Adoleszenz und Identitätsfindung im Bayerischen Film

Die bayerische Provinz


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Adoleszenz und Provinz im Film
2.1 Betrachtungspunkte
2.2 Rosenmüller - Trilogie: Beste Zeit, Beste Gegend, Beste Chance
2.2.1 Inhalt
2.2.2 Analyse
Beste Zeit
Beste Gegend
Beste Chance
2.3 Lechner: Toni Goldwascher
2.3.1 Inhalt
2.3.2 Analyse

3 Resumée

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Rahmen dieser Seminararbeit soll untersucht werden wie Adoleszenz, also der Prozess des Erwachsenwerdens, in bayerischen Filmen im Zusammenhang mit regionalen Gegebenheiten dargestellt wird. Es wird die Frage behandelt, inwiefern der Ort, an dem die Figuren leben, einen Einfluss auf die Art und Weise wie sie erwachsen werden hat. Bearbeitet werden dafür folgende Filmbeispiele: die Rosenmüller Trilogie (Beste Zeit, Beste Gegend, Beste Chance) und Toni Goldwascher.

Zunächst sollte knapp der Begriff der Adoleszenz erläutert werden, wobei vor allem die Psychologie oder Soziologie zurate gezogen werden muss. Grundlegend bezeichnet Adoleszenz den Bereich des Alters nach der Pubertät und vor dem Erwachsenendasein.[1] Dabei müssen Jugendliche unter anderem die Aufgaben der Individuation und Sozialisation im gemeinsamen Wechselspiel bewältigen. Franz Resch benennt drei „Problemkreise der Adoleszenz“: „Ablösung von der Primärfamilie“, „Intimität und Sexualität“ und „Durchsetzung in der Peergroup“.[2] Auf diese zentralen Probleme, die Jugendliche zu bewältigen habe, wird bei der Filmanalyse im Besonderen eingegangen werden, da diese wesentlich zum Prozess der Identitätsfindung gehören.

Dabei stellt sich die Frage inwiefern die Region einen Einfluss darauf hat, wie Jugendliche aufwachsen, in Hinblick darauf wie die Filmemacher dies darstellen. Welche Herangehensweise hat ein jugendlicher Protagonist, der auf dem Land lebt, an die Probleme der Adoleszenz – oder umgekehrt: welche anderen Schwierigkeiten ergeben sich in der Provinz? Es wird nicht Gegenstand dieser Arbeit sein die Filmbeispiele auf Authentizität oder Realitätsnähe zu prüfen, stattdessen geht es lediglich um die Darstellung der Adoleszenz in Filmen. Die psychologischen Erklärungen zu Adoleszenz werden lediglich als Grundlage herangezogen, um überhaupt verschiedene Betrachtungspunkte zu erarbeiten.

Bei der Analyse der Filmbeispiele, werde ich auch auf Sekundärliteratur zu Romanen zurückgreifen. Merkmale, die für einen Entwicklungsroman gelten, können unter Umständen angepasst auch auf Coming-Of-Age-Filme übertragen werden, da die zu übermittelnde Botschaft eine ähnliche ist. Ein Bildungsroman ist die „erzählerische Darstellung des Wegs einer zentralen Figur durch Irrtümer und Krisen zur Selbstfindung und tätigen Integration in die Gesellschaft.“[3] Auch ein Coming-Of-Age-Film behandelt das „Erwachsenwerden, den Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter“.[4] Dementsprech-end überschneiden sich Adoleszenz-Filme und –Romane inhaltlich sehr stark. Bevor ich zur Analyse der Filmbeispiele übergehe, werde ich noch die Punkte erläutern, anhand derer ich die Filme betrachte.

