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Die neue politische Theologie nach Johann Baptist Metz und die kritische Rezeption bei Joseph Ratzinger

Title: Die neue politische Theologie nach Johann Baptist Metz und die kritische Rezeption bei Joseph Ratzinger

Diploma Thesis , 2015 , 96 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Alexander Winter (Author)

Theology - Miscellaneous
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Wäre es so einfach, gäbe es die Konflikte um die Verhältnisbestimmung von Staat und Kirche nicht, von denen schon die Zeugnisse aus dem Urchristentum sprechen. Inwiefern ist Erlösung Privatsache, inwiefern tangiert sie mein Umfeld? Was ist Erlösung eigentlich? Welche Rolle dürfen die Bindungen an Staat und Gesellschaft für einen Menschen spielen? Inwieweit wird das christliche Leben von weltlichen Institutionen, Gesetzen, Ländergrenzen, ethnischen Zugehörigkeiten und so weiter getragen, beeinflusst und bedrängt? Der Streit um das Götzenopferfleisch in der Korinther Gemeinde, der im Paulus-Brief belegt ist, ist nur einer unter vielen um den Bereich Glaube und politische Umwelt, die eine ganze Bandbreite an Fragen aufwerfen. Nicht zuletzt ist dabei zu untersuchen, ob es sich hierbei um einen echten oder lediglich theoretischen Dualismus von Glaube und Welt handelt.

Die Diskussion um die rechte Hermeneutik der biblischen Reich-Gottes-Botschaft hält bis heute an. Sie beginnt beim staatlichen Laizismus und endet bei theologischen Strömungen, die von absoluter politischer Enthaltsamkeit bis zur christlichen Politik reichen. In der Nachkriegszeit fallen besonders die verschiedenen Richtungen der politischen Theologien auf, die das Christ-Sein an der Anteilnahme an den Geschicken der Welt messen. Der eschatologische Erlösungsglaube wird dort stark mit dem weltlichen Handeln verknüpft. Mancherorts wird aus Jesus sogar wieder ein realpolitischer Verheißungsträger gemacht. Die Frage, wie der Christ sich in der Welt zu verhalten hat, wird umso drängender, wiewohl seine wirtschaftliche Existenz durch Ungerechtigkeitsregime bedrängt wird (Lateinamerika – Befreiungstheologie) oder seine Daseinsberechtigung inmitten einer zunehmend unchristlichen Gesellschaft angezweifelt wird und Selbstzweifel am eigenen Glaubensleben aufkommen lassen.

Letzteres ist das Thema des Münsteraner Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz, der 1968 sein Konzept einer neuen politischen Theologie vorstellt. Seine Vorstellung von einem entprivatisierten Christentum, verknüpft mit Kritik an der bürgerlichen Religion, wird ein einflussreicher Bestandteil der theologischen Landschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanum. Die Entfaltung seiner Thesen führt Metz hin zu einer Forderung nach einer anamnetischen Vernunft des Glaubens, deren Orientierungspunkt das Leiden der Anderen sein soll. Die neue politische Theologie ist jedoch nicht unumstritten. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

A. Politische Verantwortung in der Verkündigung Jesu

B. Die neue politische Theologie nach Johann Baptist Metz und die kritische Rezeption bei Joseph Ratzinger

I. Die neue politische Theologie bei Johann Baptist Metz

1. Die neue politische Theologie bei Johann Baptist Metz

a) Lebenslauf, Prägungen und Lehrtätigkeiten

b) Vom Studium bei Rahner zum Entwurf einer politischen Theologie

c) Das Ringen um eine Begriffsfindung: Carl Schmitts politisches Erbe

2. Die neue politische Theologie – eine nachidealistische Theologie

a) Die Theologie in wissenschaftlicher Isolation? Drei Ansätze zur Situation der Theologie in der Neuzeit

b) Die Entwicklung der neuen politischen Theologie als Geschichtstheologie – Subjekttheologische Überlegungen zur Anthropozentrik der Welt

c) Christologie in der neuen politischen Theologie

d) Die Verknüpfung von Religion und Politik

e) Die Wahrheitsfrage – Theoriebildung in der neuen politischen Theologie

3. Die Fehlentwicklungen der Kirche

a) Die Fehlentwicklung zur bürgerlichen Religion

b) Die Fragestellung des Marxismus

c) Die vermeintliche Unschuldigkeit der Kirche: Auschwitz und das Schweigen der Theologie

d) Die Herausforderung der Dritten Welt, das Ende des Eurozentrismus und die Forderung nach einer neuen Hermeneutik

