Auswirkungen der Globalisierung auf die Einkommensverteilung in China


Bachelorarbeit, 2013
44 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Grundlagen
2.1 Die Kommunistische Umgestaltung von 1949-1978
2.2 Die Reform- und Öffnungspolitik Chinas ab 1978
2.2.1 Landwirtschaftliche Reformen
2.2.2 Reformen im Industriesektor

3. Grundlegende Begriffe und Messkonzepte
3.1 Die Globalisierung der Wirtsch aft
3.1.1 Begriffsdefinition und Ursachen der Globalisierung
3.1.2 Messung und Indikatoren
3.2 Einkommensverteilung
3.2.1 Funktionale Einkommensverteilung
3.2.2 Personelle Einkommensverteilung

4. Wirtschaftstheoretische Grundlagen
4.1 Ricardo-Viner-Modell
4.2 Heckscher-Ohlin-Modell

5. Einfluss der Globalisierung der Wirtschaft auf die Einkommensdisparität

6. Mögliche Handlungs- und Lösungsansätze

7. Schussbetrachtungen

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung.1: Wachstum des BIPs der Volksrepublik China seit 1978 im Vergleich zu ...zwei ausgewählten Ländern (in Prozent)

Abbildung.2: Systematisierung der Einkommensverteilungsarten

Abbildung.3: Beispiel einer möglichen Lorenzkurve

Abbildung.4: Entwicklung des Gini-Koeffizienten der VR China im Vergleich zu zwei ..ausgewählten Ländern von 1981-2008

Abbildung.5:.Verfügbares Pro-Kopf-Einkommen der ländlichen und städtischen ..Haushalte (in Yuan)

1. Einleitung

Die fortschreitende Globalisierung ruft zunehmend Diskussionen über ihre Wirkungsweise hervor, dabei ist sie kein Phänomen der neueren Zeit. Sie begann schon durch die Entdeckungsreisen der Seefahrer im 16. Jahrhundert. Durch den technischen Fortschritt im 19. Jahrhundert wurde sie sogar noch verstärkt (vgl. Köhler 2003, S. 2f.). Aber nicht alle Länder sind den Weg der Globalisierung von Anfang an gegangen. So gelang es der VR China erst durch den im Jahr 1978 von Deng Xiaoping eingeleiteten Reform- und Öffnungsprozess und der damit verbundenen ökonomischen Transformation des Landes, ein Teil des internationalen Globalisierungsprozesses zu werden. Innerhalb dieses Transformationsprozesses wurde die chinesische Planwirtschaft zur Marktwirtschaft umgewandelt und der Autarkiegedanke durch die Vorstellung die Märkte für den Außenhandel zu öffnen, ersetzt. Durch diese Maßnahmen erzielte China im Durchschnitt jährliche BIP-Wachstumsraten von 10 Prozent und stieg mit seinen 1,3 Milliarden Menschen zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf (vgl. The World Bank 2013a).

Die VR China ist somit die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der vergangenen 25 Jahre (vgl. Dollar 2007, S. 1). Diese rasante Entwicklung bestätigt die Befürworter der Globalsierung. Sie behaupten, dass Globalisierung u.a. das wirtschaftliche Wachstum sowie die Entwicklung der Länder unterstützt und dadurch Einkommensunterschiede verringert werden (vgl. Kahai & Simmons 2005, S. 1) Nach der Meinung der Globalisierungsgegner bringt die Globalisierung aber nicht nur Vorteile für alle mit sich, sondern „globalization comes with both benefits and costs, which are not evenly distributed among regions or individuals.“ (Chen, Lu & Wan 2011 S. 23). In der wissenschaftlichen Literatur besteht derzeit Uneinigkeit über das Ausmaß der Globalisierung in kultureller und ökonomischer Sicht. Mehrheitlich wird zwar die Meinung vertreten, dass Globalisierung das Wirtschaftswachstum steigert. Aber ob sie auch die Armut verringert oder wie sie sich auf das Einkommen bzw. dessen Verteilung auswirkt, das wird noch kontrovers diskutiert (vgl. Gunter & van der Hoeven 2004, S. 19). Hieraus leitet sich die Hauptzielstellung dieser Arbeit ab. Die Zielstellung besteht darin herauszustellen, inwiefern sich das Einkommen und deren Verteilung in der VR China sowohl durch die seit 1978 betriebene Reform- und Öffnungspolitik als auch durch die fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft verändert haben. Damit soll ein besseres Verständnis für dieses Thema geschaffen werden. Diese Arbeit umfasst 7 Kapitel und zur Erfüllung der Zielstellung wird folgendes Vorgehen gewählt:

