbeitet. Durch den Umgang mit Tieren fördert man beispielsweise, altersgemäße Verantwortung zu übernehmen und Alltagsstrukturen zu erfassen. Im Bereich „Soziales Handeln“ schreibt Otterstedt über die Prävention der Gewalt, Freizeitbeschäftigungen, die Sinn ergeben und die Kreativität fördern, Achtung vor dem Eigentum anderer, ein gemeinsames Handeln anstelle von Einzelaktivitäten und einiges mehr. Durch den Kontakt mit den Tieren entstehen positive Eindrücke mit dem Betreuer, welche dann wiederum im Betreuungssetting genutzt werden können.

Bei der Arbeit mit Greifvögeln wird sehr viel Wert auf Selbstbewusstsein, klare Kommunikation, sensibles Verhalten, Rücksichtnahme auf andere Lebewesen, Ruhe und Ausdauer gelegt (vgl. Schöneberg 2004, S. 173 ff).

Diese Abschlussarbeit besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil über die Methoden und die Grundlagen der tiergestützten Pädagogik stützt sich auf Literatur. Kapitel zwei beinhaltet einen kurzen Überblick über tiergestützte Interventionen, die aus dem Buch „Handbuch der tiergestützten Interventionen“ von Vernooij und Schneider (2010) ausgearbeitet wurden. Auf die Wirkung der tiergestützten Pädagogik wird in Kapitel drei eingegangen. Literatur von Olbrich (2003), Vernooij und Schneider (2010), Langer (2013), Stephan, (2012) und Greiffenhagen/Buck-Werner (2009), Kotraschal (2014) Julius, Beetz, Kotraschal, Turner, Uvnäs-Moberg (2014) wurde zur Ausarbeitung der fünf Erklärungsansätze – Biophilie Hypothese, Spiegelneuronen, Bindungstheorie, Konzept der Du-Evidenz und Kumpantier zu Rate gezogen.

Die fünf Grundmethoden der tiergestützten Arbeit nach Dr. Carola Otterstedt werden in Kapitel vier beleuchtet. Um den Begriff Methode zu definieren und zu klären wird das Buch von Galuske (2013) herangezogen.

Da es sich bei Greifvögeln um nicht domestizierte Tiere handelt wird, in Kapitel fünf ein Werteverständnis behandelt, um zu ergründen mit welchem Recht der Mensch Tiere als „Co-Therapeuten“ einsetzen darf. Dazu werden Bücher von Fischer (2006), Höffe (1998), Kottke (2013), Schweitzer (1990) und Baumann (2014) herangezogen.

Kapitel sechs beschäftigt sich mit der Falknerei im Allgemeinen. Ein kurzer geschichtlicher Abriss und die falknerische Arbeit am Beispiel eines Harris Hawk dienen dem Verständnis für den im Anschluss befindlichen praktischen Teil dieser Arbeit. Dafür wurde Literatur von Schöneberg (2004) und der Homepage des Deutschen Falknerordens verwendet.

In Kapitel sieben wird der praktische Teil dieser Facharbeit beleuchtet. Hierzu werden die Beobachtungen aus den jeweils zehn Einheiten tiergestützter Pädagogik, die mit vier Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurden, aufgrund von Beobachtungsbögen beschrieben. Die Methoden von Otterstedt (2007) wurden dafür herangezogen.

Nach den jeweils zehn Einheiten mit dem Greifvogel wurde mit jedem der Kinder und Jugendlichen ein Leitfadeninterview durchgeführt, welches in Kapitel acht vorgestellt und ausgewertet wird. Aus dem Buch „Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft“ von Friebertshäuser, Langer und Prengel (2013) wird die Literatur dazu herangezogen. Den Abschluss dieser Arbeit bilden eine Zusammenfassung der Erkenntnisse sowie ein Ausblick, wie Greifvögel im sozialpädagogischen Alltag positiv eingesetzt werden könnten.

2. Übersicht über tiergestützte Interventionen

Da es eine Unmenge an tiergestützten Interventionen gibt, wird in diesem Kapitel ein grober Überblick erarbeitet.

