Geist und Gewalt in Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel "Der Turm"


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hofmannsthals Begriff des Geistes

2. Geist und Leiden

3. Geist und Gewalt

4. Geist und Frauenbild

Literaturverzeichnis

1. Hofmannsthals Begriff des Geistes

Die Nachkriegsdichtung Hofmannsthals erscheint auf den ersten Blick ambivalent oder auch polarisierend. Es stellt sich daher die Frage, ob die historischen Ereignisse der 1920er Jahre und des Ersten Weltkrieges in seinem Trauerspiel „Der Turm“ widergespiegelt werden oder ob Hofmannsthal die zeitgenössische Situation und die immer noch nicht wiederhergestellte Ordnung darzustellen versucht. Die Instabilität der politischen Situation wird im Drama bereits an dessen Anfang vom Juden Simon angesprochen. Diese ökonomisch instabilen Verhältnisse haben zur Folge, dass die Bevölkerung zur Revolte greift und den gefangen gehaltenen Prinzen Sigismund, der aufgrund eines Befehls seines Vaters in einem Turm eingesperrt war, befreit.

Der Geist wird anhand der einzelnen Figuren in verschiedenen Charakterformen dargestellt, wobei die Figuren, die alle als allegorisiert bezeichnet werden können, jeweils einen anderen, den für sie charakteristischen Geist besitzen. Er wird bei den Figuren als ihre Natur, ihr Charakter und ihre Persönlichkeitsausstrahlung identifiziert. Dieser Geist repräsentiert nicht nur ihre Natur und Verhalten im Drama, sondern auch ihre allgemeinen, politischen und wirtschaftlichen Einstellungen.

Der erstgedeuteter Begriff des Geistes geht auf die Figur Sigismunds zurück, in der man den Geist als einen religiös geprägten interpretieren kann. „Durch die Bäuerin, bei der Sigismund als Kind eine kurze Weile wohnte und menschlich behandelt wurde, wird die schlichte, aber tiefe Gläubigkeit zum Ausdruck gebracht.“1 Der religiöse Geist, der in Sigismund von der Bäuerin gehegt wird, ist als eine Vorausdeutung des christlichen Märtyrers oder als imitatio Christi zu verstehen. Die Verkörperung des Sohns Gottes stellt sich in einer Szene deutlich heraus, wenn Sigismund während der Vorbereitung für seine Rückkehr ins Schloss in einem Zimmer im Schloss verweilt.2 Auch bei der ungerechten Behandlung Sigismunds sind die religiösen Züge deutlich, die auf die Ähnlichkeit mit dem Schicksal Christi hinweisen. Dabei handelt es sich nicht nur um Sigismunds Tod, sondern auch um die Einsamkeit, von der er umgeben ist und mit der er zu kämpfen hat. Auf der anderen Seite ist der Geist Sigismunds die religiöse Abbildung seiner Persönlichkeit, zusätzlich aber auch etwas Unverletzliches, Konstantes und zugleich Einsames. Die

Einsamkeit ist aber für den Geist Sigismunds keine Strafe - zumindest versucht er aus der Situation das Beste zu machen und aus der Einsamkeit das Gute und die Kraft für den Geist zu schöpfen. Dazu verhelfen ihm der Unterricht und die religiöse Auseinandersetzung, die ihm die Bäuerin gewährt. Der Turm ist für ihn das geistige Bollwerk seiner Innerlichkeit, an dem sich der Ansturm des entfesselten „äußeren Lebens“ bricht.3 Der Geist wird dem Sein so gegenübergestellt, dass der Geist das Ewige und das Sein das Zeitliche in sich trägt. Somit ist das zeitliche Sein für Sigismund nur ein Übergang zum Ewigen durch seinen Geist, den er auf diese Weise erhalten will. „Diese platonische Identifizierung von Geist und Sein ist die letzte Waffe Hofmannsthals im Kampf gegen die barbarischen Mächte der Tyrannei, die über die Welt der Nur-Realen triumphieren.“ Sigismund ist zwar gewaltsam eingesperrt, doch dieser Zustand ist nur zeitlich und hört irgendwann auf, wobei der Geist durch seine Souveränität und Sinnlichkeit zum Ewigen unberührt bleibt und bereits jetzt frei von der weltlichen Gewalt ist; zumindest, wenn es um sein geistiges Sein geht. Zugleich steht der ewige Geist in enger Verbindung mit dem Glauben Sigismunds. Es handelt sich aber nicht nur um den Glauben an Gott, sondern auch um den Glauben an die Macht Gottes auf Erden. Dieser Glaube, dass sich das Göttliche in einer verfallenen Welt durch die reine Seele des Menschen darstellen und sich im Akt des Selbstopfers seine erlösende Kraft offenbaren könne,4 deutet einen Konflikt des Weltlich-Zeitlichen und des Göttlich-Ewigen voraus.

