Die Türkisierung und Islamisierung Anatoliens in den Quellen des ersten und dritten Kreuzzugs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 1

2. Kreuzzüge und Anatolien im historischen Kontext ... 3

3. Ansatz zur Erklärung des Phänomens ... 7

4. Quellenanalyse ... 10
4.1. Analyse der Quellen zum ersten Kreuzzug ... 11
4.2. Analyse der Quellen zum dritten Kreuzzug ... 15
4.2.1. Die Pilgerfahrt Henrichs des Löwen ... 15
4.2.2. Der dritte Kreuzzug ... 16

5. Schlussbetrachtung ... 19

6. Literaturverzeichnis ... 21

1. Einleitung

Die im 11. Jahrhundert einsetzende Türkisierung und Islamisierung Anatoliens ist ein bis heute nicht vollständig geklärtes Phänomen. Erst im Laufe des 20. Jh. nahm sich die Wissenschaft dieser Frage an, beschleunigt durch die Entstehung einer Historik in der modernen Türkei.1 Diese kulturelle und religiöse Wandlung Kleinasiens ist zu einem maßgeblichen Teil auf die Staatsgründung eines, der vielen aus Zentralasien nach Anatolien eingewanderten türkmenischen2 Stämme zurückzuführen: Die anatolischen Seldschuken (Rumseldschuken). Die einfachste Erklärung hierfür wäre eine zahlenmäßig so starke Migration turkmenischer Stämme in den anatolischen Raum, welche die autochthone Bevölkerung in die Rolle einer Minderheit gebracht und in diesem Raum entsprechend der neuen Bevölkerungsaufteilung eine neue Kultur begründet hätte. Dass die turkmenische Bevölkerung Anatoliens von der Einwanderung erster Stämme im 11. Jahrhundert bis zum Niedergang des Sultanats der Rumseldschuken Anfang des 14. Jahrhundert nicht in der Mehrheit gewesen ist3, steht dieser Annahme entgegen. Ebenso ist es unzureichend die Türkisierung und Islamisierung als zwingenden Folgeprozess der rumseldschukischen Staatsgründung anzusehen — Eroberungen und Staatsgründungen müssen nicht zwangsweise zu einer Assimilierung seitens der staatstragenden Volksgruppe führen:

„Oder aber sie gingen in der Masse der von ihnen Unterworfenen auf, gaben dem neuentstandenen Mischvolk vielleicht ihren Namen wie die Bulgaren oder die Madjaren, erlagen jedoch völlig den Lebensformen der von ihnen überrannten und ausgeplünderten Landschaften.“4

Die schwierige Antwort liegt in einer multikausalen Erklärung aus unterschiedlichen Faktoren und Aspekten. Große Vorarbeit diesbezüglich leistete Claude Cahen, auf dessen Erklärungsansatz noch eingegangen wird.5 Das eigentliche Problem bei der Untersuchung der Frage ist die mangelhafte Quellenlage. Es fehlt in dieser Umbruchhaften Zeit an der Vorraussetzungen für ein breites Schrifttum: Staatlichkeit. Seldschukische Chroniken, die den Zeitraum der türkmenischen Landnahme in Anatolien behandeln, entstehen erst im 13. Jahrhundert. Frühere nicht-seldschukische Schriftquellen sind Chroniken der indigenen christlichen Bevölkerung Anatoliens: Die Chroniken der Byzantiner und die meist von Geistlichen verfassten armenischen und syrischen Werke. Eine weitere Gruppe Quellen bilden die Kreuzzugshistoriographien. Das Hauptaugenmerk der Letzteren richtet sich selbstverständlich auf das Ziel der Kreuzzüge: das „Heilige Land“, Palästina und die Levanteküste. Doch die Auseinandersetzungen und Begegnungen der Anatolien durchquerenden Kreuzfahrer mit den Türkmenen geben in mancher Hinsicht wichtige Hinweise. All diese perspektivisch sehr unterschiedlichen Quellen dienen dazu, die Epoche zu rekonstruieren, wobei vieles nicht einwandfrei belegt werden kann. Es ist nicht zu erwarten, dass den bereits bearbeiteten Quellen gänzlich neue Faktoren zur Erklärung des Phänomens entnommen werden können. Vielmehr soll diese Arbeit anhand ausgewählter Kreuzzugsquellen untersuchen, inwieweit die bereits vorhandenen Erklärungen bestätigt oder ergänzt werden können. Welche kontextrelevanten Hinweise und Erkenntnisse geben die Kreuzzugshistoriographien? Da die Türkisierung und Islamisierung Anatoliens als ein Prozess zu verstehen ist, bietet es sich an, Quellen verschiedener Kreuzzüge zu bearbeiten, um den Fortschritt des Prozesses aufzuzeigen. Von den insgesamt sieben Kreuzzügen sind nicht alle von Relevanz. Nur die ersten drei Kreuzzüge durchquerten Anatolien und kamen mit den anatolischen Türkmenen in Kontakt, während die Kreuzzüge fünf bis sieben über den Seeweg nach Palästina gelangten.6 Der zweite Kreuzzug (1147-1149) war jedoch ein erfolgloses Unternehmen und wurde bei seinem Versuch Anatolien zu durchqueren, von den anatolischen Seldschuken zerschlagen. Deshalb stehen der erste (1096-1099) und der dritte Kreuzzug (1189-1192) im Fokus dieser Arbeit. Insgesamt vier Quellen werden zur Analyse herangezogen — je zwei vom ersten und vom dritten Kreuzzug: Die Geschichte des ersten Kreuzzugs von Albert von Aachen7 und die Gesta Francorum eines anonymen Chronisten8 zum ersten Kreuzzug, sowie die Chronik des Arnolds von Lübeck9 und die Geschichte des Feldzugs Kaiser Friedrichs des österreichischen Klerikers Ansbert10 zum dritten Kreuzzug. Mit Ausnahme der Chronik Arnolds von Lübeck sind es die bedeutendsten Quellen zum jeweiligen Kreuzzug. Die Chronik Arnolds von Lübeck wurde herangezogen, da sie neben dem dritten Kreuzzug auch die Pilgerfahrt Heinrichs des Löwen (1170-1172) behandelt, was eine außergewöhnliche Begegnung mit den anatolischen Seldschuken darstellt.

