Dekonstruktion und Soziale Arbeit. Was können dekonstruktive und poststrukturalistische Argumentationen des feministischen Diskurses für die Soziale Arbeit leisten?


Hausarbeit, 2015
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Konturen und Grundfiguren des Dekonstruktivismus und des Feminismus I: poststrukturalistisches Denken.

2. Konturen und Grundfiguren des Dekonstruktivismus und des Feminismus II: dekonstruktives Denken

3. Soziale Arbeit und Dekonstruktion

4. Ausblick - Dekonstruktive und feministische Implikationen für die Soziale Arbeit

Literatur

Einleitung

„… die Geschlechternormen haben letztlich phantasmatischen Charakter und lassen sich nicht verkörpern“ (Butler 1991, S. 207)

Trotz einer bereits langandauernden Rezeption dekonstruktiver und poststrukturalistischer Theorien in sozialwissenschaftlichen Diskursen sind die Denkfiguren und theoretischen Argumentationen dieser Theoriestränge von einer breiteren Einmündung in den Mainstream der sozialwissenschaftlichen Akademie weit entfernt. Dies teilen sie mit dem Thema Gender sowie Fragen nach geschlechtlicher Identität und Differenz und dem Geschlechterverhältnis, die als sozialwissenschaftliche Querschnittsthemen nahezu jeden Diskurs in diesem Feld berühren könnten. Durch die feministische Theorie sind diese Themen bereits als eigene Forschungsrichtung mit unterschiedlichen Ausrichtungen etabliert, werden aber bislang immer (noch) nur als Spezialthemen diskutiert (vgl. Sabla/Plößer 2013, S. 8). Zusätzlich ist „aller postmodernen Vielfalt zum Trotz“ die Geschlechtszugehörigkeit, nach wie vor gehandelt als ontologische Tatsache, neben Schicht und Ethnie gesamtgesellschaftlich und alltagspraktisch weiterhin ein machtvoller ‚sozialer Platzanweiser‘ (vgl. Brückner/Rose 2006, S. 235). Auf der Subjektebene ist das Bearbeitungsfeld Gender trotz der Individualisierung von Lebenslagen, von Frau-Sein und Mann-Sein, der Zuweisung und Konstruktion von Ein- und Ausschlüssen in Form des „doing gender“, also der „An – und Übernahme und der Ausgestaltung geschlechtsspezifischer Muster“, weiterhin ebenfalls eine sehr bedeutende identitätsrelevante Konstante (vgl. ebd.).

Judith Butler als eine der engagiertesten und kontroversest diskutierten Autorin und Aktivistin feministischer und politischer Theorie sowie Philosophie polarisiert mit ihrer Rede von jenen „ontologisch gefestigten Phantasmen ‚Mann‘ und ‚Frau‘“, die sie als „theatralisch produzierte Effekte“ und als „Grundlagen, als Originale, als normatives Maß des Realen posieren“ sieht und sich damit gegen die oben beschriebenen Effekte tradierter Differenzierungen in Geschlechterfragen stellt (vgl. Butler 1996, S 27). Sie beeinflusst seit langem nachhaltig aber ambivalent rezipiert den Diskurs um die Geschlechtsidentität und heteronormativen Machtverhältnisse in westlichen Gesellschaften[1].

Blickt man in Richtung der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit stellt sich die Situation zwar so dar, dass gendertheoretische Überlegungen weitläufig Einzug in den Theoriediskurs Sozialer Arbeit gefunden haben.

„Die Berücksichtigung von Geschlechterdifferenzierungen und Geschlechterverhältnissen scheinen in aktuellen Publikationen, Ausbildungscurricula, Handlungsfeldern und Konzepten Sozialer Arbeit [aber] immer nur ein zusätzlicher Fokus zu sein, der den allgemeinen Blick, die allgemeinen Theorien und Lehrinhalte ergänzen kann“ (Sabla/Plößer 2013, S. 8).