Am Beispiel Julians wird von Hofmannsthal eine völlig andere Form des Geistes dargestellt, als die am Beispiel Sigismunds. Er repräsentiert eine solche Art der Figur, in der zwei Charakterzüge polarisiert werden oder im Kontrast einander entgegengesetzt werden. Es liegt daran, dass sein Charakter, bzw. seine Absichten sich im Laufe der Zeit verändern. Beim Vorschlag, Sigismund mit Hilfe eines Schlaftrankes ins Schloss zu bringen, beabsichtigte Julian noch nicht, Basilius´ Herrschaft zu stürzen, sondern nur Sigismund auf den Thron zu erheben, um sich an dessen Herrschaft beteiligen zu können.5 Er als Sigismunds Lehrer ist nicht in erster Linie an der Beseitigung des Unrechts, das Sigismund widerfahren ist, interessiert, sondern ist hauptsächlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Sein großer Vorteil ist, dass er im Gegenteil zu Sigismund die Situation und die Wirklichkeit um sich wahrnimmt und handelt. Auf der einen Seite handelt Julian im Interesse des aufständischen Volkes, obwohl das nicht sein Hauptmotiv ist, auf der anderen Seite verliert sein Geist an Tugend und Ehrlichkeit, da er als Sigismunds Lehrer scheitert. Er scheitert erstens vor dem König als Sigismunds Lehrer, da er die Entwicklung der Situation nicht voraussehen und steuern kann, zugleich aber auch er als Zielstrebiger, weil er mit seinen Interessen sowohl Sigismund, als auch Olivier manipulieren und für seine eigenen Zwecke ausnutzen will. Hier irgendwo beim Scheitern von Julians Verschwörung könnte man den Zeitpunkt ansetzen, wo sein Geist eine Charakterumwandlung erlebt. Somit gerät er in die Position einer Figur, in der zwei Kontraste einander gegenüber stehen. Die Bildung ist für Julian nicht nur eine Menge an Kenntnissen, sondern auch die Erkenntnis des Höheren, des Geistigen,6 trotzdem erkennt er die Lage nicht, dass er Sigismund und Olivier nicht die Aufgaben übernehmen, die Julian ihnen anweist. „Er [Julian] glaubt, dass der Bildende als eine Art irdischer Schöpfer berechtigt ist, über die beiden ersten Menschentypen [Sigismund und Olivier] zu verfügen, d. h. sie als seine Werkzeuge zu benutzen.“7 Da Sigismunds Geist, und letztendlich auch der von Olivier, stärker sind und sich nicht überwältigen lassen, kann der Geist Julians nicht ihr Niveau erreichen und scheitert schließlich an seiner Selbstüberschätzung.

Oliviers Geist lässt sich als gewaltsamer, aufständischer und vor Allem unberechenbarer und gefährlicher Geist bezeichnen. Mit der Revolte im Drama ist Oliviers Spontanität, Durchsetzungskraft und negative Einstellung gegenüber der Regierung verbunden, die für Oliviers Charakter spricht. Dass er seinen Auftraggeber Julian, der ihn mit dem Aufruhr im Lande beauftragt, hintergeht und mit seinem Gefolge dessen Leute tötet,8 deutet nur auf die Gefahr hin, die denjenigen droht, die sich ihm querstellen. Der Geist wird am Beispiel Oliviers als der rebellische Trieb dieser Figur dargestellt. Gerhart Pickerodt charakterisiert ihn anhand seiner eigenen Behauptungen als einen blinden Gewalttäter, der durch die wirkliche Gewalt mit dunklen Kräften operiert, den dunklen Kräften affin ist und ihnen unterliegt, was typisch für die Protagonisten des politischen Umsturzes ist.9 Was beim aufständischen Geist Oliviers allerdings fehlt, ist die Sehnsucht nach dem Neuen, nach dem Politischen, nach der Wiederherstellung der Ordnung. „In der Vision vom neuen Weltstand Oliviers findet sich eigentlich nichts Neues außer dem nackten Hassgegen die Herrschenden und die die Herrschenden vernichtende Gewalt und Zerstörung, was diese Vision eher als eine Rachevision definiert.“10 Das Ausschlaggebende ist für ihn nicht das Resultat nach der Beendigung der Revolte, sondern das Wesen der Revolte selbst, die Rache und der Kampf, was seine schlichte Denkweise und seinen Geist charakterisiert.

