Ein Literaturbericht zu „Movements and Media as Interacting Systems“ von William A. Gamson und Gadi Wolfsfeld

Ist der Text zur Analyse von Interaktionen zwischen Bewegungen und Medien in Großprojektkonflikten nutzbar?


Seminararbeit, 2015

18 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Zusammenfassung des Textes

2. Kritik des Texts

3. Vergleich des Texts von Gamson / Wolfsfeld (1993) mit anderen Texten

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Typologie eines neuen digitalisierten Repertoires an Aktionen

Die Autoren William A. Gamson und Gadi Wolfsfeld beschreiben in dem Text „Movements and Media as Interacting Systems“ aus dem Jahr 1993, welche Mächte und Abhängigkeiten bei der Transaktion zwischen sozialen Bewegungen und Medien vorliegen und wie Frames ausgehandelt werden. Außerdem wird in Form von Hypothesen zwischen unterschiedlichen variablen Elementen von Bewegungen und Medien sowie dem Output für beide Parteien ein Zusammenhang hergestellt.

In diesem Bericht wird diskutiert, inwieweit der Text für die Analyse von Interaktionen zwischen Bewegungen und Medien in Großprojektkonflikten nutzbar ist. Dazu werden zunächst die wesentlichen Inhalte des Texts dargestellt. Daraufhin folgt eine kritische Würdigung der Arbeit. Abschließend wird der Text mit den Arbeiten von Van Laer / Van Aelst (2010) und Benford / Snow (2000) kontrastiert.

1. Zusammenfassung des Textes

Gamson / Wolfsfeld (1993: 115−120) untersuchen anhand von strukturellen und kulturellen Dimensionen, wie soziale Bewegungen mit Nachrichtenmedien interagieren. Eine „soziale Bewegung“ verstehen die Autoren folgendermaßen: „A sustained and self-conscious challenge to authorities or cultural codes by a field of actors –organizations and advocacy networks− some of whom employ extra-institutional means of influence” (ebd.: 115).

Strukturelle Dimensionen: Macht und Abhängigkeit

Bei den strukturellen Dimensionen analysieren die Autoren die Mächte und Abhängigkeiten in der Beziehung von sozialen Bewegungen und Medien sowie die Konsequenzen der Asymmetrien. Im Mittelpunkt steht die Frage, für welche Zwecke die Parteien aufeinander angewiesen sind (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 115−117).

Die Untersuchung von Gamson / Wolfsfeld (1993: 116) ergibt, dass Bewegungen für folgende Zwecke Nachrichtenmedien benötigen: Erstens zur Mobilisierung von Anhängern, zweitens zur Bestätigung und drittens zur Erweiterung der Konfliktreichweite. Um Anhänger zu mobilisieren, müssten die meisten Bewegungen diese teilweise durch einen öffentlichen Diskurs erreichen. Da die meisten Personen der Galerie der Massenmedien angehören, sei ein Diskurs über die Massenmedien unverzichtbar. Im Hinblick auf die Bestätigung würde das Ansehen der Bewegung in den Medien oft eine erforderliche Bedingung darstellen, bevor Einflussziele die Anerkennung der Bewegung gewähren und diese ihre Ansprüche als auch Forderungen bestreiten können. Schließlich benötigten Bewegungen die Medien, um ihre Konfliktreichweite zu erweitern. Denn sie könnten ihre relative Macht gegenüber Gegnern verbessern, indem sie den Konflikt öffentlicher machen. Ein wichtiges Mittel sei hierfür die Berichterstattung der Massenmedien. Sowohl die Aufmerksamkeit als auch der Inhalt der Berichterstattung entschieden, ob und inwiefern Dritte am Konflikt teilnehmen.

Auch Bewegungen würden den Medien nutzen, indem sie ihnen Drama, Konflikt und Aktion liefern. Doch Bewegungen seien für Medien nur eine Nachrichtenquelle von vielen. Die Tatsache, dass Bewegungen viel stärker auf die Medien angewiesen sind als die Medien Bewegungen brauchen, führe zu einer größeren Macht der Medien in der Transaktion (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 116−117).

