Die geschichtswissenschaftliche Methode nach Karl-Ludwig Woltmann. Wird die Spekulation verpflichtet oder entfesselt?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von der historischen Arbeit und dem Urtheil über dieselbe (1804)
2.1 Überlieferungslage und Quellenwert
2.2 Die Quelleninterpretation
2.2.1 Woltmanns Aufsatz und sein Aufbau: Die Quellensyntax
2.2.2 Philosophie und historische Methode – Wirkung und Absichten: Die Quellensemantik
2.2.3 Geschichte und Politik als Zeitschrift: Die Quellenpragmatik
2.2.4 Verpflichtung oder Entfesselung? Interpretation der Quelle bezüglich ihrer Verpflichtung auf die Rekonstruktion eines historischen Gegenstandes ausgehend von Quellen oder ihrer Entfesselung

3. Schlussbetrachtung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Literatur:

1. Einleitung

„So ergiebt sich, daß schon die Verwandlung der Notiz zur Thatsache nur durch Beihülfe der Spekulation vollendet und auf unangreifbare Weise vollbracht werden könne.“[1]

Nachdem die Methodik der Geschichtswissenschaft in der Schwellenzeit des auslaufenden 18. Jahrhunderts und den Anfängen des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt findet[2], wird die Philosophie zu einem entscheidenden und bedeutenden Faktor der Historie und ihrer Arbeit. So fiel die Wahl meiner Quelle auf Karl-Ludwig Woltmanns[3] „Von der historischen Arbeit und dem Urtheil über dieselbe“, in welcher er der Philosophie eine unentbehrliche Rolle in der modernen Geschichtsschreibung zuspricht.[4] Die Philosophie, welche für Woltmann die reine Spekulation darstellt[5], ist für ihn von den Anfängen bis zu den höchsten Spähren der historischen Arbeit unerlässlich. Seiner Auffassung nach obliegt es allein der Spekulation das Gegebene zur Tatsache zu machen und im weiteren Verlauf zur Anschauung zu bringen.[6]

An Forschungsliteratur zur allgemeinen Auffassung der Geschichtswissenschaft und ihrer Methode mangelt es indes nicht, bezogen auf die vorliegenden Quelle ließ sich jedoch nur ein Werk finden, welches Woltmann dabei auch nur am Rande erwähnt.[7] Zum Thema der geschichtswissenschaftlichen Methode haben sich allerdings bekannte Historiker der damaligen Zeit zu Wort gemeldet.

Eine bedeutende Ausarbeitungen zu diesem Thema stellen zum Einen sicherlich Friedrich Schillers 1789 gehaltene Antrittsvorlesung an der Universität Jena dar, welche in dem zur damaligen Zeit sehr bedeutenden „Teutschen Merkur“[8] abgedruckt wurde[9]. Ebenfalls ist Johann Gustav Droysens 1857 gehaltene Vorlesung bezüglich der Geschichte und ihrer historischen Methode ein markanter Eckpfeiler.[10] Woltmann seinerseits fasst einige Aspekte dieser Vorlesungen auch in seiner Arbeit auf, doch findet bei ihm die Philosophie eine andere Bedeutung als es beispielsweise bei Schiller der Fall war.

Nun soll mein Augenmerk spezifischer werden und primär auf die Spekulation und ihren Anteil an der geschichtswissenschaftlichen Methode gelegt werden. So ergibt sich für mich folgende Fragestellung: Ist die Spekulation auf die Rekonstruktion eines historischen Gegenstandes ausgehend von Quellen verpflichtet oder wird sie entfesselt? Im weiteren Vorgehen wird dann ermittelt wie Woltmann die Philosophie, die Poesie und somit auch besonders die Spekulation im Zusammenhang mit der historischen Arbeit sieht und welche Bedeutung er ihnen diesbezüglich zumisst. Aus diesen Ergebnissen lassen sich dann im weiteren Verlauf Rückschlüsse und Ansätze bezüglich meiner Fragestellung erschließen, welche bestenfalls dazu beitragen sollten am Ende dieser Arbeit zu entscheiden, ob die Spekulation entfesselt oder ob sie verpflichtet wird.

Im Folgenden wird zunächst der Quellenwert der vorliegenden Quelle herausgearbeitet, woraufhin im Anschluss durch eine innere und äußere Quellenkritik ermittelt werden soll welchen Aufschluss Form und Inhalt in Bezug auf meine Fragestellung geben.

2. Von der historischen Arbeit und dem Urtheil über dieselbe (1804)

2.1 Überlieferungslage und Quellenwert

Im Folgenden soll nun genauer die Überlieferungslage meiner Quelle herausgearbeitet und untersucht werden. So soll die am Besten geeignete Edition der Quelle im Interesse dieser Arbeit aufgezeigt und der entsprechende Quellenwert ermittelt werden.

