Der Prometheus-Mythos in der Lyrik von Johann Wolfgang von Goethe und Lord Byron


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mythos
2.1. Der Mythos bei Hesiod
2.2. Der Mythos bei Aischylos
2.3. Der Mythos im Zusammenhang (nach Gustav Schwab)

3. Prometheus von Goethe
3.1. Historische Einbettung
3.2. Entstehung
3.3. Struktur und Aufbau
3.4. Deutung und Bezug zum Mythos

4. Prometheus von Byron
4.1. Historische Einbettung
4.2. Entstehung
4.3. Struktur und Aufbau
4.4. Deutung und Bezug zum Mythos

5. Vergleich der Gedichte
5.1. Struktur und Aufbau
5.2. Bezug zum Mythos und Rolle des Prometheus
5.3. Deutung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Mythos ist laut Brockhaus eine „Erzählung/Sage über Götter, Heroen und Ereignisse aus vorgeschichtl. Zeit und die sich darin ausdrückende Weltdeutung. So verstanden, artikulieren M. die Suche des Menschen nach dem Verständnis seiner selbst und der Welt aus ihren Ursprüngen heraus.“[1]

Die Geschichte von Prometheus ist ein solcher Mythos und damit in den Köpfen vieler Menschen der unterschiedlichsten Kulturen präsent.

Bekannt wurde Prometheus durch Hesiod und Aischylos, die sich in ihren Werken mit ihm und der griechischen Mythologie auseinandersetzen. Seitdem haben sich immer wieder Lyriker und Dramaturgen am Prometheus-Stoff versucht, so dass es unzählige Texte mit diesem Titel oder dieser Thematik gibt.

Mit den lyrischen Texten von Goethe und Byron habe ich mir zwei recht komplexe Bearbeitungen ausgesucht, die beide auf ihre Art schwierig zu analysieren sind: über Goethes Gedicht könnte man eine gesamte Abschlussarbeit schreiben, so dass bei diesem Vergleich zwangsläufig nur ein Bruchteil dessen herausgearbeitet werden kann, was eigentlich möglich wäre, und über Byrons Gedicht gibt es kaum Literatur, so dass man auf wenig zurückgreifen kann.

Es soll aber in dieser Arbeit weniger um die alle Facetten beleuchtende Analyse der Gedichte gehen, sondern eher um die Frage, inwieweit sie im Kontakt mit dem ihnen zugrundeliegenden Mythos stehen und wie die beiden Verfasser damit umgehen.

2. Der Mythos

2.1. Der Mythos bei Hesiod

Ca. 700 v. Chr. schrieb Hesiod die Werke Theogonie und Werke und Tage, die von der Entstehung der Welt, den Göttern und den Menschen handeln[2].

Dort taucht Prometheus als Sohn des Titanen Iapetos und der Okeanostochter Klymene auf. Seine Brüder sind Atlas, Menoitos und Epimetheus. Der Name Prometheus bedeutet „der Vorausdenkende“.

Prometheus wird von Zeus an eine Säule gefesselt, wo ein Adler jeden Tag von seiner Leber frisst, welche stets über Nacht wieder nachwächst. Dieses Schicksal ereilt ihn, weil er beim Treffen der Götter und der Menschen in Mekone die Partei der Menschen ergriffen hat: Er schlachtete einen Stier und teilte ihn in zwei Hälften, wobei die eine das mit Eingeweiden bedeckte gute Fleisch des Tieres enthielt und die andere die mit Fett getarnten Knochen. Zeus sollte wählen, doch er durchschaute Prometheus und wählte absichtlich den minderwertigen Haufen.

Zur Strafe für diesen Betrug enthält Zeus den Menschen das Feuer vor. Prometheus beschafft es jedoch seinerseits und bringt es heimlich zu den Menschen. Daraufhin erschafft Zeus die unheilbringende Jungfrau Pandora, „die Allbeschenkte“, die von allen Göttern eine üble Gabe in einer Box hat, und schickt sie unter die Menschen. Epimetheus, dessen Name „Nachbedacht“ bedeutet, nimmt sie zur Frau, obwohl Prometheus ihm eingeschärft hatte, keine Geschenke von Zeus anzunehmen. Prometheus kann den Menschen dieses Schicksal nicht ersparen, weil er an den Felsen gekettet wird. Herakles befreit ihn später von dem Adler, indem er diesen tötet.

