Friedrich Hölderlins Gedicht "Hälfte des Lebens". Analyse und Interpretation


Hausarbeit, 2011

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse und Interpretation
2.1 Aufbau des Gedichts
2.2 Rhetorische Figuren
2.3 Sprachliche Besonderheiten
2.4 Bildlichkeit
2.5 Das Bewusstsein des Lyrischen-Ichs
2.6 Interpretation

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Folgenden werde ich das Gedicht „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin[1] analysieren und versuchen, einen geeigneten Interpretationsansatz zu finden. Das Gedicht ist 1804 geschrieben und wurde dann in einem Taschenbuch für das Jahr 1805 veröffentlicht. Es fand bereits nach sehr kurzer Zeit einen großen Wirkungskreis und gute Resonanz. Das Gedicht stellt einen Übergang von der Klassik zur Romantik dar und ist nicht gänzlich einer Gattung zuzuschreiben. Theodor Schwab, der einen Sammelband Hölderlins herausgab, sortiert „Hälfte des Lebens“ zu der Zeit des Irrsinns. Friedrich Hölderlin, der zunächst der Weimarer Klassik angehörte, erprobte immer wieder zahlreiche, antike Strophenformen und versuchte diese in der deutschen Sprache zu übernehmen. Ab dem 18. Jahrhundert gab es einen Umbruch in der deutschen Lyrik. Man wendete sich gegen die deutschsprachigen Regelpoetiken (zum Beispiel Martin Opitz „Buch von der deutschen Poeterey“) und die Zeit des Sturm und Drang hielt Einzug. Die Gedichte wurden zunehmend unabhängiger und freier von festen Versmaßen und Metren. Mit Hölderlin, Goethe und Schiller erreichte die Romantik ihre Blütezeit. Es wurde versucht die Ideale der Klassik zu durchbrechen und anstelle dessen, das Phantastische, Unvollkommene zu integrieren.[2] Hölderlin war ein Revolutionär seiner Zeit und diente unter anderem auch Dichtern wie Rainer Maria Rilke als Vorbild.

Er „hinterließ ein variationsreiches lyrisches Oeuvre, das durch seinen rauschhaften und erhabenen Duktus suggestive Wirkung entfaltet: ,Man hat sein Wort als Heilsverkündung hingenommen und als Religionsersatz. In dieser Hinsicht’, urteilt Reich-Ranicki, ‘lässt er sich nur mit einem einzigen Deutschen vergleichen, mit einem der Größten’ – mit Hölderlin“.[3]

In dem, für seine Zeit, recht kurzen Gedicht „Hälfte des Lebens“ wird in äußerster Knappheit eine große Spannbreite von Emotionen eingefangen, wobei die erste Strophe in starkem Kontrast zu der zweiten steht. Bei erster Betrachtung scheint das Gedicht lediglich einer Naturschilderung zu gleichen, erst beim genaueren Hinschauen erschließt sich einem die philosophische und psychologische Tiefgründigkeit. Diese spiegelt sich bereits im Titel „Hälfte des Lebens“ wieder. Es handelt demnach von den einzelnen Lebensabschnitten. Das Gedicht steht alleine zwischen seinen restlichen Werken. In ihm greift Hölderlin keine griechischen Formen und mystischen Elemente auf. Seine kurzen Gedichte sind allerdings keineswegs uninteressant. In ihnen verkörpert er eine zunehmende Persönlichkeit, wie sie in seinem Gesamtwerk nicht zu finden ist.[4]