Vorreiter des tiergestützten Arbeitens waren die USA, Kanada, Australien und England. Wie effektiv das Arbeiten mit Tieren ist, wurde dort sehr viel früher als im deutschsprachigen Raum erkannt. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden erste Richtlinien zur Abgrenzung der einzelnen Interventionen eingeführt. Auf die Begriffe die im anglo-amerikanischen Raum eingeführt wurden, wird in dieser Facharbeit nur kurz der Vollständigkeit halber eingegangen. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 29).

Die „Pet Therapy (PT)“ ist die älteste Benennung von tiergestützten Interventionen. Bei dieser Form wurden erste Experimente durchgeführt um Tiere in therapeutischen Prozessen zu integrieren. Diese wurden durch den Begriff „Pet Facilitated Therapy, (PFT)“ ersetzt. Der Zusatz „Facilitate“ bedeutet übersetzt erleichtern, fördern, und soll aufzeigen, dass die Tiere nicht die alleinigen Therapeuten sind sondern den Professionisten oder die Professionistin lediglich unterstützen.

Der dritte Begriff lautet „Pet-Facilitated Psychotherapy (PFP). Die Bezeichnung „Psychotherapy“ soll bei dieser Form der tiergestützten Intervention hervorheben, das die Reaktion der Tiere auf die menschliche Psyche im Vordergrund steht. Zuletzt wurde noch der Begriff Animal-Facilitated Therapy (AFT) eingesetzt. Diese Bezeichnung soll hervorheben, dass nicht nur domestizierte Tiere für tiergestützte Interventionen eingesetzt werden können, sondern auch nicht domestizierte Tiere wie zum Beispiel Delfine. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 30f).

Die 1977 in den Vereinigten Staaten gegründete und bis heute weltweit führende Organisation Delta Society ersetzte nach jahrelanger Forschung die vier Begriffe durch zwei neue. Animal-Assited Activities (AAA) und Animal-Assited Theraphy (AAT). Erstere beschreibt einen Besuchsdienst mit Tieren bei dem keine Zielvorgaben nötig sind, keine Dokumentationspflicht besteht und keine Ausbildung erforderlich ist. Bei der Animal-Assited Theraphy jedoch handelt es sich um zielgerichtete Interventionen mit Tieren, die von qualifizierten Experten durchgeführt werden und zur Überprüfung des Fortschritts dokumentiert werden müssen. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 30f).

Im deutschsprachigen Raum hingegen gibt es keine offiziell festgelegte Begrifflichkeit. Grund dafür ist dass es noch kein Berufsbild und keine anerkannte Berufsausbildung dafür gibt. Daher gibt es auch viele verschiedene Begriffe für Interventionen mit Tieren.

Die vier am häufigsten verwendeten sind,

- tiergestützte Aktivität (TG A),
- die tiergestützte Förderung (TG F),
- die tiergestützte Pädagogik (TG P),
- tiergestützte Therapie (TG T). (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 34).

Bei der tiergestützten Aktivität steht die Verbesserung der Lebensqualität durch die Unterstützung von Tieren im Vordergrund. Einsatzmöglichkeiten sind dabei beispielsweise der sogenannte Tierbesuchsdienst. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 34f).

Ein Klienten orientiertes Konzept ist Voraussetzung für die tiergestützte Förderung. Für jeden Klienten beziehungsweise jede Klientin wird ein individuell angepasstes Programm erstellt um sie oder ihn nicht nur zu fördern sondern auch zu fordern. Ziel ist, dass der Klient oder die Klientin ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen kann und eigenverantwortliches Handeln erlernt. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 36f).

Emotionale und soziale Intelligenz sind die beiden Hauptthemen bei der tiergestützten Pädagogik. Unter emotionaler Intelligenz wird ein Erkennen der eigenen Emotionen und der Umgang mit diesen, Empathiefähigkeit sowie die Fähigkeit zum Aufbau von Sozialbeziehungen verstanden (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 38f). Salovey und Mayer (1990, 185ff) haben daraus ein Stufenmodell entwickelt, welches in der tiergestützten Pädagogik positiv angewendet werden kann. Der erste Schritt ist ein Erkennen und Bewusstwerden der eigenen Emotionen, der weitere entsprechende Umgang mit diesen und eine Umsetzung dieser Emotionen in positive Handlungen. (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 39).