Die Theorie über Mächte und Abhängigkeiten unterscheide zwei Komponenten von Macht: Den Bedarf und den Wert. Wie an der Beziehung von Bewegungen und Medien dargestellt, beschreibe der Bedarf, wie sehr die Leistungen der anderen Partei benötigt werden. Demgegenüber bezeichne der Wert, inwieweit die andere Partei auf die eigenen Leistungen angewiesen ist. Die relative Macht von Akteuren sei das Verhältnis von ihrem Bedarf und Wert. Bei sozialen Bewegungen falle dieses Verhältnis nur selten positiv aus, da sie sich ein Ansehen in den Medien erkämpfen müssen (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 117).

Kulturelle Dimensionen: Framing

Das subtile Aushandeln von Bedeutungen bzw. Frames stellt den Untersuchungsgegenstand der kulturellen Dimensionen dar (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 117−120). Den Begriff „Frame“ verstehen die Autoren folgendermaßen: „A central organizing idea, suggesting what is at issue. It deals with the gestalt or pattern-organizing aspect of meaning“ (ebd.: 118). Ereignisse müssten in einen Frame eingeflochten werden und erhielten ihre Bedeutung von diesem Frame. Sowohl Bewegungen als auch Medien würden Ereignisse interpretieren und in der Transaktion Frames aushandeln (vgl. ebd.: 117−118).

In dieser Framing-Transaktion hat das Mediensystem nach Auffassung der Autoren eine Doppelrolle: Einerseits würden Journalisten bei der Sinnbildung eine zentrale Rolle spielen. Dies sei damit zu begründen, dass sie in der Berichterstattung über Ereignisse eine Handlung auswählen, Argumente und Bilder entwickeln, die bestimmte Frames unterstützen, und durch das Zusammenstellen von Nachrichten, den ausgewählten Ereignissen Bedeutung zuschreiben. Andererseits würden beim Medien-Output symbolische Wettbewerbe ausgetragen werden. Journalisten dienten hier als Gatekeeper, indem sie bestimmten Framing-Trägern Ansehen gewähren und ausgewählte Ereignisse in der Medienberichterstattung aufführen und betonen (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 118−119). Obwohl die Normen und Praktiken der Medien die Framing-Transaktion stark beeinflussen würden, bestimmten Journalisten nicht die Zugangsregeln von Frames. Diese seien vielmehr strukturell bedingt und basierten auf den Machtunterschieden zwischen Akteuren in der Gesellschaft (vgl. ebd.: 119).

Nach Gamson / Wolfsfeld (1993: 120) würden sich verschiedene Bewegungen und Medien in vielen Dimensionen unterscheiden. Eine Erklärung der Interaktion zwischen diesen Parteien hätten ihre variablen Elemente mit dem Output von Bewegungen und Medien zu verknüpfen. Entsprechend entwickeln die Autoren Hypothesen zu den Wirkungen von Bewegungen auf die Medienberichterstattung und zu den Effekten von Medien auf Bewegungen, die nachfolgend vorgestellt werden.

Hypothesen zu den Wirkungen von Bewegungen auf die Medienberichterstattung

Hypothese 1: Je besser die Ressourcen, Organisation, Professionalität, Koordination und strategische Planung von einer Bewegung sind, desto größer wird ihr Ansehen in den Medien und desto prominenter wird ihr bevorzugter Frame in der Berichterstattung über relevante Ereignisse und Themen bzw. Probleme ausfallen. Diejenigen Bewegungen, die dazu fähig und bereit sind, Ressourcen für eine regelmäßige Medienarbeit bereitzustellen, könnten Informationen viel besser entsprechend dem Bedarf von Medien zur Verfügung stellen und bündeln. Haben Bewegungen Ansehen in den Medien gewährt bekommen, wären sie bei der Vermittlung ihrer Botschaft am erfolgreichsten, wenn sie sowohl klar als auch konsistent ein Problem-Framing bevorzugen und Ressourcen verwenden, um die Nutzung dieses Frames höchstwahrscheinlich zu machen (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 121).

