Internationale Landakquise oder Land Grabbing? Chancen und Risiken für Entwicklungsländer


Seminararbeit, 2015
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Land Grabbing?
2.1. Begriffsklärung
2.2. Warum steigt die Nachfrage nach Ackerland?
2.3. Die Akteure in der internationalen Landakquise

3. Chancen und Risiken der Landakquise
3.1. Chancen
3.2. Risiken

4. Bewertung und Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die weltweite Nachfrage nach Ackerland nimmt stetig zu. Zumindest scheinen verschiedene Entwicklungen dafür zu sprechen. Zum einen der Anstieg der Weltbevölkerung, bei dem bis 2050 ein Wachstum von jetzt sieben Milliarden auf 9,2 Milliarden Menschen prognostiziert wird (Kress, 2012, S. 15). Da die weltweit verfügbare Fläche jedoch begrenzt ist, wird sie damit bereits zum wertvollen Gut. Die Sicherstellung der Bevölkerung mit Nahrungsmittel, die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten sowie die Produktion von Agrotreibstoffen trägt ihr übriges bei. Innerhalb der Debatte um Landinvestitionen scheinen sich die Befürworter und Gegner unversöhnlich gegenüber zu stehen. Auf der einen Seite wird argumentiert, dass es sich lediglich um eine neue Art des Kolonialismus handelt, bei dem wohlhabende Länder sich auf Kosten der ärmeren Länder bereichern. Die andere Seite stellt die Vorteile für die Entwicklungsländer hervor, die durch Wissenstransfer und langfristigen Kapitalzufluss erreicht werden können. (Rudloff, 2012, S. 5)

Ziel dieser Arbeit ist es, die Chancen und Risiken, die sich aus großflächiger Landakquise ergeben, näher zu betrachten. Dabei soll die Frage beantwortet werden, ob Entwicklungsländer davon profitieren können oder ob es sich einfach nur um Land Grabbing handelt. Ein Begriff der in den letzten Jahren stark negativ konnotiert mit Landnahme einhergeht. Dazu ist es notwendig sich zuerst mit dem Begriff des Land Grabbing näher zu beschäftigen. Auch müssen, für ein besseres Verständnis der Sachlage, die Gründe für die seit 2007/2008 stark zugenommene internationale Landakquise von Ackerland herausgearbeitet werden. Dazu dienen verschiedene Studien der Stiftung Wissenschaft und Politik, von Oxfam, der International Land Coalition (ILC), Weltbank u.a. sowie die Daten des Land Matrix Projektes.[1] (landmatrix.org, 2015) Des Weiteren sollen die in diesem Zusammenhang tätigen Akteure identifiziert werden. Kapitel drei beschäftigt sich eingehend mit den Chancen und Risiken der Landakquise. Dabei liegt der Fokus unverändert auf den Entwicklungsländern. In dem abschließenden Kapitel wird versucht herauszufiltern, ob es sich bei den durch Landakquise getätigten Investitionen in Entwicklungsländern, um eine entwicklungspolitische Chance handelt oder ob der lokalen Bevölkerung ohne Mehrwert großflächig Land entzogen wird.

2. Was ist Land Grabbing?

2.1. Begriffsklärung

Landkauf ist kein neues Phänomen. Neben dem Kolonialismus, mit dem die Landnahme ganzer Kontinente systematisch einherging, hat auch die Kontrolle über Land durch ausländische Unternehmen eine lange Tradition. (Kress, 2012, S. 21) Zum Beispiel gelang es der United Fruit Company, einem multinationalen Unternehmen, bereits zu Beginn der 1900er Jahre ein eindrucksvolles Netzwerk von der Produktion bis zum Vertrieb von Bananen, ausgehend von Zentralamerika und der Karibik in die USA aufzubauen. (Bucheli, 2006, S. 4) Dabei spielte der Wunsch nach Modernisierung der Infrastruktur der jeweiligen Regierungen eine große Rolle.

