Suizid aus soziologischer Sicht. Inwiefern beeinflusst die soziale Rolle suizidales Verhalten?


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung ... 1

2.Die soziale Rolle ... 2

3.Definition Suizid ... 6
3.1 Präsuizidales Syndrom nach Ringel ... 7
3.2 Selbstmord als „soziologischer Tatbestand“ nach Durkheim ... 9
3.3 Soziologische Suizid-Theorie nach Durkheim ... 11
3.4 Der Fall Robert Enke ... 12

4.Schlussbetrachtung ... 14

5.Literaturverzeichnis ... 16

6.Online-Quellen ... 16

1.Einleitung

Die Wahrnehmung und Erklärung von Suizid ist dem historischen Wandel, sowie diversen Gruppeninteressen, unterworfen. Es gibt entsprechend innerhalb der Forschung unterschiedliche Definitionen von Selbstmord. Durkheim, dessen Theorien in dieser Arbeit eine wesentliche Rolle spielen werden, definierte Selbstmord wie folgt:

„Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im Voraus kannte.“1

Möchte man Suizid bestimmen, gilt es, wie bei jeder anderen menschlichen Handlung auch, viele Dimensionen zu berücksichtigen. Die sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise von Suizid, ist in den großen europäischen Nationalstaaten in der Nachfolge der Aufklärung entstanden und sie lösten sich schrittweise von den moralisierenden, christlichen und primär normativen Betrachtungen des Suizids.

Noch heute ist das Thema Suizid allgegenwärtig, auch wenn diese Thematik innerhalb der Gesellschaft oft tabuisiert wird. Suizid wird oft unmittelbar mit „Schwäche“ oder „psychischer Störung“ verbunden, sodass es insbesondere auch für Hinterbliebene schwierig ist, den Suizid eines geliebten Menschen offen zu kommunizieren. Anders als beim Tod, beispielsweise durch eine Krankheit oder einen Autounfall, fühlen sich die Angehörigen oft „schuldig“ und können die Frage nach dem „Warum?“ und „Hätte ich es verhindern können?“ niemals überwinden. Obwohl statistisch betrachtet, jeder Zehnte in Deutschland in seinem engeren Umfeld schon einmal von Selbstmord betroffen war, redet kaum einer über dieses Thema. Suizid gilt als Spiegelbild von Depressionen und Depressionen sind ohnehin unserer Gesellschaft, die durch Stärke charakterisiert werden soll, fehl am Platz.

Zu Beginn meiner Recherchen war mir nicht bewusst, wie aktuell das Thema gegen Ende meiner Ausarbeitung sein würde. Doch durch die neuesten Geschehnisse, dem Flugzugabsturz der Germanwings Maschine in den französischen Alpen, hat das Thema so viel Aktualität, wie vermutlich nie zu vor. Hat der Pilot Andreas L. tatsächlich das Flugzeug bewusst zum Abstürzen gebracht? Was bewegt einen Menschen bei seinem eigenen Tod noch so viele andere Menschen mitzureißen? Welche Ereignisse in einem Leben können zu einer solchen Tat führen? Ist dies tatsächlich nur durch eine psychische Störung zu erklären? Ist nicht insbesondere der Fall Robert Enke ein Beispiel dafür, dass Selbstmord auch durch eine Gesellschaftsordnung provoziert worden sein kann? Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Thematik Selbstmord aus soziologischer Sicht zu analysieren. Dies bedeutet, dass man neben den psychisch individuellen Faktoren von Suizid vor allem untersucht, inwiefern unsere Gesellschaft Anforderungen an Individuen stellt, an denen man durchaus zerbrechen kann und in letzter Konsequenz lediglich den Ausweg Suizid sieht. Ich möchte daher das Thema zunächst in Verbindung mit der sozialen Rolle untersuchen. Was ist die soziale Rolle überhaupt und welchen Druck kann sie auf Menschen innerhalb einer Gesellschaft ausüben? Könnte Sie somit eine Erklärung von Suizid sein? Im nächsten Schritt gilt es, Suizid zu definieren und zu analysieren, inwiefern Suizid überhaupt soziologisch betrachtet werden kann. Für diese Analyse wird insbesondere die Theorie von Durkheim angeführt werden, da dieser Suizid als eine gesellschaftliche Erkrankung deklarierte. Im letzten Schritt soll zudem das Beispiel Robert Enke ausgeführt werden, da dieser prominente Fall durchaus eine Grundlage bietet, um die Annahme zu stützen, dass Suizid auch durch zu hohe Erwartungshaltungen an bestimmte Menschen innerhalb einer Gesellschaftsgruppe, entstehen kann.