Hypothese 2: Je größer die ergänzenden Arbeitsbereiche von Akteuren einer Bewegung ausfallen, desto eher wird die Bewegung in der Medienberichterstattung sowohl Ansehen als auch bevorzugte Frames erreichen. Bewegungen hätten mit einem möglichen Gegensatz umzugehen, nämlich einerseits Ansehen in den Medien zu erreichen und andererseits ihre Botschaft zu vermitteln. Dieses Dilemma könnten Bewegungen teilweise durch eine Arbeitsteilung unter den Akteuren lösen, indem diejenigen, die mit Aktionen zur Steigerung des Ansehens beschäftigt sind, versuchen, nicht die Haupttragenden eines Problem-Frames zu sein. Partner würden sich dagegen auf die Artikulation des Frames fokussieren (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 122).

Hypothese 3: Je stärker eine Bewegung ihre Ansprüche begrenzt, desto wahrscheinlicher ist eine Medienberichterstattung, welche die Bewegung einem breiten Publikum als sympathisch präsentiert. Diese Hypothese zeige ein anderes Dilemma, dem Bewegungen in der Transaktion mit Medien begegnen: Fordern sie mächtige Gruppen, Institutionen und kulturelle Kodexe heraus und riskieren dadurch, dass ihr Ansehen aberkannt wird oder sie als gefährliche Bedrohungen gebrandmarkt werden? Oder fechten sie so wenig wie möglich an und gehen damit das Risiko ein, sich mit einigen symbolischen Gesten abfinden zu müssen, die wenig oder nichts ändern? Erfolgreiche Bewegungen müssten eine Lösung zwischen diesen beiden Gefahren finden (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 123).

Hypothesen zu den Wirkungen von Medien auf Bewegungen

Hypothese 4: Je höher die Anzahl der Adressaten und je elitärer die Adressaten des Pressekanals sind, desto stärker ist dessen Einfluss auf die Framing-Strategien der Bewegung. Bewegungen seien davon abgeneigt, ihre Botschaft für ein Massenpublikum abzuschwächen. Verfüge ein Pressekanal über ein Forum mit nationaler oder globaler Reichweite zur Hauptsendezeit, wäre dies für sie dagegen nützlich genug, in der Feinheit der Botschaft Kompromisse einzugehen (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 123).

Hypothese 5: Je stärker der Medien-Akteur Unterhaltungswerte gegenüber journalistischen Werten betont, desto eher können bei einer Bewegung die Wahlen der Führung und die Handlungsstrategien beeinflusst werden. Medien würden die interne Führung einer Bewegung beeinflussen, indem sie einige Leute oder Gruppen bestätigt und andere ignoriert. Dabei würden sie eigene Auswahlprinzipien befolgen und Führer schaffen, die sich von der Realität unterscheiden können (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 124).

Hypothese 6: Je mehr Wert der Medien-Akteur in seiner Nachrichten-Produktion auf visuelles Material legt, desto eher können bei der Bewegung Handlungsstrategien mit Spektakel, Drama und Konfrontation generiert werden. Wollen Bewegungen weiterhin im Rampenlicht von Medien mit hohem Unterhaltungswert stehen, würden sie Handlungsstrategien anwenden, die überzeugendes visuelles Material zur Verfügung stellen (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 124−125).

2. Kritik des Texts

An dem Text von Gamson / Wolfsfeld (1993) lassen sich Aspekte sowohl positiv als auch negativ bewerten. Anhand der strukturellen und kulturellen Dimensionen als auch der Hypothesen ist die Arbeit gut strukturiert. Die Analysedimensionen werden mit verständlichen und einleuchtenden Erklärungen vorgestellt. Entsprechend haben einige Autoren den Text in späteren Arbeiten zur Interaktion zwischen Bewegungen und Medien zitiert (vgl. u. a. Hannigan 2014: 104; Johnston / Noakes 2005: 116; Marchi 2005: 478; Koopmans 2004: 369; Benford / Snow 2000: 626; Hallahan 1999: 222−223; Oliver / Myers 1999: 39; Giugni 1998: 386; Wolfsfeld 1997: 31, 77).

