"Heute ist es populär geworden zu sagen: ‚Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.‘“ So äußerte sich Robert Leicht in einer Predigt zum Reformationstag. Dabei dürfe man allerdings nicht vergessen, wie tief dieser Fall für jeden Einzelnen sein könne. Er erinnert hier an das Leid der Anfechtung, den schier unendlichen Fall des Menschen, bevor er endlich von Gott aufgefangen wird. Über dieses Leid darf nicht hinweggetäuscht werden, denn der Glaube ist nicht immer eine Erleichterung und erst recht keine Garantie für Sorglosigkeit. Er kann auch gerade zum Gegenteil führen, zur Anfechtung.
Das Wort ‚Anfechtung‘ geht auf das Mittelhochdeutsche zurück und meinte dort ursprünglich „einen körperlichen Kampf gegen jemanden“. [...] Dies spiegele sich in der theologischen Verwendung des Begriffs insofern wider, als in der Anfechtung die promissio Gottes – das Versprechen Gottes auf Gemeinschaft und Gottesnähe – höchst zweifelhaft und gefährdet erscheine. Dabei sei die Anfechtung nicht mit dem Zweifel zu verwechseln, den sie ungleich übersteige, da sie den Menschen mit der Katastrophe der Gottesferne konfrontiere. Diese existenzielle Not, die die Anfechtung darstellt, hat seiner Zeit vor allem Luther als solche erkannt, indem er über die Vorstellung der Anfechtung als Prüfung durch Gott hinausging. Daher erscheint die Auseinander-setzung mit Luthers Lehre von der Anfechtung besonders interessant und wird den Schwerpunkt dieser Ausarbeitung darstellen.
Dazu werden Luthers Schriften auf ihre Aussagen über wichtige Aspekte der Anfechtung wie ihren Ursprung, ihren Sinn und ihre Überwindung hin überprüft und analysiert. Seit Luther haben sich jedoch starke Veränderung in Lebenswelt und -wirklichkeit ergeben. Das Wort ‚Anfechtung‘ begegnet mittlerweile fast ausschließlich in der Fachsprache. Dies führt zu der Frage „ob wir Christen heute überhaupt noch angefochten werden.“ Daher wird sich in einem zweiten Schritt einer modernen Position zur Anfechtung zugewandt: Hierfür wird der soeben zitierte Fragensteller – Eberhard Jüngel – herangezogen. Seine Ansichten zur Anfechtung werden betrachtet und bezüglich der oben genannten Aspekte analysiert. Gleichzeitig werden die jüngelschen Anfechtungsgedanken mit Luthers Konzept verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Anfechtung bei Martin Luther
2.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Luthers
2.2. Zur Struktur der Anfechtung
2.3. Ursprung der Anfechtung
2.4. Sinn der Anfechtung
2.5. Überwindung der Anfechtung
2.6. Weitere Analyse
3. Anfechtung bei Eberhard Jüngel
3.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Jüngels
3.2. Zur Struktur der Anfechtung
3.3. Ursprung der Anfechtung
3.4. Sinn der Anfechtung
3.5. Überwindung der Anfechtung
3.6. Weitere Analyse
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das theologische Konzept der Anfechtung im Vergleich zwischen Martin Luther und dem zeitgenössischen Theologen Eberhard Jüngel, um die Bedeutung dieses Phänomens für den Glauben und die Rechtfertigungslehre zu ergründen.
- Historische und systematische Einordnung der Anfechtung bei Martin Luther
- Analyse der Anfechtungskonzeption bei Eberhard Jüngel
- Vergleichende Untersuchung der Aspekte Ursprung, Sinn und Überwindung
- Das Verhältnis von Gesetz, Evangelium und der Erfahrung des Individuums
- Rolle und Verantwortung der christlichen Gemeinde in der Anfechtung
Auszug aus dem Buch
2.2. Zur Struktur der Anfechtung
Die Gestalt der Anfechtung ist jedoch weitaus vielseitiger als soeben dargestellt. Es gilt daher, näher zu untersuchen, in welchen Formen die Anfechtung auftritt und wie sie sich vollzieht.
Luther postulierte verschiedene Anlässe bzw. Erscheinungsformen für die Anfechtung, wobei diese den Menschen von zwei Seiten bedrücken: Von links bedrängen den Angefochtenen schlimme Widerfahrnisse – alles, was „tzu tzorn, hassz, bitterkeyt, unlust, ungedult reytzet, als sein kranckheit, armut, unere, und alles was eynem wehe thut“.