4. Auf dem Weg zu einer neuen politischen Theologie

a) Der „eschatologische Vorbehalt“: Hoffnung an Stelle von Zeitlosigkeit

b) Die „gefährliche Erinnerung“: Gegen eine vermeintliche Zeitlosigkeit der Geschichte und für eine narrative Kultur

c) Anamnetische und kommunikative Vernunft

5. Neubestimmung des kirchlichen Selbstverständnisses

a) Entprivatisierung und Entmythologisierung

b) Schöpferischer Widerstand: Die Kirche als Institution auf der Suche nach einer neuen Identität

II. Joseph Ratzingers kritische Auseinandersetzung mit der neuen politischen Theologie von Johann Baptist Metz

1. Ratzingers Kritik an einer verzeitlichten Eschatologie

a) Von Bonaventura und Joachim von Fiore zu Marx

b) Die Unvereinbarkeit der Befreiungstheologie mit der christlichen Eschatologielehre

2. Ratzingers Vorbehalte gegenüber der neuen politischen Theologie von Johann Baptist Metz

a) Die Entstehung der neuen politischen Theologie aus Ratzingers Sicht: Von Bultmann und Heidegger zum marxistischen Schema

b) Die Verschränkung von entzeitlichter und verzeitlichter Eschatologie

c) Die politische Vereinnahmung der christlichen Hoffnung: Kritik an der neuen politischen Theologie

3. Der Vorschlag einer Politischen Ethik

III. Die Begegnung von Ratzinger und Metz bei der Tagung von Ahaus 1998

1. Die Vermittlung von Zeit und Geschichte und das Autonomiestreben des Menschen

2. Der Stellenwert des Kreuzes in der Theologie bei Ratzinger und Metz

3. Leidensthematik und Gotteskrise

4. Der Ort der Theologie: Das „Elefantengedächtnis“ der Kirche

C. Politische Theologie im Zeitalter der Globalisierung: Ein Ausblick

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht das Konzept der „neuen politischen Theologie“ von Johann Baptist Metz und die daran anschließende kritische Auseinandersetzung durch Joseph Ratzinger, um das Spannungsfeld zwischen christlichem Glauben, historischer Verantwortung und politischem Handeln in der Moderne zu analysieren.

  • Verhältnis von Theologie, Politik und Geschichte bei Metz
  • Kritik an der „bürgerlichen Religion“ und die Rolle der „gefährlichen Erinnerung“
  • Joseph Ratzingers eschatologische Vorbehalte gegen eine Politisierung des Glaubens
  • Der Dialog und die Begegnung beider Theologen im Hinblick auf eine christliche Ethik

Auszug aus dem Buch

A) DIE FEHLENTWICKLUNG ZUR BÜRGERLICHEN RELIGION

Dass Metz zunächst aus der Sicht eines europäischen Theologen schreibt – auch wenn er mit den Jahren den Blick auf die Universalkirche ausweitet – wird besonders deutlich an seiner Kritik des Christentums als „bürgerliche Religion“. Die zunehmende Privatisierungstendenz des christlichen Glaubens habe zu einer einseitigen Lesart des Evangeliums geführt, in der Gott nur den einzelnen Menschen ansprechen wolle und in der der Glaube, wie auch die innere Umkehr, reine Privatsache sei. Die gesellschaftsrelevante Pointe der Reich-Gottes-Botschaft scheint vergessen zu sein. Von Seiten der Theologie sei deshalb eine Entprivatisierung des Glaubens anzustreben. Der Glaube der bürgerlichen Religion sei der Grund dafür gewesen, dass die Christen den Morden in Auschwitz nichts entgegensetzten. Metz` Kritik an der bürgerlichen Religion ist dabei keine rein soziologische, sondern vor allem eine auf theologischen Inhalten basierende Kritik. Sie impliziert insbesondere die Privatisierung des Glaubens sowie den Autoritätenverlust des Bürgers, der sich nicht mehr an Traditionen orientiert.