“United Fruit got most of its first lands in Central America as a result of railway concessions rather than banana production land grants. The rulers of these republics were eager to modernize their transportation infrastructure and saw the solution in United Fruit and its subsidiaries (including the International Railways of Central America - IRCA). In many cases, the property rights over the lands granted by the government to United Fruit were not clear, and the company clashed with settlers already living in those lands or other people claiming ownership. This chaotic situation was exacerbated by the permanent political instability in the region.” (Bucheli, 2006, S. 11)

Auch wenn im Laufe dieser Arbeit ähnliche Motive, wie im oben beschriebenen Fall für die Einwerbung ausländischen Kapitals auftreten, sollte der Begriff Land Grabbing nicht mit den im 20. Jahrhundert verbreiteten ausländischen Aktivitäten vermischt werden. Denn ein bedeutender Unterschied liegt in der „[...] Kommodifizierung von Land und Wasser durch die direkte Kontrolle über Land.“ (Kress, 2012, S. 22) Auch weist Land Grabbing einige Ähnlichkeiten zum Kolonialismus auf, weshalb bei einigen Autoren der Begriff des Neokolonialismus angeführt wird. Allerdings sollte auch hier differenziert werden, denn während beim Kolonialismus die Landnahme als Naturrecht des Entdeckers galt, finden „die aktuellen Landpachten oder -käufe [...] meist im Rahmen internationaler Verträge bzw. des internationalen Investitionsrechts statt.“ (Kress, 2012, S. 25) Diese Arbeit orientiert sich bei der Verwendung des Begriffes Land Grabbing an der von der ILC aufgestellten Definition über Landerwerb.

„[...] violation of human rights, particularly the equal rights of women; (ii) not based on free, prior and informed consent of the affected land-users; (iii) not based on a thorough assessment, or are in disregard of social, economic and environmental impacts, including the way they are gendered; (iv) not based on transparent contracts that specify clear and binding commitments about activities, employment and benefits sharing, and; (v) not based on effective democratic planning, independent oversight and meaningful participation. ” (International Land Coalition (ILC), 2011)

Land Grabbing findet also immer dann statt, wenn Akteure sich mittels Pacht- oder Kaufverträgen große Landflächen aneignen, um dort Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export anzubauen. Dieser Annahme folgt auch die Welthungerhilfe bei ihrer inhaltlich fast gleich lautenden Definition (Börnecke & Beste, 2012, S. 8). Oxfam betont in seiner ähnlich lautenden Definition auch die, von Akteuren ignorierten, „Rechte und Bedürfnisse ländlicher Bevölkerungsgruppen, die das Land bearbeiten oder davon lebten.“ (Börnecke & Beste, 2012, S. 5) Was vor allem für Land Grabbing spricht, ist die Verbindung von Landbesitz und dem Zugang zu Wasser sowie die unklare Situation für Kleinbauern, in Bezug auf ihr Gewohnheitsrecht bei der Bearbeitung des Landes. Vorab lässt sich sagen, dass in Bezug auf das Thema Landkauf eine große Datenunsicherheit besteht. Wie eine Studie konstatiert, werden „erst seit 2011 [...] die geschätzten Umfänge von Landinvestitionen auch durch öffentliche Stellen wie etwa der GIZ erfasst und in Kooperation mit lokalen Behörden im Projekt „Land Matrix“ überprüft.“ (Rudloff, 2012, S. 8)

Nachfolgend soll beleuchtet werden, warum vor allem in der Literatur zwischen 2000 und 2012 das Phänomen des Land Grabbing so intensiv diskutiert wurde und sich vor allem für die Pacht oder den Kauf von großen Landflächen dieser Begriff überhaupt herausgebildet hat.

