Selbstverletzung bei jungen Frauen und Mädchen - Ritzen


Seminararbeit, 2004

20 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

3. Ursachen des SVV
3.1. Wissenschaftliche Betrachtungsweise der Ursachen

4. Drei Mädchen – eine Diagnose
4.1. Vanessa 17 Jahre
4.2. Serafin 16 Jahre
4.3. Anniangel 16 Jahre

5. Ritzen als typisch weibliches Verhalten?

6. Phänomenologie des Ritzens
6.1. Die Selbstverletzungssituation
6.2. Verhalten der Angehörigen und Ärzte

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis mit Anlage

Ich blute, also bin ich

Selbstverletzung der Haut von Mädchen und jungen Frauen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Magersucht und Bulimie sind schon lange zum Alltag geworden, diese Krankheiten werden toleriert und akzeptiert. Die Gesellschaft kann sie verstehen, weiß um deren Ursachen, deren Symptome und kennt die Opfer. Doch seit ein paar Jahren wird die Reihe der psychosomatischen Krankheiten, die in diesen Fällen vor allem junge Frauen und Mädchen betrifft, noch um eine Weitere ergänzt. Immer mehr junge Frauen leiden unter dem Zwang, sich selbst zu verletzen. Mit einem tiefen Schnitt in ihr eigenes Fleisch lindern sie ihre Seelenqualen. Doch jede Verwundung, jeder Schnitt ist zugleich auch ein Hilfeschrei an die Außenwelt. Eine Art der Kommunikation, die ausspricht, was sich die Mädchen nicht trauen, die Gefühle zeigen, welche sich tief in ihrem Inneren befinden. Ein Schnitt, zwei Schnitte, drei, sie machen weiter. Die Muster auf ihren Armen symbolisieren ein Tagebuch, den Seelenzustand. Auf jeden Fall provozieren sie. Kümmert euch um mich, ich habe etwas zu sagen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Selbstverletzung. Als Grundlage dient das Buch von Kristin Teuber „Ich blute, also bin ich“. Kristin Teuber studierte Psychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München mit dem Schwerpunkt Sozialpsychologie. Ihre Arbeit in einer Zufluchtstelle für Mädchen und junge Frauen in München bildete die Grundlage für ihr Interesse und das spätere Schreiben ihrer Diplomarbeit zu dem Thema. Das o.g. Buch ist eine geringfügig überarbeitete Version ihrer Diplomarbeit, die im Mai 1994 an der Ludwig-Maximilian-Universität München, Institut für Psychologie, eingereicht wurde. Kristin Teuber fasste den Entschluss zu dieser Diplomarbeit während eines Praktikum in einer Zufluchtstelle für junge Mädchen und junge Frauen. Die Mädchen, welche dort um Aufnahme ersuchen, wurden fast alle sexuell missbraucht, geschlagen oder kommen aus einer deprivierenden Situation zu Haus. Die Zufluchtsstelle stellt eine Art Schutzraum dar, in dem die Mädchen erst einmal Ruhe und Hilfe finden sollen. Hier lernt Teuber zwei sich ritzende Mädchen kennen. Sie schafft es mit ihnen eine vertrauensvolle Basis zu bilden, wobei das Ritzen immer ein Problem für sie darstellte. Der Umgang mit den Mädchen, wenn sie ritzten/geritzt haben und das Nichtwissen über diese Problematik erschütterten sie.[1]

„Einerseits war ich erschüttert darüber, daß sie sich derart verletzt hatte und ich fragte mich, wie es wohl in ihr aussehen müsse, wenn sie sich so etwas antut. Andererseits fühlte ich mich provoziert und unter Druck gesetzt und spürte, daß sie von mir forderte, ihr meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu widmen.“

Da das Buch von Kristine Teuber lediglich auf Interviews mit Expertinnen, welche in ihrer praktischen Arbeit Kontakt zu ritzenden Frauen und Mädchen gehabt haben, basiert, werde ich meine Arbeit noch durch andere Quellen und verschiedene Fälle zu dem Thema aus dem Internet ergänzen. Die Aussagen der Expertinnen sind immer Sekundärinformationen, welche über eine andere Person an die Autorin weitergegeben wurden. Es stellte sich zwar heraus, dass die Expertinnen alle über die selben Informationen verfügen, die in Bezug zu diesem Thema stehen, dennoch können nur die Betroffenen selbst ihre Gedanken und Gefühle wahrheitsgetreu wiedergeben.