Am Beispiel des Königs Basilius hat Hofmannsthal klar gezeigt, dass er als Herrscher mit dem Herrschergeist nichts zu tun hat. Er versagt als Herrscher und als Vater, indem er sein Volk durch sein Handeln in eine finanzielle Krise stürzt, was zur Revolte in der Bevölkerung führt, und zweitens dadurch, dass er seinen Sohn, den eigentlichen legitimen Thronfolger in einen Turm einsperrt und ihm seine Herrschaft verweigert, womit er sich selbst zu einem illegitimen Herrscher macht. Der Geist gilt bei dieser Figur als Charakter, den der König nicht besitzt. Er ist beim Gespräch mit dem Großalmosenier nicht imstande, seine Fehler einzusehen, stattdessen versucht er die ganze Schuld dem Großalmosenier in die Schuhe zu schieben. Außerdem glaubt er mehr einer Prophezeiung, als dem gesunden menschlichen Verstand und wendet sich von seinem eigenen Sohn ab, wobei er seine Religiosität vorgaukelt und diese Tat durch den christlichen Glauben zu rechtfertigen versucht. Hofmannsthal zeigt am Beispiel dieser Figur, dass so ein Herrscher wie Basilius nicht vom Geiste, sondern nur aus Selbstsucht und im eigenen Interesse handelt. „Fehlt nun dem König die Selbstbeherrschung, die Herrschaft seines Geistes über die besondere Natur, so kann er fortan nicht mehr als Repräsentant des Allgemeinen gelten, seiner Herrschaft entgleitet die Substanz, dem Anspruch auf sie die Legitimation; [«].11 Aus dem Argument Pickerodts, dass dem König die Herrschaft seines Geistes fehlt, kann man schließen, dass der Geist in ihm gar nicht anwesend ist. Dies unterstreicht ein weiteres Argument von Christoph König, der behauptet, dass der Geist und die Gewalt grundsätzlich getrennt sein müssen: „Das Prinzip der Trennung von Geist und Gewalt geht über die Vorstellung, daß [sic!] die Gewalt den Geist verunreinigen kann.“12 Da Basilius gewaltsam gegenüber seinem eigenen Sohn und gegen die christliche Überzeugung handelt, ist sein Geist entweder von dieser Gewalt verunreinigt, oder es ist bereits zu der Trennung von Geist und Gewalt gekommen und Basilius´ hat seinen Geist und somit auch seinen Charakter verloren.

2. Geist und Leiden

Wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt wurde, kann die Figur Sigismunds als Figur des christlichen Märtyrers (imitatio Christi) gedeutet werden, wobei das Vanitas-Motiv auch miteinbezogen werden muss. Es geht nicht nur um die Vergänglichkeit des Lebens, sondern auch die Zeitlichkeit einer bestimmten Situation oder eines Zustandes, die vergehen und durch etwas Neues ersetzt werden - in diesem Fall die Gewaltregierung. Sigismund lässt das Unrecht über sich ergehen lassen, ohne sich dagegen zu wehren. Er bleibt passiv und reagiert nicht auf die ihm zugefügte Gewalt, was auch auf die in der Bibel geschilderte Passivität Christi, der sich vor Pontius Pilatus nicht verteidigt, zurückverfolgt werden kann. Nicht nur sein Verhalten, sondern auch mehrere Textstellen im Drama verweisen auf die Verkörperung Christi: „[«] dann ladet die Welt auf seine Schultern: er wird sie tragen!“13 könnte man als agnus dei - Gottes Lamm, das die Sünden der Welt auf sich trägt, verstehen. Oder eine andere Aussage, ebenfalls vom Arzt stammend, geht auf den Verrat Christi durch den Apostel Petrus: „Verratet ihn nicht! Lasset die Trompeten nicht sein wie das dreimalige Krähen des Hahnes. Verratet nicht um der Heiden willen den, der in Eure Hand gegeben ist.“14 Nicht durch das alleinige Verhalten und Haltung Sigismunds wird ihm die gemeinsame Identität mit Christus zugeschrieben. Auch der Arzt und die Bäuerin identifizieren ihn mit ihren Aussagen als die Verkörperung Christi.

[...]


1 Nam, Jeong Ae: Das Religiöse und die Revolution bei Hugo von Hofmannsthal. München: Herbert Utz Verlag 2010, S. 133.

2 Vgl. Ebda, S. 134.

3 Vgl. Rey, William H.: Selbstopfer des Geistes: Fluch und Verheißung in Hofmannsthals “Der Turm“ und Thomas Manns “Doktor Faustus“. Monatshefte Vol. 52, No. 4 (Apr. - May, 1960), [S. 145-157], S. 149.

4 Vgl. Ebda, S. 151.

5 Vgl. Nam, S. 112ff.

6 Vgl. Nam, S. 114.

7 Ebda, S. 115.

8 Vgl. Ebda, S. 121ff.

9 Vgl. Pickerodt, Gerhart: Hofmannsthals Dramen. Kritik ihres historischen Gehalts. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1968, S. 242.

10 Nam, S. 123.

11 Pickerodt, S. 254.

12 König, Christoph: Hofmannsthal. Ein moderner Dichter unter den Philologen. Göttingen: Wallstein 2001, S. 332.

13 DW, S. 32.

14 DW, S. 35.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Geist und Gewalt in Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel "Der Turm"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
SE NDL Hofmannsthals Theatertexte
Note
2
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V318188
ISBN (eBook)
9783668178540
ISBN (Buch)
9783668178557
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geist, gewalt, hugo, hofmannsthals, trauerspiel, turm
Arbeit zitieren
BA. Ľubomír Hyben (Autor), 2016, Geist und Gewalt in Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel "Der Turm", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318188

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