Die Inuit. Eine Übersicht über die traditionelle Lebensweise und Anpassung an die Umwelt


Seminararbeit, 2016

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Herkunft der Inuit und Entwicklung der Kultur
1.1 Die Bezeichnungen „Inuit“ und „Eskimo“
1.2 Die Abstammung der Inuit
1.3 Die Besiedelung der Arktis
1.3.1 Die Paläo-Eskimos - Pioniere der Arktis
1.3.2 Die Neo-Eskimos - Vorfahren der Inuit
1.3.3 Kulturtypen der Inuit

2 Traditionelle Lebensweise
2.1 Jagdwaffen und Geräte
2.1.1 Die Harpune
2.1.2 Pfeil und Bogen
2.1.3 Der Fischspeer
2.1.4 Transportmittel
2.1.5 Kleidung
2.2 Jagdtechniken
2.2.1 Die Atemloch-Jagd
2.2.2 Die Jagd auf offenem Meer
2.2.3 Die Walrossjagd am Eisrand
2.2.4 Die Jagd an Land
2.2.5 Fischen
2.3 Behausungen
2.4 Wirtschaftsweise und Gesellschaft
2.5 Religion

3 Kontakte mit den Europäern und Akkulturation
3.1 Historische Phase
3.2 Die Folgen der Akkulturation am Beispiel der Sankt Lorenz Insel
3.2.1 Die St. Lorenz Insel und ihre Geschichte
3.2.2 Innovation und Akkulturation

4 Literaturverzeichnis

5 Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die Kultur der Inuit geben. Dabei stehen der Ursprung und die Abstammung der Inuit, ihre traditionelle Lebensweise sowie der Wandel von der traditionellen zur modernen Lebensweise im Vordergrund.

Im Kapitel 1 wird das Volk der Inuit einleitend beschrieben. Dabei werden die Begriffe Eskimo und Inuit geklärt und es wird auf die Abstammung der Inuit eingegangen. Dafür werden auch die Erstbesiedlung der Arktis und die darauf folgende Entwicklung und Anpassung beschrieben.

Das Kapitel 2 stellt den Kern der Arbeit dar. Es wird die traditionelle Lebensweise der Inuit als Anpassung an die arktischen Bedingungen beschrieben. Dafür werden erst einige Waffen und Geräte vorgestellt. Darauf aufbauend werden diverse Jagdtechniken, traditionelle Behausungen, Wirtschaftsweise und Glaubensvorstellungen erläutert.

Im Kapitel 3 wird auf die kulturellen Umwälzungen eingegangen, welche der Kontakt mit den Europäern mit sich brachte. Dabei wird erst die sogenannte historische Phase der Inuit allgemein erklärt. Dann werden Details der Akkulturation der Inuit auf der St. Lorenz Insel exemplarisch aufgezeigt. Für die Inuit der St. Lorenz Insel gibt es interessante, detaillierte Studien. Man kann davon ausgehen, dass der Akkulturationsprozess in anderen von Inuit bewohnten Gebieten ähnlich abgelaufen ist.

1 Herkunft der Inuit und Entwicklung der Kultur

1.1 Die Bezeichnungen „Inuit“ und „Eskimo“

Die Inuit sind eine indigene Volksgruppe, die in der Arktis lebt. Sie besiedeln das Gebiet von der Beringstraße (Ostsibirien, Alaska) über das arktische Kanada bis zur Ostküste Grönlands. Das Wort Inuit[1] (in manchen Gebieten auch Inupiat und Inuvialuit) bedeutet in der Sprache der Inuit, dem Inuktitut einfach „Menschen“. Es ist somit eine Selbstbezeichnung. (Morrison, et al., 1996)

Das Wort „Eskimo“ ist eine früher häufiger verwendete Sammelbezeichnung für alle im arktischen Gebiet lebenden Völker. Das Wort stammt aus der Sprache der Algonkin-Indianer und ist demnach eine Fremdbezeichnung. Daher wird er von vielen Inuit abgelehnt. Manchen Autoren zufolge heißt es so viel wie „Rohfleisch-Esser“. In der Literatur findet sich aber auch die Bedeutung „Schneeschuhmacher“. Die Bezeichnung „Eskimo“ wird teilweise als abwertend empfunden, worauf in jüngster Zeit versucht wird, diese zu vermeiden. Allerdings ist die Bezeichnung „Inuit“ kein Synonym für „Eskimo“: Der Begriff „Eskimo“ beinhaltet auch die weiter entfernten Vorfahren der Inuit. In einigen Gebieten der Arktis (Aleuten, Tschuktschen-Halbinsel) bezeichnen deren Bewohner sich selbst gar nicht mit „Inuit“. Daher empfinden diese die Bezeichnung „Eskimo“ nicht als politisch inkorrekt. (Morrison, et al., 1996), (Barnes, 1997), (McGhee, 1997)

Derzeit leben weltweit in etwa 150.000 Inuit.