Zu der bereits erwähnten Quelle ließen sich zwei verschiedene Editionen ausfindig machen. Zum Einen handelt es sich um die Quellensammlung mit dem Titel „Theoretiker der deutschen Aufklärungstheorie“.[11] Zum Anderen existiert ein Aufsatz in einer von Woltmann selbst veröffentlichen Zeitschrift: Geschichte und Politik.[12] Stilistisch unterscheiden sich die beiden Texte in einigen Punkten, wohingegen sie bezüglich des Wortlautes komplett identisch sind. Der größte stilistische Unterschied, der zu nennen ist, ist sicherlich bezüglich der Schrift. Während die 1990 erschienene Edition in neudeutscher Schrift abgedruckt wurde, ist die Edition der Zeitschrift in Frakturschrift erschienen.[13] Als Grundlage für meine Arbeit und die damit verbundene Fragestellung habe ich mich für das Exemplar der Zeitschrift aus folgenden Gründen entschieden; zum Einen wurde das Original, welches als Vorlage für die uns vorliegende Fotostrecke[14] diente von Woltmann selbst verfasst und herausgegeben.

Zum Anderen liegen keine Informationen über eine früher abgedruckte oder verfasste Version seines Aufsatzes vor, wodurch dieser als Erstausgabe des Textes angesehen werden kann. Des Weiteren ist es unerlässlich den Text in seiner möglichst ursprünglichsten Form vorliegen zu haben, um so im weiteren Verlauf der Arbeit eine adäquate Ausarbeitung der weiteren Quelleninterpretation liefern zu können.

Im Folgenden soll jetzt der Wert meiner ausgewählten Quelle geklärt werden, indem ich feststelle, unter welchem Blickwinkel und welcher Fragestellung die Quelle zu einem Überrest, einer Tradition, einer Primär- oder Sekundärquelle wird. Unter dem Blickwinkel meiner Fragestellung, ob die Spekulation entfesselt oder ob sie auf die Rekonstruktion eines historischen Gegenstandes verpflichtet wird, kann man sagen, dass es sich bei dem vorliegenden Text um einen Überrest handelt. Eine etwaige Entfesselung der Spekulation wird nicht direkt und explizit von Woltmann behandelt, wodurch meine Fragestellung eine Interpretationsfrage bleibt und somit nur indirekt von der Quelle beantwortet werden kann. Woltmanns Intention war es, seine Auffassung von geschichtswissenschaftlicher Methode[15] herauszuarbeiten und diese weiter zu vermitteln, wodurch die Quelle bezüglich dieser Fragestellung zu einer Tradition wird. Die Quelle dient in Anbetracht der Fragestellung dieser Arbeit als Primärquelle, da sie von Woltmann selbst verfasst und herausgegeben wurde und seine Auffassung von geschichtswissenschaftlicher Methode sowohl thematisch, als auch zeitlich am besten umreißt. Möchte man zudem Aufschlüsse bezüglich der geläufigen Schriftart des 19. Jahrhunderts oder unterschiedlichen Forschungskontroversen der beschriebenen Schwellenzeit bekommen, dann stellt die Quelle bezüglich dieser Fragestellung eine Sekundärquelle dar. Die Quelle wirft anfangs einige Beschränkungen und Interpretationsprobleme auf, da Woltmann sich auf den ersten Blick oftmals zu widersprechen scheint. So nutzt er die Substantive bestimmter Wörter und preist sie als positive bzw. unabdingbare Eigenschaft des Historikers, wobei er nur kurze Zeit später die Adjektive des gleichen Wortes als negative Eigenschaft dessen nennt.[16]

2.2 Die Quelleninterpretation

2.2.1 Woltmanns Aufsatz und sein Aufbau: Die Quellensyntax

Im weiteren Verlauf soll anhand einer Syntaxanalyse Woltmanns Aufsatz bezüglich seines Aufbaus, seiner Form sowie seiner Aufteilung und Gliederung genauer untersucht werden.