Mithilfe dieser Analysedimensionen können in Konflikten um Großprojekte die Interaktion zwischen Bewegungen und Medien untersucht werden. Aber sie lassen sich auch auf Beziehungen von Bewegungen mit anderen Akteuren, wie z. B. der Politik, übertragen. Bei den strukturellen Dimensionen geht es um die Mächte und Abhängigkeiten im Verhältnis der beiden Parteien. Dazu ist der Frage nachzugehen, für welche Zwecke die Parteien jeweils auf die Gegenseite angewiesen sind. Aus diesem Ergebnis lässt sich darauf schließen, ob eine Partei von der Gegenseite abhängiger ist als die andere. Bei dieser Beurteilung ist aber auch der Wert von Aktivisten und der Gegenseite zu berücksichtigen, d. h. wie stark die andere Partei die eigenen Leistungen benötigt. Aus dem jeweiligen Verhältnis von Bedarf und Wert lässt sich dann die relative Macht der beiden Parteien ermitteln (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 117).

Bei der kulturellen Dimension ist die Frage zu untersuchen, in welchen Frame Aktivisten und Medien bzw. ein anderer Akteur Ereignisse einflechten. Außerdem kann die Rolle des Mediensystems in der Framing-Transaktion analysiert werden. Wesentliche Kriterien sind dabei die Auswahl der Handlung in der Berichterstattung über Ereignisse, die Entwicklung von Argumenten und Bildern, die bestimmte Frames unterstützen, sowie die Auswahl von Nachrichtengeschichten (vgl. Gamson / Wolfsfeld 1993: 118). Ferner kann analysiert werden, ob Journalisten eher die Rolle des Gatekeepers oder Gatewatchers einnehmen (vgl. ebd.: 119). Zu Beachten ist dabei, inwieweit Normen und Praktiken von Medien sowie die politische Kultur die Framing-Transaktion beeinflussen (vgl. ebd.).

Neben den Analysedimensionen entwickeln die Autoren auch Hypothesen. Dabei handelt es sich einerseits um Hypothesen zu Wirkungen von Bewegungen auf die Medienberichterstattung als auch zu Effekten von Medien auf Bewegungen. Die Untersuchung dieser Interaktion berücksichtigt die Komplexitäten von beiden Parteien sowie den sozialen und politischen Kontext. Entsprechend handelt es sich um eine relativ tiefgehende Analyse der Beziehung zwischen Bewegungen und Medien.

Obwohl die Hypothesen von Gamson / Wolfsfeld (1993) relativ ausführlich begründet werden, scheinen sie bisher nicht für empirische Arbeiten genutzt worden zu sein. Mögliche Grunde wären, dass die Autoren ihre Hypothesen nicht empirisch untersucht und Begriffe nicht operationalisiert haben. So könnten Wissenschaftler bspw. Probleme damit haben, bei der ersten Hypothese die Konstrukte „Ressourcen‟, „Organisation‟, „Professionalität‟, „Koordination‟ und „strategische Planung‟ nach dem Verständnis von Gamson / Wolfsfeld (1993) zu messen. Sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Hypothese stellt sich die Frage, wie das „Ansehen von Bewegungen in den Medien‟ operationalisiert werden kann. Lässt es sich durch die Anzahl an vorhandenen Artikeln über die jeweilige Bewegung in den Medien und deren Umfang festmachen? Oder entscheidet allein die Tendenz veröffentlichter Artikel zur Bewegung über ihr Ansehen in den Medien? Oder sollte das Ansehen an gänzlich anderen Kriterien festgemacht werden? Weitere fragliche Operationalisierungen sind bei der vierten Hypothese der Begriff „elitär‟ sowie bei der fünften Hypothese die „Unterhaltungswerte‟ und „journalistischen Werte‟.

Schließlich lässt sich auch das Verständnis der Autoren von Medien kritisieren. Gamson und Wolfsfeld (1993: 116−117) schreiben den Medien eine relativ hohe Bedeutung für soziale Bewegungen zu. Wie bereits erläutert, bräuchten Bewegungen die Medien zur Gewinnung neuer Anhänger, zur Bestätigung und zur Erweiterung der Konfliktreichweite. Da Bewegungen für Medien aber nur eine Nachrichtenquelle von vielen darstellen, würden die Medien über eine größere Macht in der Interaktion verfügen.