Im Kapitel 2 sollen die historischen Grundlagen aufgezeigt werden. Dabei soll zuerst auf die unter Mao Zedong beginnende Umgestaltung der im Jahr 1949 neugeründeten VR China nach kommunistischen Vorstellungen eingegangen werden. Die nach dem Tod von Mao Zedong unter der Führung von Deng Xiaoping umgesetzte Reform- und Öffnungspolitik und die daraus resultierenden Veränderungen sowohl im ländlichen als auch im urbanen Raum bilden den Abschluss des Kapitels.

Im Kapitel 3 soll das begriffliche Grundgerüst aufgezeigt werden. Dazu erfolgt zunächst die Unterscheidung und Abgrenzung der zentralen Begriffe Globalisierung der Wirtschaft und Einkommensverteilung. Desweiteren sollen mögliche Messkonzepte zur empirischen Untersuchung vorgestellt werden.

Im Kapitel 4 wird auf der Grundlage der wirtschaftstheoretischen Außenhandelsmodelle von Ricardo-Viner und Heckscher-Ohlin das modelspezifische Grundmotiv des internationalen Handels erklärt. Dazu werden die Grundannahmen der Modelle herausgearbeitet, auf deren Basis das jeweilige Modell erläutert werden soll.

Im Kapitel 5 soll der Einfluss der Globalisierung auf die Einkommensdisparität untersucht werden. Dazu soll die Entwicklung des Einkommens seit 1978 sowohl im ländlich geprägten Westen als auch in den urban geprägten Küstenzonen Chinas miteinander verglichen werden. Außerdem soll in diesem Kapitel die zunehmende Migration als eine Folge der ungleichen Einkommensverteilung dargestellt werden.

Im Kapitel 6 werden mögliche Handlungs- und Lösungsansätze erläutert, die dazu beitragen könnten, die interregionalen Einkommensdisparitäten und das Gefälle zwischen Stadt und Land in der VR China zu verringern.

Das abschließende Kapitel 7 fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen. Desweiteren sollen in diesem Kapitel die Grenzen dieser Arbeit aufgezeigt und Anreize für die weitere Forschung herausgearbeitet werden.