2 Adoleszenz und Provinz im Film

2.1 Betrachtungspunkte

Zunächst sollen eine Reihe an Betrachtungspunkten herausgearbeitet werden, um die drei gewählten Filmbeispiele hinreichend miteinander vergleichen zu können. Die Auswahl wird dabei auf wenige Merkmale beschränkt, die einen Einfluss auf die Identitätsbildung haben, da ein größerer Umfang den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

„Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her? Wo ist mein Platz?“[5] Diese zentralen Fragen beschäftigen Jugendliche in ihrem Prozess zum Erwachsen werden. Damit hängen aber viele Bereiche des Alltags zusammen und haben entsprechend einen großen Einfluss auf die Identitätssuche. Wie bereits erwähnt zählen hierzu nach Resch die drei Problemkreise: Liebe und Sexualität, das Verhältnis und die Abgrenzung von der Familie und das Interagieren mit Gleichaltrigen. Das Arbeitsleben rückt näher und so stellt sich die Frage, welche Chancen für die Zukunft man überhaupt hat.[6]

2.2 Rosenmüller - Trilogie: Beste Zeit, Beste Gegend, Beste Chance

2.2.1 Inhalt

Die Trilogie von Markus H. Rosenmüller handelt in erster Linie von Kati, einem zu Beginn 17-jährigen Mädchen, das in Tandern, einem Dorf im Umland von Dachau in Oberbayern, auf einem Hof lebt und aufwächst. Gemeinsam mit ihrer Freundin Jo muss sie mit einigen Problemen fertig werden, die Jugendliche plagen, wie beispielsweise die mangelnde Aufmerksamkeit von ihrem festen Freund Mike oder der Zwiespalt zwischen der Chance auf einen Amerikaaustausch und der Angst zuhause etwas zu verpassen. Gegen Ende von „Beste Zeit“ entscheidet sich Kati dagegen wegzugehen und bleibt stattdessen zuhause.

Im zweiten Teil der Trilogie besteht Kati ihr Abitur und will danach gemeinsam mit Jo zu einer spontanen Weltreise aufbrechen. Bereits nach wenigen Fahrtstunden haben die Beiden eine Autopanne und müssen ein paar Tage warten, bis der Wagen repariert wird. Währenddessen erfährt Kati im Telefonat mit ihrer Mutter, dass ihr Großvater im Krankenhaus liegt, weshalb sie ihre Reise abbrechen und sofort nach Hause zurückkehren. Wenig später stirbt er. Kati gerät in einen heftigen Streit mit Jo und hat daraufhin einen Autounfall, der aber glimpflich ausgeht. Die Freundinnen versöhnen sich wieder und zum Ende des Films hin bricht Jo nach Südafrika auf.

Nach einem Zeitsprung von fünf Jahren lebt Kati in „Beste Chance“ in München und studiert dort. Zu ihren Freunden aus Tandern hat sie kaum noch Kontakt und auch Jo hat sie seit Jahren nicht gesehen. Diese hat Probleme auf ihrer Indienreise und ist scheinbar verschwunden. Kati fliegt nach Indien um sie zu suchen, kurz darauf folgen ihr Hubert und Walter, die Väter von Kati und Jo. Auf der Reise lernt sie den Schweizer Ruben kennen, der wie man später erfährt auch Jo kennt und Vater von deren ungeborenem Kind ist, was er Kati aber verschweigt. Sie wagt den ersten Schritt und küsst ihn, ohne zu wissen worauf sie sich einlässt. In der Zwischenzeit ist Jo bereits wieder zuhause in Tandern angekommen. Kati hat in Indien mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, trifft aber letztendlich auf die beiden Väter. Statt jedoch mit ihnen nach Hause zu fliegen, entscheidet sie sich noch in Indien zu bleiben.