2.Die soziale Rolle

Die Rollentheorie wurde in der deutschen Soziologie in den sechziger und siebziger Jahren lebhaft diskutiert. Zunächst wurde dabei vor allem die englischsprachige Rollentheorie rezipiert und teilweise auch fortgesetzt und entwickelt. (Dahrendorf 1964, erstmals 1958, Joas 1978, Claessens 1974)2 In einer zweiten Phase dieser Diskussionen wurde die Rollentheorievor allem aus der marxistischen Sicht kritisiert und als „Verschleierungsideologie“ interpretiert. (Haug 1972) Gerhardt (1971) versuchte eine Rollentheorie zu entwickeln, die den Ansprüchen einer kritischen und emanzipatorischen Gesellschaftstheorie entsprechen könnte. Die theoretischen Kontroversen bestanden zum Einen aus einer Debatte über das Verhältnis von gesellschaftlichem Zwang und individueller Freiheit, zum Anderen aus einer makrosoziologischen Diskussion über Rollenstruktur und Machtstruktur.3 Die empirischeForschung konnte durch diese Debatten nur wenig stimuliert werden, weshalb es in den nachfolgenden Jahrzehnten eher ruhig um die Rollentheorie in der deutschen Soziologie geworden ist. Einzig Uta Gerhardt hat kontinuierlich weiter rollentheoretisch gearbeitet, weshalb man sich in der deutschen Soziologie zunehmend auf die angelsächsisch geprägte Rollentheorie beruft. Der Verlauf der Forschung verlief insbesondere in den USA kontinuierlich und bereits in den dreißiger Jahren, waren es Mead (1934), Moreno (1934) und Linton (1936), die die Rollentheorie mit ihren Begriffen grundlegend prägten.4 Entgegen derThese von Kuhn (1970), hat sich in der Rollentheorie kein theoretisches Paradigma völlig durchgesetzt, sondern mehrere Paradigmen sind bis heute lebendig geblieben und tragen einen befruchtenden Teil zu gegenwärtigen, empirischen und theoretischen Forschungen bei. Die traditionellen Theorien befassen sich auch intensiv mit Rollenüberlastungen und Rollenkonflikten, während modernere Theorien in „multiplen“ Rollen insbesondere für Frauen eine Chance der Emanzipation sehen.5 Ziel in dieser Arbeit ist, den Begriff dersozialen Rolle in die sozialen Systeme einer Gesellschaft einzuordnen und das Konfliktpotenzial deutlich zu machen, da später insbesondere die Konsequenzen dieser Konflikte tiefergehend untersucht werden sollen.

„Das soziale Universum ist durch Rollen und ein Rollenset bestimmt, die gespielt werden, deren Ausübung wir wahrnehmen und bewerten, mit dem wir auch in Konflikt geraten und die uns persönlich unter Stress setzen.“6

Goffmann geht in seinen Ausführungen sogar noch einen Schritt weiter und spricht davon, dass wir von „Rollen erfasst“ werden. Diese Annahme impliziert, dass wir nicht mit einer bestimmten sozialen Rolle auf die Welt kommen, sondern viel mehr im Laufe unseres Sozialisationsprozesses in verschiedene Rollen geraten.7 Während man in der Soziologieeinige konträre Meinungen zu verschiedenen Themen vertritt, sind Soziologen sich in diesem Punkt einig. Der Begriff Rolle an sich, ist zunächst subjektiv betrachtet, in einer gewissen Art und Weise vorbelastet, da wir ihn unmittelbar mit dem Schauspiel verbinden. Schauspieler spielen eine andere Person, um eine bestimmte Position in einer Geschichte einzunehmen und diese dem Publikum zu präsentieren und dies völlig unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Opernaufführung, eine Theateraufführung oder einen Spielfilm handelt. In diesem Kontext stellt sich die Frage, inwiefern man aus soziologischer Sicht den Begriff Rolle von diesem trivialen Beispiel unterscheidet.