2.2. Warum steigt die Nachfrage nach Ackerland?

Das steigende Bedürfnis nach Ackerland hat verschiedene Gründe. Anzuführen ist zunächst, die steigende Nachfrage nach Agrarprodukten durch die zunehmende Weltbevölkerung. So wird nach Schätzungen die Weltbevölkerung von jetzt sieben Milliarden Menschen bis 2050 auf 9,2 Milliarden zunehmen. (Kress, 2012, S. 15) Die OECD schätz, dass bis 2017 die „weltweite Produktion von Weizen etwa mit der weltweiten Konsummenge übereinstimmen wird.“ (Rudloff, 2009, S. 8) Dies führt zwar nicht zwangsläufig zu Engpässen, aber es mindert die Produktionsüberschüsse. Das kann vor allem dann problematisch werden, wenn Agrarrohstoffe auch als Energieträger verwendet werden, denn dabei findet eine direkte Preisübertragung statt. In der Bioethanolproduktion bei Mais lässt sich für die USA ein Preiseffekt von 0,6 Prozent bei einer einprozentigen Ölpreissteigerung festmachen. (Rudloff, 2009, S. 12) Betrachtet man die Entwicklung des Ölpreises zwischen 2005 und 2014 ist sehr deutlich zu erkennen, dass der Ölpreis 2008 und 2012 seinen höchsten Stand erreicht. Dies hat einen unmittelbaren Einfluss auf alle Agrarrohstoffe, die auch als Energieträger eingesetzt werden können, wie in Abbildung 1 zu erkennen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gegenüberstellung der Entwicklung von Nahrungsmittelpreisen und des Rohölpreises (2005-2014)

Quelle: Eigene Darstellung nach (FAO, fao.org, 2015) (statista.com, 2015)

Steigende Weltmarktpreise für Lebensmittel haben besonders 2008 dazu geführt, dass exportierende Länder zumindest zum Teil Exportverbote bzw. Exportbeschränkungen erließen, um die nationalen Lebensmittelpreise zu stabilisieren. Dies führt zum einen zu weiter steigenden Weltmarktpreisen, zum anderen hat es verheerende Auswirkungen auf Länder, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind, da sich die Importpreise weiter erhöhen. (Mitchell, 2008, S. 6 ff.) Damit erhöht sich die Nahrungsmittelunsicherheit insbesondere für die Länder mit einem hohen Nahrungsmittelimport.

Ein weiterer Grund ist die Steigerung des Weltwirtschaftswachstums und der damit verbundene Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens. Dies führte insbesondere in den Schwellenländern zu einer Angleichung der Ernährungsgewohnheiten und einem „Hunger [...] auf die in der Herstellung ressourcenintensiven Fleisch- und Milchprodukte“. (Börnecke & Beste, 2012, S. 8) Besonders in China und Indien ist in den letzten 20 Jahren eine Verschiebung zu Nahrungsmittel wie Milch, Fleisch, Eier, Fisch und vorgefertigten Lebensmitteln (Convenience-Food) zu beobachten. „So stieg zum Beispiel in China zwischen 1980 und 2008 der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch von 20 auf 50 Kilogramm pro Jahr. Dadurch nimmt auch die Getreidenachfrage zu - und zwar überproportional, weil zur Erzeugung von einem Kilogramm Fleisch ungefähr acht Kilo Futtergetreide benötigt werden.“ (Rudloff, 2009, S. 8) Die zunehmende Verstädterung und die damit verbundene Zahl an Menschen, die auf den Erwerb von Nahrungsmitteln angewiesen sind, werden in den nächsten Jahren ebenfalls weiter zunehmen.

Dieser steigende Nahrungsmittelbedarf wird sich nicht problemlos decken lassen, da nicht die gesamte Fläche der Erde nutzbar ist, ob nun aus klimatischen, topographischen oder pedologischen Gründen. Demnach kaufen oder pachten Länder, denen es an Ackerland mangelt, dort Land wo Anbauflächen verfügbar sind, um die Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten. Nach Angaben des Projekts Landmatrix betrug die weltweit verkaufte oder verpachtete Landfläche zwischen 2000 und 2014 insgesamt 36 Millionen Hektar (landmatrix.org, 2015). Hierbei soll darauf hingewiesen werden, dass eine große Datenunsicherheit besteht, da oftmals Verträge über den Kauf oder die Pacht von Land nicht offen einsehbar sind. Auch werden manche Abschlüsse erst sehr spät sichtbar, oder geplante Vorhaben werden nicht umgesetzt.