2. Historische Grundlagen

2.1 Die Kommunistische Umgestaltung von 1949-1978

Als Mao Zedong am 1. Oktober 1949 auf dem Platz vor dem „Tor zum Himmlischen Frieden“ die Volksrepublik China ausrief, beendete er damit einen 22 Jahre andauernden Bürgerkrieg mit der nationalistischen Einheitspartei, der Kuomintang (vgl. Domes 1972, S. 18f.; vgl. Schmidt-Glintzer 2001, S. 74). Nach der Gründung der Volksrepublik und der Beseitigung der Kriegsfolgen ging die Regierung unter Mao Zedong dazu über, die Wirtschaft im Sinne kommunistischer Vorstellungen durch Einführung der Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild umzugestalten (vgl. Brockhaus 1978, S. 522). Dabei standen vor allem drei Ziele im Vordergrund: die forcierte Industrialisierung, d. h. die Umwandlung von einem rückständigen Agrarstaat in eine Industrienation, ein hohes Wirtschaftswachstum und die Kollektivierung der Landwirtschaft (vgl. Dabringhaus 2009, S. 23). Immerhin stieg das Bruttoinlandsprodukt von 1952 bis 1975 um mehr als sechs Prozent pro Jahr (vgl. Xinhua 2008, S. 1). Relativ rasch, bereits in den 1950er Jahren, setzte sich die Erkenntnis durch, dass mittels einer Lockerung planerischer Vorgaben und Dezentralisierung, d. h. einer Kompetenzverlagerung auf Provinz- und Betriebsebene, höhere Produktivitätsraten erzielt werden konnten. Darüber hinaus war eine weit reichende Autarkie Chinas insgesamt sowie seiner einzelnen Provinzen erklärtes wirtschaftspolitisches Ziel Mao Zedongs (vgl. Brockhaus 1978, S. 522ff.). Dies erwies sich einerseits als Hemmschuh für die ökonomische Entwicklung, machte China aber andererseits vom Weltmarkt und (westlichen) Industrieländern weitgehend unabhängig. Von besonderer Bedeutung war zudem das langjährige Wirtschaftsembargo der USA (vgl. Eckstein 1975 S. 137ff.). Schließlich wurde die Wirtschaftsentwicklung durch zwei, vor allem politisch-ideologisch motivierte Massenkampagnen, den sog. „Großen Sprung nach vorn“ zwischen 1958 und Anfang 1962 und die sog. „Kulturrevolution“ in den Jahren von 1966 bis zum Tode Mao Zedongs 1976, negativ beeinflusst bzw. gehemmt. Das Ziel der ersten Kampagne bestand darin, China so rasch wie möglich in eine industrielle Großmacht zu transformieren. Dies gelang trotz des Einsatzes brutaler Macht und ohne Rücksicht auf bisherige Strukturen durchgeführte Aufbaubemühungen nicht und verschlechterte zudem die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung, so dass eine Hungersnot mit mindestens 45 Millionen Toten die Folge war (vgl. Zank 2012, S. 1). Selbst von regierungsoffizieller Seite, von Mao Zedongs Nachfolger Deng Xiaoping, wurde diese Kampagne nachträglich vehement kritisiert (vgl. Erling 2004). Weniger radikal wirkte sich die sog. Kulturrevolution mit dem seinerzeit verbreiteten Leitspruch: „Lieber rot als Experte“ auf das Wirtschaftsleben und die Landwirtschaft aus. Insgesamt kann die Bilanz maoistischer Wirtschaftspolitik als durchaus ambivalent bezeichnet werden: Zwar wuchs das Bruttoinlandsprodukt gleichbleibend konstant, der industrielle Sektor von ca. 20 Prozent im Jahre 1952 auf 45 Prozent im Jahre 1975 und das Bildungsniveau, die medizinische Versorgung und die soziale Absicherung der Bevölkerung konnten schrittweise angehoben bzw. massiv verbessert werden. Aber diese gewaltigen Fortschritte waren durch rücksichtslose Ausbeutung materieller und humaner Ressourcen „erkauft“. In der Folge drängten bereits ab 1973 reform- und marktorientierte Kräfte, u.a. Deng Xiaoping, in den Vordergrund, der nach Mao Zedongs Tod dann das gewaltige Reformwerk einleitete, das das rasante und atemberaubende Wirtschaftswachstum der letzten drei Jahrzehnte auslösen sollte (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2005, S. 105ff.; vgl. Wilken 2009, S. 62ff.).

2.2 Die Reform- und Öffnungspolitik Chinas ab 1978

Nach dem Tod Maos 1976 kam es innerhalb der Partei zu Machtkämpfen, sodass Deng Xiaoping nicht unmittelbar, sondern erst 1978 der Nachfolger Maos wurde (vgl. Schmidt-Glintzer 2001, S. 92f.). Unter seiner Führung sollte sich das Land von der kommunistischen Planwirtschaft und Autarkie abwenden (vgl. Tank 2002, S. 5) und damit die ernstzunehmende Öffnung Chinas zur Welt beginnen. Ermöglicht werden sollte diese Öffnung durch ein Reformprogramm (vgl. Sharma 2009, S. 7), dass im Dezember 1978 durch das III. Plenum des 11. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) endgültig bestätigt wurde (vgl. Grimm 2005, S. 29). Dieses Reformprogramm entsprach auch dem neuen Grundgedanken „Reform nach Innen, Öffnung nach Außen“ (Friedrich 2000, S. 120). Ein wesentlicher Bestandteil des Beschlusses von 1978 war das Programm der „Vier Modernisierungen“. Die Modernisierung der Bereiche Wissenschaft, Industrie, Landwirtschaft und Militär sollten fortan schnellstmöglich vorangetrieben werden (vgl. Schmidt-Glintzer 2009, S. 96f.). Außerdem sollte das Pro-Kopf-Einkommen bis zum Jahr 2000 erheblich angehoben werden, um so die Lücke zu den Industriestaaten allmählich zu schließen (vgl. Putzke 1999, S. 31). Der Verlauf der Transformation der chinesischen Wirtschaft ist gekennzeichnet durch die Existenz von zweigleisigen Plan- und Marktstrukturen und der schrittweisen Reduzierung der staatlichen Planvorschriften (vgl. Heilmann 2000, S. 75). Schüller fasst diesen Sachverhalt nochmals zusammen: In der VR China gibt es eine „zweigleisige und schrittweise Transformation der Wirtschaftsordnung von einem durch zentrale Planung und Staatseigentum dominierten Wirtschaftssystem zu einer (sozialistischen) Marktwirtschaft“ (Schüller 1998, S. 279).

