Wie erfolgt der Schriftspracherwerb? "Lesen durch Schreiben" und die "Silbenanalytische Methode" im Vergleich

Die Methoden von Jürgen Reichen und Christa Röber


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lesen durch Schreiben
2.1 Grundidee
2.2 Prinzipien
2.2.1 Lesedidaktisches Prinzip: Lesen durch Schreiben
2.2.2 Lernpsychologisches Prinzip: Selbstgesteuertes Lernen
2.2.3 Schulpädagogisches Prinzip: Werkstattunterricht
2.3 Prinzip der minimalen Hilfe
2.4 Die Anlauttabelle
2.5 Ist die deutsche Orthografie lautgetreu?
2.6 Schwierigkeiten

3. Silbenanalytische Methode
3.1 Grundidee
3.1.1 Die Silbe
3.2 Methode
3.3 Vorteile
3.4 Schwierigkeiten
3.5 Eine gelungene Alternative?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Spätestens seit PISA und IGLU wird die Frage nach den Gründen für die schlechte Rechtschreibung der Kinder in Deutschland immer größer. Die meisten Experten machen für diesen Zustand die ersten Schuljahre, insbesondere den Verlauf des Schriftspracherwerbes, verantwortlich. Es gibt zahlreiche verschiedene Methoden zum Schriftspracherwerb bei Kindern und jede Schule kann sich eine ihrer Meinung nach passende heraussuchen. Genaue Vorschriften gibt es in Deutschland dazu keine. Bei meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf die Methode „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen. Genau diese wird meist für die schlechte Rechtschreibung verantwortlich gemacht. Auch in den Medien taucht sie immer öfter auf. So gab es beispielweise in der Juniausgabe der Zeitschrift Spiegel ein Interview mit dem Grundschulexperten Günter Jansen. Dieser sagt hier, dass die Arbeit mit der Anlauttabelle, wie sie bei „Lesen durch Schreiben“ verwendet wird, nicht funktionieren kann, da circa 4000 Laute mit nur 30 Buchstaben verschriftlicht werden sollen.1 In einem weiteren Bericht der Spiegelausgabe heißt es „Deutschlands Schulanfänger werden auf diese Weise zunächst systematisch zu Rechtschreibanarchisten erzogen - um sie dann mühsam wieder aus der fremdverschuldeten Unfähigkeit zu befreien.“2 Ebenso kam das „Modell- Schriftsprachmoderatoren" von 2005 zu ähnlichen Ergebnissen. Hier wurde die, auf dem System von Reichen basierende „Rechtschreibwerkstatt“, mit der Fibel „Lollipop“ verglichen. Am Ende der zweiten Klasse war der Anteil der rechtschreibschwachen SuS bei der Rechtschreibwerkstatt bei 23,6%, bei Lollipop nur bei 4,3%.3 Trotz allem wird „Lesen durch Schreiben“ immer noch an Schulen durchgeführt. Wie diese Methode funktioniert und wo ihre Schwierigkeiten liegen, werde ich im Folgenden näher beschreiben. Außerdem werde ich noch eine alternative Konzeption vorstellen, die silbenanalytische Methode von Christa Röber.

2. Lesen durch Schreiben

2.1 Grundidee

„Fast jedes Kind kommt neugierig und lernwillig in die Schule. Wenn man es richtig anregt und anleitet, wird es dem eigenen Interesse folgend und dem eigenen Entwicklungstempo gemäss den notwendigen Lernstoff von selbst erarbeiten.“4

Diese Grundidee klingt auf den ersten Blick gut, wirft aber auch einige Schwierigkeiten und Fragen auf. Wie sollen die Kinder selbstständig lernen zu schreiben und zu lesen? Was geschieht mit den Kindern, die nicht neugierig und lernwillig sind oder durch die selbstständige Arbeit überfordert werden?

Lesen durch Schreiben ist eine Extremform des Spracherfahrungsansatzes. Jürgen Reichen, Psychologe und Grundschullehrer in der Schweiz, entwickelte sie bereits in den 70er Jahren. Kernmedium stellt die Anlauttabelle dar. Mit ihrer Hilfe sollen den SuS von Anfang an alle wichtigen Buchstaben zur Verfügung stehen. Dies ermöglicht ein freies Verschriften ohne orthographische Normen, das Lesen soll selbst erlernt, die Phonem-Graphem- Korrespondenz selbst entdeckt werden. Lesen durch Schreiben hat dazu 3 Forderungen an den Unterricht gestellt. Die erste Forderung ist die Individualisierung des Lernens. Kinder lernen am besten, wenn sie selbst experimentieren können und genügend Entfaltungsspielräume haben. Dies bedeutet nicht, dass die Kinder stets alleine lernen müssen. Lernen in der Gemeinschaft ist deshalb die zweite Forderung, da Kinder am besten voneinander und miteinander lernen. „Individualisierendes Lernen heißt nicht Einzelunterricht“5. Die dritte Forderung ist ein gesamtunterrichtliches Lernangebot. Jeder Lernprozess ist mit anderen Lernprozessen verbunden. Deshalb sollte das bereitgestellte Angebot möglichst umfangreich und abwechslungsreich sein.

Die Umsetzung dieser 3 Forderungen soll durch die 3 konstituierenden Prinzipien geschehen.