Der Erwerb von Ackerland betrifft aber nicht nur die Produktion von Nahrungsmitteln sondern auch von Agrotreibstoffen. So hat sich die Europäische Union (EU) zum Ziel gesetzt bis 2020 für Kraftstoffe eine Beimischungsquote von zehn Prozent Biokraftstoff zu erreichen. (Europäisches Parlament und der Rat der Europäische, 2009, S. 2) Damit verringern sich vorhandene Angebotsüberstände weiter und fördern das Risiko von Preisausschlägen im gesamten Agrarrohstoffbereich. Durch den zwischen 2011 und 2014 gleichbleibend hohen Rohölpreis, hat sich die Attraktivität erneuerbarer Energien weiter verstärkt. Von 2001 bis 2011 hat sich die Produktion von Agrartreibstoffen als Folge der in diesem Bereich getätigten Investitionen verfünffacht. „Dabei hat Ethanol einen Anteil von rund 90% an der Produktion der flüssigen Treibstoffe, während Biodiesel die restlichen 10% ausmacht. Brasilien verfügt mit momentan rund 21% über den höchsten Anteil an Agrartreibstoffen zur Nutzung für Verkehrsmittel, gefolgt von den USA mit 4% und der EU mit einem Anteil von 3%.“ (Kress, 2012, S. 38 f.) Treibende Kraft dabei sind demnach die Regierungen einzelner Länder, die zunehmend verbindliche Ziele für die Nutzung von Agrartreibstoffen erlassen. Die FAO erwartet, dass für den Anbau von Energiepflanzen bis 2030 zirka 35 Millionen Hektar Land benötigt werden. (FAO, 2008) Demnach werden Länder auch hier vermehrt Land kaufen oder pachten müssen, wenn eigenen Anbaugebiete nicht ausreichen.

Übereinstimmend führen Autoren an, dass die Finanzkrise von 2007/2008 ebenfalls ein Auslöser für die heute immer stärker zu beobachtenden weltweiten Pacht- oder Kaufverträge für Land ist. Durch Spekulationen, dürftige Ernten und Ausfuhrstopps einiger Hauptexporteure wurde einigen Staaten quasi über Nacht bewusst, wie knapp ihre Nahrungsmittelversorgung eigentlich konzipiert ist und wie gefährdet diese Versorgung ist, wenn sie vom globalen System abhängt. (Börnecke & Beste, 2012, S. 8) Zur Sicherung der eigenen Nahrungsmittelproduktion kaufen bzw. pachten besonders Länder, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind, Land. Damit wird es zu einem lukrativen Gut für den Handel. Im Zuge dessen ist zu vermuten, dass einige Akteure Land nur zu spekulativen Zwecken ankaufen. (Zagema, 2011, S. 8) Im Besonderen war eine Zunahme von Landgeschäften bei privaten Investoren nach 2008 zu beobachten. Hierbei dürfte die treibende Kraft verbesserte Profitaussicht sein, denn „Agrarland ist [...] vor allem deshalb attraktiv, weil es als inflationssichere Vermögensanlage gilt, die nur eine geringe Korrelation mit anderen Vermögensklassen aufweist.“ (Fritz, 2010, S. 9 f.)

Auch der Handel mit Emissionszertifikaten wird als ein Grund für Bodenkauf angeführt. Mit der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls und den darin festgelegten Clean Development Mechanism (CDM), wurde es für Länder, die sich zum Ziel gesetzt haben ihren CO2 Ausstoß zu reduzieren, möglich in Entwicklungsländern Projekte zur Emissionsminderung durchzuführen. Mit den sich daraus ergebenden Emissionszertifikaten lässt sich anschließend Handel treiben und das eigene gesetzte CO2 Emissionsziel erreichen. (de Schutter, 2009, S. 4) Allerdings ist nicht ganz klar, in welchem Maße der Handel mit Emissionszertifikaten die Bodenpreise tatsächlich beeinflusst. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die EU solche Forstaktivitäten vom Emissionsmarkt ausgeschlossen hat. (Kress, 2012, S. 44)

Wie aufgezeigt wurde, gibt es verschiedene Gründe, die den Handel von Landflächen begünstigen. Bis 2010 hatten Weltbankmitarbeiter anhand von Presseberichten 389 Landprojekte identifiziert und klassifiziert. (Fritz, 2010, S. 9) Dabei stellte sich heraus, dass bei diesen Projekten der Anteil an Biotreibstoff- und Nah­ rungsmittelproduktion annährend gleich ist, wie in Abbildung 2 dargestellt. Auf die Produktion von Nahrungsmittel entfallen demnach zirka 32 Prozent und weitere fünf Prozent auf die Viehwirtschaft.