2.2.2 Analyse

Beste Zeit

Die Protagonistin Kati lebt am Land mit ihren Eltern, ihrem kleinen Bruder und ihrem Großvater auf einem Hof. Sie ist Schülerin am Gymnasium und bekommt die Möglichkeit für ein Jahr im Rahmen eines Schüleraustausches nach Amerika zu gehen. Ihr ist bewusst, was für eine gute Chance das ist ein wenig Freiheit zu erfahren und das heimische Nest zu verlassen. Aber dennoch plagen sie Zweifel, ob sie nicht zuhause etwas verpassen könnte. Die Entscheidung will Kati außerdem abhängig von ihrer Beziehung zu Mike machen. Wenn er sich als die wahre Liebe erweist, will sie zuhause bleiben. Dass der Austausch eine attraktive Chance für sie ist, muss Kati bewusst sein, sonst hätte sie sich gar nicht erst dafür beworben. Bevor sie die Bestätigung bekommt, ist sie auch sicher, dass sie gehen wird, aber sobald sie angenommen wird, wird Kati unsicher. Als sie schließlich feststellt, dass Mike nicht der Held ist, den sie sich wünscht, bewegt sich die Waagschale wieder in Richtung Amerika und auch die Konflikte innerhalb der Familie begünstigen das.

Gerade die zu der Zeit schwierige Beziehung zu ihrem Vater löst in ihr den Wunsch aus, sich von der Familie abzugrenzen: „I packs nimma dahoam.“[7] Zu ihrem Großvater hat sie ein sehr gutes Verhältnis, aber mit ihren Eltern gibt es immer wieder Probleme. Zunächst streitet Kati hauptsächlich mit ihrem Vater, wobei sie häufig die Grenzen austestet und ihn zusätzlich provoziert: „Was is’n? Hau doch zu du Arschloch!“[8] Der Streit findet während der gemeinsamen Arbeit am Hof statt und genau dann bringt Kati noch einmal das Thema zur Sprache, dass sie bald nach Amerika gehen wird. Im Adoleszenzroman gilt es als Ziel den Lebensalltag, also hier konkret der Hofarbeit, hinter sich zu lassen und stattdessen etwas Außergewöhnliches anzustreben, was in Katis Fall der Amerikaaustausch ist.[9]

Ihre Mutter ist dabei anfangs noch bemüht verständnisvoll, aber akzeptiert auch nicht jedes Fehlverhalten. Kati ist auch nicht bereit, sich nach einem schweren Streit bei ihrem Vater zu entschuldigen, weil sie sicher ist, dass er dazu nicht bereit wäre. Die Angst davor, dass die Eltern versuchen könnten über ihr Leben zu bestimmen, kommt auch hinzu. „Des is mei Leben!“[10], schreit Kati ihm im Streit entgegen. Als aber zunächst Katis Entscheidung steht nach Amerika zu gehen und sie mit ihrem Gepäck auf den Bus wartet, zeigt sich bei der Verabschiedung, dass die Beziehung zu ihrer Familie und im Speziellen zu ihrem Vater durch den häufigen Streit nicht zerstört wurde. Kati umarmt ihren Vater noch einmal überschwänglich, bevor sie in den Bus steigt. Trotz der Schwierigkeiten, die es also gibt, ist der grundlegende Familienzusammenhalt sehr stark.

Zu dem Dorf, in dem Kati lebt, hat sie einen engen Bezug. Gemeinsam mit ihrer Freundin Jo unternimmt sie nächtliche Ausflüge mit dem VW-Bus in die Natur, wo sie bei einem Bier dem Sonnenaufgang zusehen. Sie verbringt sehr viel Zeit draußen, hilft bei den Arbeiten auf dem Hof ihrer Eltern und nimmt gern an den Dorffesten teil. Allgemein wird die Gegend durchaus als idyllisch dargestellt und Kati lebt sehr gern dort. Dieser starke Heimatbezug erschwert es ihr zusätzlich die Entscheidung zu treffen, ihr Zuhause für ein Jahr zu verlassen. Gerade das und das enge Verhältnis zu ihrem Umfeld, also ihren Freunden und ihrer Familie, bringen sie letztlich dazu, aus dem Bus, der sie zum Flughafen bringen soll, wieder auszusteigen und zuhause zu bleiben. Der Versuch der Abgrenzung ist also zwar da, aber wird von dem starken Heimatgefühl überboten.