2. Analyse und Interpretation

2.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufbau des Gedichts

Das Gedicht „Hälfte des Lebens“ besteht aus zwei Strophen und 14 Versen. Wobei jede Strophe davon sieben Verse enthält. Insgesamt setzt es sich aus drei vollständigen Sätzen zusammen. Eine bestimmte Gedichtform liegt hier nicht zu Grunde. Die Silbenzahl variiert von Vers zu Vers. Das zusätzlich fehlende Reimschema lässt auf einen Bezug zur Antike schließen, die Hölderlin immer wieder versuchte in seinen Gedichten anklingen zu lassen.[5] In dem Gedicht ist hauptsächlich der Jambus mit Auftakt vorherrschend, wobei ein regelmäßiger, alternierender Rhythmus, der sich fortwährend durch das Gedicht zieht, nicht zu finden ist. Trotz der Unregelmäßigkeiten wirkt die erste Strophe weder abgehackt noch unterbrochen, vielmehr verlangsamt sich dadurch nur die Lesegeschwindigkeit des Textes. Ganz im Kontrast zur zweiten Strophe, in der eine Regelmäßigkeit noch weniger zu erkennen ist, als in der ersten. Die Daktylen scheinen sporadisch, fast zufällig in dem Gedicht untergekommen zu sein, ziehen sich dennoch wandernd hindurch. Hebungen und Senkungen wechseln sich sehr unregelmäßig ab, weshalb sich der, eigentlich fehlende, Rhythmus unumgänglich auf den Lesefluss auswirkt – Er verlangsamt sich nicht nur, sondern gerät regelrecht ins Stocken. Die Daktylen lassen sich in der ersten, wie auch der zweiten Strophe finden. So zum Beispiel im dritten Vers „[…] Land in den [...]“, im siebten Vers das „[…] heilignüchterne […]“ und im dreizehnten Vers „Klirren die […]“. Wo man in der ersten Strophe noch von einer „gewissen Tendenz zur Dynamik“ sprechen kann, wirkt die zweite Strophe völlig wirr und unbedacht.[6] Gleich zu Beginn dieser setzte Hölderlin einen Spondäus -„Weh mir, […]“. Dieser zweihebige Versfuß veranlasst, dass die ganze Aufmerksamkeit des Lesers zurück auf das Gedicht gelenkt wird, er weckt auf und legt eine bedrohliche Stimmung über die folgenden Verse. Am Ende von Vers zwölf steht eine Zäsur, die für das bedrohliche Ende noch einmal Spannung aufbaut:

„Die Mauern stehn

Sprachlos und Kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.“

In der ersten Strophe des Gedichts überwiegen die weiblichen Kadenzen. Lediglich Vers sechs ist eine männliche. In der zweiten Strophe halten sich männliche- und weibliche Kadenzen beinahe die Waage. Die Verse acht, neun, zehn und zwölf sind männlich, die Verse elf, dreizehn und vierzehn hingegen weiblich. Auch bei der Betrachtung der Kadenzen in Bezug auf beide Strophen ist der Kontrast zwischen den selbigen unübersehbar.[7]

Weiterhin auffällig ist die Übereinstimmung des Titels „Hälfte des Lebens“ mit analogen Wortgruppen im Gedicht, wie „[…] trunken von Küssen“ oder „[…] Schatten der Erde“ – sie stehen allesamt als selbstständige Verse im Gedicht. Besonders auffällig ist der Zusammenhang des Titels zum Schlussvers „Klirren die Fahnen“. Rhythmisch und formal stimmen sie nahezu überein. Dieses fünfsilbige Betonungsmuster wird als Adoneus bezeichnet. Der Adoneus wird hauptsächlich als Verstärkung einer Klage oder eines im Vers innewohnenden Gefühls eingesetzt.[8]

2.2 Rhetorische Figuren

Mit den rhetorischen Figuren werden besondere Verknüpfungen von Wörtern bezeichnet. Sie werden in Wiederholungs-, Kürzungs-, Positions- und in Substitutionsfiguren unterteilt. In dem Gedicht „Hälfte des Lebens“ sind rhetorische Stilmittel recht spärlich zu finden. Die ersten zwei Verse zeigen eine ähnliche syntaktische Struktur. Beide bestehen aus sieben Silben und haben weibliche Kadenzen. Es handelt sich hierbei um eine Form des Parallelismus, dem Parison. Bei dieser Figur muss, im Gegensatz zum Isoklon, nur eine ähnliche Wort- und Silbenzahl vorliegen, beim Isoklon hingegen müssen sie identisch sein. Das Parison zählt zu den Positionsfiguren in der Lyrik. Auffällig ist hier auch die Parallelität von „[…] gelben Birnen […]“ und „[…] wilden Rosen […], wodurch die Sinne verstärkt angesprochen werden.[9] In den Versen fünf und sechs findet man eine Versübergreifende Figur – eine Assonanz. Bei „[…]trunken[…]Tunkt[…]“ gibt es einen auffälligen Gleichklang der Vokale und Konsonanten.[10] Hierdurch wird der Zusammenhang zwischen den einzelnen Versen deutlich hervorgehoben. Auch ein Verstehen der ersten Strophe im Ganzen wird dem Leser so erleichtert.