Im Nachfolgenden sollen die Akteure in der Landakquise näher betrachtet werden. Dabei soll auch gezeigt werden, aus welchen Ländern die Investitionen stammen und wo die Zielländer liegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Art der Landnutzung (in Prozent)

Quelle: (Fritz, 2010, S. 9)

2.3. Die Akteure in der internationalen Landakquise

Verträge beinhalten in ihrer Grundform immer zwei Parteien, zum einen diejenige die kauft und zum anderen die Partei, die das Land zur Pacht oder Verkauf freigibt. Bei den Käufern handelt es sich in der Regel um private Akteure oder Unternehmensgesellschaften, aber auch Regierungen können als Käufer bzw. Pächter auftreten. Auf der anderen Seite stellen meist Regierungen oder sehr selten private Landbesitzer ihr Land zur Verfügung. Auf den ersten Blick sehr übersichtlich, verstellt es aber den Blick auf eine durchaus komplizierte Struktur. Denn jeder dieser Verträge kann in einer Rahmenvereinbarung, die durch andere Parteien beeinflusst wird, eingebettet sein. Kress zeigt in einer eigenen Darstellung welche Akteure innerhalb von Landakquise eine Rolle spielen können. (Abb. 3)

Abbildung 3: Akteure in der Landakquise

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: (Kress, 2012, S. 46)

In der Darstellung wird deutlich, dass neben Investoren und Regierungen der Zielländer auch die lokale Landbevölkerung an solchen Verträgen beteiligt werden kann. Dies ist jedoch eher selten der Fall, da in den meisten Zielländern die Eigentumstitel fehlen. Besonders ist dies in Afrika zu beobachten. Hier herrscht oftmals noch informelles Gemeinschaftsrecht vor. Katasterämter sind zudem kaum bis gar nicht vorhanden. Das führt dazu, dass Investoren Land als frei angeboten und von den eigentlichen Nutzern kein Anspruch auf Kompensation geltend gemacht werden kann. Selbst wenn es formal möglich ist Eigentumstitel zu erwerben, ist dies meist zu kostspielig. So wird geschätzt, dass zum Beispiel für Madagaskar gerade einmal zehn Prozent und für Tansania sieben Prozent der Eigentümer auch über Eigentumsrechte verfügen. (Rudloff, 2012, S. 19 f.)

Wie ebenfalls deutlich wird, scheinen Entwicklungsorganisationen auch einen Einfluss auf die Landakquise zu haben. Wie auch Versicherer und Kreditgeber, da sie als finanzstarke Geldgeber hinter den eigentlichen Investoren stehen und davon auch profitieren. (Kress, 2012, S. 45) Die Weltbank identifiziert in einer Analyse aus 389 Landprojekten drei große Gruppen von Investoren. (Abb. 4)

Dabei fällt auf, dass die meisten Investoren gar nicht aus dem Agrobusiness stammen. Entgegen der Vermutung, dass vor allem Regierungen in großem Maße in Land investieren, appellieren diese vielmehr an private Investoren als selbst in Erscheinung zu treten. Dabei werden Landgeschäfte im nationalen Interesse durch verschiedene Anreize und Unterstützung gefördert. Dazu zählen die Investitionen durch Staatsfonds, Investitionen durch Staatliche Unternehmen sowie die Unterstützung des Privaten Investitionssektors. Dafür stehen Subventionen,

Abbildung 4: Herkunft der Landinvestoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: (Fritz, 2010, S. 9)