Hesiod, der Zeus sehr verehrte, stellt Prometheus hier als Betrüger und Ursache des Unglücks der Menschen dar, der für sein Leid selbst verantwortlich ist.

„Der Vorausdenkende ist bei Hesiod der Kluge, der Listige, der Verschlagene. All die Eigenschaften, mit denen die Menschen versuchen, sich Vorteile zu verschaffen, das Recht zu umgehen, sind seine, angefangen mit der Bauernschläue.“[3]

2.2. Der Mythos bei Aischylos

Um 460 v. Chr. schrieb (vermutlich) Aischylos eine Prometheus-Trilogie mit den Teilen Der gefesselte Prometheus, Der befreite Prometheus und Der Fackelträger Prometheus.[4] Erhalten ist davon nur noch der erste Teil. Prometheus und seine Taten werden hier weitaus genauer dargestellt als bei Hesiod, da Aischylos sich ausschließlich der Figur Prometheus widmet und Hesiod sich mit der Götterwelt allgemein beschäftigt. Viele Aspekte sind ähnlich, aber es gibt auch einige Abweichungen.

Die Mutter von Prometheus ist hier die Erdgöttin Gaia bzw. Ge oder Themis, die „Vielnamige Mutter“[5], ein Vater wird nicht genannt. Das erste Stück beginnt damit, dass Hephaistos –der Gott des Feuers und der Schmiede- Prometheus am steilen Felsengebirge des Kaukasus ankettet, weil er den Menschen gegen den Willen von Göttervater Zeus das Feuer gebracht hat. Im Stehen und ohne Schlaf soll er diese Tat dort büßen.

Zuvor hat Prometheus Zeus geholfen, dessen Vater Kronos zu stürzen, damit Zeus die Macht über ein neues Göttergeschlecht erhält. Die Menschen wollte er ausrotten, doch Prometheus schützte sie davor. Er lehrte die Menschen „viele neue Handwerkskunst“[6] und brachte ihnen das Feuer, weil er Mitleid mit ihnen hatte. Er lehrte sie die Schrift und die Zahl, die Gestirne und die Unterjochung des Vieh, Heilkunde und Nutzung von Erz, Eisen, Silber und Gold. Kurz: „Prometheus hat sie jede Kunst gelehrt.“[7]

Der Titanensohn kennt eine Weissagung über Zeus, laut der dieser selbst einmal von seinem Sohn vom Thron gestoßen wird. Zeus wird eine Ehe schließen und der Sohn, der dieser Ehe entspringt, wird ihn stürzen. Das ist die einzige Waffe, die Prometheus gegen Zeus in der Hand hat und er hofft, damit irgendwann von den Fesseln befreit zu werden.

Doch weil er das Geheimnis der Weissagung verschweigt, wird Zeus zornig und schickt ihm täglich einen Adler, der von seiner stets über Nacht nachwachsenden Leber frisst. Später schießt der Zeussohn Herakles den Adler ab und der unsterbliche Zentaur Chiron nimmt den Platz von Prometheus am Felsen ein.

Aischylos weicht in seinem Prometheus-Werk vor allem insofern von Hesiod ab, als er Prometheus als Retter der Menschheit darstellt, der diese vor der Willkür des Zeus schützen will und dafür eigenes Leid auf sich nimmt: „Prometheus soll leiden, weil er den Menschen geholfen hat.“[8] „Grund für die Anwaltschaft des Prometheus ist seine Verwandtschaft sowohl mit dem menschlichen als auch mit dem titanischen Geist.“[9]

2.3. Der Mythos im Zusammenhang (nach Gustav Schwab)

Nach der Erschaffung der Welt fehlt ein Wesen mit Geist, das die neue Welt beherrschen könnte. Der Titanensohn Prometheus, dessen Vater Iapetos zu dem von Zeus entthronten alten Göttergeschlecht gehört, erschafft den Menschen nach göttlichem Abbild aus Ton, versieht ihn mit guten und bösen Eigenschaften und lässt ihm von der Göttin Athene „den Atem ihrer Weisheit“[10] einhauchen.