Auch die Freundschaft zu Jo ist für Kati ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben. Selbst wenn sich die beiden auch gelegentlich streiten, gibt es keinen Konflikt, den sie nicht überwinden können und diese Freundschaft für den Amerikaaustausch zurückzulassen, fällt Kati besonders schwer. An das Thema Liebe geht Kati sehr naiv und unsicher heran. Sie weiß anfangs nicht, ob Mike nun ihr fester Freund ist oder nicht und stört sich daran, dass er so wenig Zeit für sie hat. Aber bei jedem Bisschen Aufmerksamkeit, das sie bekommt, wird sie darin bestärkt, dass das wohl Liebe sein muss. Selbst wenn es sich nur um einen Kuss handelt. Jo will ihr beibringen, dass er sich im Grunde nicht für sie interessiert, aber Kati blockt das vollkommen ab, bis zu dem Zeitpunkt, als sie eine Panne mit dem VW-Bus hat. Das ist für sie der Punkt, an dem sich entscheidet, was Mike für sie ist. Außerdem macht sie davon auch abhängig, ob sie nach Amerika geht oder nicht.

Kati: „Jetzt schau ma mal, ob der Mike ned sein Arsch herbewegt.“ [...]

Jo: „Also, wenn er kimmt und uns dann naus ziagt. Dann is er echt da Held und i nimm ois zruck.“

Kati: „Dann is alles anders. Dann konn I gar nimma anders. Dann... dann is Liebe. Dann scheiß i auf Amerika und bleib da.“[11]

Es ist die letzte Hoffnung, dass sich Mike als Held erweist, aber er hat wie erwartet keine Zeit und sagt Kati ab. Wenig später gesteht er ihr, dass er nicht will, dass sie nach Amerika geht. Aber Kati hat inzwischen begriffen, dass die Beziehung keinen Sinn macht, und beendet sie endgültig. Aber auch wenn sie Mike gegenüber sehr hart auftritt – „I scheiß auf dei Leben!“[12] – geht die Trennung keineswegs spurlos an ihr vorbei. Beim darauffolgenden Essen mit ihrer Familie reagiert sie sehr gereizt und provoziert dadurch einen erneuten Streit. Auf ihrem Zimmer bricht sie in Tränen aus und schneidet sich die langen Haare ab. An dieser Stelle beschließt sie eigentlich nach Amerika zu gehen, entscheidet sich im letzten Moment aber um.

Der Wille zur Abgrenzung von ihrer Familie ist bei Kati da, aber letzten Endes ist sie noch nicht bereit dazu ihre Heimat zurückzulassen.

Beste Gegend

Ein Jahr nach den Ereignissen aus „Beste Zeit“ stehen Kati und Jo kurz vor ihrem Abitur und schmieden große Pläne für die Zukunft. Obwohl Jo die Prüfungen nicht besteht, wollen die beiden zu einer Weltreise aufbrechen. Sie brauchen den Abstand von Zuhause und wollen gemäß ihrem Motto „Fahrtwind und Freiheit“ einfach mit dem Auto losfahren richtig Süden, ohne ein festes Ziel vor Augen. Im Gegensatz zu Katis Vorhaben des Amerikaaustausches in „Beste Zeit“ brechen Kati und Jo diesmal tatsächlich auf. Stattdessen sich um die berufliche Zukunft zu kümmern, steht nicht zur Debatte. Obwohl Kati mit einem Abiturschnitt von 1,7 sehr viele Türen offenstehen, ist sie offenbar noch nicht bereit dazu sich über ihren Lebensweg Gedanken zu machen. Stattdessen möchte sie erst einmal Freiheit erfahren und wagt erneut den Versuch sich von ihrer Familie abzulösen. Das Verhältnis zu ihren Eltern hat sich deutlich verbessert. Auch für die Weltreise geben sie Kati die Erlaubnis, wenn sie auch nicht begeistert von der Idee sind. Noch immer hat sie einen sehr starken Bezug zu ihrem Großvater. Als dieser plötzlich ins Krankenhaus muss, bricht Kati ihre Reise sofort ab und kehrt nach Hause zurück. Für ihn kann sie ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellen und kümmert sich sehr um ihn. Als er schließlich stirbt, ist das ein schwerer Schlag für Kati.

