Die Intentionalität bei Husserl und Sartre. Ein Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Konzepts bei den Philosophen


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Intentionalität vor Husserl

3. Intentionalität bei Husserl

4. Intentionalität bei Sartre

5. Kritische Bewertung der Entwicklung der Intentionalität von Husserl zu Sartre

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird die Theorie der Intentionalität bei Husserl und Sartre untersucht. Es wird aufgezeigt, dass Sartre, obwohl er das Konzept der Intentionalität von Husserl übernommen hat, dieses wesentlich verändert hat. Ziel der Arbeit ist es, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den beiden Theorien herauszuarbeiten und die Entwicklung von Husserl zu Sartre zu bewerten. Dabei vertrete ich die These, dass die Intentionalität – so wie Sartre sie umgedeutet hat- die Grundlage für seine Philosophie insbesondere für seine Freiheitstheorie bildet.

Zunächst wird der Begriff der Intentionalität als zentraler Begriff der Phänomenologie inhaltlich und geschichtsphilosophisch behandelt. Hier wird das gemeinsame Fundament in der Auffassung der Intentionalität bei beiden Philosophen deutlich. Als Nächstes werden die husserlschen Spezifika der Intentionalität erörtert. Das sind in erster Linie die Konstitutionsrichtung der Intentionalität, die Rolle der Zeit und die Immanenz des Ego. Der darauffolgende Abschnitt beschäftigt sich mit der Stellungnahme Sartres zu diesen Fragen und mit seiner neuen Konzeption der Intentionalität. Insbesondere geht es darum, dass Sartre die Konstitutionsrichtung der Intentionalität umdreht und das Ego aus dem Bewusstsein verbannt. Ich untersuche nicht nur seine Gründe für diese Auffassung, sondern auch seine Beweggründe und arbeite heraus, dass er diese Konzeption für seine Freiheitstheorie „braucht“. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Bewertung der Entwicklung von Husserl zu Sartre.

Die Methode oder die Philosophie der Phänomenologie wird in dieser Arbeit nicht erläutert. Es wird vorausgesetzt, dass ihre Ansätze weitestgehend bekannt sind. Darüber hinaus wird hier von einer Diskussion über die Definition mancher Begriffe –insbesondere der phänomenologischen- abgesehen. Dies würde sonst den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Das gilt beispielsweise für die „gängigen“ Begriffe der Epoché, Reduktion, Einklammerung, Leiblichkeit, In-der-Welt-sein etc.

2. Die Intentionalität vor Husserl

„Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches. Und somit können wir die psychischen Phänomene definieren, indem wir sagen, sie seien solche Phänomene, welche intentional einen Gegenstand in sich enthalten.“[1]

Diese berühmte Textpassage von Franz Brentano wird wohl als die Wiedergeburt der Intentionalität in der Psychologie und Philosophie angesehen. Wie Brentano in diesem Text selbst erwähnt, war der Begriff der Intentionalität bei den Scholastikern bereits bekannt. In der Tat waren Begriffe wie „intentio“ „intentionalitas“ oder „intentionale“ bei den Scholastikern gebräuchlich. Thomas von Aquin spricht z.B. vom „est intentionale“ im Vergleich zum „esse reale“.[2] Natürlich blieben aber die Bedeutung und die Tragweite dieses Gebrauchs hinter der modernen Auffassung von „Intentionalität“ weit zurück. Das „est intentionale“ wird z.B. nicht als unausweichliche, inhärente Eigenschaft eines Bewusstseins, sondern als bewusste oder aktive Handlung eines Subjektes verstanden.