Vernooij und Schneider (2010, S. 41) definieren die tiergestützte Pädagogik folgendermaßen:

„Unter Tiergestützter Pädagogik werden Interventionen im Zusammenhang mit Tieren subsumiert, welche auf der Basis konkreter, klienten-/ kindorientierter Zielvorgaben Lernprozesse initiieren, durch die schwerpunktmäßig die emotionale und die soziale Kompetenz des Kindes verbessert werden soll. Sie werden durchgeführt von Experten im pädagogischen-sonderpädagogischen Bereich (z.B. Lehrpersonal unter Einbezug eines Tieres, welches für den Einsatz spezifisch trainiert wurde. Ziel der Tiergestützten Pädagogik ist die Initiierung und Unterstützung von sozial-emotionalen Lernprozessen, das heißt Ziel ist der Lernfortschritt in diesen Bereichen.“

Bei der Tiergestützten Therapie ist eine Situations- und Problemanalyse unumgänglich, um einen Therapieplan und ein Ziel festzulegen. Ausgelegt ist die Tiergestützte Therapie auf Leistungs- und/oder Persönlichkeitsbereiche beziehungsweise eine Be- und Verarbeitung von konfliktreichem Erleben. Diese Form der tiergestützten Intervention wird ausschließlich von therapeutisch qualifiziertem Personal durchgeführt (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 43f).

Zusammengefasst kann an dieser Stelle festgestellt werden, dass die tiergestützte Aktivität für eine qualitative Steigerung des Wohlbefindens, die tiergestützte Förderung für Fortschritte in der Entwicklung, die tiergestützte Pädagogik für spezielle Lernfortschritte und die tiergestützte Therapie für eine Verbesserung der Lebensgestaltungskompetenz herangezogen werden kann (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 46).

Wie die Wirkung von Tieren auf den Menschen stattfinden kann, wird im nächsten Kapitel anhand von Erklärungsansätzen zur Mensch-Tier Beziehung näher dargelegt.

3. Erklärungsansätze zur Mensch-Tier Beziehung

Für die Erklärung einer Mensch-Tier Beziehung sollen die im Folgenden vorgestellten fünf Modelle dienen.

3.1. Die Biophilie Hypothese

Biophilie, zusammengesetzt aus den beiden Wörtern „bio“ – das Leben betreffend und „philie“ – Vorliebe, Liebhaberei, Neigung, bedeutet frei übersetzt „die Liebe zum Leben“ beziehungsweise „die Liebe zum Lebendigen“ (vgl Stephan, 2012, S. 3).

Edward O. Wilson begründete 1984 die Biophilie Hypothese aufgrund der Tatsache, dass sich der Mensch im Einklang mit der Natur und aller in ihr existierenden Lebewesen entwickelte (vgl. Langer, 2013, S. 9).

Olbrich beschreibt die Biophilie als „die dem Menschen inhärente Affinität zur Vielfalt von Lebewesen in ihrer Umgebung ebenso wie zu ökologischen Settings, welche die Entwicklung von Leben ermöglichen“ (Olbrich, 2003 S. 69).

Tiere haben seit jeher eine große Bedeutung für den Menschen. Sei es zur Nahrungsgewinnung und Herstellung von Bekleidung, als Gefährte bei der Jagd, oder als Bewohner desselben Lebensraums. Durch die Beobachtung des Verhaltens der Tiere konnte der Mensch Rückschlüsse auf eventuell bevorstehende Gefahren oder Veränderungen in seinem Lebensraum gewinnen (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S. 5).

Olbrich (2003, S. 184f) ist der Ansicht, dass die Interventionen mit Tieren nicht wie ein Medikament wirken, sondern die Wirkung evolutionsgeschichtlich bedingt ist.

3.2. Die Spiegelneuronen

Spiegelneuronen sind Nervenzellen im menschlichen Körper die ein beobachtetes Verhalten eines anderen so erleben lassen, als würde es vom Beobachter oder der Beobachterin selbst ausgeführt werden (vgl. Vernooij/Schneider, 2010, S.12).

„Für die Beziehung zwischen Mensch und Tier könnte das Konzept der Spiegelneuronen bei Übertragbarkeit so positive Effekte wie Beruhigung oder auch Verbesserung der Stimmung durch das Tier erklären.“ (Vernooij/Schneider, 2010, S.13 zit. nach Beetz 2006a)

Das Konzept der Spiegelneuronen in der Mensch-Tier Beziehung steht laut Vernooij und Schneider (2010, S.13) jedoch noch ganz am Anfang.