„Die Bedrohung der Sinnhaftigkeit einer möglichen existentiellen Einbettung geht primär vom Problem der Endlichkeit und des Todes aus: Warum alle Entbehrungen, Planungen, Rücksichten und Einschränkungen angesichts eines absehbaren, alles zerstörenden und so alle vermeintlichen Erfolge verhöhnenden Endes?“[13]

Resch beschreibt wie stark Jugendliche von dem Gedanken des Todes allein beeinflusst werden. Dass Kati direkt damit in Berührung kommt, lässt sie in eine leichte Krise stürzen. Dabei gerät sie wiederum in Konflikt mit ihrer Familie, weil ihrer Ansicht nach niemand so sehr unter dem Verlust des Großvaters leidet wie sie selbst.

Zu diesen Problemen kommt ein Streit mit Jo hinzu. Kati hat schwärmt seit einer Weile für Lugge, mit dem sie auch eine gemeinsame Nacht verbringt, bevor sie zur Reise aufbricht. Nach ihrer Rückkehr freundet sich Jo mit ihm an. Kati sieht die beiden zusammen und schlussfolgert, dass sie sich nähergekommen sind, was zu einem Streit zwischen den Freundinnen führt. Noch dazu erzählt Jo ihr, dass sie nun einen Flug nach Südafrika gebucht hat, was Kati sehr enttäuscht. Zwar war nicht klar, ob sie die Weltreise nachholen können, aber dennoch stellt das für Kati einen enormen Vertrauensbruch dar. Aber auch diese Probleme können sie letzten Endes überwinden. Während aber Kati in Tandern bleibt, bricht Jo tatsächlich allein nach Südafrika auf.

Auch in Bezug auf Liebe und Beziehungen hat Kati eine Entwicklung gemacht. Im ersten Teil der Trilogie war Sex noch kein Thema, aber in „Beste Gegend“ fällt es ihr leicht die Nacht mit Lugge zu verbringen. Kati empfindet etwas für ihn, wobei sie das ihm gegenüber nicht anspricht, sondern in einem Brief verpackt, der aber verloren geht. Nachdem Kati zur Weltreise aufbricht und auch Lugge bald wieder Tandern verlassen will, ist es fraglich, ob eine Beziehung überhaupt eine Zukunft hätte. Kati macht auch ihre Pläne nicht mehr von dem etwaigen Erfolg dieser Romanze abhängig, sondern fährt unabhängig davon los. Jo dagegen sieht ihre Beziehung eher als Behinderung an und befürchtet diese könnte sie aufhalten. Um ihre Zukunftspläne nicht einzuschränken macht sie Schluss.

„Beste Gegend“ spielt abgesehen von der kleinen Episode der abgebrochenen Reise ausschließlich in Tandern, was wiederum zeigt welche Rolle das Dorf in Katis Leben spielt. Der Umgang mit Familie und Freunde stellt einen beträchtlichen Teil des Inhalts des Films dar. Inzwischen lässt sich zwar Kati immer noch von anderen bei ihren Entscheidungen beeinflussen, hat aber in dieser Hinsicht fortschritte gemacht. In Bezug auf die Liebe hat sie ein wenig ihrer jugendlichen Naivität verloren. Zwar scheitert auch diesmal ihr Versuch der Entgrenzung, aber es ist weniger ihr eigenes Zögern, sondern vielmehr das Leben, das ihr einen Strich durch die Rechnung macht.