Damit werde nach Ansicht von Kim-Patrick Sabla und Melanie Plößer den geschlechtertheoretischen Fragestellungen und Erkenntnissen aber gleichzeitig die Möglichkeit abgesprochen, allgemeine Aussagen über den Gegenstand, die Aufgaben und Ziele wie auch das professionelle Selbstverständnis der Sozialen Arbeit zu treffen. Vielmehr scheine es so, als wirke eine Genderperspektive nur für bestimmte Problembereiche, nur für bestimmte Adressat*innengruppen, nur für bestimmte Handlungskonzepte erhellend (vgl. ebd.).

Dekonstruktive und poststrukturalistische Argumentationen im Hinblick auf Geschlechterfragen operieren so immer noch sehr am Rand des Theoriediskurses Sozialer Arbeit, obwohl sie unterschiedliche Ausformulierungen einer grundsätzlichen Perspektive auf „sich selbst aufbrechende Wissensordnungen“ (vgl. Moebius/Reckwitz 2008, S. 14) anstreben und somit eine umfassende theoretische Unterfütterung von Theorien Sozialer Arbeit voran treiben können. Dieser Umstand ist von besonderem Interesse gerade auch im Hinblick auf den Transfer in die sozialarbeiterische Praxis, die sehr konkret im Spannungsfeld ihrer Normalisierungsfunktion und einem engagierten Eintreten in Form von Anerkennung der marginalisierten Subjektpositionen ihrer Klient*innen steht (s. dazu Plößer 2013). Die Frage, wie Menschen zu Subjekten gemacht werden, die Judith Butler, u.a. auf der Grundlage der Auseinandersetzung mit dem Werk Michel Foucaults vorantreibt, kann als zentral für nahezu alle ihre Arbeiten gelten und ist auch mit (sozial)pädagogischen Fragestellung originär verbunden (vgl. Ricken/Balzer 2012, S 11). Es geht mit Norbert Ricken und Nicole Balzer um die kategoriale Problematik, die die Auseinandersetzung mit poststrukturalistischen Theorien insgesamt kennzeichnet: die Arbeit an der Überwindung begrifflicher und kategorialer Dichotomien, die exemplarisch in der Entgegensetzung von Autonomie und Heteronomie, von Selbständigkeit und Fremdabhängigkeit sowie von Freiheit und Macht das sozialpädagogisch bedeutsame Ineinander von Selbst- und Anderenbezüglichkeit nicht angemessen zu erfassen vermögen (ebd.).

Die vorliegende Arbeit geht daher der Frage nach, was dekonstruktive und poststrukturalistische Argumentationen des feministischen Diskurses für die Soziale Arbeit leisten können und in welche Richtung dies den Theoriediskurs Sozialer Arbeit beeinflussen kann. Es geht so einerseits um das Bemühen, diese Positionen mehr ins Zentrum einer genderorientierten Forschungsperspektive in der Sozialen Arbeit zu rücken. Und andererseits geschieht dies dann auch im Zuge des Vorwurfs einer Art feindlicher Übernahme des Feminismus durch hegemoniale Globalisierungs- und Neoliberalisierungsinteressen der Gesellschaft. Ziel ist es, eine kritische Überprüfung feministischer Positionen innerhalb der Sozialen Arbeit zu ermöglichen, um einen gesellschaftskritischen Impetus des Feminismus zurückzugewinnen (vgl. Umrath 2012, 232). Zentrale These wird dabei sein, dass die spezifische subjekt- und Identitätskonstruktion bzw. -dekonstruktion in poststrukturalistischen Perspektiven auf Geschlecht zentrale Anknüpfungspunkte für eine politisch und kritisch informierte und engagierte Soziale Arbeit sein können und diese sogar erst konstituieren. Die Arbeit skizziert zunächst Konturen und Grundfiguren poststrukturalistischen Denkens im Kontext eines dekonstruktiven Feminismus, bevor Dekonstruktion als Analysefolie performativer Praxen dargestellt wird. Wo sich Soziale Arbeit mit solch einer poststrukturalistischen Perspektive verorten kann, wird im Anschluss daran diskutiert. Die Arbeit schließt mit einem die gewonnen Erkenntnisse reflektierenden und zusammenfassenden Ausblick.