3.3. Die Bindungstheorie

Da sich vor allem frühe Bindungserfahrungen auf den gesamten Lebenslauf, vor allem auf emotionale Intelligenz, Empathie und die Regulation von Emotionen auswirken, werden die Einflüsse dieser Bindungen in der Psychologie ernst genommen. Die Forschung erlangte dabei auch die Erkenntnis, dass Menschen zu Tieren eine Bindung aufbauen können (vgl. Olbrich, 2003, S. 76f).

Während des ersten Lebensjahres eines Kindes wird eine Bindung zu einer Bezugsperson hergestellt, meist zur Mutter. Diese reagiert auf die Signale des Kindes wie Weinen oder Schreien. Durch diese Signale versucht das Kind, Aufmerksamkeit zu erhalten (vgl. Olbrich, 2003, S. 77).

Sind diese Bindungserfahrungen in den ersten Lebensjahren negativ, wirkt sich das auf die weitere Entwicklung des Kindes aus und es entsteht eine unsichere Bindung, die sich durch Unsicherheit, mangelndes Vertrauen, Selbstzweifel und ähnlichem bemerkbar macht (vgl. Olbrich, 2003, S. 77f).

Es scheint, dass Menschen und ihre Tiere Beziehungen entwickeln können, die einer sicheren Bindung zwischen Menschen entsprechen. Um diese Bindungsqualität erreichen zu können sind Kriterien wie Sicherheit, Zuverlässigkeit und körperliche Nähe wichtig. Im Falle der Trennung verspüren die Menschen negative Gefühle wie den Trennungsschmerz (vgl. Julius, Beetz, Kotraschal, Turner, Uvnäs-Moberg, 2014, S. 165f).

Menschen fallen der Körperkontakt und die damit in Verbindung stehende Stressreduktion zu Tieren leichter als zu anderen Menschen. In der tiergestützten Arbeit ist der Körperkontakt zum Tier und die damit verbundene Stressreduktion eine wichtige Bedingung für den Aufbau von sicheren Bindungen (vgl. Julius, Beetz, Kotraschal, Turner, Uvnäs-Moberg, 2014, S. 168f).

Betrachtet man also den Umstand das Menschen zu Tieren eine Bindung aufbauen können, kann in Anlehnung an die Bindungstheorie die Annahme entstehen, dass mit der tiergestützten Arbeit Bindungsdefizite bearbeitet werden können. Der positive Einfluss von Tieren kann auf der sozialen und psychologischen Ebene helfen, Verhaltensstörungen aus nicht vorhandenen Bindungen zu relativieren (vgl. Stephan, 2012, S. 5f).

3.4. Das Konzept der Du-Evidenz

Ein weiterer Erklärungsansatz ist die Du-Evidenz, die von Greiffenhagen und Buck-Werner beschrieben wird. „Evidenz“ bedeutet hier „Deutlichkeit“. Also sollte das Tier deutlich als „Du“ wahrgenommen werden.

„Mit DU-Evidenz bezeichnet man die Tatsache, dass zwischen Menschen und höheren Tieren Beziehungen möglich sind, die denen entsprechen, die Menschen unter sich beziehungsweise Tiere unter sich kennen. Meist geht dabei die Initiative vom Menschen aus, es gibt aber auch Fälle, in denen Tiere sich einen Menschen als Du-Genossen aussuchen.“ (Greiffenhagen/Buck-Werner, 2009, S. 22).

Entscheidend ist bei dieser Form der Beziehung die Gewissheit dass es sich um eine Partnerschaft handelt. Das einzelne Tier ist kein anonymes „Es“ mehr sondern wird zu einem Partner, einem „Du“. Ein Mensch, der mit einem Tier in solch eine Beziehung tritt, wird dem Tier einem Namen geben, um es aus der Menge herauszuheben und ihm Rechte und Bedürfnisse zuschreiben.

Die immer mehr werdenden Tierfriedhöfe sind eine Konsequenz der Du-Evidenz. Wer sein Tier als Mitglied der Familie sieht und respektiert, kann den toten Körper nicht einfach in den Müll werfen, sondern durch eine Bestattung ein würdiges Andenken bewahren (vgl. Greiffenhagen/Buck-Werner, 2009, S. 23).

