Sadismus als soziales Handeln


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sadismus in der Gesellschaft

3. Sadismus als soziales Handeln
3.1 Vampirismus
3.2 Kannibalismus

4. Therapiemöglichkeit

5. Zur sozialen Symbolik

6. Literatur

1. Einleitung

Warte, warte nur ein Weilchen,

bald kommt Haarmann auch zu dir,

mit dem kleinen Hackebeilchen

macht er Leberwurst aus dir,

warte, warte nur ein Weilchen,

bald kommt Haarmann auch zu dir.

(Alfred Döblin 1929)

Zwischen 1918 und 1924 tötete der Hannoveraner Fritz Haarmann 26 Männer, trank ihr Blut und verkaufte sie gerüchteweise als Fleisch.

Fälle wie dieser, von Vampirismus und Kannibalismus, tauchten in den letzten Jahrzehnten immer wieder auf und wurden mit großer Anteilnahme von der Öffentlichkeit verfolgt. Zuletzt gelangte der sogenannte „Kannibale von Rotenburg“ zu einer gewissen Popularität. Dieser hatte über das Internet Kontakt zu seinem Opfer hergestellt, es geschlachtet und anschließend in Stücken verspeist. Obgleich diese Tat an Grausamkeit und Ekelhaftigkeit wohl kaum zu übertreffen ist, verfolgte die Bevölkerung diese Geschichte interessiert und in allen Einzelheiten. Doch woher rührt diese nachhaltige Aufmerksamkeit?

Angeregt durch diese Tat habe ich mich in der vorliegenden Hausarbeit mit dem Phänomen des Sadismus beschäftigt. Ausgehend von der Feststellung, dass sadistische Tendenzen allgegenwärtig in der Gesellschaft vorhanden sind, habe ich mich anschließend mit Formen des Sadismus befasst, die nicht als harmlos, wie zum Beispiel der Sadomasochismus, anzusehen sind. Indem der Sadismus in das soziale Handeln eingreift bekommt er seinen bedrohlichen Charakter. Ich versuche Ursachen und Hintergründe für sadistische Taten aufzuzeigen und anschließend zwei exemplarische Fälle von Vampirismus und Kannibalismus darzustellen. Abschließend habe ich mir die Frage nach der sozialen Symbolik der Taten gestellt. Erklären uns die „Monster“ in der unübersichtlichen Welt, was das Böse ist, oder liegt das Faszinosum der Taten doch in etwas anderem begründet?

2. Sadismus in der Gesellschaft

„... vierundachtzig, fünfundachtzig, sechsundachtzig...“: Der barfüßige Mann im Bademantel zählt mit, während die Frau im engen, seitlich geschlitzten Kleid anscheinend ebenso kraftvoll wie mühelos mit einer langen, geschmeidigen Reitgerte zuschlägt. ... „Jetzt!“. ... Augenblicklich setzen die Peitschenhiebe aus, der Mann in Socken mit dem dicken Penis zieht die Flamme des Bunsenbrenners zur Seite, und der Mann in Jeans und Lederwams drückt blitzschnell der auf der Holzpritsche liegenden Frau das glühende Eisen auf die linke Gesäßbacke. Ein leises Zischen ist zugleich mit einem unterdrückten Schmerzenslaut und dem Klicken eines Fotoapparates zu vernehmen, das der Mann in Straßenkleidung ausgelöst hat. ... Die Frau mit dem frischen Brandzeichen wird losgebunden. Champagner wird gereicht. (Hitzler 1993: 228f)

Der Soziologe Ronald Hitzler gewährt in diesem Auszug einen „Einblick in die kleine Lebenswelt des Algophilen“[1]. Er beschreibt eine Party, auf deren „Höhepunkt“ eine Person mit einem Brandzeichen versehen wird.

In der sadomasochistischen Szene können Individuen ihre Phantasien von der Gesellschaft unbeobachtet ausleben. Die „Ketten der Kultur“ (Sofsky 1996:212) erfordern ein Doppelleben, denn durch die Koppelung von Gewalt und Sexualität wird ein gesellschaftliches Tabuthema tangiert, wodurch die Personen als „psychopathisch, krank, gefährlich und degeneriert“ (Spengler 1979:36) stigmatisiert werden. Aus Moral und Sittlichkeitsempfinden wird eine „Soll-Norm“ für die Gesellschaft formuliert, die als „grenzsetzendes Regulativ“ (Dannecker/Schmidt/Sigusch 1993:6) wirkt und alles nicht dem Richtmaß entsprechende hinter die unsichtbare Demarkationslinie von Sitte und Kultur verbannt. Die Einordnung in die Kategorien „Normal“ oder „Anormal“ geschieht kulturabhängig und ist vergleichsweise beliebig – was sich insbesondere an verschiedenen Formen der Sexualität zeigt. An einem hochstilisierten Bild einer normgerechten Liebeswirklichkeit, wie zum Beispiel der Ehe, werden die Abweichungen gemessen und in den Bereich des Widernatürlichen sortiert.

Im Folgenden soll deutlich werden, dass sexuelle Variationen „nicht allein das Problem einzelner Devianter, einiger weniger ,Perverser‘ und ,Kranker‘“ (Schorsch/Becker 1977:42) sind sondern eine latente Bereitschaft in der Bevölkerung vorhanden ist, sich von dieser Thematik infizieren zu lassen: „Sadismus und Perversionen überhaupt scheinen Möglichkeiten in uns zu sein, zu denen wir fähig sind und die uns deshalb gefährlich nahe sind.“ (Dannecker/Schmidt/Sigusch 1993:33).