Da Gamson und Wolfsfeld den Text bereits im Jahr 1993 veröffentlichten, handelt es sich bei den Medien um Massenmedien. Neue Medien werden dagegen außer Acht gelassen. Seit Mitte der 1990er Jahre dient der Begriff „neue Medien‟ „als Sammelbezeichnung für elektronische, digitale und interaktive Medien. Also beispielsweise für E-Mails, das World Wide Web, DVDs, Blue-rays oder CD-Roms (Konradin 2015).‟ Drei Eigenschaften würden den Unterschied zu traditionellen Medien verdeutlichen: Interaktivität, Hypertext und Virtualität. Der Begriff „Interaktivität‟ bezeichne das wechselseitige Agieren zwischen Menschen und hochkomplexen technischen Systemen, wie dem Internet. Im Gegensatz zu einem einfachen Text mit geradliniger Textabfolge, sei ein „Hypertext‟ ein Netz von Texten, die miteinander verbunden sind. „Virtualität‟ beschreibe schließlich eine künstliche Welt im Vergleich zur primären Wirklichkeit (vgl. ebd.). Welche Bedeutung neue Medien gegenüber traditionellen Massenmedien für die Bedürfnisse von sozialen Bewegungen nach Gamson / Wolfsfeld (1993: 116) haben, wird im dritten Kapitel untersucht.

Traditionelle journalistische Methoden der Inhaltserstellung und -vermittlung in den Massenmedien werden mit dem Begriff „Gatekeeping‟ bezeichnet (vgl. Bruns 2009: 1). Bruns (ebd.) definiert „Gatekeeping‟ als „ein Regime der Kontrolle darüber, welche Inhalte aus den Produktionsprozessen in Druck- und Funkmedien an die Öffentlichkeit gelangen‟. Die Kontrolleure dieser Medien würden die Schleusen − also die Gates ­− bewachen, durch die Inhalte an die Leser- oder Zuschauerschaft gelangen. Im Internet würde demgegenüber ein „Gatewatching‟ stattfinden (vgl. ebd.). „Satt einer Bewachung[1] der eigenen Eingangs- und Ausgangstore, die auf eine Beschränkung des Informationsflusses abzielt (also Gatekeeping im konventionellen Sinne), beschreibt Gatewatching die Beobachtung[2] der Ausgangstore von externen Nachrichten- und anderen Quellen mit der Absicht, wichtiges Material zu identifizieren, sobald es verfügbar ist‟ (vgl. Bruns 2009: 7­−8).

Neben den neuen Medien werden in dem Text von Gamson / Wolfsfeld (1993) auch keine eigenen Medien von Bewegungen berücksichtigt. Durch die Nutzung eigener Medien dürften Bewegungen ebenfalls weniger stark auf die Massenmedien angewiesen sein.

Schließlich gehen die Autoren auch nicht darauf ein, wie Frames konkret entstehen. Um diese Lücke zu schließen, wird im dritten Kapitel die Entstehung von „collective action framesˮ nach Benford / Snow (2000) vorgestellt.

3. Vergleich des Texts von Gamson / Wolfsfeld (1993) mit anderen Texten

Wie bereits im zweiten Kapitel kritisiert wurde, lassen Gamson und Wolfsfeld (1993) neue Medien außer Acht. Daher wird nachfolgend der Text von Van Laer / Van Aelst (2010) zum Vergleich herangezogen.

Internet and social movement action repertoires (Van Laer / Van Aelst 2010)

Die Autoren dokumentieren in ihrem Text, wie das Internet das Repertoire an gemeinschaftlichen Aktionen von sozialen Bewegungen gestaltet hat und aktuell gestaltet (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010). „Soziale Bewegungen‟ definieren sie nach Diani (1992: 13) als „networks of informal interaction between a plurality of individuals, groups and / or organizations, engaged in a political or cultural conflict on the basis of a shared collective identityˮ.