Als Bürger versteht man das Subjekt Mensch aus neuzeitlicher Sicht, das sich als autonomes Individuum innerhalb einer Gesellschaft versteht. „Bürger“ ist sowohl ein gesellschaftlicher als auch ein politischer Begriff, da sich der Bürger als Träger von Rechten und Pflichten zu seinem eigenen Vorteil am Gemeinwohl beteiligt. Sein Leben sei maßgeblich an der Befriedigung von Bedürfnissen orientiert, so Metz. Der Markt von Angebot und Nachfrage funktioniere nach den Prinzipien des Tauschhandels, wobei traditionelle unverfügbare Werte „für die man buchstäblich nichts bekommt, die „umsonst“ sind, wie Freundlichkeit, Dankbarkeit Aufmerksamkeit für die Toten, Trauer etc.“ nur einen geringen Wert hätten. Hinzu komme, dass der bürgerliche Mensch im Glauben an die Evolution lebe, sodass innerhalb einer zeitlich unendlich langen Geschichtsabfolge alle Geschehnisse wiederholbar und experimentierbar erschienen. Das Problem liege darin, dass das Subjekt zwar autonom und selbstbestimmt leben könne, aber aufgrund seiner Auffassung von Zeitlosigkeit und Beliebigkeit sowie aufgrund seiner rein selbstorientierten Lebensweise seine eigene Existenz beliebig und letztlich wertlos mache. Durch das Streben nach Selbstmaximierung untergrabe der Bürger seine eigene Position.

Zusammenfassung der Kapitel

A. Politische Verantwortung in der Verkündigung Jesu: Das Kapitel reflektiert die politische Dimension der biblischen Verkündigung, insbesondere Jesu Haltung gegenüber weltlichen Ansprüchen.

B. Die neue politische Theologie nach Johann Baptist Metz und die kritische Rezeption bei Joseph Ratzinger: Dieser Hauptteil analysiert die Entstehung und Kernaspekte der politischen Theologie von Metz sowie die grundlegenden theologischen Einwände Joseph Ratzingers.

I. Die neue politische Theologie bei Johann Baptist Metz: Hier wird Metz' Konzept einer nachidealistischen Theologie entfaltet, die Geschichte, Subjektivität und das Gedenken an Leid ins Zentrum rückt.

1. Die neue politische Theologie bei Johann Baptist Metz: Dieses Kapitel widmet sich dem Werdegang von Metz und der Notwendigkeit einer Abkehr von rein transzendentalen Theologien.

2. Die neue politische Theologie – eine nachidealistische Theologie: Es werden die theoretischen Fundamente wie Subjektverständnis, Geschichtlichkeit und das Verhältnis von Religion und Politik erläutert.

3. Die Fehlentwicklungen der Kirche: Metz kritisiert die bürgerliche Religion und stellt die Relevanz der leidvollen Erfahrung (Auschwitz) für die Kirche heraus.

4. Auf dem Weg zu einer neuen politischen Theologie: Der Fokus liegt auf dem eschatologischen Vorbehalt und der Bedeutung der Leidenserinnerung (memoria).

5. Neubestimmung des kirchlichen Selbstverständnisses: Abschließend wird gefordert, dass sich die Kirche entprivatisiert und als Institution kritischer Freiheit neu konstituiert.

II. Joseph Ratzingers kritische Auseinandersetzung mit der neuen politischen Theologie von Johann Baptist Metz: Ratzinger wird als einflussreicher Kritiker porträtiert, der eine Vermischung von Politik und Heil befürchtet.

1. Ratzingers Kritik an einer verzeitlichten Eschatologie: Ratzinger warnt vor geschichtsphilosophischen Entwürfen, die das Reich Gottes politisch erzwingen wollen.