Zur Orientierung wird anfangs ein kurzer Überblick über die Epoche, in der sich die Studie bewegt gegeben. Darauffolgend wird die Erklärung des Phänomens skizziert mit Hinblick auf Aspekte, welche für die Analyse der Kreuzzugsquellen relevant sind. Anschließend werden Quellen und Vorgehensweise kurz näher vorgesellt, um zur eingehenden Analyse überzugehen. Bei der Quellenanalyse wurde nach auffindbaren kontextrelevanten Hinweisen gesucht, die im Rahmen des Erklärungsansatzes Faktoren bestätigen oder ergänzen. Da ausnahmslos mit christlichen Quellen gearbeitet wurde, werden die historischen Daten gemäß dem Gregorianischen Kalender der christlichen Ära wiedergegeben. Die wissenschaftliche Umschrift erfolgt nach dem System der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.

2. Kreuzzüge und Anatolien im historischen Kontext

Der türkmenische Stammesverband der Seldschuken, aus Zentralasien kommend und schon im 10. Jh. islamisiert, eroberte im Laufe des 11. Jh. ein riesiges Herrschaftsgebiet. Dieses Reich, genannt das Reich der Großseldschuken, erstreckte sich vom Aralsee bis zum Persischen Golf und von der heutigen Ostgrenze des Irans bis nach Palästina und Ostanatolien. Für die Einwanderung türkmenischer Stämme ins byzantinische Anatolien spielte die Politik des großseldschukischen Herrscherhauses eine maßgebliche Rolle. Die anhaltende Migration türkmenischer Stämme aus Zentralasien wurde, wegen deren Neigung zu Krieg und Raubzügen, von den Großseldschuken als Störfaktor für die eigene Herrschaftsordnung angesehen und deshalb in die peripheren Regionen des Reiches abgeleitet, u.a. nach Ostanatolien.11 Anfangs nur vereinzelt, nahm die Migration im letzten Viertel des 11. Jahrhunderts zu. Die Folge dieser Entwicklung war die Destabilisierung der östlichen Gebiete des byzantinischen Reiches, begünstigt durch die Schlacht bei Manzikert/Malazgirt 1071 n. Chr., in der die Großseldschuken die byzantinischen Streitkräfte aufrieben. Es bildeten sich erste türkmenische Lokalherrschaften und es folgten immer tiefer ins byzantinische Gebiet bzw. nach Westanatolien gehende Wanderungen und Raubzüge türkmenischer Stämme. Es war Praxis des großseldschukischen Herrscherhauses in den peripheren Gebieten seines Reiches Verwandte als untergeordnete Gouverneure einzusetzen.12 Der auf diese Weise eingesetzte Gouverneur für Anatolien Sulaiman ibn Qutulmus, ein Vetter des großseldschukischen Sultans Alp Arslan, brachte einen Großteils Anatoliens unter seine Kontrolle und versuchte sich vom großseldschukischen Reich selbstständig zu machen. Nach seinem Tod 1086 stellten die Großseldschuken zwar ihren Machtanspruch wieder her, doch der fortschreitendende Zerfall ihres Reiches um die Jahrhundertwende des 11./12.Jahrhunderts, ermöglichte es den türkmenischen Fürsten Anatoliens, sich vom großseldschukischen Einfluss zu befreien.13 Sein Sohn Qilig Arslan I. restaurierte und behauptete die Herrschaft der Rumseldschuken gegen Byzanz und andere türkmenische Emirate, wurde jedoch vom ersten Kreuzzug gezwungen, seine Residenz ins Landesinnere zu verlegen. Die Nachfolger Maliksah I. und Masud festigten die neue Hauptstadt Konya und erweiterten das Herrschaftsgebiet auf Kosten der anderen türkmenischen Kleinstaaten. Der Name der Seldschuken ging auf die anatolischen Seldschuken über und der Titel des Sultans wurde übernommen. Sultan Masud vernichtete zudem den zweiten Kreuzzug. Sein Sohn Qilig Arslan II. brachte den Byzantinern 1176 eine vernichtende Niederlage bei und vernichtete den ärgsten Konkurrenten unter den türkmenischen Fürstentümern Kleinasiens, die Danismandiden. Hiermit waren die Bedrohungen für das Sultanat der Rumseldschuken beseitigt. Den Zenit der Macht erreichte das Sultanat der Rumseldschuken unter Sultan ‘Ala ’al-Din Kai Qubad (1220-1237) und verschwand in Folge der mongolischen Invasion zu Beginn des 14. Jahrhunderts.