Marktstudien, Investitionsleitfäden sowie diplomatische Unterstützung durch Ministerien zur Verfügung. Durch die Schaffung von Rahmenbedingungen und nationaler Politik werden auch für reine private Projekte Bedingungen durch den Staat geschaffen, zum Beispiel durch bilaterale Verträge zwischen Zielland und dem Herkunftsland des Investors. (Cotula, Anseeuw, Wily, & Taylor, 2012, S. 27) Auch aufgrund dieser Bemühungen von staatlicher Seite verwundert es nicht, dass mit einem Anteil von knapp 30 Prozent vor allem Investmentfonds in der Landakquise tätig sind. Bisher waren hauptsächlich die Märkte in Australien, Neuseeland, den USA und Kanada für Anleger interessant. Seit 2007 hat sich dies aber verschoben und es werden zunehmend mehr ausländische Direktinvestitionen (ADI) verzeichnet. (Fritz, 2010, S. 10) Eine Trennung zwischen privaten und staatlichen Investoren ist daher schwierig. Dennoch lässt sich trotz dieser staatlichen Partizipation und Fördermaßnahmen festhalten, dass „[...] der

Großteil der Landpachten und -käufe insgesamt jedoch klar durch private Unternehmen und Kapitalgesellschaften getätigt“ wird. (Kress, 2012, S. 48) Insofern Kreditanstalten und Versicherer als Akteure in Erscheinung, treten bieten sie Kredite für landwirtschaftliche Investitionen in Zielländern an und verlangen von den Investoren gleichzeitig einen Schutz vor möglichen Risiken, der durch die Versicherer abgedeckt wird.

„Für den Fall, dass ein Investor einen Vertrag mit einem Kreditgeber oder Versicherer abschließt, muss er deren Anforderungen häufig bereits bei der Vertragsschließung mit dem Zielstaat berücksichtigen. So verlangen viele Kreditgeber etwa, dass das Investitionsprojekt gegen ein plötzliches Umschwenken des Ziellandes hinsichtlich der mit dem Landgeschäft verbundenen Bedingungen abgesichert ist, dass sie Projekt-Gewinne bei ausbleibender Rückzahlung einbehalten können und dass der Investitionsplan vorhersehbare Gewinne bzw. Produktion garantiert(Kress, 2012, S. 51)

Als Akteure in den Zielländern lassen sich einerseits „... die nationalen, aber auch lokalen Regierungen und andererseits die direkt von den Landgeschäften betroffenen Landbewohner bzw. - je nach Bodenbesitzverhältnis - die Landbesitzer“ (Kress, 2012, S. 51 f.) identifizieren. Wie bereits angesprochen sind die Besitztitel in vielen Zielländern nicht eindeutig bzw. liegen sie aufgrund dessen beim Staat selbst. Dadurch sind die Nutzer des Landes zwar automatisch von den Verhandlungen betroffen, aber nur wenn die Landrechte von der Regierung anerkannt werden, treten die Nutzer selbst in Verhandlung mit den Investoren. Beide, sowohl Regierungen als auch Nutzer, werden bei den Verhandlungen von ähnlichen Motiven geleitet. Dazu zählen Einkommenszuwächse, Steigerung der Produktivität, Infrastrukturverbesserungen, Arbeitsplätze, Devisen, Exporteinnahmen und Technologietransfer. (Kress, 2012, S. 52 ff.) Inwieweit diese Motive erfüllt werden können, wird im nachfolgenden Kapitel näher betrachtet. Die letzte große Gruppe unter den Akteuren entfällt auf die internationalen (Entwicklungs-)Organisationen. Hierbei sind es besonders die Entwicklungsbanken, die in den Vordergrund treten. „Sank der Anteil des Agrarsektors an der gesamten Entwicklungshilfe bilateraler und multilateraler Geber von knapp 20 Prozent im Jahr 1979 auf nur noch 3 Prozent im Jahr 2005“ (Fritz, 2010, S. 4), fordert die Weltbank als eine der internationalen Entwicklungsbanken gezielt die Investition in Land. (Deininger, et al., 2011, S. 83) Das scheint auch dringend nötig, denn „allein für die Gruppe der 49 Least Developed Countries (LDC) erhöhten sich die Importrechnungen für Lebensmittel zwischen 2002 und 2008 von 9 auf 24 Milliarden US-Dollar.“ (Fritz, 2010, S. 5) Die Afrikanische Union (AU) verabschiedete deshalb bereits 2003 im Rahmen des Comprehensive Africa Agriculture Development Programms die Förderung der Landwirtschaft durch Investitionen. Bis 2010 sollten dabei zehn Prozent der Haushaltseinnahmen in die Landwirtschaft fließen. Allerdings konnten gerade einmal sieben der 53 Staaten dieses Ziel auch erreichen. (Kress, 2012, S. 55) Deshalb tendieren innerhalb der