1. Konturen und Grundfiguren des Dekonstruktivismus und des Feminismus I: poststrukturalistisches Denken.

Vor dem Hintergrund der neuen Frauenbewegung veränderten sich auch die feministischen Debatten im Laufe der letzten circa vier Jahrzehnte. Generell geht es bereits seit de Beauvoir darum, in unterschiedlichen Diskurswellen und Intensität der Argumentationen und Auseinandersetzungen die Ontologie von Frau (und Mann) Sein als soziales Gewordensein zu dechiffrieren (vgl. Villa 2010a, S. 146).

Nach Ansicht von Paula Irene Villa sind die je spezifischen Anknüpfungen jedoch zu unterschiedlich anknüpfbar an die von de Beauvoir formulierte Annahme, Frauen würden durch gesellschaftliche und historische Bedingungen zu solchen und nicht durch eine natürliche oder eine ontologische Bestimmung, um als eine homogene Theorie- oder Forschungsrichtung zu gelten. Im Laufe der nunmehr mindestens vier Jahrzehnte umspannenden Auseinandersetzung mit der sozialen Konstruktion und Konstitution von Geschlecht, hätten sowohl empirische Arbeiten als auch theoretische Auseinandersetzungen auf verschiedenste Disziplinen und Traditionen zurückgegriffen (und diese wiederum beeinflusst): Wissenschaftskritik, Diskursanalyse, Ethnomethodologie, Wissenssoziologie, Zivilisationstheorien, Marxismus, Psychoanalyse, Poststrukturalismus, Ideologiekritik usw. würden die Werkzeuge darstellen, die Frauen und Geschlechterforscher*innen benützten, wenn sie (de)konstruktiv vorgingen (ebd.). Im Folgenden wird es darum gehen, Konturen und Grundfiguren des feministischen Diskurses innerhalb der als Poststrukturalismus bezeichneten Theorieschule zu skizzieren und die Kernelemente dekonstruktiver Perspektiven auf Geschlecht herauszuarbeiten.

Es kann von einem „andauernden theoretischen Widerhall“ (Kerner 2007, S. 5) Simone de Beauvoirs gesprochen werden, wenn sie als Gründungsfigur einer modernen Gender-Debatte gilt. Sie beschrieb in ihrem Werk „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ die Geschlechter als sozial konstruiert und veränderbar anstatt als biologisch fundiert und starr. Damit legte sie nach Ansicht von Ina Kerner den Grundstein für ein Verständnis von Geschlecht, das auf der internen Unterscheidung basiert zwischen dem biologischen oder körperlichen Geschlecht einerseits (sex) und dem sozialen Geschlecht, der gesellschaftlichen Rolle bzw. Normen andererseits (gender), wobei zwischen beiden kein ursächlicher, notwendiger Zusammenhang unterstellt werden muss und vor allem das soziale Geschlecht nicht aus dem biologischen per se abgeleitet werden kann (vgl. ebd.). „Dieses Verständnis, nach dem die Biologie eben nicht das Schicksal einer Person bestimmt, prägt feministische Theorien und Geschlechterpolitik bis heute“ (Kerner 2007, S. 5) und speist sich aus der vielfach zitierten Rede bei de Beauvoir:

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt. Die gesamte Zivilisation bringt dieses als weiblich qualifizierte Zwischenprodukt zwischen Mann und dem Kastraten hervor. Nur die Vermittlung anderer kann ein Individuum zum Anderen machen. Solange das Kind für sich existiert, vermag es sich nicht als geschlechtlich differenziertes Wesen zu begreifen. Für Mädchen wie für Knaben ist der Körper zunächst die Ausstrahlung einer Subjektivität, das Werkzeug zum Verständnis der Welt: sie erfassen das Universum mit den Augen, mit den Händen, nicht mit den Geschlechtsteilen.“ (de Beauvoir 1992, S. 334)

Aus Sicht eines poststrukturalistisch informierten Feminismus enthält dieses Zitat von de Beauvoir bereits vielfältige theoretisierbare Anschlüsse, die sich hier weit vor einem „linguistic turn“ in der feministischen Theorie, den Villa vor allem durch die Arbeiten Butlers initiiert sieht (vgl. Villa 2010, S. 149), in der Perspektive lesen lassen, dass die Vermittlung zwischen Individuen immer sprachlich intendiert und ausgeführt ist. Beauvoir setzt sich u.a. mit den Begriffen „Frau“ und „weiblich“ auseinander und entlarvt diese als eine Form biologistischer Bezeichnungspraxis. Die Begriffe enthalten „kein unveränderliches Wesen“ (ebd, S. 333) und insofern wird die Annahme des von Ferdinand de Saussure begründeten Strukturalismus bei de Beauvoir hier implizit schon mittransportiert, dass Sinnzusammenhänge nicht als Abbildungen und Repräsentationen einer vorsprachlichen Wirklichkeit gedacht werden können, sondern durch Differenzen und Relationen von Zeichen und Elementen konstituiert werden (vgl. Moebius/Reckwitz 2008, S. 12).

Um diese Zusammenhänge noch weiter zu explizieren und als Grundfiguren poststrukturalistischen Denkens zu etablieren, wird im Folgenden skizzenhaft darauf eingegangen, welche sprach- und zeichentheoretische Basis des als Poststrukturalismus bezeichneten Theoriestrangs in den Sozialwissenschaften zugrunde liegt.

Im Zentrum der Saussure`schen Untersuchung des sprachlichen Zeichensystems steht eine Beschreibung der Struktur des kleinsten bedeutsamen Elements des Sprachsystems, des Zeichens selbst. Jedes Zeichen ist nach Münker und Roesler zusammengesetzt und zwar derart, dass es eine Vorstellung (das Bezeichnete, Signifié, Signifikat, Inhaltsseite des Zeichens) und ein Lautbild (das Bezeichnende, Signifiant, Lautbild, Ausdrucksseite des Zeichens) in sich vereinigt. Der Begriff Lautbild meine dabei gerade nicht den artikulierten Laut, das gesprochene Zeichen, sondern dessen intrapsychische Vergegenwärtigung. Obwohl Signifikat und Signifikant untrennbar miteinander verbunden seien, sei ihr Verhältnis zueinander doch in einem wesentlichen Sinn zufällig, beliebig: Es gebe ‚keinerlei innere Beziehung‘, die eine bestimmte Vorstellung mit einem bestimmten Lautbild verknüpfen würde (Beispiel: Schloß -> ein Signifikant verweist auf mehrere Signifikate -> Gebäude, Vorrichtung zum Abschließen). Damit Kommunikation möglich wird, würden Zeichen nach konventionellen Regeln verwendet, die in sich sozial konstruiert seien. „Ob wir für den Signifikaten ‚Brot‘ das deutsche Wort ‚Brot‘ oder das französische Wort ‚pain‘ verwenden, ist eine Frage des Kontextes, nicht des Sinns“ (Münker/Roesler 2012, S. 3). Daraus folgt der erste Grundsatz der allgemeinen Sprachwissenschaft: Die Arbitrarität (die Beliebigkeit) des Zeichens. Die Struktur des sprachlichen Zeichensystems stellt sich nach Münker und Roesler als ein Netz von Signifikanten dar, die auf mannigfaltige Weise miteinander verwoben seien und - das ist entscheidend – sich wechselseitig bestimmen würden (vgl. ebd., S. 4). Bedeutungen und Sinnzusammenhänge ergeben sich damit nicht aus dem Signifikat selbst, sondern aus der Differenz zwischen den Signifikanten. Bedeutung ist nicht ein der Sprachstruktur äußerlicher oder vorgeschalteter Sinn. Er wird vielmehr in der Struktur der Sprache produziert, die allgemeinen Regeln folgt. Die differenziellen Signifikantenketten produzieren Bedeutungen, die aus der Relation der Elemente zu anderen Elementen entstehen (vgl. Moebius/Reckwitz 2008, S. 13). Dies ist der entscheidende Moment zunächst strukturalistischen Denkens: Weil es keinen außersprachlichen Grund gibt, der das Verhältnis von Signifikat und Signifikant bestimmen und so die Bedeutung eines Zeichens festlegen würde, muss sich die Konstitution sprachlichen Sinns sprachintern erläutern lassen. Nicht die Referenz der Zeichen zähle, also ihr Bezug auf etwas Außersprachliches, sondern ihre Relation, genauer: die Differenz der Zeichen zueinander. Sprachlicher Sinn ist daher das Ergebnis der Differenzierung in einem System (vgl. Münker/Roesler 2012, S. 5).

Der Poststrukturalismus betont und radikalisiert gewissermaßen die konstitutive Rolle der Differenzen. Im Strukturalismus betreffen diese ein angenommenes Zentrum selbst. In der poststrukturalistischen Sicht ist folglich eine endgültige Schließung der Verweisungskette durch die Setzung eines Zentrums nicht mehr möglich – temporäre Fixierungen und Schließungen werden allerdings dennoch vorgenommen, wie später zu zeigen sein wird.

Es ist „dieses Insistieren auf einen Moment des Sinnbruchs“ (Stäheli 2000, S. 5) sowie der Dezentrierung, der an dieser Stelle möglich wird, der in der Erkenntnis von de Saussure steckt und der die sozialwissenschaftliche Anschlussfähigkeit an diese Theorie herstellt sowie eine Übertragung auf soziologische Begriffe wie Handlung, Subjekt, Struktur, Macht und Gesellschaft möglich macht (vgl. ebd., S. 6). An die Stelle eines stabilen geschlossenen Gegenstandes (besser: Zeichen) wie „Gesellschaft“, „Frau“, „Mann“ etc. tritt nun eine Untersuchung des Scheiterns der Gegenstandskonstitution – ein Scheitern, das immer auch die Eröffnung neuer (Denk-) Möglichkeiten beinhaltet und so ein dekonstruktives Prinzip installiert (ebd., S. 7). Ein konsequentes differenztheoretisches Vorgehen bedeutet in diesem Zusammenhang nach Stäheli dann auch, dass sich die einzelnen Differenzen letztlich nicht von einer bestimmten Identität oder einem Ursprung ableiten lassen, sondern sich durch ihre gegenseitige Beziehung bestimmen (ebd. 9). Sprache und symbolische Ordnung erscheinen hier als privilegierter Ort der Konstitution von Wirklichkeit. Sprache ist mit Villa demnach nicht Abbild einer gegebenen Wirklichkeit, sondern sinn- und damit ordnungsstiftend, d.h. welterzeugend. Diskurse werden als „produktiv“ gesehen. Sprache und die in ihr eigenlogisch wirkenden eingelagerten Überschüsse seien aus poststrukturalistischer Perspektive der Ort, an dem soziale Wirklichkeit organisiert werde (vgl. Villa 2010b, S. 270, Norhausen 2015).

Judith Butler schließt an diese und vor allem an die sprachphilosophischen Überlegungen John L. Austins zur Performativität der Sprache an. Der Begriff der Performativität verweist auf die soziale Wirksamkeit sprachlicher Handlungen und Diskurse und auf deren Fähigkeit soziale Bedeutungen, wie eben Differenz zwischen Geschlechtern herzustellen (vgl. Plößer 2010, S. 219). „Performativität bezeichnet somit ein Sprechen, das das herstellt, was es bezeichnet, so dass das Gesprochene zur sozialen Tatsache wird und wirklichkeitserzeugend wirkt.“ (Plößer 2010, S. 219, s. auch Butler 1993, S. 123 ff.). Anders gesagt, sind performative Äußerungen illokutionäre Sprechakte mit denen Handlungen vollzogen werden. Butler spricht hier von Handlungen, die das was sie benennen hervorrufen oder in Szene setzen und so die konstitutive oder produktive Macht der Rede unterstreichen (vgl. Butler 1993, S. 123 f.). Beispiele für performative Äußerungen sind „Ich entschuldige mich“, „hiermit taufe ich dich auf den Namen…“ oder „Ich verspreche dir…“, wobei jeweils die Handlung der Entschuldigung, des Taufens oder eines Versprechens vollzogen wird (vgl. Johannsen,/Frieß 2010, S. 22). Interessant für die Kontextualisierung eines theoretischen Anschlusses an die Soziale Arbeit ist, dass Äußerungen die performative Kraft und Wirksamkeit wenig durch die Autorität oder Intention der*des jeweiligen Sprecher*in als vielmehr dadurch gewinnen, dass sie an soziale Konventionen und gesellschaftliche Normen anschließen, die mit den Äußerungen aktiviert werden. Diese Normen werden durch Wiederholung recodiert, festgeschrieben oder reproduziert (vgl. Plößer 2010, S. 219).

„Damit ein Performativ funktionieren kann, muss es aus einem Satz sprachlicher Konventionen schöpfen und diese Konventionen, die traditionell funktioniert haben, rezitieren, um eine gewisse Art von Effekten hervorzurufen. Die Kraft oder Effektivität eines Performativs hängt von der Möglichkeit ab, sich auf die Geschichtlichkeit dieser Konventionen in einer gegenwärtigen Handlung zu beziehen und sie neu zu kodieren. Diese Macht des Rezitierens ist nicht Funktion der Intention des Einzelnen, sondern Effekt der historisch abgelagerten Konventionen“ (Butler 1993, S. 124)

Damit kommen zwei weitere Perspektiven in den Blick, die Bestandteil eines dekonstruktiven Theoriekonzepts sein müssen, wenn Dekonstruktion als Analyserahmen sozialer Wirklichkeit gefasst werden soll. Zum einen sind dies historisch verankerte Macht- und Verdeckungszusammenhänge und –genealogien in den Geschlechterverhältnissen und – politiken, die als temporäre Sinn und Bedeutungsfixierungen gesehen werden müssen (vgl. S. 6), und darüber hinaus die Normalisierung dieser Verhältnisse und Politiken, die in hegemonial verhandelten Praxen von Heteronormativität entfaltet werden (vgl. Butler 191, S. 60). Hier geht es mit Butler um die Geschlechtsidentität und –subjektivierung als Instrumente regulatorischer Regimes. Entweder treten diese als normalisierende Kategorien unterdrückender Strukturen oder als Ansatzpunkt für eine befreiende Anfechtung eben dieser Unterdrückung auf den Plan (vgl. Butler 1996, S. 16).

Doch zunächst wird noch genauer zu zeigen sein, wie diese Verdeckungszusammenhänge hergestellt werden und was Dekonstruktion als „Verfahren“ zur Durchdringung dieser Zusammenhänge dabei leisten kann.

2. Konturen und Grundfiguren des Dekonstruktivismus und des Feminismus II: dekonstruktives Denken

Wie bereits ausgehend von einer zeichentheoretische Betrachtung der Prozesse des Herstellens von Differenz zwischen Geschlechtern gezeigt werden konnte, ist poststrukturalistisches Denken gekennzeichnet durch sein Potenzial, den Blick für ein Wahrnehmen von Dualismen und bipolaren Ordnungsschemata zu schärfen. Der Poststrukturalistische Feminismus bezieht sich nach Schmidt in seiner Analyse des Systems der hierarchischen Zwiegeschlechtlichkeit und einer damit verbundenen Setzung von Heterosexualität als Norm auf die Kategorien Sprache, Macht und Subjekt und versucht auf dieser Basis diese Systeme zu dekonstruieren. Bei der Dekonstruktion als eine spezifischere Form eines poststrukturalistischen Vorgehens, soweit dies überhaupt so bezeichnet werden kann, geht es um die Sichtbarmachung von Brüchen, Verschiebungen und Widersprüchen (vgl. Schmidt 2001, S. 270).

Dekonstruktion bei Jacques Derrida bedeutet in der Lesart von Münker und Roesler, zunächst (philosophische) Texte auf innere Widersprüche hin zu dechiffrieren und diese mit den formulierten Absichten der Texte zu konfrontieren. Mit der dekonstruktiven Lesart zeige Derrida erstens, dass die von ihm derart dekonstruierten Texte auf der einen Seite etwas behaupten, was auf der anderen Seite genau diese Behauptung untergrabe, und zweitens, dass eine Behauptung immer nur funktioniere, wenn ihr Gegenteil ausgeschlossen werde (vgl. Münker/Roesler 2012, S. 141). Es geht hier auch um die Abgrenzung gegen hermeneutische Verfahren in den Sprach- und Literaturwissenschaften und die Suche nach textimmanenten Differenzen und deren produktiver Kraft für die Schaffung von Sinn. Insofern wird Sinn auch vor allem daraus konstituiert, was nicht gesagt bzw. geschrieben wird (vgl. Villa 2010, S. 148). Dabei sieht Derrida Dekonstruktion aber nicht als Verfahren oder Methode, sondern als Haltung, die aber nicht eindeutig zu definieren ist, was der Dekonstruktion als Denkbewegung auch entgegen stehen würde (vgl. Johannsen/Frieß 2010, S. 5). Im Hinblick auf soziale Kontextuierungen und die soziale Konstruktion von Geschlecht sowie der Betrachtung anderer Ungleichheitskategorien wie beispielsweise Ethnizität, Weiß-Sein, Körper, Nationalität, Sexualität kommen Aus- und Einschlüsse innerhalb dieser „gesellschaftlichen Ordnungsformate“, die als „sozial hergestelle Differenzkategorien kraft derer Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufrecht erhalten werden“ (Heite 2010, S. 186), in den dekonstruktiven Blick abseits von rein textimmanenten Analysen. Dekonstruktion bezieht sich damit auf die Performativität der Sprache in Wort und Schrift und betrachtet diese als politisch hochwirksame Kategorien. Ein Schritt zum weiteren Verstehen dieser Perspektive gelingt bei einem Blick auf die De-Konstruktion von Subjektivierungsprozessen.

Mit in westlichem Denken verankerten und der kantischen Aufklärung verpflichtetem, stillschweigend angenommenen autonomen Subjekt ist ein Denken in Dualismen verbunden, das ein Subjekt und ein Objekt schon als gegeben voraussetzt und die Mechanismen der Konstruktion von Subjektivität nicht untersucht. Das Denkschema zur Konstruktion von Subjektivität selbst wird damit nicht zum Gegenstand einer soziologischen Analyse gemacht. Eine poststrukturalistisch informierte Perspektive auf Subjektivität muss darin eine logozentristische, d. h. identitätszentrierte, rationalistische Sicht sehen. Zweck einer solchen „‚Kritik des Logozentrismus‘, so Derrida in der Darstellung von Kerney […] ‚ist vor allem eine Suche nach dem Anderen‘ und zwar […] ‚dem Anderen der Sprache‘“ (Kearney 1982 zit. n. Münker/Roesler 2012, S. XIII). Kern der Analyse wird somit das Sichtbarmachen des Abwesenden und Verdrängten; das Freilegen brüchiger Nicht-Kontinuitäten.

Derrida, als sprachphilosophischer Begründer einer Theorie dieses Anderen, stellt fest: „Die Subjektivität ist – ebenso wie die Objektivität – eine Wirkung der différance [kurs. im Orig.], eine in das System der différance eingeschriebene Wirkung“ (Derrida 1990, S. 153).

Das komplexe theoretische Konzept des Kunstwortes der différance stellt sich vereinfachend als innere Differentialität der Schrift in strukturalistischer Perspektive dar. Die „unmotivierte“ Arbitrarität der Zuordnungen von Signifikant zu Signifikat in dieser Logik macht möglich, Sinn als Abwesenheit, als das Andere zu denken. Derrida benutzt dafür in einem weiter ausdifferenzierten Schritt den Begriff der „Spur“ (vgl. Münker/Roesler 2012, S. 45). Sinn entsteht für Derrida ganz in strukturalistischer Tradition als Effekt der Differenzierung von Signifikanten (ebd., S. 43).

Infolgedessen gibt es kein Zentrum. Ein kann auch nicht nicht in der Gestalt eines Anwesenden gedacht werden, weil es keinen natürlichen Ort besitzt und es kein fester Ort ist, sondern eine Funktion, eine Art von Nicht-Ort, worin sich ein unendlicher Austausch von Zeichen abspielt (vgl. Derrida 1997, S. 424). Das bedeutet damit auch, dass in einer ersten Geste die traditionellen Wertungen der oppositionellen Pole umgekehrt werden können, gleichzeitig wird mit dieser Umkehrung in einer zweiten Geste die Verschiebung des Systems vorgenommen (Tinkhauser 2009, S. 19). Dies ist dann der eigentliche Moment dekonstruktiven Vorgehens. Beispielsweise kann die damit einhergehende „Aufweichung geschlechtlicher und sexueller Kategorien“ einerseits als Potenzial und Erweiterung, andererseits als Bedrohung, als „Lust und Angst – auf gesellschaftlich-struktureller wie auf intersubjektiver und innerpsychischer Ebene“ gesehen werden (Tinkhauser 2009, S. 22).

Es ist dies bei Derrida auch der Augenblick, da infolge der Abwesenheit eines Zentrums oder eines Ursprungs alles zum Diskurs werde […], das heißt zum System, in dem das zentrale, originäre oder transzendentale Signifikat niemals absolut, außerhalb eines Systems von Differenzen präsent sei (vgl. Derrida 1997, S. 424)

Butler lenkt das Augenmerk in ihren Arbeiten ebenso auf vermeintlich stabile und eindeutige Begriffe und Diskurse, wie den des geschlechtlich verorteten Subjekts und dessen Immanenz sowie die al produktiv eingeordneten Effekte von Mehrdeutigkeit, Instabilität und Inkohärenz, die diese aus dekonstruktiver Sicht heraus immer wieder hervorrufen (vgl. Villa 2010, S. 148). Geschlechter werden performativ hergestellt, das heißt vornehmlich durch normalisierende und naturalisierende Wiederholungen.

„Die zeitweilige Totalisierung von subjektbezogenen Identitätskategorien liegt darin, dass man als etwas angesprochen wird, sich mit einem Namen identifizieren soll, der […] alles [kurs. i. Orig.] ist, was man ist. Als Frau angesprochen zu werden bedeutet die vorläufige Ausblendung anderer Subjektpositionen, die man einnehmen könnte“ (Villa 2010, S. 152)

[...]


[1] s. dazu exemplarisch Micus-Loos 2004

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Dekonstruktion und Soziale Arbeit. Was können dekonstruktive und poststrukturalistische Argumentationen des feministischen Diskurses für die Soziale Arbeit leisten?
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Gender Studies als Bezugsdisziplin der Sozialpädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V318096
ISBN (eBook)
9783668173323
ISBN (Buch)
9783668173330
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Gender, Postrukturalismus, Dekonstruktion, Kritik
Arbeit zitieren
Ole Norhausen (Autor), 2015, Dekonstruktion und Soziale Arbeit. Was können dekonstruktive und poststrukturalistische Argumentationen des feministischen Diskurses für die Soziale Arbeit leisten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318096

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