In Alaska leben ca. 25.000 Inuit. Dies entspricht etwa 3,3 % der Gesamtbevölkerung. (United States Census, 2010)

In Kanada leben ca. 50.500 Inuit. Dies entspricht lediglich ca. 4,3% der dort lebenden Ureinwohner. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung sind gar nur ca. 0,16 %. (Statistics Canada, 2008)

Die 49.000 in Grönland lebenden Inuit dagegen machen ca. 88% der Gesamtbevölkerung Grönlands aus. (Central Intelligence Agency, 2010)

Im russischen Föderationskreis ferner Osten leben ca. 1750 Eskimos (Inuit) sowie etwa 15000 Tschuktschen[2]. (Embassy of the Russian Federation, 2012)

1.2 Die Abstammung der Inuit

Die hohe Arktis stellt den letzten größeren Lebensraum dar, der von Menschen im Holozän besiedelt wurde. Trotz der Größe ihres Verbreitungsgebietes sprechen die Inuit verschiedene Dialekte einer recht einheitlichen Sprache, dem Inuktitut. Neben der Sprache sind sie auch kulturell und hinsichtlich der körperlichen Merkmale eng miteinander verbunden. Die Inuit sind genetisch eng mit den Völkern Nordostasiens verwandt. Darauf deuten neben dem „Mongolenfleck“[3] die vergleichsweise geringe Körpergröße, die helle, aber gelbliche Hautfarbe, die kleine, fast rückenlose Nase, die dunkle Haarfarbe und die mandelförmigen Augen hin (siehe Abbildung 1). Die Inuit scheinen durch einen vergleichsweise hohen Grundumsatz und Blutkreislauf, geringe Gesichtsbehaarung und ausgeprägte Kiefer körperlich an ihren Lebensraum angepasst. Die Überlebensfähigkeit in der Arktis ist aber vorwiegend durch ihre Anpassungsfähigkeit zu begründen, welche sich in der Lebensweise, der Kultur und den Fertigkeiten zeigt. (Morrison, et al., 1996)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Inuitfamilie (Morrison, et al., 1996 S. 153)

1.3 Die Besiedelung der Arktis

1.3.1 Die Paläo-Eskimos - Pioniere der Arktis

Die Arktis bietet aufgrund ihres Klimas günstige Bedingungen für die Konservierung von Überresten vergangener Kulturen. Gut erhaltene archäologische Funde zeigen, dass frühere Gruppen, welche die hohe Arktis Amerikas und Grönlands besiedelten, sich hinsichtlich Kultur, Lebensweise und sozialen Aspekten von den späteren Inuit unterschieden. Diese Gruppen werden aufgrund desselben Lebensraumes als Paläo-Eskimos bezeichnet. Dünne, präzise bearbeitete Feuersteinklingen[4] wurden in ähnlicher Weise sowohl im arktischen Nordamerika als auch auch im östlichen Sibirien und am Baikalsee gefunden. Diese Artefakte weisen darauf hin, dass derartige handwerkliche Techniken von Eurasien in die Neue Welt gebracht wurden. Überreste von Siedlungen früher Paläo-Eskimos zeigen eine ähnliche Struktur wie jene in Sibirien: Ein ringförmiger Kreis aus ballgroßen Steinblöcken, die vermutlich zum Befestigen des Zeltrandes dienten. Diametral war ein Mittelgang aus Steinplatten angelegt, in dessen Zentrum sich die Feuerstelle befand. Außerdem zeigen aus Fellen zusammengenähte Kleider, der Reflexbogen (siehe Absatz 2.1.2) und Kunstgegenstände eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Funden aus dem Osten Sibiriens. (McGhee, 1997)