2. Ratzingers Vorbehalte gegenüber der neuen politischen Theologie von Johann Baptist Metz: Die Kritik zielt auf die Gefahr einer ideologischen Instrumentalisierung des Glaubens.

3. Der Vorschlag einer Politischen Ethik: Statt einer politischen Theologie plädiert Ratzinger für eine politische Ethik im Rahmen der kirchlichen Soziallehre.

III. Die Begegnung von Ratzinger und Metz bei der Tagung von Ahaus 1998: Das Kapitel dokumentiert den versöhnlichen Dialog beider Theologen zu zentralen Fragen wie dem Kreuz und der Gotteskrise.

C. Politische Theologie im Zeitalter der Globalisierung: Ein Ausblick: Der Ausblick reflektiert die Relevanz der politischen Theologie in einer globalisierten Weltordnung nach Samuel Huntington.

Schlüsselwörter

Politische Theologie, Johann Baptist Metz, Joseph Ratzinger, Eschatologie, Leidenserinnerung, Memoria, Auschwitz, Politische Ethik, Befreiungstheologie, Gotteskrise, Entprivatisierung, Anamnetische Vernunft, Bürgerliche Religion, Geschichte, Christentum

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert das theologische Programm von Johann Baptist Metz, die „neue politische Theologie“, und stellt diese in einen kritischen Dialog mit der Theologie von Joseph Ratzinger, um das Verhältnis von Glaube und politischer Weltgestaltung zu klären.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Schwerpunkte liegen auf der Eschatologie, dem Umgang der Theologie mit Leiden und Geschichte, der Kritik am bürgerlich-privatisierten Christentum sowie der Notwendigkeit einer christlichen Antwort auf das Leid, symbolisiert durch den Begriff „Auschwitz“.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel ist es, die divergierenden Positionen von Metz und Ratzinger bezüglich der gesellschaftlichen Rolle des Christentums herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie beide Theologen nach einer authentischen christlichen Zeugenschaft in einer säkularen, geschichtsträchtigen Welt suchen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit folgt einer systematisch-theologischen Analyse, die biographische Kontexte, Schriftenanalysen und das methodische Vorgehen der beiden Theologen in einen vergleichenden Diskurs stellt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt die theoretische Grundlegung der politischen Theologie bei Metz, seine spezifische Hermeneutik des Leidens, sowie Ratzingers Einwände, die vor allem die Gefahr einer ideologischen Vermischung von Heil und historischem Fortschritt betonen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Politische Theologie, Eschatologie, Memoria, Leidenserinnerung und das kritische Verhältnis zwischen Kirche und moderner Gesellschaft charakterisieren.

Warum spielt der Begriff „Auschwitz“ eine so zentrale Rolle bei Metz?

Für Metz fungiert „Auschwitz“ als konkrete Chiffre für das unbegreifliche Leiden in der Geschichte, welches die Theologie zwingt, ihre bisherige, oft zu abstrakte oder siegerorientierte Sprache aufzugeben und sich der „gefährlichen Erinnerung“ zuzuwenden.

Wie näherten sich Metz und Ratzinger bei der Tagung von Ahaus an?

Bei der Tagung in Ahaus 1998 fand ein respektvoller, versöhnlicher Dialog statt, in dem beide Theologen ihre Differenzen zwar bestehen ließen, aber eine gemeinsame Basis in der Sorge um die Not des Menschen und die Bedeutung des christlichen Zeugnisses fanden.

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Details

Title
Die neue politische Theologie nach Johann Baptist Metz und die kritische Rezeption bei Joseph Ratzinger
College
University of Augsburg  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Course
Dogmatik
Grade
1,7
Author
Alexander Winter (Author)
Publication Year
2015
Pages
96
Catalog Number
V317777
ISBN (eBook)
9783668168688
ISBN (Book)
9783668168695
Language
German
Tags
Johann Baptist Metz Joseph Ratzinger Politische Theologie Rezeption
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Alexander Winter (Author), 2015, Die neue politische Theologie nach Johann Baptist Metz und die kritische Rezeption bei Joseph Ratzinger, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317777
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