Ein paar Zeilen nach der Textpassage verweist Brentano auch auf Aristoteles, der die Gegenstandsbezogenheit vom Psychischen angedacht hat.[3]

Husserl wird später den Beitrag von Descartes zur Intentionalität als „höchst bedeutsames, aber ganz unentwickeltes Moment“ hervorheben. „…die Intentionalität, die das Wesen des egologischen Lebens ausmacht. Ein anderes Wort dafür ist „cogitatio“, z.B. das erfahrend, denkend, fühlend, wollend etwas Bewußthaben usw.; denn jede cogitatio hat ihr cogitatum“.[4]

Der Begriff der Intentionalität hat also vor Brentano mehrere Väter und Urväter (auch Platon und Spinoza können in der langen Reihe genannt werden).[5] Für die moderne Philosophie ist es wesentlich, dass Brentano, bei der Wiedereinführung des Begriffs, die Intentionalität so definiert, wie Husserl und seine Nachfolger sie später auch verstehen: nämlich als charakteristische Eigenschaft der Psychischen Phänomene und des Bewusstseins. Brentano betonte bereits, dass es sich dabei um die Eigenschaft, ja das Vermögen des Bewusstseins und der psychischen Akte und nicht um eine wie auch immer geartete Beziehung oder einen „Link“ zwischen Bewusstsein und Gegenstand handelt. Diese Eigenschaft wohnt dem Bewusstsein sozusagen inne. Dies erklärt die eigenartige Wortwahl der „intentionalen Inexistenz“ („Inexistenz“ im Sinne von In-Existenz“, im Bewusstsein existierend, innewohnend), die Brentano später wohl bedauert hat (es gibt allerdings andere, teilweise konträre Deutungen dieses Begriffs). Der intendierte Gegenstand braucht ausserdem nach Brentano nicht real zu sein, er könnte nicht mehr oder niemals existieren (der längst verstorbene Sokrates, viereckige Kreise oder rote Symphonien). In dieser Hinsicht würde sein späterer Schüler Husserl mit ihm übereinzustimmen.

Betrachtet man die aktuelle kontroverse Diskussion um den neurobiologischen Reduktionismus, den Physikalismus oder den Naturalismus, so gewinnt die Konzeption Brentanos auch in methodischer Hinsicht an Bedeutung. In der obigen Textpassage führt er ein klares Abgrenzungskriterium zwischen psychischen und physischen Phänomenen ein: Die Intentionalität ist eine hinreichende und notwendige Bedingung für psychische Phänomene. Umgekehrt sind physische Phänomene dadurch gekennzeichnet, dass sie keine Intentionalität kennen (dieses Abgrenzungskriterium wird heute mehr im Aspekt der „erste-Person-Perspektive“ gesehen, wohl auch deshalb, weil dieser Aspekt umfassender ist.

Neben diesen grundsätzlichen Gemeinsamkeiten gibt es zwei Punkte in der Theorie Brentanos, die Husserl später kritisieren wird. Erstens scheint Brentano den intendierten Gegenstand als immanenten Bewusstseinsinhalt zu betrachten. Eine Ansicht, der Husserl niemals zustimmen würde, weil er gerade in der Intentionalität den Schlüssel dafür sah, wie das Bewusstsein sich selbst transzendieren würde, um zu den Dingen in der Welt zu kommen. Zweitens schrieb Brentano die Intentionalität allen mentalen Phänomenen zu. Husserl wird später psychische Akte identifizieren, die seiner Meinung nach nicht intentional sind (z.B. Empfindungen, Stimmungen wie Lethargie, etc.).

3. Intentionalität bei Husserl

Husserls Projekt der Phänomenologie trägt zweifelsohne kantische Züge. Er will die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und Bewusstsein untersuchen. Im Rahmen einer „Phänomenologie der Erkenntnis“[6], die auf die „Wesensstrukturen der „ reinen“ Erlebnisse“[7] gerichtet ist, will er die „ reinen Erkenntnisformen und Gesetze“[8] aufdecken. Ihm geht es um die „Idee der Erkenntnis nach ihren konstitutiven Elementen“[9]. Diese „Theorie der Theorien“ verzichtet dabei auf jegliche Annahmen und Prämissen aus den (empirischen) „Realwissenschaften“ (insbesondere der Psychologie), der Physik und der Metaphysik.

Mit diesem letzten Punkt, der metaphysischen Voraussetzungslosigkeit grenzt sich Husserl insbesondere von Kant ab, der in seinen Untersuchungen metaphysisch vorgeht (ja sogar versuchte die auf dem „Kampfplatz“ geschundene Metaphysik zu retten) und dem Bewusstsein kategoriale Substrukturen unterstellt.

