Die Möglichkeiten der Psychoanalyse in der Literaturwissenschaft


Essay, 2014

5 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Ein großer Teil der Faszination, die von psychoanalytischen Theorien auch heute noch ausgeht, liegt zweifelsohne in den breit gefächerten Möglichkeiten ihrer Anwendung. Wenn Freud Überlegungen anstellt, „was sich erreichen lie­ße, wenn Kulturhistoriker, Religionspsychologen, Sprachforscher usw. sich da­zu verstehen werden, das ihnen zur Verfíigung gestellte neue Forschungsmittel selbst zu handhaben“[1], wird klar, dass die Psychoanalyse in ihrem Selbst­verständnis schon immer mehr war als ein bloßer therapeutischer Ansatz. Als von besonderer Wechselseitigkeit gepraägt zeigt sich das Verhaältnis der Psycho­analyse zu den Kunsten, insbesondere dasjenige zur Literatur.

Einerseits waren die Werke von Schriftstellern oftmals Studienmaterial und Inspiration, beispielsweise wäre es nicht hinreichend, zu sagen, „Freud habe das Phanomen des (Ödipuskomplexes klinisch beobachtet und erst sekundär auf Dichtung angewendet“[2]. Freuds Kenntnis von Sophokles’ Drama ist viel­mehr als Impulsgeber anzusehen.[3] Auf der anderen Seite die prominente Liste von Bewunderern unter den Autoren - Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Hermann Hesse, um nur einige zu nennen.[4]

Außerdem gab es immer wieder Bemuhungen, das „neue Forschungsmittel“ zur Interpretation von Texten anzuwenden, ein Vorhaben, das zu keinem Zeitpunkt unumstritten war. In den folgenden Überlegungen sollen daher, ausgehend von Freud, die Möglichkeiten und Grenzen psychoanalytischer Methoden in der Li­teraturwissenschaft beleuchtet werden.

Im Dezember 1907 gibt Freud im Salon eines befreundeten Verlegers[5] seine Antwort auf die Frage, woher Autoren ihren Stoff erlangten: aus dem Tag­traum, der Phantasie. Sowohl im kindlichen Spiel, als auch in der Dichtung werden unwirkliche Verhaältnisse erschaffen, die von ihren Schäopfern zwar ernst genommen, aber keinesfalls för echt gehalten werden.[6] Der Tagtraum dient dem Erwachsenen als Ersatz för das Spiel, um den mit diesem verbundenen Lust­gewinn wiederherzustellen.[7] Der Autor geht einen Schritt weiter und bannt seine Phantasie in Textform. Nun wird der Tagtraum, dem, als im wesentli­chen egoistische Vorstellung, allgemeine Ablehnung gewiss ist, vom Dichter oft nicht deckungsgleich zu Papier gebracht, sondern bis zur sozialen Akzeptanz hin abgeandert.[8] Der Leser wiederum empfindet durch die ästhetische Form eines Textes zuerst sogenannte Vorlust, die alsdann Zugang zu tiefgreifende­rem Lustgewinn ermöglicht.[9]

Letztlich griindet fiktionale Literatur fur Freud somit immer auf Wunschvor­stellungen des Autors, selbst wenn diese nach einer Reihe von Verfremdungen nur noch sehr schwer oder auch gar nicht mehr auszumachen sind. Wichtige Transformationsprozesse sind zum Beispiel - bereits aus der „Traumdeutung“ bekannt - Metonymie, Metapher und vor allem die Symbolisierung.[10] Letzt­lich koännen auch die extremsten Abweichungen durch eine luäckenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modelle in Beziehung gesetzt werden“[11]. Hierbei wirkt fragwärdig, inwieweit diese Sichtweise dem Charakter verschiedener Tex­te gerecht wird. Immerhin ist der Gedanke nicht abwegig, dass das bewusst geschaffene literarische Werk durch eine Großzahl anderer, von der Autorpsy­che unabhängigen Faktoren beeinflusst wird.

Wenn Mukaravský die historisch gewachsene Bedeutung der Autorpersonlich- keit als Fehlentwicklung angreift, argumentiert er auf ähnliche Weise. In der 1944 entstandenen Abhandlung „Die Personlichkeit in der Kunst“ wird Lite­ratur, analog zu semiotischen Sprachmodellen, als Zeichen aufgefasst, das der Vermittlung zwischen Autor und Rezipienten dient.[12] Das Werk wird somit be­reits in Hinblick auf den Leser geschaffen und ist nur nachrangig Ausdruck der känstlerischen Gedankenwelt.[13] Zudem ist der Schriftsteller von zahlreichen anderen Faktoren abhängig - okonomischen, sozialen, biographischen.[14] Insbe­sondere von dem, was Mukarovský die „lebendige künstlerische Tradition“[15] nennt, den bestehenden Kunstbegriff, auf den Bezug zu nehmen unumgäanglich ist.[16] Dennoch wird dem Dichter seine Kreativität, seine „Initiativkraft“[17], kei­neswegs abgesprochen; ,,[d]ie Persänlichkeit ist keine Summe von Einflussen,

[...]


[1] Freud, Sigmund: Die Frage der Laienanalyse. URL: http:// gutenberg.spiegel.de/ buch/ 928/7 (Stand: 24. Februar 2014).

[2] Dettmering, Peter: Psychoanalyse als Instrument der Literaturwissenschaft. 2. Auflage. Eschborn bei Frankfurt a.M.: Klotz, 1995, S. 10.

[3] Vgl. ebd., S. 10.

[4] Cremerius, Johannes: Freud und die Dichter. Freiburg i. Br.: Kore, 1995, S. 10.

[5] Vgl. Fuchs, Sabine (2004): Hugo Heller (1870-1823). Buchhändler und Verleger in Wi­en. Eine Monographie. S. 72. URL: http:// www.wienbibliothek.at/ dokumente/ fuchs- sabine.pdf (Stand: 26. Februar 2014).

[6] Vgl. Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren. In: Jannidis, Fotis/ Lauer, Gerhard/ Martinez, Matias/ Winko, Simone (Hrsg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 35f.

[7] Vgl. ebd., S. 35f.

[8] Vgl. ebd., S. 45.

[9] Vgl. ebd., S. 45.

[10] Vgl. Beutin, Wolfgang: Literatur und Psychoanalyse. Ansätze zu einer psychoanalyti­schen Textinterpretation. Dreizehn Aufsätze. München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1972, S. 34.

[11] Ebd., S. 42.

[12] Vgl. Mukaravský, Jan: Die Persönlichkeit in der Kunst. Aus dem Tschechischen von Herbert Grönebaum und Gisela Riff. In: Jannidis, Fotis/ Lauer, Gerhard/ Martinez, Matias/ Winko, Simone (Hrsg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam, 2000, S.72.

[13] Vgl. ebd, S. 68.

[14] Vgl. ebd., S. 78 f.

[15] Ebd., S. 76.

[16] Vgl. ebd., S. 76 f.

[17] Ebd., S. 79.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Die Möglichkeiten der Psychoanalyse in der Literaturwissenschaft
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Slavistik)
Veranstaltung
Das Unbewusste der Texte - Literatur der Psychoanalyse (Begleitübung)
Note
1.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
5
Katalognummer
V317856
ISBN (eBook)
9783668171459
ISBN (Buch)
9783668171466
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mukarovsky, Freud, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Sebastian Kern (Autor:in), 2014, Die Möglichkeiten der Psychoanalyse in der Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317856

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