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wirkt auf einer sozio-emotionalen Ebene und diese ist die Voraussetzung für Mitgefühl und Empathie (vgl. Baur, 2012, S. 20).

Vernooij und Schneider (2010, S. 8) beschreiben dass die Mensch-Tier Beziehung erst voll zur Geltung kommt wenn in den Eigenarten von Mensch und Tier Ähnlichkeiten bestehen. Diese Ähnlichkeiten können im körperlichen Ausdruck, in Empfindungen und Bedürfnissen nach Nähe, Berührungen und vielem mehr bestehen.

3.5. Kumpantiere

Als „soziale Schmiermittel“ können laut Kotraschal (2014) die von ihm sogenannten Kumpantiere wirken. Als Kumpantiere werden hier Tiere assoziiert, die aufgrund von guter Betreuung und Pflege mit viel Zuneigung reagieren.

Durch Tiere kommen Menschen mehr mit anderen Menschen in Kontakt und auch im Familienleben wird die zwischenmenschliche Kommunikation verstärkt. Kumpantiere haben die Fähigkeit sich besser an die Charaktere ihrer Besitzer und Besitzerinnen anzupassen als es beispielsweise ein Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin schafft. Sie verstellen sich nicht und verhalten sich authentisch (vgl. Kotraschal, 2014, S. 149).

„Kumpantiere können, durchaus auch ihre eigenen Bedürfnissen entsprechend, Schmusepartner sein und durch emotionale soziale Unterstützung zur Stressbewältigung ihrer Menschen beitragen, also Kortisol, Herzschlagrate und Blutdruck senken.“ (Kotraschal, 2014, S. 149).

Für die Qualität der Beziehung zum Kumpantier ist die Art der Bindung ausschlaggebend. Je mehr eine wechselseitige und keine einseitige Beziehung besteht, desto besser ist diese (vgl. Kotraschal, 2014, S. 150).

Die Wahl des Kumpantieres richtet sich nach dem Ego sowie den subjektiven Wünschen, Bedürfnissen und Vorurteilen des Menschen. Aber auch danach, wie dieser Mensch von anderen wahrgenommen werden möchte. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob dieses Tier wirklich diesen Zuschreibungen entspricht (vgl. Julius, Beetz, Kotraschal, Turner, Uvnäs-Moberg, 2014, S. 51f).

So ist zum Beispiel speziell für diese Facharbeit der Greifvogel mit einer „Aura des Wilden“ umgeben.

Nachdem in diesem Kapitel versucht wurde, die Mensch-Tier Beziehung zu erklären werden im nächsten Kapitel die Grundmethoden der tiergestützten Arbeit erläutert.

4. Grundmethoden der tiergestützten Arbeit

Für die tiergestützte Arbeit mit dem Greifvogel wurden die von Otterstedt beschrieben fünf Methoden herangezogen. Die fünf unterschiedlichen Methoden können beliebig miteinander kombiniert werden (vgl. Otterstedt, 2007, S. 349).

Um Notlagen und Gewissenskonflikte von Kindern und Jugendlichen zu vermeiden, muss besonders auf kulturelle, ethische und spirituelle Aspekte geachtet werden. Um die richtige Tierart und Methode für die tiergestützte Arbeit zu finden, muss im Weiteren ein Augenmerk auf die mentalen, psychischen und physischen Gegebenheiten der Kinder und Jugendlichen geachtet werden (vgl. Otterstedt, 2007,S. 343).

„Ein Klient mit einer Augenmuskelschwäche wird weniger von einem quirligen Border Colli profitieren. Ein Klient aus einem Ursprungsland, in dem der Esel als Lastentier verbraucht wird, kann durch eine individuelle Begegnung mit einem Esel profitieren, wenn die Entwicklung der Wahrnehmung individueller Bedürfnisse Thema der Therapie sein soll.“ (Otterstedt, 2007, S. 343)

4.1. Definition der „Methode“

Bevor die einzelnen Methoden der tiergestützten Arbeit näher erläutert werden, muss der Begriff der „Methode“ erst einmal definiert werden.