Man geht heute aufgrund von archäologischen und genetischen Forschungen sowie Radiokarbon-Datierungen davon aus, dass die Paläo-Eskimos etwa zwischen 3500 und 2000 v.Chr. über die im Winter zugefrorene Beringstraße (über die Diomede-Islands) vom Osten Sibiriens nach Alaska einwanderten. Oberhalb der polaren Baumgrenze fanden diese Pioniere eine Tundralandschaft und Karibu-Herden vor, wie sie es von Sibirien kannten. Die Besiedelung erfolgte nun in der meeresnahen Tundra sowohl südwärts bis zu den Aleuten, als auch nach Norden entlang der Beaufortsee zum Mackenzie-Delta (siehe Abbildung 2). Daher wurden die südlich und im Landesinneren liegenden Wälder aufgrund der dort siedelnden Dene-Indianer gemieden. (McGhee, 1997), (Morrison, et al., 1996)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Erste Ausbreitung der Paläo-Eskimo von Sibirien aus.
(Kartengrund: Haak Weltatlas-Online, Inhalt nach McGhee, 1997 S. 77)

Im Mackenzie Delta und den Ebenen der südlich davon gelegenen „Barren Grounds“ waren Karibu-Herden im Spätsommer an Flussüberquerungen leicht jagdbar. Zudem stießen die Pioniere auf unbekannte Tiere, welche hier durch die Isolation nach dem letzten Glazial länger überleben konnten. Vor allem den Herden an Moschusochsen kam eine Besondere Bedeutung zu, da die Tiere mit dem Bogen trotz ihrer Größe einfach zu erlegen waren (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Jagd auf Moschusochsen (McGhee, 1997 S. 56f)

Die weitere Besiedelung der östlichen Arktis mit hohen, vergletscherten Gebirgen (Baffin Island, Labrador, Ellesmere Island und Grönland) beschränkte sich auf die Küstengebiete. Dies hatte eine Umstellung zu einer verstärkt maritimen Lebensweise zur Folge. Hier wurde die Jagd auf Meeressäuger, die bereits in Sibirien bekannt war zur Lebensgrundlage. Die Kultur im Norden Grönlands wird Independence[5] -Kultur genannt. Aus den weiter südlich im Bereich der Disko-Bucht angesiedelten Paläo-Eskimo ging die sogenannte Saqquaq[6] -Kultur hervor. Um ca. 2000 v. Chr. waren bereits weite Gebiete der Nordamerikanischen Arktis besiedelt. (McGhee, 1997), (Morrison, et al., 1996)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Weitere Einwanderung der Paläo-Eskimo in die östliche Arktis.
(Kartengrund: Haak Weltatlas-Online, Inhalt nach McGhee, 1997 S. 97)

Zwischen 1000 und 500 v. Chr. kam es zu einer beschleunigten Weiterentwicklung der hocharktischen Kulturen, die möglicherweise mit einem kühleren, unberechenbarerem Klima zusammenhängt. Ein kühleres Klima bot eine längere Saison für die Jagd am Eis, allerdings schwierigere Bedingungen für die inländische Jagd. Anpassungsversuche mit Wanderungen führten zu einem intensiveren kulturellen Austausch. Bekannte Werkzeuge wurden deutlich verbessert. Darunter gab es sogar Klingen aus kaltgeschmiedetem Eisen, das aus Meteoriten gewonnen wurde. Zudem wurden neue Werkzeuge und Geräte wie Steinlampen erfunden. Halbunterirdische steinerne Behausungen wurden errichtet und das Schneeiglu als temporäre Unterkunft erfunden (sieh Absatz 2.3). Die Siedlungen lagen verstärkt in Küstennähe während das Landesinnere wieder aufgegeben wurde. Diese sogenannte Dorset-Kultur (ca. 500 v. - 1000 n. Chr.) war sehr gut auf das Leben und die Jagd am Eis angepasst. Es gibt archäologische Belege dass diese Menschen sich besser ernährten und nun auch Kunstgegenstände in Zusammenhang mit Schamanismus herstellten. Die Kultur war aber merklich weniger stark entwickelt als die später dort lebenden Inuit. (Morrison, et al., 1996), (McGhee, 1997)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Fein gearbeitete Werkzeuge der Paläo-Eskimo (1000 - 500 v. Chr.)
(McGhee, 1997 S. 148 plate 1)

Genetische Forschungen zeigen, dass die DNA der Paläo-Eskimos über Jahrtausende isolierte blieb. Es wird vermutet, dass die Paläo-Eskimo Eheschließungen mit den Vorfahren der Inuit vermieden. Ab ca. 1000 n. Chr. kamen die Dorset-Menschen in Grönland in Kontakt mit den ersten Wikingern. (Vanaland, 2014)

