Soziolinguistische Schichtunterschiede und ihre Auswirkungen auf die Dezifithypothese


Hausarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

I. Gliederung

1 Einleitung ... 2

2 Basil Bernstein als Entwickler der Defizithypothese ... 3

3 Bernstein und die Sapir-Whorf-Hypothese ... 4

4 Die Defizithypothese ... 5
4.1 Mittel- und Arbeiterschicht – eine Gegenüberstellung ... 6
4.2 Erste Phase der Bernsteinschen Theorie ... 7
4.2.1 Formale und öffentliche Sprache ... 7
4.2.2 Empirische Basis ... 9
4.3 Zweite Phase der Bernsteinschen Theorie ... 9
4.3.1 Elaborierter und restringierter Kode ... 10
4.3.2 Empirische Basis ... 11
4.3.3 Anwendungsbeispiel ... 12

5 Der Einfluss der Herkunftsfamilie auf den Schulerfolg der Kinder ... 14

6 Labovs Differenzkonzeption als Kritik an der Defizithypothese ... 14

II. Literaturverzeichnis ... 16

III. Internetverzeichnis ... 16

1 Einleitung

Als eine der fundamentalsten Voraussetzungen für intelligentes Leben, gibt es wohl kein heute noch so präsentes und daraus machtvolles Medium, wie das der gesprochenen Sprache an sich. Aufgrund des enormen Einflusses auf die Menschheit stellt sie die Grundlage jeglicher bilateralen Kommunikation dar und ist somit Ausgangspunkt jeder Gesellschaft. Während die Sprache einerseits Gefühle der Zusammengehörigkeit und des Verständnisses hervorrufen kann, ist sie auf der anderen Seite auch in der Lage nonkonforme Inhalte zu transportieren und damit Völker zu spalten.

Laut Eward Sapir ist die Sprache „eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen“ (Lyons J. 1992, S.13). Ebendiese Definition des ältesten verbalen Mediums betont die Sprache als zentrales Mittel der zwischenmenschlichen Verständigung in Gesellschaften und darüber hinaus.

Mit den oben bereits aufgeführten Aspekten der Sprache beschäftigt sich bis heute das Wissenschaftsfeld der Soziallinguistik. Sie stellt sich vor allem die Frage, inwiefern der soziale Status einer Schicht mit den Sprachfähigkeiten deren Bürger in Verbindung zu bringen ist.

Der englische Pädagoge Basil Bernstein war einer der bedeutsamsten Soziallinguisten für die deutsche Forschungen hinsichtlich seines Wissenschaftsfeldes. Mithilfe einiger sprachbezogener Studien ist es ihm gelungen die oben genannte zentrale Frage der Schichtabhängigkeit zu beantworten. Die darauffolgenden Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte er in seiner selbstentwickelten Dezifithypothese, die den Schwerpunkt dieser Hausarbeit darstellt. Doch bevor auf diese Hypothese eingegangen wird, soll dem Leser ein Überblick über das Leben Basil Bernsteins und die Sapir-Whorf-Hypothese, die Grundlage seiner eigenen Annahme, gegeben werden. Daraufhin wird in dieser Arbeit auf die Merkmale der Grundelemente Bernsteins Defizittheorie eingegangen, wobei die allgemeinen Unterschiede von Mittelschicht und Arbeiterschicht beschrieben werden. Die Theorie soll außerdem in ihre beiden Phasen inklusive ihrer empirischen Basen zergliedert werden. Im weiteren Verlauf soll – als exemplarische Anwendung – die, in der zweiten Phase der Bernsteinschen Theorie aufgeführten linguistischen Kodes manifestieren und auf den Einfluss der Herkunftsfamilie auf den Schulerfolg von Kindern eingehen. Schlussendlich soll Labovs Differenzhypothese als Kritik an der Defizithypothese herangezogen werden.

2 Basil Bernstein als Entwickler der Defizithypothese

Als Sohn einer jüdischen Migrantenfamilie wuchs Bernstein (1924-2000) im Arbeiterviertel „East End“ in London auf. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges meldete sich der minderjährige Basil freiwillig bei der Royal Air Force und diente dort als Bombenschütze in Afrika. Nach Ende des Krieges zog der spätere Soziallinguist nach Stepney, wo er in einem sogenannten „boys' club“ für sozial unterprivilegierte, jüdische Kinder arbeitete. (Charap, J. 2000, Internetquelle)

Im Jahre 1947 besuchte Bernstein die London School of Economics, um ein Diplom in Gesellschaftslehre zu erlangen. Doch mit der Unterstützung seines Tutors wechselte er schon bald zum Fach Soziologie, was sich als ein signifikanter Wendepunkt seines Lebens herausstellte. Trotz mangelnder finanzieller Unterstützung gelang es Basil sich das Studium durch Arbeiten mit geringem Verdienst und das Übernachten bei Freunden zu ermöglichen. (Charap, J. 2000, Internetquelle)

