Persönlicher Brief, Innerer Monolog, Tagebucheintrag und Rezension anhand des Buches "Ins Nordlicht blicken" von Cornelia Franz. Lösung möglicher Prüfungsaufgaben


Prüfungsvorbereitung, 2016
10 Seiten

Leseprobe

1 Persönlicher Brief

Paqqutak Wildhausen begegnet Maalia 2020 kurz am Hafen von Nuuk. Da Maalia zur Arbeit muss, können sich die beiden nicht lange unterhalten. Maalia bittet Paqqu darum, ihr einen langen Brief zu schreiben. Sie will wissen, was er erlebt hat, seit er Grönland 2011 verließ.

Liebe Maalia

Als wir uns vor einer Woche am Hafen von Nuuk nach so vielen Jahren wiederbegegneten, warst Du in Eile. Das Büro der Traditionsbewegung unserer Heimat, in dem Du arbeitest, hatte schon geöffnet und Du warst auf dem Weg zur Arbeit. Ich habe mich natürlich sehr gefreut, Dich mal wieder zu sehen. Nun bist Du mit Angu verheiratet und ihr habt eine Tochter. Avaaruna. Wenn ich mich recht erinnere, heißt sie so. Natürlich hattest Du Recht, als Du damals prophezeitest: „Du kommst wieder.“ Eigentlich hätte ich auch bleiben können. Dann wären vielleicht wir jetzt miteinander verheiratet. Damals, am Hafen, ehe ich in die Styroporkiste stieg, meinte Angu ja: „ Vielleicht habe ich eine Chance, wenn du weg bist.“ Volltreffer. Zu dumm auch, dass ich vor Dir weglief. Eigentlich nicht vor Dir. Denn Du bist für mich immer noch die schönste, seit neuestem vielleicht nur noch die zweitschönste Frau auf der Welt. Und immer noch ziehst Du mich an wie Magnet ein heißes Eisen. Das spürte ich vor 8 Tagen sofort wie einst, wie damals, als wir beide ein Rendezvous bei der Lagerhalle am Hafen hatten. Als Du mich verführtest. Aber damals hatte ich schon die Flucht aus Nuuk im Kopf. Das war der einzige Grund, warum ich Dich von mir stieß. Nicht Du warst der Grund. Vielmehr Grönland, das Immergleiche, die Perspektivenlosigkeit, keine Aussicht auf eine vernünftige Arbeitsstelle, Svens Schuppen, mein alkoholkranker Vater, die trieben mich weg von Dir. Verzeih, dass ich in jener Nacht, als das Nordlicht über uns glühte, nicht zu meinen Gefühlen stehen konnte. Von Anfang an warst Du mir die Liebste. Auch weil Du es schafftest, während der Arbeit beim Krabben-Pulen ohne Bier auszukommen. Und auch, weil Du schön bist. Nicht nur sexy. Aber Du hast mir verziehen. Opfertest sogar Deinen Pullover, um die nach Krabben stinkende Kiste zu säubern, in die ich dann stieg.

Was dann geschah ist schnell beschrieben. Beinahe wäre ich in der Kiste erstickt. Die von Dir, mir und Aqqaluk gebohrten Luftlöcher wurden durch andere Kisten, die um mich und über mich gestapelt wurden, zugestellt. Mit dem Handy versuchte ich nach außen auf meine Situation aufmerksam zu machen. Bewegen konnte ich mich nicht mehr. Grönemeyer fischte mich halb tot aus der Falle. Da er Angst hatte, selbst in Schwierigkeiten zu geraten, wenn dem Kapitän bekannt würde, dass er als Koch auf der Alaska mit Schmugglerware, illegal erworbenen Krabben, nebenverdienstlich sich bereicherte, übergab er mich nicht dem Kapitän. Ich durfte mich in einem Raum verbergen, in dem auch Nahrungsmittel gelagert waren. Aber ein anderer, nämlich Jonathan Querido, ein Philippino, wollte mich verraten. Er entdeckte mich, warf mich zu Boden und wollte mich dem Kapitän vorführen. Ich wehrte mich. Ohne es zu wollen, tötete ich ihn im Zweikampf. Danach schlüpfte ich in seine Kleider und warf ihn in meinen Kleidern, in denen mein Pass steckte, und alles Geld, das ich besaß, über Bord. Im Hamburger Hafen angekommen, fürchtete ich beim Check-Out dann noch entdeckt zu werden. Aber der zuständige Schiffsoffizier winkte mich durch, ohne genau nachzufragen. Völlig mittellos, wusste ich nicht, wie ich das Schachkaffee finden sollte, in dem ich mich mit meinem anonymen Online-Back-Gammon-Spielpartner treffen wollte. Aber der kam nicht, wie sich bald herausstellen sollte. Stattdessen spendierte mir ein Fremder etwas zu essen und zu trinken. Er nahm mich mit nach Hause, da er dachte ich sei homosexuell veranlagt. Bin ich aber nicht, wie Du ja er fahren hast. Völlig erschöpft, todmüde, schlief ich in seinem Bett ein. Gott sei Dank kam es nicht zu Intimitäten. Als Lloyd erfuhr, dass ich erst 17 Jahre alt war und nicht homosexuell, ließ er mich in Ruhe. Trotzdem unterstützte er mich, ließ mich in einem Atelier in seiner Wohnung Steine behauen. Später finanzierte er meine Ausbildung zum Steinmetz in einem Internat. Wahrscheinlich wollte er mich zu dieser Zeit einfach loshaben. Das hatte einen Grund. Er vermutete, dass ich mit Drogen gehandelt hätte, ehe ich zu ihm kam. Aus Versehen tötete er meinen Vater, den er für einen Drogenhändler oder gar Drogenboss hielt.