Aus dem zuvor beschriebenen lässt sich die Komplexität dieses Reform- und Öffnungsprozesses erahnen. Er ist sowohl durch Veränderungen im ländlichen und urbanen Raum, als auch durch Außenhandelsmaßnahmen gekennzeichnet, die im folgendem näher beleuchtet werden.

2.2.1 Landwirtschaftliche Reformen

Die ersten Reformen nahmen ihren Anfang im ländlichen Raum, weil der Großteil der Arbeitskräfte im primären Sektor arbeitete und sich dort somit das größte Arbeitskräftepotenzial befand. Diesem Raum kam dementsprechend auch eine große wirtschaftliche Bedeutung zu. Die Notwendigkeit für Reformen wurde in der zu geringen Produktivität gesehen. Sowohl die ländliche als auch urbane Bevölkerung waren mit Lebensmitteln unterversorgt. Auch die Unternehmen wurden nicht ausreichend mit Vorprodukten ausgestattet (vgl. Bronger & Wamser 2005, S. 85). Deshalb begann mit dem schrittweisen Prozess der Entkollektivierung die Umstrukturierung der ländlichen Ökonomie. Die Produktion der Agrargüter sollte durch die Privatisierung der Landwirtschaft schon bald darauf nicht mehr in Genossenschaften erfolgen (vgl. Klaschka 2007, S. 151). Die Rechte an der Nutzung von gemeindeeigenen Grund und Boden wurde von privaten Haushalten gepachtet. Dadurch ist das unter der Herrschaft von Mao eingeführte System der ländlichen Kollektive und Kommunen völlig zerfallen. (vgl. Barker & Wen 2006, S. 23). Neben der Privatisierung sollten durch neue finanzielle Anreizsysteme und eine Neugestaltung der Preise das bis dato geringe Engagement der Bauern die staatlich festgelegten Quoten zu erfüllen, gesteigert werden. Den Bauern wurde es zugestanden den Überschuss von der festgelegten Planquote, die sie an den Staat zu entrichten hatten, zu höheren Preisen auf freien Märkten zu verkaufen und den Gewinn einbehalten zu können (vgl. Fischer 2005, S. 9). Anfangs sollten diese Maßnahmen Erfolg versprechen und zu einem Anstieg der produzierten Agrargüter und des Einkommens führen. Dieser Anstieg aber beruhte hauptsächlich auf dem massiven Einsatz von Chemie-basierten Produktionsmitteln wie Pestiziden und Kunstdünger, die der staatlichen Preiskontrolle unterlagen und zu Rekordernten führten. Ab Mitte der achtziger Jahre wurden diese Kontrollen aber aufgehoben. Dies führte zu einem schnellen Anstieg der Preise für landwirtschaftliche Produktionsmittel, den sich zahlreiche Bauern nicht mehr leisten konnten (vgl. Barker & Wen 2006, S. 23). Der Entkollektivierungsprozess hatte noch weitere Folgen auf die Ökonomie des Landes. Durch die Entstehung der vielen Familienhöfe, die heute noch in den meisten Fällen nur eine Größe von unter einem Hektar aufweisen, kam es zu einem Verzicht auf die Anschaffung und Unterhaltung von landwirtschaftlichen Maschinen. Dies führte zu einem höheren Arbeitseinsatz durch die Bauern auf Kosten der sinnvollen Anwendung von nachhaltigen Landwirtschaftsverfahren. Außerdem ist der Erhalt dieser Familienhöfe, aufgrund ihrer kleinen Ertragsfläche, noch immer sehr stark von Preisschwankungen am Markt sowie Naturkatastrophen abhängig (vgl. Wen 2006, S. 30). Mit dem Beitritt zur World Trade Organization (WTO) 2001 wurde die Landwirtschaft vor eine neue Herausforderung gestellt. Die inländischen Agrarprodukterzeuger mussten fortan mit den günstigeren, subventionierten Produkten aus den Industriestaaten konkurrieren und dadurch kam es zu einem massiven Preisrückgang bei den Agrarprodukten (vgl. Barker & Wen 2006, S. 24). Die Konsequenzen der Reformen verursachten Mitte der achtziger Jahre zunächst einen schwächeren Anstieg des Wirtschaftswachstums im ländlichen Raum. Am Ende der Achtziger kam es sogar zu einem Stadium der Stagnation bis hin zum Rückgang des Wirtschaftswachstums. Zurzeit befinden sich die ländlichen Regionen in einer überaus kritischen Situation (vgl. Wen 2006, S. 29).