Van Laer / Van Aelst (2010) entwickeln eine Typologie mit zwei Dimensionen. Die erste Dimension unterscheidet zwischen „internetunterstützten‟ und „internetbasierten‟ Aktionen von sozialen Bewegungen. Bei „internetunterstützten Aktionen‟ könnten traditionelle Instrumente von Bewegungen durch das Internet einfacher organisiert und koordiniert werden. „Internetbasierte Aktionen‟ existierten demgegenüber hauptsächlich oder vollständig durch das Internet. Die zweite Dimension berücksichtige, dass verschiedene Aktionsformen ein unterschiedlich großes Risiko und Engagement in sich bergen und dadurch für die Teilnehmer ungleiche Beteiligungsschwellen aufweisen (vgl. ebd.: 1148−1151).

Im Folgenden werden die Vorteile des Internets zunächst bei internetunterstützten und anschließend bei internetbasierten Aktionen, erstens mit geringen und zweitens mit hohen Beteiligungsschwellen, vorgestellt. Zur Orientierung dient die Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Typologie eines neuen digitalisierten Repertoires an Aktionen (Quelle: Van Laer / Van Aelst 2010: 1149).

Quadrant 1: Internetunterstützte Aktionen mit geringer Beteiligungsschwelle

In fast allen westlichen Demokratien steige die Beteiligung an traditionellen Formen von gemeinschaftlichen Aktionen, wie z. B. bei Demonstrationen. Dieser Erfolg könne auf ihre begrenzten Beteiligungsschwellen zurückgeführt werden (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1148). Aber die Autoren zeigen, inwieweit das Internet diese traditionellen Formen noch einfacher und besser zugänglich macht. So könnten soziale Bewegungen bei der Organisation von Massendemonstrationen den Aufwand für die Koordination und Mobilisierung verringern, indem Informationen online verbreitet werden (vgl. ebd.: 1152−1153). Auch beim Boykott von Produkten biete die Verbreitung von Informationen über das Internet Vorteile (vgl. ebd.: 1152). Bei Geldspenden könnten Organisationen durch das Internet kleine Spenden bündeln, währenddessen vor dem Bestehen des Internets die Koordinationskosten ihren Nutzen überwogen (vgl. ebd.).

Quadrant 2: Internetunterstützte Aktionen mit hoher Beteiligungsschwelle

Auch bei internetunterstützten Aktionen mit hoher Beteiligungsschwelle könne das Internet Barrieren mindern (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1153−1155). So müssten Teilnehmer an transnationalen Demonstrationen nicht am selben geografischen Ort sein, sondern könnten ihre Aktionen online verbinden (vgl. ebd.: 1154). Bei transnationalen Treffen erleichtere das Internet die Mobilisierung von Teilnehmern und die Organisation der Veranstaltungen (vgl. ebd.). „Sit-insˮ und Besetzungen könnten davon profitieren, Informationen online schnell zu verbreiten. So ließen kurzfristige Bekanntgaben von Ort und Zeit der Aktionen die Überwachung durch Polizisten sowie anderer Gegner bedeutend mindern (vgl. ebd.: 1155).

Quadrant 3: Internetbasierte Aktionen mit geringer Beteiligungsschwelle

Im Vergleich zu traditionellen Unterschriftensammlungen könnten beim Einrichten von und Teilnehmen an Online-Petitionen Kosten gespart werden (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1156). Darüber hinaus eröffne das Internet neue Formen von Unterschriftensammlungen. An visuellen Petitionen nähmen bspw. Leute teil, indem sie ein Foto von sich hochladen (vgl. ebd.). Jeder mit einem Facebook-Profil könne gegen oder für eine Sache eine Gruppe gründen und andere Mitglieder einladen, durch das Beitreten der Gruppe diese Angelegenheit zu „unterschreibenˮ (vgl. ebd.).

Eine stärker störende Form der Online-Petition sei die „EMail-Bombeˮ. Sie bezeichne das Senden von vielen Emails an einen Email-Account, um so die Unterstützung einer bestimmten Sache zu demonstrieren (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1156−1157). Bei virtuellen „Sit-insˮ würden die Teilnehmer bei einer Webseite gleichzeitig Informationen anfragen. Dies geschehe in einem so großen Ausmaß, dass der Server nicht mit den Anfragen umgehen könne (vgl. ebd.: 1157).

