Die Naturvorstellung in den Gedichten von William Wordsworth


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Wordsworth und das Zeitalter der Romantik

2. Der Einfluß der Natur auf den Menschen
2.1. Die Ebene der Regeneration
2.2. Die Ebene des Unbewußten
2.3. Die Ebene der Reflexion
2.4. Die Ebene des Transzendentalen

3. Abschließende Betrachtung: die Philosophie Wordsworths

1. Einleitung: Wordsworth und das Zeitalter der Romantik

Die Natur ist das Herzstück der Gedichte von William Wordsworth: Sie bedeutete für ihn die stärkste Triebfeder lyrischen Schaffens und war für ihn Gottes Offenbarung. Während sich Wordsworth zu Beginn seines Werkes zunächst auf soziale Themen konzentrierte und dabei ein besonderes Augenmerk auf diejenigen richtete, die von den Kriegen Englands gegen die amerikanischen Kolonien und später gegen das napoleonische Frankreich am schwersten getroffen waren, vollzog sich im Jahr 1798 ein Wandel in Wordsworths Weltbild. Dieser Umbruch wird allgemein auf die Begegnung mit Samuel Taylor Coleridge zurückgeführt, der auf das weitere Wirken Wordsworths einen großen Einfluß ausübte, während Wordsworths Schwester Dorothy eine wichtige Rolle im emotionalen Leben des Dichters spielte. Wordsworth kam 1789 zu der Überzeugung, daß die Schönheit der Natur nicht etwa durch die Imagination des Betrachters hervorgerufen werden könne, sondern das sie eine Realität sei und die Natur ein Eigenleben besitzt, in das der Mensch als ebenfalls lebendiges Wesen eindringen kann. So vollzog sich auch ein Umschwung im politischen Denken Wordsworths, eine Entwicklung weg vom Glauben an den Willen der Allgemeinheit, wie er in der französischen Revolution postuliert wurde, hin zum Glauben an den Willen Gottes, der sich durch die Natur dem Menschen offenbart. Dementsprechend ist die lebendige Natur von Liebe, Freude und Freiheit durchdrungen, „love“, „joy“ und „freedom“ sind Schlüsselwörter in Wordsworths Gedichten.

Durch die Betonung der Schönheit in der Natur und deren spirituellen Charakters gilt Wordsworth neben Coleridge als einer der ersten englischen Romantiker. Allerdings war er nie ein reiner „Naturdichter“: Die oberflächlichen Aspekte natürlicher Erscheinungsformen standen kaum im Mittelpunkt seines Interesses – „Landschaft“ wird bei Wordsworth immer zur „mentalen Landschaft“, die die inneren Eindrücke und Emotionen des Betrachters reflektiert.

In dieser Arbeit werde ich die Funktion der Natur in den Gedichten Wordsworths darstellen und dabei einen Schwerpunkt auf philosophische Interpretationsansätze legen. Darüber hinaus werde ich nachweisen, daß Wordsworth kein pantheistischer Dichter war, wie dies in der Forschung des öfteren behauptet wird und in einigen Passagen von Wordsworths Gedichten scheinbar der Fall ist. Denn trotz des hohen Stellenwerts, den Wordsworth der Natur einräumt, ist sie nicht sein eigentliches Ziel – sie ist nur der Weg zu einem transzendenten Gott, der der Natur Leben einhaucht und sie im wörtlichen Sinne „inspiriert“.

2. Der Einfluß der Natur auf den Menschen

Vor 1798, dem Jahr der entscheidenden Begegnung mit Coleridge, war Wordsworth ein Anhänger eines dualistischen Empirismus: Gott existiert auf der einen, die Natur mit wissenschaftlichen Gesetzen auf der anderen Seite. Die Welten von Materie und Geist betrachtete er als streng voneinander getrennt, während der menschliche Verstand dazwischen rangiert.[1]

Zurückzuführen sind Wordsworths philosophische Überzeugungen vor allem auf John Locke, den Begründer des britischen Empirismus, und David Hartley, der zentralen Figur des Assozianismus. Der Assozianismus diente den Empiristen als psychologische Grundlage ihrer philosophischen Doktrin, daß menschliches Wissen allein durch äußere Sinneseindrücke und direkte Erfahrungen zustande kommt. Allerdings lehnen die meisten Empiristen Wissen aus Imagination ebenso ab wie solches aus Bereichen wie Kunst, Moral, Religion oder Metaphysik. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Wordsworth deutlich von den Empiristen, und wie ich noch zeigen werde, entzieht er sich nicht nur an dieser Stelle einer einfachen Einordnung.