Obwohl es scheint, dass die landwirtschaftlichen Reformen langfristig nicht ihre erhofften Erfolge hervorbrachten, dienten zumindestens die anfänglich positiven Effekte der Reformen in den ländlichen Regionen als Rechtfertigung zur Ausweitung der Reformen auf den städtischen Raum. Diese Reformen sollen nun im nächsten Abschnitt näher erläutert werden.

2.2.2 Reformen im Industriesektor

Nachdem die Reformen in den ländlichen Regionen zunächst erfolgreich verlaufen sind, sollte nun auch der Industriesektor reformiert werden.

Es kam daher zur „Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones, SEZs) und die Einführung von marktwirtschaftlichen Methoden in staatseigenen Betrieben (state-owned enterprises, SOEs)“ (Barker & Wen 2006, S. 21, Hervorhebung im Original). Die SEZs wurden im Sinne eines „ökonomischen Experimentierlabors“ gesehen, bei dem Wirtschaftsliberalismus betrieben wird woraufhin dies bei einem positiven Verlauf auf das ganze Land übertragen werden könnte (vgl. Tank 2002, S. 13). Sollte der Plan mit den SEZs nicht aufgehen, dann „wäre zumindest der Schaden begrenzt und weit weg von Beijing“ (Krott 1999, S. 20). Die neu geschaffenen SEZs stellten somit freie kapitalistische Wirtschaftszonen dar. In diesen Zonen sollten sich ausländische oder im chinesisch-ausländischen Besitz („Joint Ventures“) befindliche Unternehmen niederlassen, um so ausländische Direktinvestitionen und Technologie für die Modernisierung der Wirtschaft ins Land zu holen (vgl. Barker & Wen 2006, S. 23; Friederichs 2010, S. 113). Die ersten Gebiete, die von der Regierung mit wirtschaftlichen Sonderrechten ausgestattet wurden, waren die vier SEZs Shenzhen, Zhuhai und Shantou in der Provinz Guangdong und Xiamen in der Provinz Fujian (vgl. Tank 2002, S. 5). Bei der Auswahl der SEZs waren besonders die Kriterien Lage und Infrastruktur von großer Bedeutung. So liegen alle SEZs in der Nähe der Küste Chinas, um eine bessere Wasser- und Energieversorgung sowie eine schnelle Anbindung zu den Häfen zu gewährleisten. Außerdem verfügen die Küstenregionen im Vergleich zu Regionen in den westlichen Teilen Chinas über ein gut ausgebautes Straßen- und Telekommunikationsnetz (vgl. Putzke 1999, S. 32f.). Wie vorher im Text schon erwähnt, sollte es nicht allein zur Errichtung von SEZs, sondern auch zu einem Umdenken bei den SOEs kommen.