Einleitend soll zum Begriff „Ritzen“ Stellung genommen werden. Im anschließenden Teil werden dann verschiedene Aspekte der Autoaggressionsforschung verdeutlicht. So zum Beispiel die Fragen; ist Ritzen typisch weiblich? Gibt es eine geschlechtsspezifische Entwicklung? Außerdem soll der Zusammenhang zwischen selbstverletzendem Verhalten und Suizid verdeutlicht werden. Hintergründe und Ursachen sollen ans Licht gebracht werden. Zwingen gar gesellschaftliche Bedingungen die Mädchen dazu, ihre Aggressionen gegen sich selbst zu richten?

2. Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Die klassische Definition von selbstverletzendem Verhalten lautet nach Rohmann und Elbing[2] wie folgt:

„Selbstverletzendes Verhalten umfasst Verhaltensweisen, die sich gegen den eigenen Körper richten und ihn psychisch extrem reizen oder schädigen. [...] Die daraus entstehenden Schädigungen umfassen alle Verletzungsgrade bis hin zur Lebensbedrohlichkeit.“

Selbstverletzendes Verhalten, kurz SVV genannt, greift in Industrieländern, wie Deutschland mehr und mehr um sich. Hierzulande wird derzeit mit etwa 800.000 Betroffenen gerechnet, die Tendenz ist steigend. Weltweit soll ein Prozent der Bevölkerung betroffen sein, so schätzen Forscher. Es sind besonders Mädchen und junge Frauen berührt. Sie versuchen nicht mehr auszuhaltenden Stress und seelischen Kummer durch Schnitte in die Arme, in leichter Form „Ritzen“ genannt, abzubauen. Bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren liegt die Quote doppelt so hoch. Wie die meisten anderen psychischen Störungen und Krankheiten ist auch SVV ein Tabu-Thema. Das Phänomen Selbstverletzung scheint in der Öffentlichkeit nicht zu existieren. Man will es nicht sehen und will auch nicht nachfragen. Es gilt allgemein als pathologisches Verhalten und wird sanktioniert. Die Unwissenheit in der Bevölkerung und die fehlende Akzeptanz von psychischen Störungen allgemein macht die Situation für selbstaggressive Menschen und deren Angehörige schwierig. Die Betroffenen verbergen ihre Verletzungen und Narben - teils aus Scham, teils aus Angst. Das Umfeld reagiert zu oft mit Unverständnis, Vorurteilen oder Ignoranz. Die Angst und Sorge, die bei den Mitmenschen durch die Selbstverletzung ausgelöst wird, ist von den Mädchen jedoch nicht beabsichtigt. An Hilfe wird in diesem Zusammenhang jedoch selten gedacht, denn Autoaggression ist nicht gesellschaftskonform. Dass sie aber durchaus auch etwas Sinnvolles bewirken kann, versucht dieser Bericht klarzustellen.

In unseren Breiten ist das Ritzen der Haut ein autoaggressives Verhalten, welches wie oben genannt als krankhaft und abnormal abgetan wird. Besonders in Afrika oder Asien stellen Ritzereien in der Haut und Selbstverletzung aber noch ein ganz anderes Thema dar. Schmerzhafte Initiationsriten und

Rituale sind dort weit verbreitet und dienen oftmals dazu die Mädchen und Jungen in die Welt der Erwachsenen hineinzuführen und den Unterschied zwischen den Geschlechtern deutlich zu machen. Der so herbeigeführte Schmerz soll den Trennungsschmerz von den Eltern überdecken und die Jugendlichen auf ein neues Leben vorbereiten. Solche Riten sind dann zum Beispiel das Ziehen von Zähnen, das Aufschneiden der Harnröhre und das Abschneiden des kleinen Fingers. Es gibt jedoch noch schlimmere Bräuche, die vor allem dazu dienen, die Sexualität, in erster Linie bei Frauen, zu kontrollieren; die Beschneidungsrituale. Sie sind oft mit jahrelangen Schmerzen bis hin zum Tod der jungen Frau verbunden.

Für Jugendliche in zivilisierten Ländern hat die Selbstverletzung eher eine abgrenzende Funktion. Sie versuchen sich schon mit Beginn der Pubertät von den Eltern abzugrenzen, in dem sie ihr Aussehen verändern, die Haare färben, ihre Kleider variieren, sich tätowieren oder piercen lassen. Gerade Piercings und Tattoos sollen von der Erwachsenenwelt abgrenzen und zeigen, „ich bin wer“. Solche selbstverletzenden Verhaltensweisen steigern nicht nur das Selbstwertgefühl und haben Gruppenbildungscharakter, sie sind im Allgemeinen auch als weniger gefährlich zu empfinden, da sie oft von professionellen Händen und geplant stattfinden.