Beste Chance

Zwischen Beste Gegend und beste Chance liegen etwa fünf Jahre und im Leben der Protagonisten hat sich einiges verändert. Kati studiert in München Architektur, lebt in einer Wohngemeinschaft und hat offenbar einen neuen Freundeskreis. Zu ihren Freunden aus Tandern hat sie kaum noch Kontakt, auch zur Hochzeit von Rocky ist sie nicht eingeladen. Selbst mit Jo, die inzwischen die Welt bereist, spricht Kati nur noch selten, gesehen haben sie sich seit dem Abitur nicht mehr. Einen echten Bezug zu ihrem ‚neuen Leben’ scheint Kati aber dennoch nicht zu haben. Als sie hört, dass Jo scheinbar in Indien verschwunden ist, zögert sie nicht und lässt München, ihre neuen Freunde und auch die bevorstehenden Diplomprüfungen sofort hinter sich, um zurück in die Heimat zu fahren. Für Notfälle scheint Tandern also immer noch der wichtigste Anlaufpunkt zu sein. Nachdem sie keinen ihrer alten Freunde davon überzeugen kann, gemeinsam mit ihr nach Jo zu suchen, fliegt sie allein nach Indien. Zum ersten Mal in ihrem Leben, muss sie in einem fremden Land vollkommen allein zurechtkommt, schlägt sich dabei aber gut. Kati übernimmt sogar die Verantwortung für ein indisches Mädchen, dessen Krankenhausrechnung sie begleicht und nach Hause bringen will. Doch auch wenn sie in Hinblick auf Selbstständigkeit dabei große Fortschritte macht, sehe ich den Beginn der Reise noch nicht als Entgrenzungsversuch an. Letztlich entscheidet sich Kati nicht dafür nach Indien zu reisen, sondern ihrer Freundin zu helfen. Zur Entgrenzung wird diese Erfahrung erst am Ende des Films, als Kati weiß, dass Jo wohlauf ist und die Möglichkeit erhält nach Hause zu fliegen. Stattdessen entscheidet sie sich noch in Indien zu bleiben und damit gelingt ihr endlich die Ablösung von ihrem primären Umfeld. Für Katis Entwicklung ist das nach den ersten beiden gescheiterten Entgrenzungsversuchen und in „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“ ein enorm wichtiger Schritt.

[...]


[1] Gansel, Carsten. „Adoleszenz und Adoleszenzroman als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung.“Zeitschrift für Germanistik, 2004: 130-149.

[2] Schulze, Juliane. „Adoleszenz in der Provinz.“Mythos Magazin. Oktober 2008. http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/js_adoleszenz.pdf (Zugriff am 26. August 2015).

nach Resch, Franz (1992). Therapie der Adoleszenzpsychosen. Stuttgart: Thieme Verlag.

[3] Basler, Moritz. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin: Walter de Gruyter, 1997.

[4] Duden. http://www.duden.de/rechtschreibung/Coming_of_Age_Film (Zugriff am 04. September 2015).

[5] Resch, Franz. „Universität Heidelberg.“Wer bin ich eigentlich? 1995. http://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/rc10/3.html (Zugriff am 04. September 2015).

[6] Ebd.

[7] Beste Zeit. Regie: Markus H. Rosenmüller. 2007.

[8] Ebd.

[9] Ewers, Hans-Heino, Hrsg. Jugendkultur im Adoleszenzroman. Weinheim; München: Juventa, 1994.

[10] (Rosenmüller, Beste Zeit 2007)

[11] (Rosenmüller, Beste Zeit 2007)

[12] Ebd.

[13] (Resch, Universität Heidelberg 1995)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Adoleszenz und Identitätsfindung im Bayerischen Film
Untertitel
Die bayerische Provinz
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Filmanalyse am Beispiel des neuen bayerischen Films
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V317352
ISBN (eBook)
9783668164369
ISBN (Buch)
9783668164376
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Coming of Age, Adoleszenz, Film, Filmanalyse, Rosenmüller, Bayrischer Film, bayrisch, Jugendfilm
Arbeit zitieren
Karina Oelmaier (Autor), 2015, Adoleszenz und Identitätsfindung im Bayerischen Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317352

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