Methode stammt vom griechischen Wort „methodos“ der Weg, und bedeutet dass durch ein planmäßiges Verfahren ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll (vgl. Otto/Thiersch, 2011, S. 932).

4.2. Die Methode der freien Begegnung

Die Grundidee der Methode der freien Begegnung basiert auf dem Gedanken, dass sich Klient/Klientin und Tier aus freien Stücken und aus gegenseitigem Interesse, ohne Zwang, Lockmittel oder Einfluss von dritten näher kommen. Klient/Klientin und Tier haben viel Raum und Rückzugsmöglichkeiten. In der reinsten Form würde diese Begegnung in der freien Natur stattfinden (vgl. Otterstedt, 2007,S. 345).

„Die Begegnung mit dem Tier wird dann emotional als besonders wertvoll erlebt, wenn der Mensch den Eindruck erhält: Das Tier nimmt mich wahr, meint mich, will mit mir in Beziehung treten.“, (Otterstedt, 2007, S. 345)

Diese „reinste Form“ ist so nicht wirklich zu erreichen, da der Raum stets begrenzt ist, sei es durch Weidezäune oder Volieren. Allerdings kann die Art der Begegnung auch in einem begrenzten Raum sehr frei gestaltet werden. Sucht das Tier den Kontakt zu dem Klienten oder der Klientin, verspürt er oder sie ein Gefühl der Annahme, des Wahrgenommenwerdens und ein Gefühl, dass sich jemand für ihn oder sie interessiert (vgl. Hausinger, 2014, S. 46f).

Grundsätzlich gilt zu beachten, je größer und freier der Raum der Begegnung ist, desto höher auch die Verantwortung des Pädagogen/der Pädagogin oder des Therapeuten/ der Therapeutin ist.

Die Methode der freien Begegnung stellt die Grundlage aller anderen Methoden im tiergestützten Bereich dar und findet sich auch in den einzelnen Methoden wieder (vgl. Otterstedt, 2007,S. 345ff).

Für den Einsatz des Greifvogels ist die Methode der freien Begegnung sehr interessant. Wenn sich der Vogel im Freiflug befindet kommt dies einer Begegnung in der freien Natur sehr nahe. Hat der Greifvogel dann auch Interesse an der Klientin/dem Klienten und kommt ohne Lockmittel auf die Faust, wäre das dem Grundgedanken der freien Begegnung gerecht.

4.3. Die Hort Methode

Als Hort wird ein geschützter Raum bezeichnet, sowohl für das Tier als auch für den Klienten/die Klientin. Die Hortmethode kann für eine Menge an unterschiedlichen Methodenkombinationen herangezogen werden (vgl. Otterstedt, 2007,S. 349).

Je nach Tierart und Gehegegröße können sich der Klient oder die Klientin in das Gehege begeben und die Tiere beziehungsweise das Verhalten der Tiere beobachten. Daraus ergeben sich auch die unterschiedlichsten Kontaktmöglichkeiten. Im Fokus stehen bei dieser Methode jedoch nicht nur die Kontaktaufnahme mit dem Tier, sondern auch die Einrichtung des Lebensraums sowie die Beschaffung artgerechten Futters (vgl. Otterstedt, 2007,S. 350).

In Bezug auf die in dieser Arbeit vorgestellte tiergestützte Pädagogik mit dem Greifvogel lassen sich die verschiedensten Projekte und Arbeitsweisen daraus ableiten.

4.4. Die Brücken Methode

Die Brücken Methode kommt zum Einsatz wenn sich der Klient oder die Klientin noch nicht in der Lage fühlt, das Tier direkt zu berühren. Oft wird ein Gegenstand als Brücke eingesetzt. Hier ist jedoch die Gefahr groß, dass das Tier diese Gesten falsch versteht und den Gegenstand falsch interpretiert. Ein Beispiel wäre hier ein Stock, der bei einem Hund Aggressionen auslösen könnte. Ein Nachteil ist zudem, dass das Tier durch locken, beispielsweise mittels eines Leckerlis, zum Klienten oder der Klientin geführt wird. Dies steht im krassen Gegensatz zu der Methode der freien Begegnung, die anzustreben wäre. Daher ist ein authentischer Beziehungsaufbau bei dieser Methode nicht möglich.