1.3.2 Die Neo-Eskimos - Vorfahren der Inuit

Parallel dazu entwickelten die in Alaska zurückgebliebenen Paläo-Eskimos aufgrund der günstigeren Bedingungen (meist eisfreie Meere) eine weiter fortgeschrittene Lebensweise. Diese sogenannten Neo-Eskimos konnten Harpunenspitzen aus verschiedenen Materialien, darunter Metall herstellen (siehe Abbildung 6). Sie verwendeten sogar verhüttetes Eisen, welches sie aus Sibirien bezogen. Außerdem besaßen sie mit Tierhaut bespannte Boote, um aufs offene Meer hinaus zu kommen. Die Erfindung des Harpunenschwimmers aus Robbenfell ermöglichte nun die Jagd auf offenem Meer. Sie wohnten in dauerhaften Wintersiedlungen und benutzten Hundeschlitten als Transportmittel. Diese Beringsee-Kultur wird als Vorstufe der Inuit gesehen.

Im Zuge einer Klimaerwärmung (Mittelalterliches Optimum) ab ca. 600 n.Chr. kam es zu Wanderungen gegen Norden und Westen, wodurch sich die sogenannten Thule[7] -Inuit nach Kanada und Grönland ausbreiteten. Wahrscheinlich folgten sie nach Norden ziehenden Beutetieren. Für die Dorset-Menschen dagegen stellte die Klimaerwärmung mit den sich ändernden Jagdbedingungen eine schwierige Herausforderung dar. Dies zeigt sich auch in der stärker ausgeprägten künstlerischen und schamanischen Tätigkeit. Durch die Expansion wurden die Dorset-Menschen aber auch Wickinger in Grönland verdrängt. Ob es dabei zu kriegerischen Zusammenstößen kam ist nicht genau geklärt, es wird aber nicht ausgeschlossen. Die Thule-Kultur erreichte um 1200 n. Chr. ihren Höhepunkt. Thule-Inuit machten sehr erfolgreich Jagd auf Meeressäuger, von Robben bis hin zu Walen. Sie wohnten in Dörfern und verfügten eine ausgeprägte Sozialstruktur. Ihre Winterhäuser (Quarmaq) errichteten sie mit einem Gerüst aus Walknochen, die mit Fellen bespannt und mit einer Torf- oder Moosschicht gedämmt wurden. Zum Schutz wurde oftmals eine zweite Lage Fell und eine Schicht Schnee aufgetragen. Die Behausung wurde mit aus Blubber gepresstem Öl beheizt. Ein Temperaturrückgang (ab ca. 1200 bis hin zur „kleine Eiszeit“) führte zu einer längeren saisonalen Dauer des Meereises, wodurch die Walbestände zurückgingen. Die Gebiete der hohen Arktis wurden nach und nach aufgegeben, wobei sich die Inuit-Völker nun vermehrt von Karibu-Herden, vom Fischfang und von der Robbenjagd am Eis lebten. Anstelle der permanenten Siedlungen kamen temporäre Camps mit Zelten im Sommer und Schneeiglus im Winter. (Morrison, et al., 1996), (McGhee, 1997)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Harpunenspitze aus Elfenbein mit eingesetzten Steinklingen der Thule-Kultur (Morrison, et al., 1996 S. 40)

1.3.3 Kulturtypen der Inuit

Innerhalb der Inuit gibt es verschiedene Gruppen, die sich aufgrund ihrer Vorgeschichte und durch die Anpassung an die klimatischen Verhältnisse unterschiedlich entwickelten. Auf die einzelnen Gruppen wird hier nicht im Detail eingegangen. Man kann aber die Gruppen grob in folgende Typen einteilen:

- Hocharktischer Kulturtyp: Das Meer bleibt hier über einen Großteil des Jahres gefroren. Die Inuit lebten daher vorwiegend von der Jagd am Atemloch (siehe Absatz 2.2.1) aber auch von der Robben- und Walrossjagd am Eisrand. Im Winter wohnten sie in Schneehäusern auf dem Packeis, im Sommer an Land.
- Inländischer Kulturtyp: Die Nahrungsbeschaffung erfolgt hauptsächlich durch die Jagd auf Karibu-Herden und ergänzend durch den Fischfang an Binnengewässern (siehe Absatz 2.2.4). Diese Inuit lebten in Häusern, zeitweise auch halbnomadisch in Zeltcamps.
- Subarktischer oder maritimer Kulturtyp: In milderen Gebieten im Westen (z.B. beidseitig der Beringstraße) bleibt das Meer fast ganzjährig eisfrei. Die Jagd auf Meeressäuger erfolgt im offenen Meer (siehe Absatz 2.2.2). Die Waljagd ist daher stärker entwickelt. Es gibt auch leichte Einflüsse von nordwestindianischen Kulturen. Subarktische Inuit lebten die meiste Zeit ortsgebunden.