[...]


[1] Vgl. Martin Strohmeier, Seldschukische Geschichte und türkmenische Geschichtswissenschaft. Die Seldschuken im Urteil moderner Historiker, Berlin 1984, S.22-28.

[2] Zum Terminus „Türkmenen“ siehe Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, 3.Aufl., Darmstadt 1996, S.15.

[3] Vgl. Ebd. S.21.

[4] Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städte in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071-1922, München 1972, S.134.

[5] Vgl. Claude Cahen, Pre-Ottoman Turkey. A general survey of the material and spiritual culture and hlstory c.1071-1330, London 1968.

[6] Der vierte Kreuzzug bildet eine Ausnahme, da er gegen Konstantinopel geführt wurde.

[7] Albertvon Aachen, Die Geschichte des ersten Kreuzzugs, übers, u. eingel. v. Herman Hefele, 2 Bde., Jena 1923, im folgenden als „Albert von Aachen“ zitiert.

[8] Anonymi gesta Francorum etAliorum Hierosolymitanorum, hg. v. Heinrich Hagenmeyer, Heidelberg 1890, im folgenden als „Gesta Francorum“ zitiert.

[9] Die Chronik Arnolds von Lübeck, 3. Aufl., Übersetzung v. J.C.M. Laurent, W. Wittenbach, Leipzig 1940, im folgenden als „Arnold von Lübeck“ zitiert.

[10] Der Kreuzzug Friedrich Barbarossas 1187-1190. Berichteines Augenzeugen, Eingeleitet, übersetztund kommentiert von Arnold Bühler, Stuttgart 2002, im folgenden als „Ansbertus Austriensis“ zitiert.

[11] Vgl. The Cambridge History of Islam, hg. v. P.M. Holt/Ann K. S. Lambton/Bernard Lewis, Bd.1, The Central Islamic Lands, London 1970, S.232.

[12] Vgl. Tamara Talbot Rice, Die Seldschuken, Köln 1963, S.31.

[13] Vgl. Stefan Heidemann, Die Renaissance der Städte in Nordsyrien und Nordmesopotamien: Städtische Entwicklung und wirtschaftliche Bedingungen in ar-Raqqa und Harrän von der Zeit der beduinischen Vorherrschaft (11 .Jh.) bis zu den Seldschuken (12.Jh.),Leiden u.a. 2002, S.175-177.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Türkisierung und Islamisierung Anatoliens in den Quellen des ersten und dritten Kreuzzugs
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar "Islamisierung und Türkisierung Anatoliens"
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V317898
ISBN (eBook)
9783668171589
ISBN (Buch)
9783668171596
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anatolien, Türkei, Seldschuken, Claude Cahen
Arbeit zitieren
Peter Weiß (Autor), 2004, Die Türkisierung und Islamisierung Anatoliens in den Quellen des ersten und dritten Kreuzzugs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317898

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