Nachdem er seinen Abschluss als Lehrer am Kingsway Day College erfolgreich erworben hatte, unterrichtete er 1954-1960 am City Day College in Shoreditch. Daraufhin bewarb sich Basil als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Phonetik, auch Lautlehre genannt, am University College in London. Unzufrieden mit seinem damaligen Abschluss und angespornt durch seinen Ehrgeiz entschloss sich der Soziologe einen Doktortitel in Linguistik in Angriff zu nehmen. Nach erfolgreichem Erwerb seines Titels wechselte er zum Institut für Bildung, in welchem er seine restliche Karriere verblieb. Er vollführte einen erstaunlichen Aufstieg, indem er schlussendlich Leiter der lokalen Sozialforschungsstelle wurde. (Charap, J. 2000, Internetquelle)

An Ebendiesem Institut schrieb Bernstein sein einflussreichstes Werk über soziale Hindernisse bezüglich des Lernens, und die Rolle der Kommunikation bei der Durchsetzung von Klassenstrukturen. 1971 veröffentlichte der Soziallinguist sein Werk „Theoretical Studies Towards A Sociology Of Language“, zu deutsch: „Studien zur sprachlichen Sozialisation“, in welchem er sein Forschungsthema, nämliche die Verhältnisse von „Class, Codes and Control“, und damit auch die seit 1958 über Jahre hinweg erarbeitete Defizithypothese erklärt. (Charap, J. 2000, Internetquelle)

3 Bernstein und die Sapir-Whorf-Hypothese

Im Folgenden Abschnitt erhält der Leser dieser Arbeit eine Definition der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese, sowie einen groben Überblick über deren Hintergrundgeschichte. Darüber hinaus soll die Relevanz von Sapirs und Whorfs Annahme für die Bernsteinsche Defizithypothese geklärt werden.

„Wir gelangen... zu einem neuen Relativitätsprinzip, das besagt, daß nicht alle Beobachter durch die gleichen physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe sind ähnlich.“ (Gipper H. 1972, S.V) Mit dieser Formulierung beschrieb der amerikanischen Ethnolinguist Benjamin Lee Whorf die Bedeutsamste seiner Hypothesen. Hierbei möchte Whorf hauptsächlich den enormen Einfluss der Sprache auf das menschliche Denken hervorheben. Die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, wird vor allem durch den Wortschatz, die Grammatik und den Syntax der eigenen Sprache bestimmt. Infolgedessen können sich die Denkstrukturen von Personen mit verschiedenen Muttersprachen in einem solch hohen Ausmaß unterscheiden, so dass dies in einer Unübersetzbarkeit der Aussagen gipfelt und die jeweiligen Kommunikationspartner nicht in der Lage sind sich gegenseitig zu verstehen. Zusammengefasst ist Whorf der Ansicht, dass „die Mitglieder der einzelnen Sprachgemeinschaften [die Wirklichkeit auf verschiedene Art und Weise] sehen und interpretieren.“ (Gipper H. 1972, S.V) (Zurbriggen E. 2010, S.17)

Zu den Forschungen bezüglich seiner Hypothese fühlte sich der amerikanische Ethnolinguist vor allem durch seinen Lehrer Edward Sapir inspiriert, der ihn dazu motivierte die Verbindung von Sprache und Denken in konkreten Feldstudien zu untersuchen. Dazu beobachtete Whorf die Linguistik des in Arizona siedelnden Volkes der Hopi-Indianer. Aus seinen Beobachtungen heraus, gelang es Benjamin Lee festzustellen, dass ebendiese Indianer, im Vergleich zu Iindoeuropäern, durch ihre Sprache ein vollkommen anderes Verständnis von Raum und Zeit besitzen. (Gipper H. 1972, S.V)

In Zusammenhang mit der Bernsteinschen Defizithypothese stellte die Sapir-Whorf-Hypothese die Grundlage eben genannter These dar. Doch statt Whorfs Annahme der interlinguistischen Ungleichheit vollkommen zu übernehmen, transportierte Basil Bernstein diese in einen intralinguistischen Rahmen, „indem er sie auf Personen gleicher Sprache, aber unterschiedlicher sozialer Schicht bezog.“ (Zurbriggen E. 2010, S.17) Anhand seiner Erfahrungen bemerkte der britische Soziolinguist die unterschiedliche Ausdrucksweise der Menschen mittlerer und höherer sozialer Schichten im Vergleich zu Mitgliedern der unteren Schicht. Um auf dieses Phänomen eine Erklärung zu erhalten, führte Basil eine Vielzahl von Studien durch und gelang schließlich zu seiner Defizithypothese, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit beschrieben wird. (Zurbriggen E. 2010, S.17) (Pelz H. 1974, S.212)

4 Die Defizithypothese

Vor allem für die neuere Soziolinguistik ist Bernsteins Defizithypothese von hoher Bedeutsamkeit: Diese stellt die Grundlage zur Fortführung seines Ansatzes und ist über die Jahre von allerlei Kritik geprägt. (Pelz H. 1974, S.212)