Den Auftakt zur zweiten Strophe bildet eine Emphase. Emphasen sind starke Gefühlsausdrücke, die entweder dem Sachverhalt nach- oder vorgestellt werden. „Weh mir, […]“ stellt in diesem Zusammenhang also einen vorgestellten Klageschrei dar, eine Exclamatio. Diese verhilft dem Sachverhalt zusätzlichen Ausdruck zu verleihen. Der hierbei vorliegende Spondäus bestärkt die Wirkung zusehends, ebenso wie die rhetorische Frage mit der Wiederholung des Wortes „wo“ (V. 8f.).[11] Weiterhin liegt in den beiden Versen acht und neun eine Form der Alliteration vor. Zwar beginnen nicht aufeinander folgende Wörter mit dem gleichen Anfangslaut, aber die Übereinstimmung des Klangs von „Weh“, „wo“, „wenn“ und „Winter“ (V. 8f.) sind unüberhörbar. In den Zeilen zwölf und dreizehn kann man eine Hyperbel in Form der Amplificatio festmachen, die zugleich als Personifikation dient. Hier beschreibt Hölderlin die Mauern als „Sprachlos und kalt, […]“, was eine starke Vergrößerung des Gefühls der Einsamkeit bewirkt. „Sprachlos“ ist ein Adjektiv, das nur in Bezug auf Menschen zur Anwendung kommt. Dem Wort „Mauer“ kommt noch eine weitere Bedeutung im Sinne der Synekdoche zu. Mit ihr können auch mehrere Häuser bzw. eine ganze Stadt gemeint sein. Die Mauer steht also assoziativ für mehrere Gebäude. Betrachtet man dies aus dem Aspekt der Einsamkeit und Entfremdung vermag es Sinn zu ergeben. Hölderlins Gedicht ist geprägt von zahlreichen Enjambements. In der ersten Strophe überwiegen weitgehend glatte Enjambements, in der zweiten Strophe werden die einzelnen Syntagmen allerdings so abrupt zertrennt, dass eine gewisse Virtuosität erzeugt wird – in diesem Fall spricht man von harten Enjambements, wie in Vers neun und zehn:

[...]


[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hälfte_des_Lebens

[2] Becker, Sabine; Hummel, Christine und Sander, Gabriele: Grundkurs Literaturwissenschaft. Stuttgart: Reclam 2006, S. 85-87.

[3] Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Rainer Maria Rilke. Und ist ein Fest geworden. 33 Gedichte mit Interpretationen. Frankfurt a.M. 2000. S. 11. In: Becker, Sabine; Hummel, Christine und Sander, Gabriele: Grundkurs Literaturwissenschaft. Stuttgart: Reclam 2006, S. 89.

[4] Vgl. Schmidt, J. (Hrsg.): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Werke und Briefe. Frankfurt a. M. 1992, S. 320.

[5] Vgl. Becker, Sabine; Hummel, Christine und Sander, Gabriele: Grundkurs Literaturwissenschaft. Stuttgart: Reclam 2006, S. 86.

[6] Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. 2., Auflage. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler 1997, S. 77 ff.

[7] Ebd. S. 59.

[8] Vgl. Menninghaus, Winfried: Hälfte des Lebens. Versuch über Hölderlins Poetik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005, S. 19f.

[9] Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse, S. 137ff.

[10] Becker, Hummel, Sander: Grundkurs Literaturwissenschaft, S. 59.

[11] Ottmers, Clemens: Rhetorik. Stuttgart: Metzler 2007, 180f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Friedrich Hölderlins Gedicht "Hälfte des Lebens". Analyse und Interpretation
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Gedichtanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V317878
ISBN (eBook)
9783668175495
ISBN (Buch)
9783668175501
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedrich, hölderlins, gedicht, hälfte, lebens, analyse, interpretation
Arbeit zitieren
Lorella Joschko (Autor), 2011, Friedrich Hölderlins Gedicht "Hälfte des Lebens". Analyse und Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317878

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