Andere selbstverletzende Verhaltensweisen, darunter das Ritzen, stellen eine ungeplante und gefährliche Alternative der Abgrenzung dar. Warum, das soll hier geklärt werden. Ritzen ist nur eine Variante des SVV. Bei dem Versuch sich weh zu tun entwickeln gerade junge Mädchen immer wieder neue Ideen. Folgende seien hier genannt:

- das Schneiden mit scharfen Gegenständen wie Rasierklingen und Messern,
- mit Scherben die Haut einritzen,
- wiederholtes Kopf an die Wand oder sich ins Gesicht schlagen,
- in die Augen bohren, sich in Hände, Lippen oder andere Körperpartien beißen,
- oberflächlichen Hautverletzungen, wie Verbrühungen,
- sich mit Zigaretten oder einem Bügeleisen Verbrennungen zufügen oder auch das
- Abbeißen von Fingerkuppen.

Aber auch exzessiver Sport, ungesunde Ernährung und zu wenig Schlaf sind Möglichkeiten den Körper selbst zu verletzen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Einzelnen kaum zu schätzen weiß, in einer Gesellschaft, in der Orientierungen und Werte sich auflösen, der Defekt des Identitätsgefühls des Einzelnen ist so nicht nur strukturbedingt, sondern auch vorgeformt. Menschen verlieren ihre sozialen Bezüge, sie wohnen in Häusern mit 30 Mietparteien anonym nebeneinander, kennen ihre Nachbarn nicht. Eltern erwarten von den Lehrern mehr Leistung, bessere Erziehung, schieben die Kinder in die Schule ab, sind aber selber kaum dazu bereit, Elternabende zu besuchen und ihre Kinder zu unterstützen. Nichts scheint heutzutage mehr verbindlich, nichts steht mehr fest. Alles ist verhandelbar und macht so das Leben der Jugendlichen zu einem ständigen Kampf, ein Kampf, in dem immer der Stärkere gewinnen wird. Die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmt. Orientierungslos streift die Jugend durch ihr Leben und sucht nach eben dieser Grenze. Fühlbar wird sie allerdings nur durch extreme Erfahrungen, wie Bungee-Jumping, aggressive Sexualpraktiken, Drogenkonsum oder gesellschaftlich sanktionierte Formen der Selbstverletzung wie Branding und Piercing.

„Weil sie den Boden unter den Füßen verlieren, wollen immer mehr Menschen ihr Grenzorgan, die Haut, heftig spüren. Im Extremfall muss Blut das Selbst ins Bewusstsein zurückschwemmen.“[3]

Doch warum muss es immer so weit kommen? In einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland nehmen sich im Laufe eines Jahres rund 12.000 Menschen das Leben. Eine Statistik, die sich nachweisen lässt, doch wie genau sind diese Statistiken, welche die Selbstverletzung der Bundesbürger nachweisen sollen? Die Statistik des Robert Koch Institutes weist lediglich auf die Anzahl der Sterbefälle und ihren Ursachen hin. So ist deutlich zu erkennen, dass sich in der Zeit zwischen 1998 und 2002 im Durchschnitt 1000 Leute pro Jahr durch einen Sturz in die Tiefe das Leben genommen haben[4]. Klar ersichtlich werden die vorsätzlichen Selbstbeschädigungen und die immer wieder vielfältigen und „originellen“ Einfälle der Selbstmörder. Nicht zu erkennen ist jedoch die einzelne Spezifizierung nach Geschlecht und Alter. Noch viel wichtiger allerdings als das, ist die Tatsache, dass es laut telefonischer Auskunft des Robert Koch Institutes keine Möglichkeiten gibt eine Statistik über selbstverletzendes Verhalten zu erstellen. Die Dunkelziffer in einer solchen Befragung wäre immens groß.

[...]


[1] Kristin Teuber (1999)

[2] Rohmann und Elbing (1998, S. 134)

[3] Aus: Der Spiegel 5/2001

[4] Siehe Anhang: Tabelle I Anzahl der Sterbefälle zwischen 1998 und 2002

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Selbstverletzung bei jungen Frauen und Mädchen - Ritzen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fakultät für Pädagogik)
Veranstaltung
Jung und auffällig
Note
1.7
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V31765
ISBN (eBook)
9783638326711
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Seminararbeit ist eine Arbeit, welche sich auf das Buch "Selbstverletzung bei jungen frauen und Mädchen" von Kristin Teuber (1999) stützt. Zusätzlich sind andere Quellen und Stoff für kritische Diskussionen eingebaut. Das Thema wird sehr ernst genommen und beinhaltet auch Ansätze zur Therapie von sich selbstverletzenden Mädchen. Diese Krankheit ist ein Teil des Borderline-Syndroms, welches hier auch vorgestellt werden soll.
Schlagworte
Selbstverletzung, Frauen, Mädchen, Ritzen, Jung
Arbeit zitieren
Andrea Schulze (Autor), 2004, Selbstverletzung bei jungen Frauen und Mädchen - Ritzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31765

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Titel: Selbstverletzung bei jungen Frauen und Mädchen - Ritzen



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