Für eine erste Annäherung beziehungsweise einem ersten Kennenlernen des Tieres ist die Brücken Methode durchaus einzusetzen. Die Art der Annäherung sollte jedoch vom Pädagogen mit seinem Klienten oder seiner Klientin sehr gut reflektiert werden.

Ziel dieser Methode sollte sein, die Brücke für die ersten Annäherungen zu verwenden, lange genug um eine Vertrauensbasis zwischen dem Klienten oder der Klientin und dem Tier aufzubauen, und langfristig die Arbeit ohne dieses Hilfsmittel anzustreben (vgl. Otterstedt, 2007,S. 351ff).

Mit dem Greifvogel ist diese Methode vor allem beim Beziehungsaufbau sehr interessant. Streicheln mit einer Feder, Füttern mit Hilfe einer Fliegenklatsche und vielem mehr sind alternative Wege, um nicht gleich auf Tuchfühlung mit dem Tier gehen zu müssen.

4.5. Die Präsenz Methode

Sehr sensibel und durchdacht muss der Einsatz und die Auswahl des Tieres bei der Präsenz Methode sein. Diese wird ausschließlich bei Klienten oder Klientinnen angewandt, die aufgrund von Beeinträchtigungen nicht selbstständig zur Kontaktaufnahme in der Lage sind. Da das Tier dem Klienten oder der Klientin sehr nahe gebracht wird, beispielsweise auf den Schoß gesetzt, bedarf es einer guten Kenntnis und Vertrauensbasis zwischen dem Pädagogen oder der Pädagogin und dem Tier. Sollte sich das Tier oder der Klient/die Klientin durch den beengten Raum oder den engen Kontakt unwohl fühlen, muss es jederzeit aus der Situation herausgenommen werden können. Die Herausforderung bei dieser Methode ist es, dass sich der Pädagoge oder die Pädagogin so weit wie möglich aus der Situation herausnimmt um eine so weit wie möglich freie Begegnung zu ermöglichen und trotzdem nahe genug ist um in Gefahrensituationen sofort eingreifen zu können (vgl. Otterstedt, 2007,S. 354f).

Da bei dieser Methode der Kontakt zum Klienten oder der Klientin so eng sein muss, ist diese bei der Arbeit mit dem Greifvogel eine der sensibelsten, da diese Tiere eine solche Nähe nicht lange aushalten beziehungsweise die Bindung zwischen Klienten oder Klientin und dem Greifvogel schon sehr intensiv sein muss.

4.6. Die Methode der Integration

Die fünfte und letzte Methode von Dr. Carola Otterstedt ist die Methode der Integration. Bei dieser Methode wird das Tier als fixer und fester Bestandteil in die Arbeit eingebaut und ist fester Bestandteil einer bereits vorher festgelegten Methode. Das eingesetzte Tier muss eine große Freude am Lernen, sehr viel Flexibilität und Integrationsbereitschaft haben. Der Pädagoge muss sehr auf die Bedürfnisse und Reaktionen des Tieres achten. Das Tier sollte als Kollege vorgestellt werden, dass eine Art Beruf ausübt. (vgl. Otterstedt, 2007, S. 355f).

Nachdem die Methoden der tiergestützten Arbeit nun erläutert wurden, wird im nächsten Kapitel auf ausgewählte ethische Aspekte eingegangen. Da es sich bei Greifvögeln um nicht domestizierte Tiere handelt, sollte sich jeder, der mit solchen Tieren arbeitet, die Frage stellen, mit welchem Recht wir Tiere einsetzen und wie viel wir den Tieren zumuten „dürfen“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Tiergestützte Pädagogik mit dem Greifvogel
Untertitel
Den Einfluss von Tieren im sozialpädagogischen Alltag nutzen
Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz
Veranstaltung
Abschlussarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
68
Katalognummer
V317314
ISBN (eBook)
9783668170971
ISBN (Buch)
9783946458425
Dateigröße
1200 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiergestützte Pädagogik, Greifvogel, Tiergestützte Arbeit, Grundmethoden der tiergestützten Arbeit, Mensch - Tier Beziehung, Tiergestützte Interventionen
Arbeit zitieren
Alexander Groder (Autor), 2016, Tiergestützte Pädagogik mit dem Greifvogel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317314

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