(Khazaleh, 2003), (Lindig, 1972)

2 Traditionelle Lebensweise

2.1 Jagdwaffen und Geräte

2.1.1 Die Harpune

Die absolut wichtigste Jagdwaffe der Inuit war die Harpune. Hauptzweck der Harpune war nicht, das Beutetier zu töten sondern vorerst lediglich festzuhalten. Die Harpunenspitze aus Knochen oder Walrosselfenbein war mit einer Metall- oder Steinklinge bewehrt und mittig an einer Harpunenleine befestigt. Wurde die Harpunenspitze durch Haut und Blubber[8] in das Muskelfleisch des Beutetieres gestoßen, löste sie sich vom Harpunenvorschaft und stellt sich darin quer. Dadurch wurde die Harpunenleine im Tier verankert. Das Tier konnte nun an der Leine festgehalten werden oder mit Schwimmern bestückt werden. (Morrison, et al., 1996)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Funktionsprinzip der Inuit-Harpune (Morrison, et al., 1996 S. 74)

Je nach Einsatzbereich wurden verschiedene Typen verwendet. Für die Jagd vom Kanu oder vom Eisrand aus wurden leichte Wurfharpunen mit herauslösendem Vorschaft mittels eines Wurfbretts geschleudert. Bei der Atemlochjagd fanden Harpunen mit einem sehr langen und fixen Vorschaft Verwendung. Die größeren und schwereren Harpunen für die Waljagd vom Umiak aus wurden mit beiden Händen gestoßen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Atemloch-Harpune (Morrison, et al., 1996 S. 77)

2.1.2 Pfeil und Bogen

Bei den meisten Inuit-Gruppen war eine Art Komposite-Reflexbogen sowohl als Jagd- als auch als Kriegswaffe verbreitet (siehe Abbildung 9). Da Treibholz allein für den Bogenbau zu spröde wäre, wurde dieses auf der Druckseite mit Horn und auf der Zugseite mit geflochtenen Tiersehnen überzogen. Zudem werden dadurch die verschiedenen Materialen optimal ausgenützt. Das Bogenholz bestand aus drei miteinander in einem Winkel verklebten Holzteilen: Zwei separate Endversteifungen wurden schräg an das Hauptholz verklebt, wodurch sich die Abschussgeschwindigkeit erheblich steigert. In manchen Gegenden wurden auch Walbarten für den Bogenbau verwendet. (Morrison, et al., 1996), (Lindig, 1972)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Komposit-Reflexbogen der Inuit (https://www.pinterest.com/pin/427982770810069936/)

2.1.3 Der Fischspeer

Der Fischspeer bestand aus einem Holzschaft mit drei Zinken. Die mittlere Zinke war aus Geweih oder Kupfer und wies in manchen Fällen auch Widerhaken auf. An den Seiten des Holzschaftes waren zwei Geweihspitzen flexibel angebracht, die mit Kupferhaken versehen waren. Beim Aufspießen eines Fisches auf der Mittelzinke bogen sich die Kupferhaken auseinander und hielten diesen dann fest. (Morrison, et al., 1996), (Lindig, 1972)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Spitze eines Fischspeeres (Morrison, et al., 1996 S. 121)

2.1.4 Transportmittel

Boote

Die Inuit benutzen zwei Bootstypen, das Kajak und das Umiak. Holz war in der Arktis meist rar und nur als Treibholz vorzufinden weshalb damit sparsam umgegangen wurde. Beide Bootstypen bestanden aus einem Gerüst aus Holzrippen, das mit einer straff gespannten Robben- oder Walrosshaut überzogen wurde. Dafür wurde die dicke Haut der Meeressäuger gespleißt, um die doppelte Fläche zu erhalten. (Wickler, 1993)