Die Grundproblematik von Basils Beobachtungen gänzlich unterschiedlicher Anwendung derselben Muttersprache in verschiedenen sozialen Milieus, untersuchte er strukturelle sprachliche Gepflogenheiten in der Arbeiter- und Mittelschicht. Aus den durchgeführten Observationen kam der Soziolinguist zu dem Schluss, dass die Sprachvariante der Mittelschicht im Bereich der Kognition eine besser Ausgebildete sei. Im Gegensatz zur Unterschicht (=Arbeiterschicht) erzielten Mittelschichtkinder im Vergleich deutlich höhere Schulerfolge und hatten damit auch die besseren Berufschancen. (Pelz H. 1974, S.212)

In seinem „Versuch der Problemfindung“ (Bernstein B. 1972, S.41), eine erste Fassung seiner Defizithypothese, gelang es Bernstein einen Grundriss über die zu behandelnde Thematik zu erarbeiten. Doch diese, in den Augen seiner Kollegen unzureichende Abhandlung, einhergehend mit neuen empirischen Evidenzen, motivierten zur fortlaufenden Präzissierung und damit Optimierung seiner Hypothese: Die sprachlichen Unterschiede zwischen Unter- und Mittelschicht lassen sich somit in drei Phasen gliedern. (Ort M. 1976, S.22) (Bernstein B. 1972, S.41)

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll, aufgrund der hohen Relevanz in Bezug auf seine Theorie, auf die ersten beiden Phasen eingegangen werden. In einer strukturierten Darstellung werden sowohl die Phase der formalen und öffentlichen Sprache, sowie die Phase des elaborierten und restringierten Kodes näher erläutert. Um die Authentizität seiner Thesen zu gewährleisten, soll nach einer ausführlichen Beschreibung der Phasen jeweilige empirische Studie vorgelegt werden. (Ort M. 1976, S.22)

Die genauere Betrachtung der genannten Phasen der Defizithypothese bedarf zunächst einer Erläuterung der Forschungsobjekte (Mittel-, Arbeiterschicht) und deren speziellen sozialen, kulturellen und intellektuellen Umfang.

4.1 Mittel- und Arbeiterschicht – eine Gegenüberstellung

Anhand verschiedener Untersuchungen hinsichtlich der Thematik sozialer Schichten ist man sich nach mehreren Jahrzehnte über die wachsende Wirkung diverser Milieus auf das allgemeine menschliche Verhalten bewusst. Des Weiteren besteht, wie bereits im oberen Abschnitt 4 „Die Defizithypothese“ aufgezeigt, ein signifikantes Wechselwirkungsverhältnis zwischen der Sozialschicht und der schulischen Leistung. Daher lässt sich im Folgenden eindeutig eine Beziehung zwischen den drei Komponenten der sozialen Schicht, des schulischen Erfolgs und des individuellen Verhaltens erkennen. (Bernstein B. 1981 S.67f)

In seinem Aufsatz „Some Sociological Determinants of Perception. An Equiry into Sub-cultural Differences“ (1958) definierte Basil Bernstein die unterschiedlichen sozialen Klassen vor allem durch den Bildungsstand, beziehungsweise durch den Beruf von Vater und Mutter. Auch wenn er dies nicht ausdrücklich erwähnte, so geht sein Arbeitskamerad Lawton davon aus, dass sich Basil dazu entschloss drei soziale Gruppen zu betrachten: Die Unterschicht gliederte sich in eine durchlässige und eine nicht-durchlässige Arbeiterklasse und zog als dritte soziale Schicht die Mittelklasse heran. (Lawton D. 1970 S. 118)

Zu Beginn der Definition einer sogenannten nicht-durchlässigen Arbeiterklasse wird der Vater als eine körperlich arbeitende Person beschrieben, die ebenso wie die Mutter weder Erfahrungen in selektiver Bildung noch eine nennenswerte fachliche Berufsausbildung besitzt. Dem hinzuzufügen wäre noch, dass der weibliche Elter bestenfalls eine Routine bei manuellen Arbeiten vorweisen kann.

Im Gegensatz dazu steht die Familie der durchlässigen Arbeiterklasse. Statt einer körperlichen Tätigkeit geht der Vater nun manueller Arbeit nach, während sowohl er als auch die Mutter sich schon ein gewisses Know-How in Bezug auf selektive Bildung

[…]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Soziolinguistische Schichtunterschiede und ihre Auswirkungen auf die Dezifithypothese
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Einführung in die Soziologie der Sprache
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V317500
ISBN (eBook)
9783668167575
ISBN (Buch)
9783668167582
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziolinguistik, Basil Bernstein, Milieu, Kommunikation, Defizithypothese, Saphir-Whorf-Hypothese, Mittelschicht, Arbeiterschicht, Formale und öffentliche Sprache, Labov, Differenzkonzeption, Elaborierter Kode, Restringierter Kode, Einfluss der Herkunftsfamilie, Studie
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Soziolinguistische Schichtunterschiede und ihre Auswirkungen auf die Dezifithypothese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317500

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziolinguistische Schichtunterschiede und ihre Auswirkungen auf die Dezifithypothese



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden