Die Apokalyptik in Christentum und Judentum. Ende der Zeit oder eschatologische Hoffnung?


Hausarbeit, 2011

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffserklärung
1.1 Apokalypse
1.2 Der Begriff des Propheten
1.3 Eschatologie

2. Geschichtlicher Überblick

3. Grundmuster apokalyptischen Denkens
3.1 Jüdische Apokalyptik
3.2 Christliche Apokalyptik

4. Apokalyptische Texte
4.1 Buch Ezechiel
4.2 Buch Jesaja
4.3 Buch Daniel
4.4 Johannes - Apokalypse
4.4.1 Entstehungszeit
4.4.1.1 Essener von Qumran
4.4.2 Entstehungsort
4.4.3 Die nicht geklärte Frage des Verfassers
4.4.4 Die Frage nach verwendeten Quellen
4.4.5 Inhalt und Aufbau

5. Historische Ereignisse im Hinblick auf die Apokalypse
5.1 Nationalsozialismus und Okkultismus
5.2 Die Nazibarbarei als „apokalyptische Zeit“

6 Ende der Zeit oder eschatologische Hoffnung?

Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

Bilderverzeichnis

1. Begriffserklärung

Die Erörterung des Themas kommt nicht ohne theologische Begriffe aus, von denen die wichtigsten in diesem Kapitel einleitend erörtert werden sollen, damit man später auf diese zurückgreifen kann.

1.1 Apokalypse

Das Wort Apokalypse leitet sich von dem griechischen Wort apokalypsis ab, welches so viel wie »enthüllen« oder »offenbaren« bedeutet. Bei den Apokalypsen, beispielsweise bei der Offenbarung des Johannes (dem letzten Teil des Neuen Testaments) handelt es sich um eine Zukunftsweissagung. Dem Verfasser werden der Untergang der Welt und gleichzeitig der Beginn des Reiches Gottes offenbart. Es werden also historische Ereignisse beschrieben; alles was vor Weltuntergang und Neuschöpfung geschieht, hat Anfang und Ende. Gott aber ist ewig, demnach hat die Seligkeit des Lebens in seiner Gegenwart kein Ende. Dementsprechend haben wir nebeneinander zwei Erwartungen: Einmal, dass Christus am Ende die Herrschaft Gott wieder zurückgeben und Gott alles in allem sein wird (so Paulus 1. Kor 15,24). Zum anderen, dass das Reich Christi ohne Ende sein wird (Nicaenum nach Daniel 7, 11.27). Nach Heinrich Kraft zeigen sich beim Vergleich dieser Weissagungen mit der Geschichte regelmäßig Diskrepanzen, aus denen Abfassungs- und Überarbeitungszeit erschlossen werden können.[1]

Schriften, wie die Apokryphen (Bücher, die in der griechischen, aber nicht in der hebräischen Bibel stehen), die Pseudepigraphen (Schriften mit offensichtlich unzutreffender Verfasserangabe) oder die Apokalypsen sind in der Zeit entstanden, in der die Überzeugung herrschte, dass die Prophetie erloschen sei und dass es keine inspirierten Schreiber gebe. Darum gaben sie Fromme früherer Zeiten als Verfasser an, deren Inspiration nicht in Frage stand.[2]

1.2 Der Begriff des Propheten

Das griechische Wort Prophetes bedeutet wörtlich ein Mensch, der etwas voraussagt, mithin das, was wir einen Wahrsager nennen. In der griechischen oder griechisch beeinflussten Religionsgeschichte hat das Wort darüber hinaus auch eine technische Bedeutung; es bezeichnet einen inspirierten Priester.[3] Die Gottheit spricht durch den Mund dieses Menschen, der für diesen Dienst ausgewählt und geheiligt wurde. Der Menschengeist zieht aus, bevor der Gottesgeist einzieht, um die Botschaft Gottes zu offenbaren. Dementsprechend ist der Prophet in der Zeit seiner Inspiration nicht bei Bewusstsein. Bewusstsein und Inspiration schließen einander aus, dadurch ist der Prophet nicht verantwortlich für das, was er in der Ekstase tut oder spricht. Die Inspiration besteht in der Gegenwart Gottes. Dabei bleibt aber die menschliche Natur des Propheten vollständig und unverkürzt, denn nur so kann er die Verantwortung für sein Handeln tragen. Was der Prophet spricht, tut und leidet, ist eine Äußerung des Gehorsams gegenüber Gott. Diesen Gehorsam erweist der Prophet zum ersten Mal bereits bei seiner Berufung. Häufig sträubt er sich gegen seinen Auftrag, den er von Gott bekommt, denn er weiß, dass damit viel Leid verbunden ist. Es gibt keine Vorbereitung durch Ausbildung oder Heiligung auf das Prophetenamt, denn der Geist fällt auf wen er will. Die Propheten nehmen den Titel „Knecht Gottes“ bewusst und willentlich für sich in Anspruch, weil sie zu Gott in dem Verhältnis stehen, in dem Sklaven zu ihrem Herrn stehen. Sie sind also Vertraute ihres Herrn, denn Gott gibt seine Pläne seinen Knechten bekannt und wirkt durch seine Knechte, bedient sich also ihrer, die Pläne zu verwirklichen. Zwischen dem Reden und dem Handeln der Propheten liegt kein grundsätzlicher Unterschied vor. Beide sind Ankündigungen dessen, was Gott tun wird. Die Taten Gottes beginnen damit, dass sie durch Propheten angekündigt werden, und die Propheten wissen, dass sie bewirken, was sie ankündigen. Mit der Ankündigung der Pläne beginnt nämlich sofort die Verwirklichung der Pläne Gottes.[4]

Auch wenn der Prophet im Vollzug seines Auftrags Feuer vom Himmel fallen lassen kann, so wie es z.B. der Prophet Elia im Alten Testament gemacht hat, ist er für seine Person ausgeliefert wie ein Lamm und muss alle Feindschaft erdulden, die seine Verkündigung erweckt. Die Leiden werden also zum regelmäßigen Bestandteil des Prophetenlebens. Zu diesen Leiden gehören aber nicht nur die äußerlichen Leiden, die dem Propheten zugefügt werden. Er leidet auch an sich selbst und an seinem Auftrag. Die Prophetenberufung wird nämlich nicht rituell vollzogen. Sie erfolgt dadurch, dass der Geist auf den Propheten fällt. Da es dafür keine Zeugen gibt, wird der Prophet selber durch den Zweifel angefochten, ob er wirklich berufen und ein wahrer Prophet ist, oder ein Lügenprophet, der sich das Amt nur angemaßt hat. Man kann einen wahren Propheten von einem Lügenpropheten nicht unterscheiden, indem man die Richtigkeit seiner Aussagen beweist. Dies hat sich auf die Dauer als unbrauchbar erwiesen. Es gibt allerdings einen Akt (man begegnet ihm oft in den alttestamentlichen Zeiten), wodurch man der wahren Prophetie näher kommen kann: der Prophet versucht sich seinem Auftrag und den damit verbundenen Leiden durch die Flucht zu entziehen. Erst im Abbrechen der Flucht und der Übernahme des Auftrags kommt seine neue Befindlichkeit zum Ausdruck, sein Gehorsam gegen den ihn leitenden Heiligen Geist.[5]

1.3 Eschatologie

Das altgriechische Wort és-chata bedeutet „die äußersten“ bzw. „die letzten Dinge“. Sie beschreibt die Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen und der gesamten Schöpfung. Zentraler Glaubenssatz der katholischen Eschatologie ist, dass das Reich Gottes, die Gottesherrschaft, bereits mit der Inkarnation, der Menschwerdung Jesu Christi, begonnen habe. Eschatologie beschreibt zwar, dass „wird, was sein soll“[6], lehrt aber zugleich, dass jenes Zukünftige jetzt schon sein soll und damit, was „vor diesem Zeitende zu tun und zu lassen ist.“[7] So lehre sie auch „menschliche Selbsterkenntnis“[8], „den Ausgleich der Gerechtigkeit auf Erden vorzubereiten und um der Einheit aller Menschen willen Frieden zu stiften“.[9] Eschatologische Vorstellungen stellen, so Bernhard Uhde im Buch „Jüngste Tage“, „niemals rein Künftiges dar, sondern sie greifen als wirkmächtige Vorstellungen in die bestehende Welt ein.“[10] In der Gegenwart versuchen die apokalyptischen Texte dazu zu motivieren, den Anbruch der Gottesherrschaft auch im Handeln - „und zwar im Alltag der Welt, im Alltag durch Wort und Tat“[11] - zu bezeugen. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass durch die Aussagen der Evangelien, der Offenbarung des Johannes sowie der Briefe des Paulus deutlich wird, dass die christliche Eschatologie mit Christus schon begonnen hat, aber auch einige Ereignisse für die Zukunft vorgesehen sind. Solche zukünftigen Ereignisse sind: Wiederkunft Christi, Auferstehung, Gericht, Vernichtung alles Bösen, Beendigung alles Traurigen, ewiges Feuer, ewiges Leben in einem unzerstörbaren Geistleib, umfassende Verwirklichung von Gottes Willen und Sein.

Nach der katholischen Auffassung geht es bei der Eschatologie um viel mehr als um bloß die den einzelnen Menschen betreffende Heils- oder Unheilsereignisse. Es handelt sich dabei gleichzeitig immer um heilsgeschichtliche Ereignisse, die auf dem Weg über die vielen Heilsschicksale des einzelnen zustande kommen. Alle Letzten Dinge haben gemeinsam die Aufgabe, das Reich und die Herrschaft Gottes heraufzuführen und zu vollenden. Sie sind im eigentlichen Sinne nicht Dinge, sondern Vorgänge.[12]

2. Geschichtlicher Überblick

Das Verständnis für etwas bekommt man dadurch, wenn man zunächst detailliert den geschichtlichen Hintergrund auffasst. Wie sind die Apokalyptik und das damit verbundene Genre entstanden?

Die antike Apokalyptik war im Wesen nach etwas völlig anderes, als man gegenwärtig mit diesem Begriff verbindet. Sie war Ordnungsliteratur fast im Sinne heutiger Fachbücher. Gegenwärtig assoziiert man mit dem Begriff der Apokalyptik den Begriff Chaos. Dies gilt auch für das Adjektiv »apokalyptisch«. Man hat schreckenerregende Zukunftsereignisse vor Augen.[13]

Derzeitige Szenarien verdanken sich vor allem der Wirkungsgeschichte zweier Bücher des christlichen Kanons, nämlich der spätestens im Jahre 164 v. Chr. fertig gestellten Daniel-Apokalypse (Dan) und der wahrscheinlich gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstandenen Offenbarung der Johannes (Offb). Maßgeblich für das, was man bis heute in der Regel unter der Apokalyptik versteht, wurden nicht die Gemeinsamkeiten aller inzwischen bekannt gewordenen Apokalypsen, sondern einige spezifische Inhalte gerade dieser beiden Werke. Für die Bestimmung dessen, was Apokalyptik meint, hat auch viel die jüdische Apokalypse beigetragen, die wahrscheinlich genau im Jahre 100 n. Chr. angefertigt wurde.[14]

Etwa in den sechziger Jahren des zweiten Jahrhunderts wurde in Rom ein Kanonverzeichnis aufgeschrieben, der älteste kirchliche Text in lateinischer Sprache. Das Verzeichnis definierte den Kanon der heiligen Schriften als Merkmal der entstehenden katholischen Kirche zur Abgrenzung von Sekten.[15] Der Grundstock unseres heutigen Kanons von 27 Schriften ist allgemein anerkannt und wird von den weitaus meisten der zum angeschlossenen Kanon gehörigen Bücher gebildet, nämlich den vier Evangelien, der Apostelgeschichte, 13 Paulusbriefen, mindestens 2 Katholischen Briefen (1 Petrus, 1 Johannes) und der Apokalypse des Johannes also - niedrig gerechnet - 21 Schriften. Es hält außer dem Umfang des Bibelkanons auch die angewandten Kriterien für die Aufnahme eines Textes in den Kanon fest. Nach dem Entdecker des Textes wird es „Canon Muratori“ genannt.[16] Darin heißt es: „Die Apokalypse sowohl des Johannes als auch des Petrus nehmen wir nur hin, von der einige der Unsern nicht wollen, dass sie in der Kirche gelesen wird. Den Hirten aber hat jüngst zu unserer Zeit in der Stadt Rom Hermas geschrieben, derweil auf der Kathedra der Kirche der Stadt Rom sein Bruder Pius als Bischof saß, und darum ist es in Ordnung, wenn das Buch gelesen wird, doch kann es aber nicht in der Kirche dem Volk verkündigt werden, weder unter den Propheten, weil deren Zahl voll ist, noch unter den Aposteln, weil deren Zeiten zu Ende sind.“[17] Die Apokalypsen wurden nacheinander in den Kanon aufgenommen, letztendlich auch die Apokalypse des Johannes, bei der es länger gedauert hat, da man sich nicht sicher war, wer der Verfasser ist.[18]

3. Grundmuster apokalyptischen Denkens

Da wir jetzt die geschichtliche Seite kennen, können wir bewerten, wie die Verfasser in der Zeit gedacht haben, was sie den Menschen vermitteln wollten und wieso sie so schrieben, wie sie schrieben. Das Grundmuster dieses Denkens war bei allen Verfassern ziemlich gleich:

„Die Apokalyptik erwartet für die letzte Stunde einen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung.“[19] Jede Religion oder Heilslehre kennt ihre eigene Apokalypse. Die Endzeitszenarien der meisten Heilskehren enthalten Katastrophen und martialische Strafen für die Sünder. Gleichzeitig ist die Apokalypse mit der Idee der Erlösung verknüpft. Zum Inbegriff apokalyptischer Szenarien gehörten immer schon Naturkatastrophen, die ein Gefühl von Ohnmacht auslösen und den betroffenen Menschen mit einem Schlag die Endlichkeit des Lebens vor Augen führen. Solche Enderwartungen sind in erster Linie den heiligen Schriften entnommen. Daneben erscheinen aber auch oft Mythen als Quellen, die in der Bibel meist gar nicht erwähnt werden.[20]

Die Erwartung einer messianischen Persönlichkeit knüpft an jüdische Vorbilder an und findet sich besonders im zweiten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonischer, in der Johannes-Apokalypse und im Buch Daniel. „Die eschatologische Interpretation der Heiligen Schrift versteht deren Inhalt als - meist verschlüsselte - Weissagung auf die Endzeit. Kreise, wie beispielsweise die Pharisäer oder die Qumran-Sekte, bevorzugten die Thora als Quelle, während die prophetische Frömmigkeit sich vorzugsweise auf die Propheten oder als Prophetie verstandene Schriften wie den Psalter stützte.“[21]

Widersprüche entstehen dadurch, dass bei den Heilserwartungen universale aber auch partikulare Erwartungen nebeneinander stehen, und dass sich die Erwartungen der Juden in Palästina und der Diaspora erheblich unterscheiden. Weiters gibt es Unterschiede zwischen der jüdischen und der christlichen Apokalyptik:

3.1 Jüdische Apokalyptik

Etwa zur Zeit Alexanders des Großen kommt es bei den Kulturvölkern um das östliche Mittelmeer zu einer Veränderung des Weltbildes. Man entdeckt die unendliche Weise des Weltraums. Damit tritt aber auch der unendliche Abstand zwischen Gott und dem Menschen in das Bewusstsein. Die unmittelbare Folge war bei den Griechen die Entstehung der Skepsis, der Überzeugung, dass der Mensch unfähig sei, die Wahrheit zu erkennen. Bei den Juden, deren Denken nicht von der Frage nach dem Wesen, sondern dem Willen Gottes geleitet ist, breitete sich die Vorstellung vom verschlossenen Himmel aus: Gott spricht nicht mehr unmittelbar zu seinem Volk. In dieser Zeit der Gottferne ist die Apokalyptik mit einer Reihe von neuen und kennzeichnenden Vorstellungen entstanden. Dahin gehört vor allem die Überzeugung, dass der unendliche Abstand zwischen Gott und der Welt nur durch Gott überbrückt werden könne. Sodann, dass das Kommen Gottes ein Gerichtstag sein werde, an dem Gott seine Feinde bestrafen und sein Reich einrichten werde. Daraus erwuchs die Überzeugung, dass man am Ende der Zeit stehe. Die Welt sei unheilbar verdorben und werde durch eine neue Schöpfung ersetzt. Auch die Erwartung der Auferweckung der Toten und des individuellen Heils hat sich in dieser Zeit verfestigt. Einige dieser kennzeichnenden Vorstellungen der jüdischen Apokalyptik hat das Christentum bei seiner Entstehung übernommen.[22]

Wie schon vorhin vermerkt, gibt es aber auch Unterschiede zwischen den Juden in Palästina und den Juden in der Diaspora. In Palästina erwartet man, Gott werde einen Menschen berufen, der mit der Gewalt der Waffen die Fremden aus dem Lande treiben, danach das Land Gottes seinem Herrn zurückgeben, und die Herrschaft Gottes einrichten werde. Das Vorbild dieser Erwartungen ist der König David. Er gilt als vorbildende Ankündigung des endzeitlichen Königs. Darum wird auch vom Messias erwartet, dass er vom Stamme Juda ist und in Bethlehem, in der Stadt Davids, geboren wird. Es gibt im Alten Testament mehrere Weissagungen, die das Auftreten dieses Königs ankündigen. Der Messias (Anm.: mit dem Namen „Messias“, „der Gesalbte“, wird ein endzeitlicher Heilsbringer bezeichnet, der auf verschiedene Weise vorgestellt wird; die Juden in der Diaspora erwarten als Messias ein Wesen himmlischen Ursprungs. In Palästina erwartet man einen wirklichen Menschen.) hat einen schweren und blutigen Kampf zu führen, bei dem er von den himmlischen Heerscharen unterstützt wird. Die letzte Schlacht des Messias soll das endzeitliche Strafgericht Gottes über seine Feinde darstellen.[23]

Die Messiaserwartung der jüdischen Diaspora ist anders. Die zentrale Enderwartung in der Diaspora ist nicht die Befreiung des gelobten Landes von den Fremden, sondern die Rückführung der Zerstreuten in ihre Heimat. „Sie ist das Werk des Messias.“[24] Bei dieser Erwartung ist kein Kampf vorgesehen, denn das Heer, welches der Messias zurückführt, wird ausdrücklich als ein friedliches Heer bezeichnet. Da diese Heimkehr gleichzeitig von allen Enden der Erde geschieht, ist sie unmöglich das Werk eines Menschen. Daher muss der Messias vielmehr ein Wesen himmlischen Ursprungs sein.[25]

Die jüdische Apokalyptik ist im Lauf des zweiten Jahrhunderts langsam erloschen. Ausschlaggebend dafür waren die Katastrophen des jüdischen Krieges (66-70) und des Bar Kochba-Krieges (131-135), auf die sich die Juden durch ihre apokalyptischen und messianischen Erwartungen eingelassen hatten. Bei der Reorganisation zogen sich die Juden auf ihre in der gesetzlichen Frömmigkeit nationale Religion zurück. Im jüdischen Glauben sind aber trotzdem viele apokalyptische Erwartungen lebendig geblieben, da das biblische Denken der Juden an der Geschichte orientiert und auf die Endgeschichte ausgerichtet ist.[26]

3.2 Christliche Apokalyptik

Das Christentum ist im Bereich der prophetischen Frömmigkeit des Judentums entstanden und teilte bis zu einer gewissen Zeit deren Erwartungen für das Weltende. Neu kam aber die Überzeugung hinzu, mit der Auferstehung Jesu sei die Endzeit angebrochen. Die Ausbreitung dieser Botschaft vom Anbruch der Endzeit in die jüdische Diaspora begann mit der Gründung der Urgemeinde in Jerusalem. Dabei wandelten sich die Erwartungen ab; Jesus wurde nun als Messias gedeutet und die Bedeutung der Hoffnung auf die endzeitliche Bekehrung der Heiden nahm sehr stark zu. Es gab aber noch keine Gründe, die Enderwartungen schriftlich festzuhalten, weil man überzeugt war, in der Endzeit zu leben. Es gab ja keine Nachwelt, der etwas überliefert werden musste.[27]

Die christliche Apokalyptik rechnet im Unterschied zur jüdischen nicht mit einem physischen, sondern einem moralischen Kampf am Ende der Zeit. Weiters unterscheiden sie sich im Schreibstil. „Wenn der Seher eine Vision beschreibt, überträgt er die Vorstellungen, die Gott ihm eingibt, in Symbole; bei diesem Vorgang häuft er dann symbolische Dinge, Farben, Zahlen, ohne sich um die Zusammenhanglosigkeit der erreichten Wirkungen zu kümmern. Um ihn zu verstehen, muss man also in sein Spiel eintreten und die Symbole, die er vorlegt, in Ideen zurückübersetzen - unter der Gefahr, dass der Sinn seiner Botschaft verfehlt wird.“[28] Der erste und grundlegendste Sinn der Apokalypsen ist eine geschichtliche Deutung. Die Bedeutung der Bücher erschöpft sich jedoch nicht nur hierin; es bringt in der Tat ewige Werte ins Spiel, auf die sich der Glaube der Christen stützen kann. Bei der eschatologischen Interpretation wurde die Geschichte als Ankündigung der Endgeschichte gedeutet. Von manchen Heilgütern glaubte man, Gott habe sie zunächst gezeigt, und sodann bei sich aufbewahrt, um sie in der Endzeit wieder zu offenbaren und mitzuteilen. Dieses Prinzip war schon bei der Wiederkehr des Propheten Elia sichtbar geworden. Auch vom Messias wurde angenommen, dass er nach seiner Geburt zu Gott entrückt worden sei, um sein Amt in der Endzeit anzutreten. Dieselbe Erwartung bezog sich auf das Manna, mit dem Gott das hungrige Volk in der Wüste gespeist hat und auf die Lade, von der man glaubte, Gott habe sie bei der Zerstörung des salomonischen Tempels entrück; in der Endzeit werde sie wieder erscheinen. Ein großer Komplex von Erwartungen richtete sich auf die Himmelsstadt; auch sie gehört zu den bei Gott bereiteten Heilsgütern, die am Ende der Tage offenbart werden. In den Erwartungen gesetzlicher Frömmigkeit übt Gott seine Herrschaft durch das Gesetz aus; hier können die Lehrer als diejenigen erscheinen, die die Gottesherrschaft verwirklichen. Die wichtigste Enderwartung der prophetischen Frömmigkeit war die Ausgießung des Heiligen Geistes. Das neue Gottesvolk ist ein Volk von Propheten; seine Glieder sind nach dem Vorbild der gehorsamen Propheten unmittelbar vom Heiligen Geist geleitet. Mit der Ausgießung des Geistes erhalten die Erwählten zugleich königlichen und priesterlichen Rang.[29]

[...]


[1] Kraft, 1994, S. 13f

[2] Ebd.

[3] Robert; Feuillet, 1963, S. 4ff

[4] Robert; Feuillet, 1963, S. 21f

[5] Robert; Feuillet, 1963, S. 21f

[6] Rahner, 1976, S. 414

[7] Ebertz; Zwick, 1999, S. 19

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Fries, 1962, S. 327

[12] Fries, 1962, S. 327f

[13] Wikenhauser; Schmid, 1973, S. 635

[14] Ebd.

[15] Kraft, 1994, S. 28

[16] Kraft, 1994, S. 28

[17] Ebd.

[18] Kraft, 1994, S. 29 Abb.1.: http://de.academic.ru/pictures/dewiki/76/Lodovico_Antonio_Muratori.jpg, 25.10.2010 [Die Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt]

[19] Kraft, 1994, S. 183

[20] Kraft, 1994, S. 14

[21] Ebd.

[22] Wikenhauser; Schmid, 1973, S. 633ff

[23] Kraft, 1994, S. 15

[24] Kraft, 1994, S. 15

[25] Ebd.

[26] Kraft, 1994, S. 18

[27] Kraft, 1994, S. 19

[28] Arenhoevel; Deissler; Vögtle, 1968, S. 1773

[29] Wikenhauser; Schmid, 1973, S. 633ff

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Apokalyptik in Christentum und Judentum. Ende der Zeit oder eschatologische Hoffnung?
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
33
Katalognummer
V318052
ISBN (eBook)
9783668172517
ISBN (Buch)
9783668172524
Dateigröße
1191 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Apokalypse, Apokalyptik, Hoffnung, Ende der Zeit, christlich, Eschatologie
Arbeit zitieren
BEd. Michaela Visnovsky (Autor), 2011, Die Apokalyptik in Christentum und Judentum. Ende der Zeit oder eschatologische Hoffnung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318052

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