Sadismus, benannt nach dem französischen Schriftsteller Marquis de Sade[2], bezeichnet „jedes Verhalten, das auf die Demütigung, die Herabsetzung, das [unter Umständen nur seelische] Quälen eines anderen Menschen abzielt“ (Lexikon zur Soziologie 1995: Sadismus).

Das sogenannte Milgram-Experiment zeigt eindrucksvoll, dass

drei Viertel der Durchschnittsbevölkerung [...] durch eine pseudo-wissenschaftliche Autorität dazu gebracht werden [kann], in bedingungslosem Gehorsam einen ihnen völlig unbekannten, unschuldigen Menschen zu quälen, zu foltern, ja zu liquidieren. (Milgram 2000)

In dieser Forschungssituation, getarnt als ein Gedächtnistest, waren die Versuchspersonen ohne die Androhung von Sanktionen oder Gewalt dazu bereit, den „Schülern“ Elektroschocks zu verabreichen, die in der Wirklichkeit bis zum Tode hätten führen können. Das Bewusstsein über ein sadistische Potential muss nicht vorhanden sein, dennoch scheint diese Art des Handelns, die im Alltag Abscheu oder Irritationen auslöst, ein Teil jeder Persönlichkeit zu sein. Peter Fink spricht diesbezüglich von zwei Kräften, die in jedem Menschen stecken: „Sexualität und Aggressionen.“(Fink 2000:161)

Obwohl beim Milgram-Experiment der erotische Aspekt fehlte, gibt es außerhalb des Labors in der Geschichte genügend Beispiele dafür, dass unter besonderen Umständen sadistisch-erotisches Handeln zum akzeptierten und nichtsanktionierten Verhalten werden kann[3]. Dies ging jedoch immer einher mit einer Legitimation des Handelns durch die Herrschenden – was bei uns gegenwärtig nicht gegeben ist.

Dass die Affinität zur sadistischen Reaktionsweise allgegenwärtig in der Gesellschaft vorhanden ist, und der Sadismus gerade nicht das Fremde und Unvorstellbare ist, lässt sich jedennoch an verschiedenen Exempeln zeigen.

Die Reaktion der Öffentlichkeit auf Sexualstraftäter beinhaltet so zum Beispiel selbst ein sadistisches Gepräge. Indem zunächst mit der Frage „Sieht so ein Sexmonster aus?“ (Der Spiegel 43/2003) eine klare Grenzsetzung zwischen sich und den „Unmenschen“ vollzogen wird, kann anschließend, als „kollektives ,sadistisches Über-Ich“ (Schorsch/Becker 1977:16), der Ruf nach Rache und Todesstrafe gerechtfertigt werden. Doch während hier die sadistischen Triebregungen vornehmlich „im Dienste von Strafe und Vergeltung zur Wiederherstellung der Ordnung und zur Befriedigung des kollektiven Gewissens (Schorsch/Becker 1977:16) zu stehen scheinen, und der Asket der „eigenen Lust“ außer Acht gelassen wird, zielt die Unterhaltungsindustrie und die sadomasochistische Pornographie direkt auf die Kombination der Faktoren Sexualität und Aggression.

In einer sadomasochistischen Beziehung wird durch das ausgelebte erotische Herrschaftsverhältnis auf die „Grenzen und Beschränkungen der erlaubten Sexualität“ hingewiesen, indem die Grenzen der Individualität durchbrochen und eine „schrankenlose Unbedingtheit in der gegenseitigen Hinwendung“ in Form von Auslieferung und Auslöschung der eigenen Person ausgelebt wird (vgl. Dannecker/Schmidt/Sigusch 1993:34). Zur Charakterisierung von Sadismus als sexuelle Deviation werden in der Literatur die zwei Kennzeichen sexuelle Destruktivität und sexualisiertes Herrschaftsverhältnis herangezogen (vgl. Schorsch/Pfäfflin 1994:347).

Es geht also um ein totales Verfügen-Können des Sadisten über den Masochisten, welches sich in einem lustvollen Machtgefälle zwischen Herrscher und Beherrschtem äußert und die Ohnmacht und Selbstaufgabe des Masochisten zum Ziel hat. In subkulturellen Veranstaltungen können diese Neigungen und Wünsche ausgelebt werden. Dort stellen ritualisierte Handlungsformen sicher, dass die Personen aus dem Spiel wieder aussteigen können. In den Rollenspielen zwischen Herr und Sklave geht es auch nicht um den physisch erlebten Schmerz, sondern um die „Kommunikation von Schmerz- oder Erniedrigungs- oder Unterwerfungserlebnissen“ (Spengler 1979:18).

S/M – Konstellationen und –prozeduren haben mithin wenig zu tun mit jener uns allen bekannten banalen Alltagsbrutalität, die zwar sexuelle Komponenten haben kann, keineswegs aber notwendig erotische Aspekte aufweisen muß. (Hitzler 1993: 236)

[...]


[1] Algolanie: sexuelle Lustempfindung beim Erleiden od. Zufügen von Schmerzen (Med.); vgl. Masochismus, Sadismus (Dudenverlag, Fremdwörterlexikon)

[2] Dieser beschrieb im 18. Jahrhundert in seinen Werken detailliert sexuelle Perversionen und Gräueltaten.

[3] Von E. Schorsch werden in diesem Zusammenhang die Inquisition, Sklaverei, Vergewaltigungen im Krieg, faschistische Konzentrationslager und Folter genannt (Schorsch/Becker 1977:45ff).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Sadismus als soziales Handeln
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V31779
ISBN (eBook)
9783638326834
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sadismus, Handeln
Arbeit zitieren
Melanie Füller (Autor), 2004, Sadismus als soziales Handeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31779

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