Mein Vater war, als ich noch bei Lloyd wohnte, auf der Suche nach mir gewesen. Und bestürmte Lloyds Wohnung. Peter Wildhausen glaubte, Lloyd missbrauchte mich sexuell, was aber, wie geschrieben, nicht der Fall war. Mein Vater wollte mich befreien.

In Nuuk war zuvor die Leiche Jonathan Queridios an Land geschwemmt worden, er steckte in meinen Kleidern und man fand dort meinen Pass. Jonathan Querido wurde begraben und alle glaubten, ich sei verstorben.

Mein Vater hatte aber in der Zeitung eine Photographie von mir und Lloyd entdeckt. Das Foto zeigte mich bei der Eröffnungsfeier zu einem Gebäude, zu dem Lloyd, der Architekt von Beruf war, die Baupläne entworfen hatte.

Anfang 2020 wollte ich eigentlich nicht nach Nuuk, vielmehr nach New York reisen. Aber eine Umweltkatastrophe verhinderte dies. Die abgeänderte Reiseroute der Alaska zielte in Richtung Nuuk. Ich buchte nicht um. Unterwegs lernte ich Shary kennen. Du hast sie ja auch kurz gesehen, als wir uns in der letzten Woche am Hafen begegneten. Shary begleitete mich auf der Suche nach meinem Vater. Der war inzwischen tot, was ich nicht wusste. Wir reisten in den Süden, dann wieder in den Norden Grönlands, um ihn zu suchen. Gunnar Kleist, war es, der mich vermittels eines Zeitungsausschnitts über den Tod meines Vaters informierte. Nun werde ich mich der Polizei in Deutschland stellen. Shary und ich, wir haben zusammengefunden.

Lass von dir hören!

Auch wenn ich bald mal wiederkomme, möchte ich wissen, wie es euch geht und auch was Ingvar und die anderen so treiben. Und, ich will Grönländisch nicht ganz verlernen. Schließlich soll es nicht umsonst gewesen sein, dass Aqqaluk mich abschreiben ließ, wenn ich in der Schule was nicht richtig ausdrücken konnte.