Zuerst einmal soll das Augenmerk nun auf die äußerlichen Merkmale des Textes gelegt werden, woraufhin im weiteren Verlauf der Analyse die inneren bzw. inhaltlichen Aspekte geklärt werden. Zu Beginn ist festzuhalten, dass es sich bei der Ausgabe der Zeitschrift nicht um eine handschriftlich verfasste, sondern um eine gedruckte Version handelt. Der Verfasser hat in diesem Fall die zur damaligen Zeit geläufige Frakturschrift verwendet, welche sich durch verzierte und verschnörkelte Buchstaben auszeichnet. Die Kopfzeile des Aufsatzes ziert ein Ornament, welches in der Mitte aus zwei sich ineinander schlängelnden Linien besteht und an den jeweiligen Enden spitz zuläuft. Der Anfang des Aufsatzes bildet nach einigen leeren Zeilen eine römische Vier, welche für die Zahl des Kapitels steht. Kurz darunter folgt die Überschrift, die durch dickere und größere Schreibweise als der Rest des Textes heraussticht. Ebenfalls direkt ins Auge sticht der erste Buchstabe des Aufsatzes, er ist deutlich größer als die Folgenden und hat in etwa die Größe der Überschrift.[17] Dieser erste Buchstabe erinnert auf Grund seiner Größe etwas an ein Initial, ist allerdings in keiner Weise verziert oder dem Schriftbild des restlichen Textes erhaben, wie es für Initialen der damaligen Zeit üblich war.[18] Sobald ein neuer Absatz beginnt, wird der Satzanfang jeweils eingerückt begonnen. Bei Wörtern, die hervorgehoben werden, sollen ist zwischen den einzelnen Buchstaben jeweils ein Leerzeichen[19] gelassen worden und Bindestriche werden im Gegensatz zur heute geläufigen Schriftweise mit zwei übereinander liegenden Strichen dargestellt.[20] Unter der letzten Zeile des Aufsatzes ist rechtsbündig „Woltmann“ geschrieben und durch einen etwas dickeren Druck hervorgehoben worden. Das Ende des Aufsatzes bildet ein zentral gesetzter, ornamentähnlicher, etwa 1,5 Zentimeter langer Strich, welcher in der Mitte etwas in die Breite gezogen ist. Eine weitere Auffälligkeit, die nicht direkt etwas mit dem Text zu tun hat, gestaltet sich in alphabetisch fortlaufenden Buchstaben und Verweisen am Ende einzelner Seiten.[21] Sie dienten dem Verfasser als Orientierungshilfe bei dem Falten der Zeitschriften.[22]

[...]


[1] Vgl.: Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe (1804). In: Geschichte und Politik 2, (1804), S.259-260. http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/geschpolitik/geschpolitik.htm (28.03.2013)

[2] Johannes Süßmann: [Art.] Geschichtswissenschaft. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Friede-Gutsherrschaft. Bd. 4: J.B. Metzler. Hrsg. v. Friedrich Jaeger. Stuttgart 2006, S. 618-620.

[3] Hartmut Steine>

[4] Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe: S.259-260.

[5] Vgl.: Ebd.: S. 258, Z. 20-21.

[6] Vgl.: Ebd.: S. 259; 260, Z. 30-3.

[7] Vgl.: Stefan Jordan: Geschichtstheorie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Schwellenzeit zwischen Pragmatismus und klassischem Historismus. Frankfurt/Main 1999.

[8] Andrea Heinz: Auf dem Weg zur Kulturzeitschrift. Die ersten Jahrgänge von Wielands Teutschem Merkur. In: Andrea Heinz (Hg.): Der Teutsche Merkur - die erste deutsche Kulturzeitschrift?(=Ästhetische Forschungen.2.) Heidelberg 2003, S.11-36.

[9] Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?. Eine akademische Antrittsrede. In: Der teutsche Merkur, H.4 (1789), S. 105-135.

[10] Johann Gustav Droysen: Historik. Die Vorlesung von 1857 (Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung aus den Handschriften). In: Peter Leyh (Hg.): Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesung (1857). Grundriß der Historik in der ersten Handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung (1882) (=Johann Gustav Droysen Historik. 1)Stuttgart-Bad Cannsatt 1977, S.3-15.

[11] Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe (1804). In: Horst Walter Blanke und Dirk Fleischer (Bearb.): Theoretiker der deutschen Aufklärungshistorie. Band 2 Elemente der Aufklärungshistorik. (= Fundamenta Historica. Texte und Forschungen. Bd. 1.2). Stuttgart-Bad Cannstatt 1990, S. 491-502.

[12] Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe (1804). In: Geschichte und Politik 2, (1804).

[13] Vgl.: Ebd.: S.252-276.

[14] http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/geschpolitik/geschpolitik.htm (28.03.2013)

[15] Gerrit Walther: [Art.] Methode. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Bd. 8: Manufaktur-Naturgeschichte. Hrsg. v.Friedrich Jaeger. Weimar 2008, S. 439-442.

[16] Bsp.: Der Historiker muss Philosoph sein, darf aber im gleichen Moment nicht philosophisch handeln.

[17] Vgl.: Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe: S. 252, Z. 1.

[18] Vgl.: Erhardt D. Stiebner und Dieter Urban: Initialen+Buchstaben. München 1983, S.16.

[19] Vgl.: Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe: S. 252, Z. 12.

[20] Vgl.: Ebd.: S. 253, Z. 1.

[21] Vgl.: Karl-Ludwig Woltmann: Von der historischen Arbeit und vom Urtheil über dieselbe: S. 259, 261 und 275.

[22] Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt am Main 1991, S.105.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die geschichtswissenschaftliche Methode nach Karl-Ludwig Woltmann. Wird die Spekulation verpflichtet oder entfesselt?
Hochschule
Universität Paderborn  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Wie alt ist die Geschichte
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V317998
ISBN (eBook)
9783668172241
ISBN (Buch)
9783668172258
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
methode, karl-ludwig, woltmann, wird, spekulation
Arbeit zitieren
Jan Neusesser (Autor:in), 2013, Die geschichtswissenschaftliche Methode nach Karl-Ludwig Woltmann. Wird die Spekulation verpflichtet oder entfesselt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317998

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