Da die Menschen aber noch nichts wissen, muss Prometheus sich um sie kümmern:

„er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne und wies ihnen die Kunst zu zählen wie auch die Buchstabenschrift. Er zeigte ihnen, wie sie Tiere ins Joch spannen und als Genossen ihrer Arbeit verwenden könnten; er gewöhnte die Rosse an Zügel und Wagen und erfand Nachen und Segel für die Schiffahrt. (...) Prometheus zeigte den Menschen die Mischung milder Heilmittel, um Krankheiten damit zu bekämpfen. Er lehrte sie das Wahrsagen, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferschau. Er führte ihren Blick unter die Erde und ließ sie die Erze, Eisen, Silber und Gold entdecken. In viele Künste des Lebens leitete er sie ein.“[11]

Weil die Götter eine Gegenleistung für den Schutz, den sie den Menschen gewähren, haben wollen, findet in Mekone/Griechenland eine Zusammenkunft der Götter und Menschen statt, bei der Prometheus als Anwalt der Unsterblichen auftritt. Bei diesem Treffen schlachtet Prometheus ein Tier und teilt es in zwei Hälften. Auf der einen Seite versteckt er das gute Fleisch unter den Eingeweiden und auf der anderen Seite die Knochen unter dem Fett. Er lässt Zeus wählen, welchen Teil er möchte. Dieser durchschaut jedoch den Betrug und sinnt auf Rache:

„Dann überdachte der Göttervater, wie er sich an Prometheus rächen könnte, und versagte seinen Lieblingen, den sterblichen Menschen, die letzte Gabe, deren sie zur Gesittung bedurften, das Feuer.“[12]

Prometheus entfacht jedoch eigenhändig einen „langen Stengel des Riesenfenchels“[13] am Sonnenwagen und bringt es den Menschen. Zeus bestraft die Menschen dafür mit der Jungfrau Pandora, „die Allbeschenkte“, die in einer Dose viele Übel für die Menschen bereithält. Prometheus warnt seinen Bruder Epimetheus, keine Geschenke von den Göttern anzunehmen, doch „Epimetheus, uneingedenk der Warnung empfing die schöne Jungfrau mit Freuden und empfand das Übel erst, als es über ihn kam.“[14] Das unbeschwerte und beschützte Leben der Menschen hat so ein Ende.

Prometheus selbst kann seinen Geschöpfen nicht zu Hilfe kommen, denn auch an ihm rächt sich Zeus: Dieser lässt ihn von Hephaistos an den Kaukasus schmieden:

„So mußte Prometheus fortan an der freudlosen Klippe der Berge hängen, aufrecht, schlaflos, niemals imstande, das müde Knie zu beugen.“[15]

Außerdem schickt Zeus ihm dort jeden Tag einen Adler, der von seiner sich stets erneuernden Leber zehrt. Diese zusätzliche Strafe wird ihm auferlegt, weil er Zeus die Weissagung nicht verrät, nach der „dem Götterherrscher durch einen neuen Ehebund Verderben und Untergang bevorstehe.“[16]

Nach vielen tausend Jahren der Qual wird Prometheus schließlich erlöst: Herakles tötet den Adler und der Zentaur Chiron nimmt seinen Platz am Felsen ein, um an seiner statt zu sterben.

Damit Zeus sich rühmen kann, dass sein Feind für immer an den Felsen geschmiedet sei, muss Prometheus einen eisernen Ring mit einem Stein vom Kaukasus tragen.

Im mythischen Hintergrund verkörpert Prometheus bereits verschiedene Rollen, die sich im Laufe der Zeit noch vervielfältigen werden, er hat „die Rolle des Schöpfers und des Rebellen, des Erlösers und Märtyrers, aber auch die des Konstrukteurs oder des Gauklers und Komödianten. Seine Autonomie setzt sich aus Klugheit, Frevel, Täuschung, Duldertum, Menschenliebe, Haß und Gelassenheit zusammen.“[17]

„Prometheus ist jenes Princip der Menschheit, das wir den Geist genannt haben; den zuvor Geistesschwachen gab er Verstand und Bewußtseyn in die Seele.“[18]