Weltbank Gruppe besonders die International Finance Corporation (IFC) und dessen Partnerorganisation, der Foreign Investment Advisory Service (FIAS) dazu, die Entwicklungen im Privatsektor generell als günstige Entwicklung für die gesamte ökonomische Entwicklung zu sehen. „Through the growth of the private sector, more and better jobs are created and incomes rise, providing the poor with more opportunities for upward economic and social mobility.” (Daniel & Mittal, 2010, S. 13) Infolgedessen gerät vor allem Afrika zunehmend in den Fokus von IFC und FIAS und Land wird, befördert durch diese Organisationen, zu sehr niedrigen Preisen angeboten. Allerdings treten auch zunehmend Nichtregierungsorganisationen (NGO) auf den Plan, die sich auch kritisch mit dem Thema der Landakquise auseinandersetzen und damit zu einer differenzierten Betrachtungsweise beitragen.

„Hier sind neben inzwischen zahlreichen Nichtregierungsorganisationen vor allem zwei Namen zu nennen: GRAIN (Genetic Resources Action International) und La Via Campesina. Die internationale NGO GRAIN lieferte 2008 die erste umfassende Dokumentation über die Trends der Landgeschäfte in Entwicklungsländern. Seitdem hat die NGO eine zentrale Funktion für die weltweite Bekämpfung und Aufklärung über die Entwicklung von Land Grabbing übernommen und betreibt, neben eigenen Publikationen zum Thema, das Internetportal farm/andgrab.org, das zahlreiche Medienberichte und Analysen aus aller Welt zu den Geschäften mit Land veröffentlicht.“ (Kress, 2012, S. 57)

Nachfolgend sollen die Chancen und Risiken von Landakquise für die Zielstaaten näher betrachtet werden.

3. Chancen und Risiken der Landakquise

3.1. Chancen

Die nachfolgend aufgelisteten Chancen, die Landakquise mit sich bringt, besonders in Form von ADI, sind vor allem als mögliche positive Entwicklungen in der Zukunft zu sehen. Insofern werden diese hier nicht abschließend bewertet, sondern sollen vielmehr aufzeigen, welches Potential durch die Investition in Land speziell für Entwicklungsländer bereitgestellt werden kann.

Kapitalerhöhung

Gerade vor dem Hintergrund der seit den 1970er Jahren gesunkenen landwirtschaftlichen Entwicklungshilfen verwundert es nicht, dass die Zielländer ihre Flächen anbieten, um darüber Kapital anzuziehen. (Fritz, 2010, S. 5) Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass die Investoren zusätzlich in die Infrastruktur investieren, was für diese Gebiete auch die Chance auf Investitionen von lokalen Akteuren erhöht. Vor allem Investitionen in große Landgebiete

[...]


[1] Land Matrix ist ein Projekt, das seit 2009 Informationen zu weltweiten Landankäufen sammelt. Das Datenmaterial umfasst Transaktion, die eine Übertragung der Rechte zur Nutzung, Kontrolle oder Besitz von Land durch Konzession, Verpachtung oder Verkauf beinhalten. Das Projekt besteht aus dem ILC, dem französischem Forschungszentrum CIRAD (Centre de Coopération Internationale en Recherche Agronomique pour le Développement), dem Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern, GIGA der Universität Hamburg, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Oxfam u.a.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Internationale Landakquise oder Land Grabbing? Chancen und Risiken für Entwicklungsländer
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V317364
ISBN (eBook)
9783668163355
ISBN (Buch)
9783668163362
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungspolitik, Land Grabbing, Afrika, Hunger, Nahrungssicherung
Arbeit zitieren
Jens Ullrich (Autor), 2015, Internationale Landakquise oder Land Grabbing? Chancen und Risiken für Entwicklungsländer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317364

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