Quadrant 4: Internetbasierte Aktionen mit hoher Beteiligungsschwelle

Abschließend wird auf Aktionen eingegangen, die größtenteils oder vollständig durch das Internet existieren und relativ viele Ressourcen erfordern. Protest-Webseiten könnten soziale Bewegungen verwenden, die hauptsächlich über ihre Webseite Unterstützung erhalten (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1157). Zudem eröffne das Internet Aktivisten alternative Kanäle für die Produktion von Medien (vgl. ebd.: 1158). Eine Aktionsform, die durch das Internet an Bedeutung gewonnen und ihre Hauptmerkmale entwickelt habe, ist das „culture jammingˮ (vgl. ebd.: 1157). „Culture jammingˮ bezeichne die Veränderung der Werbung eines Unternehmens durch gestalterische Techniken, wodurch Unternehmenslogos visuell verändert werden und Marketing-Slogans eine neue Bedeutung gegeben wird (vgl. ebd.: 1158). Schließlich habe das Internet auch konfrontative Aktionen geschaffen, wie Denial-of-Service-Attacken (DoS) durch automatische Email-Fluten, Entstellungen von Webseiten aufgrund der Veränderung des Quellcodes oder das Nutzen bösartiger Software, bspw. in Form von Viren oder Würmern (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1159).

Nun wird für die Bedürfnisse von Bewegungen gegenüber Medien nach Gamson / Wolfsfeld (1993: 116) anhand des Texts von Van Laer / Van Aelst (2010) die Rolle neuer Medien im Vergleich zu traditionellen Medien herausgearbeitet.

Nach Van Laer / Van Aelst (2010: 1148) haben neue Medien für soziale Bewegungen eine große Bedeutung, um Anhänger zu mobilisieren. So ermögliche das Internet, traditionelle Instrumente von Bewegungen besser zugänglich zu machen, den Aufwand für die Mobilisierung und Koordination zu reduzieren sowie Informationen schneller und mit größerer Reichweite zu verbreiten (vgl. ebd.: 1152−1155). Internetbasierte Aktionen würden hauptsächlich oder vollständig durch das Internet existieren, wie z. B. Protest-Webseiten, Webseiten von alternativen Medien, „culture jammingˮ und Hacktivismus (vgl. ebd.: 1148, 1155−1159). Da Bewegungen heutzutage über neue Medien mit bestehenden und potenziellen Anhängern selbst in Kontakt treten können, sind sie weniger stark auf traditionelle Massenmedien angewiesen als von Gamson / Wolfsfeld (1993: 116−117) beschrieben.

Für die Bestätigung einer sozialen Bewegung dürften traditionelle Medien weiterhin relativ wichtig sein. Der Grund liegt darin, dass die Legitimierung einer Bewegung in der Regel durch viele Menschen erfolgt, aber die Reichweite des Internets begrenzt ist. So hätten einige Personen keinen Computer oder Internetzugang. Anderen würden die Fähigkeiten zur Nutzung der Technologie fehlen. Entsprechend könnten Bewegungen diese Personen nicht mit solchen Protestveranstaltungen erreichen, die ausschließlich oder zu stark über neue Medien organisiert werden. Darüber hinaus seien transnationale Demonstrationen auch online schwer zu organisieren (vgl. Van Laer / Van Aelst 2010: 1160−1161).

[...]


[1] Hervorhebung im Original

[2] Hervorhebung im Original

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ein Literaturbericht zu „Movements and Media as Interacting Systems“ von William A. Gamson und Gadi Wolfsfeld
Untertitel
Ist der Text zur Analyse von Interaktionen zwischen Bewegungen und Medien in Großprojektkonflikten nutzbar?
Hochschule
Universität Hohenheim  (Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft, insb. Kommunikationstheorie)
Veranstaltung
Seminar
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V318189
ISBN (eBook)
9783668174146
ISBN (Buch)
9783668174153
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
William A. Gamson, Gadi Wolfsfeld, Movements and Media as Interacting Systems, soziale Bewegungen, Medien, Frames, Framing, Großprojektkonflikt, Großprojekt, Kritik, Textvergleich, Literaturbericht
Arbeit zitieren
Nicole Biedermann (Autor), 2015, Ein Literaturbericht zu „Movements and Media as Interacting Systems“ von William A. Gamson und Gadi Wolfsfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318189

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