2.2 Prinzipien

2.2.1 Lesedidaktisches Prinzip: Lesen durch Schreiben

Im Mittelpunkt des Anfangsunterrichts steht die Lautstruktur der Sprache. Das Lesen selbst wird nicht gelehrt, es soll als Begleitprodukt entstehen. Die Kinder lernen zunächst, wie man ein Wort „auflautiert“. Hierzu müssen die SuS zunächst das Wort, das sie schreiben möchten, in seine Lautkette zerlegen. Sie suchen die Laute, die sie hören, in der Anlauttabelle und sollen es dann phonetisch korrekt aufschreiben. Laut Reichen ist „das Auflautieren die eigentlich entscheidende Hürde... Ist diese Hürde genommen, dann fällt einem alles andere in den Schoß.“ 6 Welche enormen Anstrengungen dies von den Kindern jedoch verlangt und welche Fehler hierbei entstehen könnnen, werde ich in Kapitel 2.6 genauer erläutern.

2.2.2 Lernpsychologisches Prinzip: Selbstgesteuertes Lernen

Die Methode besteht zu einem großen Teil aus dem selbstgesteuerten Lernen. Die Kinder entscheiden selbst, was sie schreiben möchten und welchen Schwierigkeitsgrad sie dabei wählen. Auch das Lesen soll selbstgesteuert erlernt werden.

Selbstgesteuertes Lernen ist wesentlich effektiver als das Nachahmungslernen, das meist in den Schulen gelehrt wird. Hier machen die Kinder einfach das nach, was die Lehrperson vorgibt. Dann wird so lange geübt, bis der Stoff auswendig gelernt ist. Bevor die Kinder jedoch in die Schule gehen, lernen sie im Alltag ständig neues, ganz ohne äußere Lernaufträge. Die Dinge, die wir uns selbst beibringen, sind tiefer im Gedächtnis angelegt. Zudem haben die Kinder eine höhere Motivation, wenn sie erkennen, dass sie in der Lage sind, sich Dinge selbst anzueignen.

Dieses Prinzip setzt bei den SuS jedoch ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Selbsteinschätzung und intrinsischer Motivation voraus. Hohe Erwartungen, für ein Kind in diesem Alter. Nicht jeder Schüler profitiert also von dieser Methode. Es besteht die Gefahr, dass die Kinder überfordert werden und ihre Anstrengungen einstellen.

2.2.3 Schulpädagogisches Prinzip: Werkstattunterricht

Werkstattunterricht ist, laut Reichen, eine Unterrichtsform, welche selbstgesteuertes, individualisiertes Lernen am besten ermöglicht. Der Lehrer stellt den SuS Unterrichtsmaterialien bereit. Diese sollten fächerübergreifend sein und unterschiedliche Schwierigkeitsstufen beinhalten. Die Kinder bearbeiten obligatorische und freiwillige Aufgaben, in einem vorher vorgegebenen Zeitrahmen. Sie können frei wählen, wann sie welche Aufgaben behandeln, durch Kontrollmedien ihre Arbeit selbst kontrollieren und durch wechselnde Sozialformen kann man den Unterricht sehr abwechslungsreich gestalten. Da die Kinder in ihrem eigenen Tempo und Niveau arbeiten können, entsteht wenig Druck. Die Lehrperson soll die SuS hauptsächlich beraten und unterstützen. Der mündliche Unterricht entfällt fast vollständig.

2.3 Prinzip der minimalen Hilfe

Das Prinzip der minimalen Hilfe betrifft das Verhalten der Lehrperson. Es gehört zu den lerntheoretischen Grundlagen. Von dem Lehrenden wird didaktische Zurückhaltung und Bescheidenheit gefordert, er ist „Organisator der Lernbedingungen“7. Die SuS sollen die meiste Zeit selbstständig lernen, Fehler werden in den ersten beiden Jahren nicht korrigiert. Dies könnte den Schreibfluss der Kinder und die Motivation wieder zerstören. Zudem heißt es, dass die Lehrkraft Zeit hätte, sich mit den schwächeren SuS zu beschäftigen, da die mittleren und guten Schüler kaum Hilfe benötigen.

[...]


1 http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/98091072

2 Bredow, Rafaela von und Hackenbroch, Veronika: Die neue Schlechtschreibung. In Spiegel. 2013, Ausgabe 25

3 http://www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/MSM-Zwischenbericht.pdf Seite 96,

4 J.Reichen (1988) : Lesen durch Schreiben. Heft 1. sabe AG. Zürich. 3.Auflage. Seite 6

5 J.Reichen (1988) : Lesen durch Schreiben. Heft 1. sabe AG. Zürich. 3.Auflage. Seite 6

6 J.Reichen (1988) : Lesen durch Schreiben. Heft 1. sabe AG. Zürich. 3.Auflag. Seite 6

7 J. Reichen (1988) : Lesen durch Schreiben. Heft 1. sabe AG. Zürich. 3.Auflage. Seite 37

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie erfolgt der Schriftspracherwerb? "Lesen durch Schreiben" und die "Silbenanalytische Methode" im Vergleich
Untertitel
Die Methoden von Jürgen Reichen und Christa Röber
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Veranstaltung
Schulisches Schreiben
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V317787
ISBN (eBook)
9783668171114
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reichen, Röber, Schriftspracherwerb, Lesen durch Schreiben, Silbenanalytisch
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Wie erfolgt der Schriftspracherwerb? "Lesen durch Schreiben" und die "Silbenanalytische Methode" im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317787

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