Wie sich diese angespannte Situation in der italienischen „Gastarbeiterliteratur“ um 1980 niederschlägt und welches Deutschlandbild dort beschrieben wird, soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.
Dabei soll deutlich gemacht werden, dass gerade die italienische „Gastarbeiterliteratur“ zu dieser Zeit als Sprachrohr für alle in Deutschland lebenden Gastarbeiter gedient hat, indem sei auf die bestehenden Probleme des Zusammenlebens von Deutschen und „Gastarbeitern“ aufmerksam gemacht hat. Dabei wird ein oft negatives Deutschlandbild gezeichnet, das jedoch nur im Vergleich mit dem dort vermittelten passiven Selbstbild der „Gastarbeiter“ verstanden werden kann. So korreliert beispielsweise die fehlende Integrationsbereitschaft der Deutschen mit dem mangelnden Engagement der Gastarbeiter ihre Position gegenüber den Deutschen durchzusetzen.
Um dies darzustellen, ist es zunächst wichtig zu klären, welche historischen Umstände zur Entwicklung der so genannten „Gastarbeiterliteratur“ geführt haben. Unter welchen Bedingungen und mit welchen Erwartungen kamen die Gastarbeiter in die Bundesrepublik?
Im zweiten Schritt soll geklärt werden, was man heute unter dem Begriff „Gastarbeiterliteratur“ versteht. Welche Funktion und Wirkungsabsicht hat die „Gastarbeiterliteratur“? Welche literarischen Kriterien gelten für dieses Genre?
Im textanalytischen Teil der Arbeit stehen dann zwei ausgewählte Gedichte der Italiener Gino Chiellino und Franco Biondi im Mittelpunkt. Wichtig zu klären, ist hier, welche Perspektive der Sprecher des Gedichts einnimmt. Wie werden die Deutschen, wie die „Gastarbeiter“ dargestellt? In welchem Verhältnis stehen beide Gruppen zueinander? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Auf welche Probleme des Zusammenlebens wird hingewiesen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Hintergründe zur Entstehung der italienischen „Gastarbeiterliteratur“
2.1 Die Anfangsjahre - Zeit der Isolation
2.2 Die zweite Phase – Suche nach Öffentlichkeit
2.3 Die dritte Phase – Ausweitung der nationalen Grenzen
3 Begriffsbestimmung: „Gastarbeiterliteratur“
4 Das Deutschlandbild in ausgewählten Gedichten der „Gastarbeiterliteratur“
4.1 Franco Biondi: „In der pizzeria der altstadt” (1979)
4.2 Gino Chiellino: „Die Gastarbeiter auch“ (1980-83)
5 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Deutschlandbild, das in der italienischen „Gastarbeiterliteratur“ um 1980 konstruiert wurde, wobei der Fokus auf zwei exemplarischen Gedichten von Franco Biondi und Gino Chiellino liegt. Ziel ist es aufzuzeigen, wie diese Literatur als Medium fungierte, um gesellschaftliche Ausgrenzung, die Problematik des Zusammenlebens und die enttäuschten Erwartungen an die Anwerbepolitik der Bundesrepublik zu artikulieren.
- Entwicklung und Phasen der italienischen „Gastarbeiterliteratur“.
- Analyse des Deutschlandbildes in der Lyrik von Biondi und Chiellino.
- Kontrastierung von „Gastarbeiter“-Selbstbild und Fremdwahrnehmung durch die Mehrheitsgesellschaft.
- Untersuchung der politischen und sozialen Partizipationsforderungen von Arbeitsmigranten.
- Reflektion über Begriffe wie Identität, Fremdheit und Integration in der Migrationsliteratur.
Auszug aus dem Buch
4.1 Franco Biondi: „In der pizzeria der altstadt” (1979)
Das Gedicht „In der pizzeria der altstadt“ von Franco Biondi ist in 3 Strophen aufgeteilt. In der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich, das selbst Gast in einem italienischen Restaurant ist, die Gäste am Nachbartisch. Es handelt sich hier wahrscheinlich um Deutsche, da sie das lyrische Ich mit dem Distanz vermittelnden Personalpronomen „sie“ bezeichnet. Dem gegenüber steht die Identifikation des lyrischen Ichs mit den Personen am eigenen Tisch, wie der wiederholte Gebrauch des Personalpronomens „wir“ in der 2. und 3. Strophe impliziert. Zwar legt der Kontext nahe, dass es sich hier um italienische Gastarbeiter handelt, jedoch könnten sie ebenso gut einer anderen Migrantengruppe angehören.