Was für eine Rolle spielt nun die Intentionalität? Um das zu verstehen, muss man den Kontext der Bewusstseinstheorien zur Zeit Husserls noch mal Revue passieren lassen.[10]

Zum einen gibt es objektivistische Theorien, die das Objekt ausserhalb des Bewusstseins in den Vordergrund stellen. Das Primat des Objektes äussert sich in einem kausalen Verhältnis von einem „aktiven“ Objekt, das uns affiziert, zu einem passiven Bewusstsein, das lediglich aufnimmt. Später wird Popper von Kübel- und Scheinwerfertheorien sprechen, so dass dieser Ansatz einer Kübeltheorie entsprechen würde. Die Unzulänglichkeiten dieser Theorie liegen nun auf der Hand: wie können wir Bewusstseinsphänomene erklären, die offensichtlich einem aktiven Bewusstsein zugrundliegen und bei denen eine kausale Beziehung von „aussen“ nach „innen“ gar nicht möglich ist, da das Objekt nicht einmal da draussen existieren könnte.

Zum zweiten gibt es subjektivistische Theorien, die das Subjekt in den Vordergrund stellen. Der Bewusstseinsakt vollzieht sich als immanenter psychischer Akt. Das Objekt muss ausserhalb des Bewusstseins nicht einmal existieren, oder erkennbar sein (wie das Ding an sich bei Kant). Im Extremfall verlagert sich das („intendierte“) Objekt vollständig ins Bewusstsein hinein, so dass wir von einem Idealismus sprechen können.

Zum dritten gibt es repräsentationalistische Theorien, die eine Art Kompromiss zwischen den obigen Theorien bilden. Gemäß dem Repräsentationalistismus bildet das Bewusstsein ein Abbild des realen Objekts als Bewusstseinsinhalt ab. Berühmter Vertreter dieser Theorie ist Descartes, der unsere Cogitationes als Vorstellungen von Gegenständen betrachtete.

Husserl steht nun diesen drei Theorien ablehnend gegenüber. Dabei versucht er seine Gegenargumente nicht metaphysisch, sondern strikt aus der Eigenschaft der Intentionalität des Bewusstseins und der phänomenologischen Analyse herzuleiten. Dies ist durchaus zu erwarten (und in tieferer Analyse zu überprüfen), da Husserl seiner eigenen Vorgabe zufolge, keine metaphysischen Setzungen vorausschicken wollte.

Die Position von Husserl lässt sich durch die folgende Textpassage gut beschreiben:

„Stelle ich Gott oder einen Engel, ein intelligibles Sein an sich oder ein physisches Ding oder ein rundes Viereck usw. vor, so ist dieses hier Genannte und Transzendente eben gemeint, also (nur mit anderem Worte) intentionales Objekt; dabei ist es gleichgültig, ob dieses Objekt existiert, ob es fingiert oder absurd ist. Der Gegenstand ist ein „bloß intentionales“, heißt natürlich nicht: er existiert; jedoch nur in der Intentio (somit als reelles Bestandsstück) oder es existiert darin irgendein Schatten von ihm, sondern es heißt: die Intention, das einen so beschaffenen Gegenstand „Meinen“ existiert, aber nicht der Gegenstand. Existiert andererseits der intentionale Gegenstand, so existiert nicht bloß die Intention, das Meinen, sondern auch das Gemeinte“.[11]