Mit dem Beginn der 80er führte die Regierung ein Programm ein, bei dem tausende ausgewählte SOEs fortan auf der Grundlage des Profits arbeiten mussten. Während für die ausländischen und im gemeinschaftlichen Besitz befindlichen Unternehmen in den SEZs bevorzugende Regelungen wie u.a. Steuererleichterungen galten, mussten die SOEs darauf verzichten. Die ausgewählten SOEs waren hinsichtlich ihrer unwirtschaftlichen Arbeitsweise und ihrer Wettbewerbsnachteile nicht konkurrenzfähig. In Folge dessen sollte es zur Entlassung unzähliger Arbeiter kommen (vgl. Barker & Wen 2006, S. 22ff.). Im April 1984 bekamen 14 Küstenstädte, u.a. Shanghai, die wirtschaftspolitische Freiheit ihre Entwicklungszonen wie die SEZs zu gestalten, sodass sich auch dort vorrangig ausländische oder im gemeinschaftlichen Besitz befindliche Unternehmen ansiedeln konnten. Die 14 Küstenstädte gehörten aber schon vorher zu den wichtigsten Wirtschaftszentren, da sie fast ein Viertel des gesamten Bruttoproduktionswertes der VR China stellten. Diese offenen Städte und die SOEs dienten als Ausgangspunkte und sollten durch Ausbreitungseffekte bzw. sogenannte Spread Effects den ökonomischen Aufbau des Landes fördern. Neben den SOEs und den offenen Küstenstädten sollten auch Großwirtschaftszonen entstehen (vgl. Taubmann 2007, S. 41). Von 1986 wurden den Provinzen an der Küste sowie den mittel- und westchinesischen Provinzen konkrete Aufgaben übertragen. Nach diesen Funktionen richtete sich auch die Verteilung von Geldern aus den öffentlichen Haushalten. Die Westprovinzen waren aus der Sicht der KPCh nur als Rohstofflieferant für die Küstenregion gedacht. Die mittelchinesischen Provinzen hatten nicht nur die Aufgabe als Rohstoffspeicher, sondern auch als Arbeitskräftereservoir zu dienen. Die Provinzen an der Küste sollten Wegbereiter für technische Weiterentwicklung der Industrie als auch Ausbildungsstätten für die Arbeitskräfte aus den West- und Mittelprovinzen sein. Außerdem sollte die Konzentration auf der Herstellung von hochwertigen sowie hochtechnologischen Gütern erfolgen (vgl. Sanft 1992, S. 41).

Durch die Übertragung von konkreten Aufgaben auf Großwirtschaftsräume erfolgte eine Dreiteilung des Landes. Die gesamtwirtschaftlichen Entscheidungen wurden nicht mehr zentral, sondern zunehmend regional getroffen. Dies führte zu Auseinanderansetzungen und verstärkten Wettbewerb zwischen den einzelnen Provinzen sowie zwischen der Zentralregierung und den Provinzen. Das Ergebnis dieses verstärkten Wettbewerbs war u.a., das Provinzen nicht miteinander kooperieren wollten oder sogar versuchten ihre Industriebranchen gegenüber anderen Provinzen abzuschotten. Die aus diesem Vorgehen entstandenen regionalen Disparitäten verursachten sozialpolitische Konflikte. Aufgrund dieser Tatsachen sollte es im späteren Verlauf auch wieder zu einer Verminderung regionaler Vorrechte kommen. Im März 1996 wurde beschlossen, dass die Dreiteilung des Landes wieder aufgehoben wird, sowie Maßnahmen ergriffen werden sollen, die Disparitäten zwischen dem reichen Osten und dem armen Westen vermindern (vgl. Taubmann 2007, S. 42f.).