In alter Freundschaft grüßt Dich,

Dein Paqqu,

Fast Ex, Ex-Arbeitskollege und Freund fürs ganze Leben

2 Innerer Monolog

Innerer Monolog Pakkutaqs

Unmittelbar vor der Flucht nach Deutschland im Jahre 2011

Soll ich, soll ich nicht? Und Maalia. Die opfert sogar ihren Pullover, damit die Styroporkiste nicht stinkt. Welch ein Liebesdienst an meinem Flucht-Gehäuse. Enge Kiste. Hier ist alles eng. Ich will raus aus der Enge. Ich bin auch ohne Styroporkiste Gefangener. Gefangener der bestehenden Verhältnisse. Ich ersticke in ihnen. Dieser Gestank von Krabben und Fisch. Ich hab die Pulerei in Svens Schuppen einfach satt. Hier geht nichts mehr. Außer Saufen nichts gewesen. Und ich ziehe Maalia, sie ist schön, nicht nur das, sie ist sexy, ich ziehe Maalia vor. Die Pornos bei Ingvar langweilen mich. Maalia…. Neulich, noch einen Moment länger und sie hat mich, Grönland hat mich für immer und ewig. So eine Frau finde ich so schnell nicht mehr. Und sie kann verzeihen. Obwohl ich sie versetzte, zeigt sie mir ihr Verständnis, ihre Liebe. Was wird aus Maalia, wenn ich gehe? Zwei passen nicht in die Styroporkiste. Maalia gefällt‘s auch hier. Zumindest, sie hält das hier aus. Säuft sich nicht voll. Hat auch nicht so einen Vater wie ich. Der gibt sich Tag für Tag die Kante. Was wird aus dem, wenn ich geh‘? Ein Bienenzüchter? Wag‘ ich zu bezweifeln. Der torkelt sich zu Tode, wenn er den Bienen den Honig klauen will. So ein Schwarm, wenn der sticht…Wer rettet Herrn Peter Wildhausen? Der braucht mich doch. Der hat doch Wahnvorstellungen. Diagnose: Honigwahn. Einziges Gegenmittel, Medikament: Bier, verschrieben im Sechserpack. Arzt: Herr Pakkutaq. Ne, so geht‘ s nicht weiter. Ohne mich. Wenn der wieder auf Turkey ist. Ich geh hier vor die Hunde, geh‘ zu Grunde. Und Aqqaluk? Der hat auch ein Auge auf Maalia geworfen. Na klar, die ist die Schönste im ganzen Land. Schätze mal, der bekommt, wenn ich weg bin ne Chance. Aber Maalia sucht eigentlich was anderes. Eigentlich will die mich. Darf mich jetzt nicht kümmern. Sonst bleib‘ ich am Ende noch hier. Grönland ade, scheiden tut weh. Hier ist alles vertraut. Zu vertraut. Was erwartet mich in der Fremde? Großmutter lebt nicht mehr. Bin ich bald Fremder unter Fremden? Einsam? Wie ein Polarfuchs ohne Beute? Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Hellhäutige, welche mit blonden Haaren, die deutschen Frauen…ganz mein Geschmack. In den großen Städten. Und es gibt Bäume. Jede Menge. Muss mir was suchen, um Geld zu verdienen. Der Vorschuss, die 500 Kronen, von Sven wird nicht lange reichen. Was soll aus mir werden? Weiß nicht. Jedenfalls kein Imker, kein Robbenfänger, kein Jäger mit Hundeschlitten. Kein Walfischfänger. Und auch kein Krabbenpuler. Nein, keine Krabben, keine Bienen ein Leben lang. Mal sehen, was der FS 10 Schulabschluss wert ist. Wahrscheinlich so viel wie die Plätzchen von Großmutter, die die Form von Grönland hatten. Trotz Liebesperle, ich will weg von hier. Und vielleicht hilft mir ja Spider fürs erste weiter in der fremden Stadt. Mal seh’n, vielleicht gibt’s das Schachkaffee in Hamburg aber auch gar nicht, oder ich finde es nicht. Deutsch kann ich ja noch, Dänisch auch und Grönländisch. Die vergammelte Bude hier, mein Zuhause? Arg renovierungsbedürftig. Mach mal Peter Wildhausen! Kann nicht schaden. Und meine Droge, das Nordlicht? Wird Dir fehlen, Pakkutaq. Und auch Maalia wird Dir fehlen Pakku. Und auch Aqqaluk wird mir fehlen. Peter Wildhausen wird mir nicht fehlen. Ich aber werde Peter Wildhausen sehr fehlen. Meine Freunde werden mir fehlen. Zu was gibt’s eigentlich ein Handy? Werde alle anrufen. Nähe aus der Ferne. Wieviel Einwohner hat Grönland? Soviel wie Hamburg oder sogar mehr. Auf mich kommt‘ s jedenfalls hier nicht an. Einer mehr oder weniger. Bringen sich ja eh jede Menge um hier. Oder saufen sich zu Tode wie Herr Peter Wildhausen vermutlich demnächst. Wohin treibt es mich? Wohin treibt Grönland in Zukunft? Hat Grönland eine Zukunft? Welche? Habe ich in Grönland eine Zukunft, könnte ich eine haben, welche? Zu viele Fragen, keine Antworten. Soll ich, soll ich nicht? Soll ich‘ s wagen? Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Ist jedenfalls mein Bier. Muss jedenfalls ich entscheiden. Und Anga und Angaju und Signe? Bleiben in Nuuk. Und das Eis schmilzt. Grönland schmilzt mir unter den Füßen weg. Lässt sich‘ s in Nanortalik, Ilulissat, Sisimiut besser leben? Sollte ich eine kleine Flucht wagen anstelle der großen Reise ins Ungewisse?

Grönland ist auch schön. Schön war‘ s in Quinguadalen, schön anzusehen von unten war der Gipfel des Ketil obwohl Peter Wildhausen damals ganz gewaltig einen in der Krone sitzen hatte. Schön glitzert der Sermitsiaq, wenn die Frühjahrssonne auf ihn fällt. Ob Tante Anneliese und Onkel Georg noch leben? Was werden sie sagen, wenn ich bei ihnen unterkommen will? Ich komme, ich komme…

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Persönlicher Brief, Innerer Monolog, Tagebucheintrag und Rezension anhand des Buches "Ins Nordlicht blicken" von Cornelia Franz. Lösung möglicher Prüfungsaufgaben
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V317736
ISBN (eBook)
9783668170100
ISBN (Buch)
9783668170117
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ins Nordlicht blicken, Innerer Monolog, Rezension, Tagebuch, Persönlicher Brief
Arbeit zitieren
Gert Singer (Autor), 2016, Persönlicher Brief, Innerer Monolog, Tagebucheintrag und Rezension anhand des Buches "Ins Nordlicht blicken" von Cornelia Franz. Lösung möglicher Prüfungsaufgaben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317736

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