Das Kajak war ein schnittiges Jagdboot, welches für eine Person konzipiert war. Das Kajak wurde mit verschiedenen für die Jagd notwendigen Waffen und Utensilien ausgestattet und mit einem Doppelpaddel bewegt. Die Sitzöffnung war von einem Ring umgeben, um die eine wasserdichte Schutzjacke aus Leder oder Gedärmen befestigt werden konnte. Dadurch konnte nach dem Kentern das Boot durch einen kräftigen Paddelschlag wieder aufgerichtet werden, ohne dass Wasser in das Boot eintritt oder gar der Paddler ins Wasser fiel. Diese Technik wurde in Europa als „Eskimorolle“ bekannt. Letztere wurde nämlich zusammen mit dem Bootstyp Kajak für sportliche Zwecke übernommen. (Morrison, et al., 1996), (Lindig, 1972)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11: Traditionelles Kajak mit Jagdausrüstung
(Morrison, et al., 1996 S. 132f)

Das Umiak dagegen war ein großes offenes Boot, das sowohl für den Walfang als auch für den Transport verwendet wurde. Es wird mit mehreren kurzen Paddeln oder auch mit Segeln aus Darmhaut bewegt. (Morrison, et al., 1996), (Lindig, 1972)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 12: Traditionelles Umiak (Morrison, et al., 1996 S. 127)

Schlitten und Hunde

Im Winter war der Hundeschlitten das wichtigste Transportmittel. Der etwas kleinere Hochschlitten wurde zum Reisen und für die Jagd verwendet. Der größere Flachschlitten diente zum Transportieren schwerer Lasten wie Zelte, Boote und Fleisch. Er war ähnlich wie eine Leiter aufgebaut: Zwei spitz zulaufende Kufen, an denen mit Lederriemen die Querstreben befestigt wurden. Die Unterseite der Kufen wurde mit Torf beschichtet. Dieser konnte dann zur Verminderung der Reibung mit einer Schicht aus Eis überzogen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 13: Hoch- und Flachschlitten (http://www.mandragoras-schule.de/schule/unterricht/5_klasse/voelker1.html)

Die Inuit hielten und züchteten Hunde, die im Winter Schlitten ziehen und im Sommer Lasten tragen mussten. Durch die Isolierung bildeten sich spezielle Hunderassen, die allgemein unter dem Namen „ Husky “ bekannt sind. Die Hunde wurden mit Essensresten und tierischen Abfallprodukten gefüttert. (Morrison, et al., 1996)

2.1.5 Kleidung

Die Kleidung der Inuit war nach dem Mehr-Schicht-Prinzip konzipiert, wodurch sie sehr warm und dennoch leicht waren. Die Kleidungsstücke wurden aus Karibufellen zusammengenäht. Die untere Kleidungsschicht bestehend aus einer kürzeren Hose einem Oberteil und Fellstrümpfen wurde mit der Haarseite zum Körper getragen. Die darüber liegende Schicht, eine lange Hose ein Parka und Stiefel trug man mit der Haarseite nach außen. Durch die dazwischen eingeschlossene Luft ergab sich eine gute Wärmedämmung. Der Frauenparka war feiner verziert und weiter geschnitten, um darunter auf dem Rücken ein Baby tragen zu können. Die Männerkleidung war dagegen meist wärmer. Im Sommer wurden auch wasserdichte Kleidung und Stiefel aus Robbenfell getragen.

[...]


[1] Inuk bedeutet „Mensch“ (Singular) und Inuuk bedeutet „zwei Menschen“ (Dual)

[2] Die Tschuktschen werden oft als Inuit-Gruppe gesehen, scheinen in dieser Quelle alber getrennt auf.

[3] Pigmentierung am unteren Rücken von Kleinkindern, die sehr häufig bei Völkern Ostasiens auftritt

[4] In der englischsprachigen Literatur als „ Microblades “ bezeichnet.

[5] Benannt nach den Funden am grönländischen Independence-Fjord

[6] Benannt nach der Ortschaft Saqqaq in der Gegend der Disko-Bucht

[7] Nach dem Ort Thule (Qaanaaq) im Nordwesten Grönlands benannt

[8] Unter der Haut liegende Fettschicht von Meeressäugern

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Inuit. Eine Übersicht über die traditionelle Lebensweise und Anpassung an die Umwelt
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Regionale Geographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
37
Katalognummer
V317329
ISBN (eBook)
9783668169050
ISBN (Buch)
9783668169067
Dateigröße
2694 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inuit, Eskimo, Arktis, traditionelle Lebensweise, Robbenjagd, Akkulturation, Indianer, Beringstraße, St. Lorzenz Insel
Arbeit zitieren
Dipl. Ing. Jonas Stecher (Autor), 2016, Die Inuit. Eine Übersicht über die traditionelle Lebensweise und Anpassung an die Umwelt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317329

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