Diese Erfahrungen führen zu einer Unsicherheit des Angefochtenen und zu seinem Zweifel an Gott. Althaus spricht hier von der „Gegenwärtigkeit der Trübsal, von ihrer harten Realität.“ Auf die rechte Seite stellte Luther die glücklichen Gegebenheiten als „anfechtunge des gluecks, da man zu lust, ehren, freude und alles, was hoch ist, gereytzt wird“, was den Mensch zum Übermut verleiten kann. Ebeling beschreibt diese Zwei-teilung als „auf der einen Seite [rechts] ein Sich-Verlassen auf sich selbst, auf der andern Seite [links] dagegen ein Sich-gänzlich-verlassen-Fühlen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Hinführung zur Thematik und Definition der Anfechtung als existenzielle Not und Prüfung des Glaubens.
2. Anfechtung bei Martin Luther: Detaillierte Analyse des lutherischen Anfechtungsbegriffs, fokussiert auf die Theologia crucis, das simul iustus et peccator und die Rolle des Teufels.
2.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Luthers: Einbettung der Anfechtung in den Gesamtzusammenhang von Luthers Theologie.
2.2. Zur Struktur der Anfechtung: Untersuchung der Erscheinungsformen der Anfechtung von links und rechts sowie der Passivität des Angefochtenen.
2.3. Ursprung der Anfechtung: Diskussion über die Urheberschaft der Anfechtung zwischen Gott und dem Teufel.
2.4. Sinn der Anfechtung: Analyse der Funktion der Anfechtung als Lehrmeister zur Erkenntnis und Erfahrung der Gnade.
2.5. Überwindung der Anfechtung: Darstellung der Trostmittel und der Erkenntnis, dass die Überwindung allein im Handeln Gottes liegt.
2.6. Weitere Analyse: Reflexion über die Komplexität und Unübersichtlichkeit des lutherischen Anfechtungskonzepts sowie dessen heutige Relevanz.
3. Anfechtung bei Eberhard Jüngel: Untersuchung des zeitgenössischen Verständnisses von Anfechtung als Kategorie der Glaubensgewissheit.
3.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Jüngels: Grundgedanken zu Advent und Selbstoffenbarung Gottes als Kontext.
3.2. Zur Struktur der Anfechtung: Beschreibung der Anfechtung als spirituelles Geschehen und Abgrenzung zum Zweifel.
3.3. Ursprung der Anfechtung: Fokus auf den sich entziehenden Gott als ursächliches Subjekt.
3.4. Sinn der Anfechtung: Bedeutung der Anfechtung für die Entlastung des Menschen von sich selbst und die Rolle der Kirche.
3.5. Überwindung der Anfechtung: Erörterung der Verarbeitung der Anfechtung im Lichte des Evangeliums.
3.6. Weitere Analyse: Kritische Würdigung von Jüngels Ansatz im Hinblick auf Gottesdienst und Evangelium.
4. Fazit: Zusammenfassender Vergleich der Anfechtungskonzeptionen bei Luther und Jüngel hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Differenzen.
Schlüsselwörter
Anfechtung, Martin Luther, Eberhard Jüngel, Glaube, Rechtfertigung, Theologia crucis, Gottesgewissheit, Sünde, Simul iustus et peccator, Teufel, Leid, Evangelium, Gnade, Kirche, Gottvertrauen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verständnis des theologischen Begriffs "Anfechtung" und vergleicht dabei die Lehren von Martin Luther mit denen des modernen Theologen Eberhard Jüngel.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle des Glaubens, die Frage nach dem Ursprung von Leid und Zweifel sowie die Bedeutung von Gnade und Rechtfertigung für den Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Konzeption der Anfechtung bei beiden Theologen herauszuarbeiten, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren und die Relevanz der Anfechtung für das heutige Gottesvertrauen zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematisch-theologische Untersuchung, die primär auf der Analyse und Interpretation der Originaltexte von Luther und Jüngel sowie der dazugehörigen Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Betrachtung des lutherischen Verständnisses (inklusive der Rolle von Sünde und Rechtfertigung) und der jüngelschen Position, die Anfechtung als Kategorie der Glaubensgewissheit deutet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Anfechtung, Rechtfertigungslehre, Theologia crucis, Gottesgewissheit und das Paradoxon des simul iustus et peccator beschreiben.
Wie unterscheidet sich Jüngels Verständnis vom Teufel gegenüber Luther?
Während Luther das Wirken des Teufels als eine reale Macht in der Anfechtung in seine Theologie miteinbezieht, konzentriert sich Jüngel nahezu ausschließlich auf Gott als das ursächliche Subjekt der Anfechtung und klammert den Teufel weitgehend aus.
Welche Rolle spielt die Kirche bei Eberhard Jüngel im Kontext der Anfechtung?
Jüngel sieht die Kirche als Erzählerin des Evangeliums, die den Menschen durch die Verkündigung von seinem Egozentrismus entlasten und so zur Bewältigung seiner Anfechtung beitragen soll.
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- Kaja Bradtmöller (Author), 2015, Die Konzeption der Anfechtung bei Martin Luther und Eberhard Jüngel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318000