Die Annahme, daß der Charakter eines jeden Menschen primär durch Sinneseindrücke geformt wird, findet in den Gedichten von Wordsworth insofern seinen Niederschlag, als daß die Natur auf den Menschen, der in ihr lebt, eine intensiven Einfluß ausübt. Allerdings fällt dieser nicht immer positiv aus: Die Mitwirkung des Menschen, die richtige Einstellung zu seinen Sinneseindrücken und natürlichen Phänomenen betrachtete Wordsworth als zwingend notwendig, wenn der Mensch von der Natur im moralischen Sinne positiv beeinflußt werden sollte.

Mehrere Gedichte Wordsworths untermauern diese These, wie zum Beispiel „Lines left upon a Seat in a Yew-Tree“[2], das von einer Person erzählt, die sich vom allgegenwärtigen Prinzip der Liebe abgewandt hat. Dieser Mensch hat keine „common soul“ (Z. 13) und ist damit von der natürlichen Einheit ausgeschlossen, und das nicht zuletzt deshalb, weil er den Abschnitt seines Lebens, in dem er den intimsten Zugang zur Natur hatte, nämlich die Jugend, damit verbracht hat, von der Wissenschaft „gestillt“ zu werden („In youth by science nursed“, Z. 13).

Das Naturerlebnis dieses „lost man“ (Z. 44) nennt Wordsworth „morbid pleasure“ (31): Der Baum hat in seiner Vorstellung „dark arms“ (11) und „gloomy boughs“ (24), die Felsen sind „barren“ (28). Zwar stand der Mensch, von dem das Gedicht handelt, stets in engem Kontakt mit der Natur („And led by nature into a wild scene / Of lofty hopes“, Z. 14-15), hat jedoch daraus keine moralischen Lehren gezogen, weil er die richtige innere Einstellung vermissen ließ und statt dessen Stolz an den Tag legte und den lebendigen Dingen Verachtung entgegenbrachte (51-52). Ähnlich verhält es sich mit den Bösewichtern in „Peter Bell“, „The Thorn“, „Ruth“ oder „Goody Blake and Harry Gill“: Harry Gill lebt seit seiner Kindheit in intimem Kontakt mit der Natur, doch Menschlichkeit hat ihn das nicht gelehrt – er hat keine Skrupel, sich aus Gier und Rachsucht an einer wehrlosen alten Frau zu vergreifen. Peter Bell ist ein Schurke gleichen Formats: Er ist Tag und Nacht mit der Natur verbunden, aber: „Nature ne’er could find the way / Into the heart of Peter Bell.“[3] Die Seele kann, wie diese Beispiele zeigen, durch Verweigerung in Gottferne und Einsichtslosigkeit verharren. Wurmbach geht noch weiter, indem er sagt: „In der Verweigerung der Mitwirkung liegt die eigentliche Schuld der Seele.“[4]

Bringt der Mensch jedoch die richtige Einstellung mit, hält die Natur für ihn Freude, innere Ausgeglichenheit und tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge bereit. Diese Wirkung zeichnet sich durch vier verschiedene Ebenen aus:

-die Ebene der Regeneration: Die Natur übt einen beruhigenden und erholsamen Einfluß auf den vom Stadtleben gebeutelten Menschen aus, der in der Natur Ruhe und Ausgeglichenheit findet;
-die Ebene des Unbewußten: Die Natur wirkt auf das moralische Handeln des Menschen, ohne daß dieser etwas dazutut oder es bewußt wahrnimmt;
-die Ebene der Reflexion: Momentane Eindrücke und Erinnerungen werden bewußt verarbeitet und später reflektiert. Sie wirken somit dauerhaft auf das Denken und Handeln des Menschen ein;
-die Ebene des Transzendentalen: Über den intimen Kontakt mit der Natur erhält der Mensch in seltenen Momenten Gelegenheit, nicht nur in der Natur aufzugehen, sondern sie zu transzendieren und mit Gott in Verbindung zu treten, der über bzw. hinter der Natur existiert.