Für die soziale Rolle sind auch nicht-soziale Voraussetzungen entscheidend, weshalb das Rollenset von Soziologen „als ein Bündel von Rollenbeziehung“ verstanden, „die von den Mitgliedern der sozialen Systeme durch ihren sozialen Status auszufüllen sind“. Die soziale Rolle hat in diesem Zusammenhang vor allem die Aufgabe, die „funktionalen Imperative der sozialen Systeme“ zu lösen.8

Doch was genau bedeutet funktionaler Imperativ der sozialen Systeme?

Funktionale Differenzierung bedeutet, dass bestimmte soziale Systeme, die ehemals funktional diffus waren, alle anderen Funktionen abgeben, bis auf die eine, für die sie besonders geeignet sind. Es gibt entsprechend zwei Vorgänge, die parallel verlaufen - einen Funktionsverlust einerseits und eine funktionale Spezialisierung andererseits. Die Besonderheit der jeweiligen funktionalen Sphäre ist also deren jeweilige Spezialisierung. Arbeitsteilige Sphären, wie man sie in der Praxis auch in Unternehmen findet, wenn man ihre unterschiedlichen Abteilungen betrachtet, sind also funktionale Imperative.

„Wichtig für die Bestimmung einer typischen funktionalen Sphäre ist nur, dass es innerhalb jeder Sphäre eine besondere und typisch von anderen Sphären abgegrenzte Orientierung und jeweils ein Oberziel gibt, um das sich in dieser Sphäre alles dreht.“9

Um es noch einmal zu verdeutlichen, könnte man hier noch einmal auf das Beispiel der Unternehmen, übergeordnet der Wirtschaft zurückkommen. Das Oberziel dieser Sphäre, ist die Gewinnmaximierung und überspitzt ausgedrückt dreht sich alles nur darum.

Goffmann sagt, wie eingangs bereits erwähnt, dass wir Menschen von Rollen „erfasst werden“10, jedoch muss man hier auch deutlich sagen, dass die soziale Rolle kein Teil unseresKörpers ist und wir somit jederzeit die Möglichkeit haben, uns von ihr zu distanzieren, oder sie zu wechseln. Für diese Distanzierung oder gar den Mut sie zu wechseln, bedarf es aber einige individuelle Stärken und Eigenschaften, denn die soziale Rolle lässt grundsätzlich keinen allzu großen Spielraum, auch wenn innerhalb sozialer Rollen größere Variationen vorkommen.

[...]


1 Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Frankfurt/M 1999. Suhrkamp. S.27.

2 Meyer, Peter C.: Rollenkonfigurationen Rollenfunktionen und Gesundheit: Zusammenhänge zwischen sozialen Rollen, sozialem Stress, Unterstützung und Gesundheit, Wiesbaden 2000, S.21

3 Vgl. Meyer (2000), S.22

4 Vgl. Meyer (2000), S.22

5 Vgl. Meyer (2000), S.23

6 Preyer, Gerhard: Rolle, Status, Erwartungen und soziale Gruppe: Mitgliedschaftstheoretische Reinterpretation, Wiesbaden 2012, S.55

7 Vgl. Preyer (2012), S.55

8 Esser, Hartmut: Soziologie. Die Konstruktion der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000, S.67

9 Vgl. Esser (2000), S.67

10 Vgl. Preyer (2012), S.55

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Suizid aus soziologischer Sicht. Inwiefern beeinflusst die soziale Rolle suizidales Verhalten?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V318033
ISBN (eBook)
9783668172166
ISBN (Buch)
9783668172173
Dateigröße
866 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
suizid, sicht, inwiefern, rolle, verhalten
Arbeit zitieren
Janine Simon (Autor), 2015, Suizid aus soziologischer Sicht. Inwiefern beeinflusst die soziale Rolle suizidales Verhalten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318033

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