Ein Jahr nach diesem Beschluss verstarb Deng Xiaoping. Die unter seiner Führung eingeleiteten Reformen haben die VR China grundlegend verändert. Aber auch nach seinem Tod 1997 sollte es keine Veränderungen des von ihm eingeschlagenen Wegs geben, denn seine Nachfolger setzten diesen Weg in seinem Sinne fort (vgl. Klaschka 2007, S. 152). So wurde Anfang des Jahres 2000 die „GO West“ Kampagne ausgearbeitet. Durch den Einsatz hoher Investitionen in den landesinneren Provinzen sollten die zunehmenden Disparitäten sowohl zwischen den Ost- und Westprovinzen als auch zwischen der Stadt- und Landbevölkerung verringert oder zumindest ein weiteres Auseinandergehen verhindern werden. Außerdem sollten durch Steuern- und Investitionsbegünstigungen Anreize geschaffen werden, dass Unternehmen aus den Küstenprovinzen ihren Standort ins Landesinnere verlagern. Doch bleibt es abzuwarten, ob dieses Vorhaben gelingt, denn die wirtschaftliche Schwächung der Küstenprovinzen, die noch immer die Grundlage des Wirtschaftswachstums in der VR China bilden, wird als sehr bedenklich angesehen (vgl. Taubmann 2007, S. 44). Die Bemühungen die Märkte für ausländische Unternehmen zu öffnen, sollte im Dezember 2001 mit dem WTO Beitritt belohnt werden. Damit soll der Ausbau der Außenhandelsbeziehungen vorangetrieben und die VR China noch mehr in die Weltwirtschaft integriert werden. Außerdem ist es ein deutliches Zeichen, dass die VR China gewillt ist, den Weg der Umwandlung der chinesischen Wirtschaftsordnung von der Plan- zur Marktwirtschaft zu gehen (vgl. Keil 2011, S. 24).

3. Grundlegende Begriffe und Messkonzepte

Nachdem zunächst auf den geschichtlichen Hintergrund eingegangen wurde, sollen nun die in dieser Arbeit verwendeten, wesentlichen Begriffe erläutert werden. Damit werden eine genaue Abgrenzung und Verwendung der in dieser Arbeit genutzten Begriffe nach ihrer Bedeutung ermöglicht.

3.1 Die Globalisierung der Wirtschaft

3.1.1 Begriffsdefinition und Ursachen der Globalisierung

Der Begriff Globalisierung ist sehr umfangreich gestaltet. Er umfasst mehrere Dimensionen, daher ist eine wissenschaftlich einheitliche Definition nicht möglich (vgl. Güida 2007, S. 30; vgl. Holtbrügge & Welge 2006, S. 26). In diesem Abschnitt soll sich aber nur mit dem ökonomischen Bereich, also der Globalisierung der Wirtschaft, sowie deren Ursachen befasst werden. James definiert Globalisierung als „Increasing economic interconnectedness“ (James 2001, S. 1). Aber auch andere Autoren verstehen die Globalisierung als zunehmenden Prozess der Verflechtung. So kann Globalisierung auch als „the gradual integration of economies and societies“ (Gunter & van der Hoeven 2004, S. 7) oder als „phenomenon of increased interaction on a global scale” (van Marrewijk 2002, S. 21) verstanden werden. Der Beginn der Globalisierung liegt schon weiter in der Vergangenheit, als die ersten Seefahrer sich auf den Weg machten die Welt zu bereisen und dabei unbekannte Länder und auch Märkte erschlossen. Mit den großen Schiffen, die ab dem 15. Jahrhundert gebaut wurden, war es nun möglich, Güter über sehr lange Wege zu transportieren und dementsprechend auch Handel zu führen. Durch die Entwicklung der Kommunikationstechnik, beginnend vom Telegraphen bis hin zur Satellitenkommunikation, wurde die Informationsübermittlung beschleunigt und damit die Globalisierung verstärkt. Mit dem technischen Fortschritt wurden nicht nur die Transport- und Kommunikationskosten gesenkt, sondern es kam auch zur Zunahme weltweiter Produktionskapazitäten. Der Produktionsfaktor Kapital, besonders die Direkt- und Finanzinvestitionen, wurde mit der Deregulierung der Kapitalmärkte zunehmend beweglicher. Nicht nur die Mobilität des Faktors Kapital nahm zu, sondern auch die Mobilität der Arbeit und die damit verbundenen Arbeitskräfte (vgl. Holtbrügge & Welge 2010, S. 26f.). Die Auswirkungen der Globalisierung, besonders ihre Wirkung auf die Einkommensverteilung, und die dazu gehörenden wachsenden Einkommensdisparitäten innerhalb eines Landes werden noch immer heftig diskutiert (vgl. Werner 2003, S. 38f.). Es stellt sich hieran anschließend die Frage, anhand welcher Indikatoren das Ausmaß der Globalisierung gemessen werden kann. Damit wird die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der Globalisierung einer Volkswirtschaft und der Einkommensungleichverteilung überhaupt ermöglicht.