Interessant ist auch, dass sowohl Italiener als auch Deutsche nur Gast in der Gaststätte sind. Es ist also ein Ort, an dem sich beide Gruppen gleich fremd fühlen dürften, denn die italienische Pizzeria befindet sich inmitten der historischen Altstadt einer deutschen Stadt, in dem eine Pizzeria Ende der 70er Jahre wie ein exotischer Fremdkörper gewirkt haben muss. Der Ort des Geschehens symbolisiert somit eine Art bi-nationalen Raum. Die italienische Pizzeria wird im wörtlichen wie im übertragenen Sinn zu einem Teil der deutschen Gastwirtschaftsszene. Da die Italiener, die ersten Gastarbeiter waren, die nach Deutschland kamen, steht die Pizzeria somit auch sinnbildlich für alle Gastarbeiter die, die deutsche Wirtschaft und Kultur durch ihre Arbeit als Gastarbeiter und später als Gastronomen bereichert haben. Passend dazu wurde auch das Gedicht sowohl in deutscher als auch italienischer Sprache veröffentlicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausländerpolitik der Bundesrepublik ein und erläutert die Relevanz der italienischen Gastarbeiterliteratur als Sprachrohr für Migranten.
2 Historische Hintergründe zur Entstehung der italienischen „Gastarbeiterliteratur“: Das Kapitel beschreibt die drei Entwicklungsphasen der Literatur, von der isolierten Anfängerphase über die Suche nach Öffentlichkeit bis hin zur Politisierung und multinationalen Ausrichtung.
3 Begriffsbestimmung: „Gastarbeiterliteratur“: Hier werden Kriterien zur Definition der Literatur diskutiert und die Problematik sowie der Wandel der Begrifflichkeit im Zuge gesellschaftlicher Integrationsprozesse beleuchtet.
4 Das Deutschlandbild in ausgewählten Gedichten der „Gastarbeiterliteratur“: Dieses Kapitel analysiert zwei spezifische Gedichte auf ihre inhaltliche Aussage, die Perspektive der Sprecher und deren Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit Migranten.
5 Schluss: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, wie beide Gedichte durch ihre Kritik und Reflexion das Ziel verfolgen, Migranten eine Stimme zu verleihen und sie zum gemeinsamen Handeln zu bewegen.
Schlüsselwörter
Gastarbeiterliteratur, Deutschlandbild, Migrationsliteratur, Franco Biondi, Gino Chiellino, Anwerbestopp, Integration, kulturelle Identität, Arbeitsmigration, Ausländerpolitik, Arbeitswelt, Fremdheit, Literaturwissenschaft, Interkulturalität, soziale Ausgrenzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Deutschlandbild, das in der italienischen „Gastarbeiterliteratur“ in der Zeit nach 1973 dargestellt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Erfahrungen der Einwanderer mit Isolation, die Kritik an der deutschen Ausländerpolitik, soziale Ungleichheit und die Suche nach kultureller Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Gastarbeiterliteratur als Medium diente, um gesellschaftliche Probleme zu thematisieren und Migranten eine eigene Stimme zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Methode, um anhand von zwei ausgewählten Gedichten die Perspektiven, das Deutschlandbild und das Verhältnis zwischen Einheimischen und Einwanderern zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Hintergründe, eine Begriffsbestimmung der Gastarbeiterliteratur sowie eine detaillierte textanalytische Untersuchung von zwei Werken von Biondi und Chiellino.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gastarbeiterliteratur, Migrationsliteratur, Anwerbestopp, Integration, kulturelle Identität und Ausländerpolitik.
Wie bewerten die Autoren im Text das Deutschlandbild?
Das Deutschlandbild wird als weitgehend negativ gezeichnet, geprägt von Bürokratie, übertriebenem Sicherheitsbedürfnis, moralischer Doppelmoral und einer spürbaren Distanz zur Lebensrealität der Migranten.
Welche Rolle spielt der Begriff „Gastarbeiter“ in der heutigen Literaturwissenschaft?
In der neueren Literaturwissenschaft gilt der Begriff als überholt oder stigmatisierend; er wurde weitgehend durch Begriffe wie „Migrationsliteratur“ oder „interkulturelle Literatur“ ersetzt.
- Quote paper
- Francesca Cavaliere (Author), 2013, Das Deutschlandbild in der italienischen „Gastarbeiterliteratur“ nach dem Anwerbestopp 1973, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318216