2.1. Die Ebene der Regeneration

Die Vierstufung läßt sich am Beispiel von „Tintern Abbey“[5] gut nachvollziehen. Im ersten Teil (Z. 1-22) geht es in erster Linie um die harmonisierende, erholsame Wirkung der Natur auf den vom Stadtleben erschöpften Menschen, der in Einsamkeit körperliche und geistige Erneuerung sucht. Erreicht wird dies auf zweierlei Art und Weise: Zum einen durch das momentane Erleben der Natur, ihrer Schönheit und Lebendigkeit, zum anderen durch die Erinnerung, die ebenso beruhigend wirken kann und in diesem Zusammenhang zu einer aktiven Funktion des Verstandes wird, indem sie vergangene Erlebnisse mit Assoziationen verbindet. Wie Danby ausführt, sind bei Wordsworth die bloße Erfahrung und die gezielte Assimilation kopräsent, sie besitzen in der gesamten Wahrnehmung das gleiche Gewicht.[6]

Ein weiterer regenerativer Aspekt des Naturerlebnisses ist die Einsamkeit, in der sich der Betrachter der Natur hingibt. Sie verleiht der Erfahrung eine spirituelle, meditative Note und grenzt den Betrachter zugleich von der Zivilisation und der übervölkerten Stadt ab, die in ihrer Betonung des Verstandes und der Formung durch Menschenhand im krassen Gegensatz zur ursprünglichen, gefühlsbestimmten, von Gott geformten Natur steht.

Allerdings übergeht Wordsworth die Tatsache, daß die Natur, die er beschreibt, ebenfalls von Menschenhand geformt oder zumindest von Menschen kontrolliert wird und sich der Dichter nur deshalb zur Kontemplation in die Natur zurückziehen kann, weil ihm die Errungenschaften der Zivilisation ein angenehmes Leben ohne Daseinskampf ermöglichen und der Natur ihre Gefahren nehmen. Bemerkenswert ist, daß die Natur, wie sie im ersten Teil von „Tintern Abbey“ dargestellt wird, zwar landwirtschaftliche Züge trägt, aber kein Mensch darin arbeitet. Auch die Tiere scheinen sich um ihre Existenz keine großen Sorgen machen zu müssen: Der tägliche Kampf ums Überleben findet in Wordsworths Gedichten nicht statt. Die Natur ist von Liebe und Harmonie durchdrungen und einzig darauf ausgelegt, den in ihr lebenden Wesen Freude zu bereiten. Der nehmende Teil der Natur ist zugunsten des gebenden Teils vollkommen ausgeblendet.

2.2. Die Ebene des Unbewußten

Schon im ersten Abschnitt von „Tintern Abbey“ stößt Wordsworth in diese zweite Ebene vor, da er sich nicht in bloßer loko-deskriptiver Lyrik ergeht. Die Gebirgsquellen „rollen“ mit einem „soft inland murmur“. Die Quellen werden personifiziert, eine Technik, mit der Wordsworth regelmäßig die Illusion einer in sich lebendigen Natur schafft. „Inland“ ist dagegen ein Schlüsselwort, das auf das Innenleben des lyrischen Ichs hinweist und an dieser Stelle sowohl die angenehme Wirkung der Einsamkeit als auch die Offenheit des Sprechers für die Eindrücke der Natur reflektiert. Die Hütte des Einsiedlers, die Danby – meiner Meinung nach fälschlicherweise – als „major irrelevance“ bezeichnet[7], verleiht der Szene einen spirituellen Charakter sowie den Hauch des Exotischen und Unerreichbaren, was ein typisches Merkmal der Romantik ist.

[...]


[1] Eisold, Kenneth. Loneliness and Communion: A Study of Wordsworth's Thought and Experience. Salzburg: Universität 1973. S. 106.

[2] Wordsworth, William. Wordsworth's poetical works. Vol. 1-5. Hrsg.: Ernest de Selincourt. Oxford: Clarendon 1959-1966. Vol. II, S. 331-382. Im Folgenden mit PW abgekürzt.

[3] PW, IV, S. 340, Z. 244 f.

[4] Wurmbach, Hubert. Das mystische Element in der Dichtung und Theorie von William Wordsworth. Anglistische Forschungen 106, Heidelberg: Winter 1975. S. 70.

[5] PW, II, S. 259-63. „Tintern Abbey“ im Folgenden mit T. A. abgekürzt.

[6] Danby, John F. The Simple Wordsworth. Studies in the Poems 1797-1807. London: Routledge & Kegan Paul 1960. S. 108.

[7] Danby, S. 97.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Naturvorstellung in den Gedichten von William Wordsworth
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: William Wordsworth
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
18
Katalognummer
V317917
ISBN (eBook)
9783668171664
ISBN (Buch)
9783668171671
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wordsworth, Romantik, Lyrik
Arbeit zitieren
Markus Becker (Autor), 1998, Die Naturvorstellung in den Gedichten von William Wordsworth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317917

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