Entgegen einer objektivistischen Theorie führt Husserl Beispiele vor, in welchen das intentionale Objekt nicht existiert, so dass eine kausale Beziehung zwischen einem nicht-existenten Gegenstand und dem Bewusstsein gar nicht entstehen kann. Für Husserl sind Halluzinationen und Phantasien auch intentional. Gegen den Repräsentationalismus zeigt er auf, dass wenn der intentionale Gegenstand existiert, der intentionale Akt sich wirklich auf diesen realen Gegenstand bezieht und nicht auf „irgend einen Schatten von ihm“. Husserl war der Meinung, dass eine Repräsentation mit dem intendierten Objekt nicht identisch sein kann. Während der Repräsentationalismus gar nicht in der Lage ist, die Brücke zwischen Repräsentation und Außenwelt herzustellen, liegt gerade der Vorzug der Intentionalität darin, einen unmittelbaren, vermittlungslosen Zugang zur Aussenwelt anzubieten. Gerade diese Eigenschaft wird Husserl und später den Existenzialisten -angefangen mit Heidegger-, das Tor zur Weltbezogenheit öffnen. Dieser direkte Weltbezug der Intentionalität manifestiert sich in Ansätzen wie „Lebenswelt“ (Husserl) „Dasein als Offenheit für die Welt“, „In-der-Welt-sein“ (Heidegger) oder „das Bewusstsein als Bersten zu den realen Objekten“ (Sartre).

Das Argument Husserls gegen subjektivistische Theorien ist, dass diese Theorien den Unterschied zwischen dem intentionalen Akt und dem intendierten Gegenstand missachten. Diesem Fehler unterliefe auch der Psychologismus wenn er behauptet, dass alles Erkennen auf psychische Phänomene zurückführbar ist. Die Tatsache, dass ein mathematisches Gesetz als wahrer Gegenstand gilt, muss doch unabhängig vom psychischen Akt sein, der es intendiert. Sonst „entstände das Gesetz und verginge nach dem Gesetz – ein offenbarer Widersinn“[12]. Wenn es so wäre, dann könnten wir keine bewusstsein- und erfahrungsunabhängigen, mathematischen Gesetze intendieren. Der Satz des Pythagoras wäre bei jedem Akt bewusstseinimmanent und mit dem psychischen Akt verwoben, so dass er nicht mehr identisch wäre mit dem Bewusstseinsinhalt eines anderen zeitlich versetzten intentionalen Aktes des Satzes von Pythagoras.[13]

[...]


[1] Franz Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunk t. Hamburg, 1973, 124.

[2] Vgl. A. Anzenbacher, Die Intentionalität bei Thomas von Aquin und Edmund Husserl, Wien 1972, 226.

[3] Vgl. Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkt, 125.

[4] Hua VI/84.

[5] Vgl. J. Moreau, The Problem of intentionality and classical thought, international Philosophical Quaterly, 1961, I, 216 und 219.

[6] Hua XIX/27.

[7] Hua XIX/27. „rein“ von mir hervorgehoben.

[8] Hua XIX/27. „rein“ von mir hervorgehoben.

[9] Hua XIX/27.

[10] Vgl. Dan Zahavi: Husserls Phänomenologie, Tübingen, 2009, 12-22.

[11] Hua XIX/439.

[12] Hua XVIII//87.

[13] Hua XVIII/64 - 87.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Intentionalität bei Husserl und Sartre. Ein Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Konzepts bei den Philosophen
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V317683
ISBN (eBook)
9783668167216
ISBN (Buch)
9783668167223
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sartre, Husserl, Intentionalität, Phänomenologie, Präreflexives Cogito, Egologie, Bewußtsein, Existenzialismus, Ego, Immanenz, Transzendenz, Brentano, Reduktionismus, Naturalismus, Physikalismus, Repräsentationalistismus, Objektivismus, Subjektivismus, Intentionalitätsrichtung, Zeit, Ich, Philosophie des Geistes, Philosophy of Mind, Konstitutionsrichtung, Transzendentales Ich, Ich-Pol, Moi, Je, phénomène d’être, être du phénomène, Phänomen des Seins, Sein des Phänomens, Existentialphänomenologie, Das Sein und das Nichts, Transzendenz des Ego, Nichts, Für-sich, An-sich, pour-soi, en-soi, ontologie, Kontingenz, Freiheit, Cogito, Epoché, Reduktion
Arbeit zitieren
Tijani Belkahia (Autor), 2015, Die Intentionalität bei Husserl und Sartre. Ein Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Konzepts bei den Philosophen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317683

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