3.1.2 Messung und Indikatoren

Das wirtschaftliche Geschehen eines Landes kann durch die Berechnung von Kennzahlen, auf der Basis statistisch erhobener Daten, komprimiert zusammengefasst werden. Eine wichtige ökonomische Kennzahl, die oft zur Betrachtung der wirtschaftlichen Lage herangezogen wird, ist das Bruttoinlandsprodukt (vgl. Mankiw 2000, S. 17f). Nach Firebaugh ist das BIP „the total annual value of all goods and services produced within a nation's borders“ (Firebaugh 2003, S. 34). Mankiw versteht unter dem BIP die „Gesamtheit aller Einkommen, die in der Volkswirtschaft entstehen oder Summe aller Ausgaben, die für den Erwerb der produzierten Güter und Dienstleistungen anfallen.“ (Mankiw 2011, S. 21). Es registriert somit das wirtschaftlich geschaffene Gesamteinkommen im Inland (vgl. ibid. 2011, S. 37). Die Berechnung des BIPs erfolgt entweder über die Entstehungsrechnung, die Verwendungsrechnung oder die Verteilungsrechnung, wobei die Verwendungsrechnung wohl der am meisten verwendete Indikator ist. Das Ergebnis der Differenz aus den Einnahmen des Exports und den Ausgaben des Imports für Güter wird bei der Verwendungsrechnung als Außenbeitrag bezeichnet. Aus diesem Zusammenhang ergeben sich noch weitere Indikatoren, wie z.B. der Offenheitsgrad (vgl. Weeber 2002, S. 5ff.). Beim Offenheitsgrad werden die Summen aller Exporte und Importe ins Verhältnis zum nominalen BIP gesetzt. Somit bezieht sich der Offenheitsgrad bei seiner Berechnung auf beide Aspekte des Handels und stellt damit ein mögliches Instrument für die Messung der internationalen Verflechtung einer Volkswirtschaft dar (vgl. Schrooten & Teichmann 2010, S. 3). Es lässt sich erkennen, dass das BIP für viele Indikatoren die Grundlage bildet, aber auch das BIP selber erlaubt den Vergleich verschiedener Länder hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Anstrengungen (vgl. Mankiw 2000, S. 24).

Die Abbildung 1 stellt die Entwicklung des chinesischen BIP im Vergleich zu der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1978 dar. Die Auswahl der Vergleichsländer erfolgt auf der Grundlage der Verfügbarkeit von Daten.

Abbildung 1: Wachstum des BIPs der Volksrepublik China seit 1978 im Vergleich zu zwei ausgewählten Ländern (in Prozent)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an The World Bank Datenbank 2013b & Statistisches Bundesamt 2013.

Aus der grafischen Darstellung lässt sich entnehmen, dass das BIP der VR China seit der Reform- und Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping zwar stetig gewachsen ist, andererseits unterlag es auch starken Schwankungen. Im Vergleich zu der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika ist das BIP (fast) immer in einem höheren Ausmaß gestiegen. Die Vermutung liegt nahe, dass vor allem die unter Deng Xiaping eingeleiteten Maßnahamen, u.a. der Entkollektivierungsprozess in der Landwirtschaft, verantwortlich für das Ausmaß des Wachstums des chinesischen BIPs sind.

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Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der Globalisierung auf die Einkommensverteilung in China
Hochschule
Universität Rostock  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
2,1
Autor
Jahr
2013
Seiten
44
Katalognummer
V317980
ISBN (eBook)
9783668171398
ISBN (Buch)
9783668171404
Dateigröße
1877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Globalisierung, Einkommensverteilung, Ricardo-Viner-Modell, Heckscher-Ohlin-Modell, China
Arbeit zitieren
Nils Cröger (Autor), 2013, Auswirkungen der Globalisierung auf die Einkommensverteilung in China, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317980

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