Bei Hesiod ist er der Betrüger, Unglücksbringer und Rebell, bei Aischylos ist er der Retter, Beschützer und selbstlose Freund der Menschen und in beiden Fällen ein Feind von Zeus. Außerdem ist er natürlich in beiden Werken der Menschenschöpfer, Kultur- und Feuerbringer. Vor allem mit der Gabe des Feuers, aber auch mit dem Wissen, das er sie lehrt, macht Prometheus die Menschen unabhängig von den Göttern:

„Prometheus befreit die Menschen, indem er sie zum Denken führt. Die Schritte dieser Befreiung sind im Sinne einer Kulturentstehungstheorie gedeutet worden. Wichtiger ist der Grundzug des Geschehens: die Überwindung des menschlichen Leidens durch das Wissen, das Prometheus erschließt.“[19]

[...]


[1] DER BROCKHAUS in fünfzehn Bänden. Neunter Band M-Nar. Leipzig-Mannheim: Brockhaus 1998. S. 450f.

[2] Vgl. Hesiod: Sämtliche Werke. Theogonie, Werke und Tage, Der Schild des Herakles. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Wiesbaden: Dietrich’sche Verlagsbuchhandlung 1947.

[3] Wolfgang Storch: Prometheus. In: Mythos Prometheus. Texte von Hesiod bis René Char. Herausgegeben von Wolfgang Storch und Burghard Damerau. 2. Auflage Leipzig: Reclam 1998. S. 10.

[4] Vgl. dazu Aischylos: Die Danaostöchter. Prometheus. Thebanische Trilogie. Drei Tragödien übertragen und erläutert von Ernst Buschor. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1958. Die Autorschaft der Trilogie gilt nicht als bewiesen.

[5] Aischylos S. 95.

[6] Aischylos S. 97.

[7] Aischylos S. 106.

[8] Storch: S. 11.

[9] Wimmer, Magda: Der lahme Prometheus. Systemtheoretische Analyse eines gesellschaftlichen Zusammenhangs. Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 1997. (= Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 1592). S. 79.

[10] Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Bayreuth: Gondrom Verlag 1974. S. 21.

[11] Schwab S. 22.

[12] Schwab S. 23.

[13] Ebd.

[14] Schwab S. 23.

[15] Schwab S. 24.

[16] Ebd.

[17] Günter Peters in Pankow/Peters (Hg.): Prometheus. S. 31. Zitiert nach: Schmitz-Emans, Monika: Prometheus-Denkbilder bei Walter Benjamin –oder: die Verweigerung einer Definition. In: Lust am Kanon. Denkbilder in Literatur und Unterricht. Hrsg. v. Susanne Knoche, Lennart Koch u. Ralph Köhnen. Frankfurt a. M.: Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 2003. Fußnote 18, S. 15.

[18] Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Einleitung in die Philosophie der Mythologie. Aus der zwanzigsten Vorlesung des zweiten Buches. In: Mythos Prometheus. Texte von Hesiod bis René Char. Herausgegeben von Wolfgang Storch und Burghard Damerau. 2. Auflage Leipzig: Reclam 1998. S. 228.

[19] Bremer, Dieter: Prometheus. Die Formation eines Grundmythologems. In: Prometheus. Mythos der Kultur. S. 38. Zitiert nach: Schmitz-Emans, Monika: Prometheus-Denkbilder bei Walter Benjamin –oder: die Verweigerung einer Definition. In: Lust am Kanon. Denkbilder in Literatur und Unterricht. Hrsg. v. Susanne Knoche, Lennart Koch u. Ralph Köhnen. Frankfurt a. M.: Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 2003. Fußnote 16, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Prometheus-Mythos in der Lyrik von Johann Wolfgang von Goethe und Lord Byron
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Komparatistik)
Veranstaltung
Theorien, Modelle, Methoden: Person und Figur
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V317834
ISBN (eBook)
9783668170735
ISBN (Buch)
9783668170742
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prometheus, Prometheus Mythos, Prometheus Goethe, Prometheus Byron, Prometheus Lyrik, Prometheus Gedichte
Arbeit zitieren
Nikola Schulze (Autor), 2004, Der Prometheus-Mythos in der Lyrik von Johann Wolfgang von Goethe und Lord Byron, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317834

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