Das Scheitern der Liebe Ferdinands in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

GLIEDERUNG

Einleitung

1. Die Liebe zwischen Luise und Ferdinand
- Das Motiv der Liebe
- Der Begriff des Herzens

2. Ferdinands Liebesevangelium

3. Ferdinands Liebe zu Luise

4. Ferdinands Schuld
- Ursachen des Scheiterns

5. Fazit

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Friedrich Schillers 1784 erschienenes Drama „Kabale und Liebe“ stellt die Tragödie der Liebe zwischen der Bürgertochter Luise Miller und dem Sohn des Präsidenten, Major Ferdinand von Walter dar. Anfänglich scheint ihre Liebe über die ständischen Barrieren erhaben zu sein, doch zuletzt zerbricht sie.

Laut Struck kennzeichnen die Begriffe des Titels „Kabale und Liebe“, die beiden Haupthandlungsstränge, die, vielfach miteinander verwoben, auf die Katastrophe zulaufen würden.1 Ursprünglich benannte Schiller sein bürgerliches Trauerspiel nach der Hauptfigur Luise Millerin. Durch die Umbenennung des Titels wird die Aufmerksamkeit auf die Intrigen und die Liebe gelenkt. Die Frage ist, ob die Kabale, wie im Titel angedeutet, tatsächlich die entscheidende Rolle spielt oder die Tragödie nur erst ins Rollen bringt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich darlegen, wie es zum Scheitern der Liebe kommt. Dabei setze ich den Fokus auf Ferdinand, seine Liebe zu Luise und auf die Formen, die diese Liebe annimmt. Auf Luises Position kann im Rahmen dieser Arbeit nur im Rande eingegangen werden. Zunächst stelle ich das Motiv der Liebe dar und veranschauliche anschließend den Begriff des Herzens. Hierbei werden die Erschwernisse der Liebenden erstmals skizziert und das Schlüsselwort des Dramas vorgestellt. Der dritte Teil widmet sich der Analyse der Liebe Ferdinands zu Luise. Anknüpfend wird das Liebesevangelium Ferdinands vorgestellt, in dessen Mittelpunkt Ferdinand als Idealist der Liebe gestellt wird und die Wortwahl der Liebenden von großer Bedeutung ist. Abschließend führe ich im fünften Teil, Ferdinands Schuld am Scheitern der Liebe aus und beleuchte zum Einen, die inneren Schranken des Standes und zum Anderen, das Problem der Freiheit in Liebesbeziehungen. Ein Fazit beschließt die Arbeit.

1. DIE LIEBE ZWISCHEN LUISE UND FERDINAND

DAS MOTIV DER LIEBE

Die Liebe zwischen dem Präsidentensohn Ferdinand von Walter und der Bürgerstochter Luise Miller steht im Mittelpunkt des Dramas. Sørensen folgend habe Schiller diese Liebe als eine extrem subjektive, auf den einzigen Menschen fixierte und alle anderen Partner ausschließende Leidenschaft dargestellt, deren Erfüllung eine Frage von Leben und Tod sei. Dies gelte sowohl für Luise als auch für Ferdinand.2

„Die Liebe ist beiden [Ständen] gegenüber ein Ganz-Anderes, eine dritte Wirklichkeit.“3 So schreibt auch Joachim Müller von der Herzenswelt als „dritte Macht, die im Drama gegen Hofwelt und Bürgerwelt steht.“4

Die unterschiedliche Realität dringe in den Charakter und in die Liebesauffassung ein und bestimme damit die innere Beziehung. Laut Beyer findet der entscheidende Konflikt zwischen den Liebenden statt. Die innere Gebundenheit ihres Denkens, Fühlens und ihrer Moralität entzweie Luise und Ferdinand. Standesunterschiede würden sich im Gefühl niederschlagen und soziale Unterschiede würden nichts Äußerliches, der Liebe vollständig fremdes bleiben, sondern maßgeblich die Gefühlsstruktur, die Lebens- und Liebeswirklichkeit der Protagonisten bestimmen. Luise scheine sich dessen bewusst zu sein, wenn sie Ferdinand beschuldigt: „Dein Herz gehört deinem Stande.“ (III, 4) Ferdinand bestätigt Luises Beschuldigung, indem er, ihre Ahnung: „Man trennt uns!“ (I, 4) mit der Begründung: „dieses Weib ist für diesen Mann? Ich bin des Präsidenten Sohn. Eben darum.“ (I, 4) niederschlägt. Allerdings würden sowohl Ferdinand als auch Luise, durch ständische Zugehörigkeit, vor allem in der Liebe, bestimmt werden. Die Liebe scheitere zwar an den Standesunterschieden, aber nicht primär an den äußeren, sondern an den inneren.5 „Das Drama konnte, so Martini, nur deswegen zum bürgerlichen Trauerspiel werden, weil die ständischen Grenzen hier nicht nur äußerlich Hindernis werden, sondern von innen her zur gefährlichen, selbstgesetzten Schranke.“6 Die Szene III/4, in der Ferdinand Luises Pflichtgefühl nicht nachempfinden kann und ihr vorwirft, wegen eines Liebhabers bleiben zu müssen, zeige das ganz deutlich, denn hier beginne die Katastrophe erst eigentlich:

„Daß sich die Intrige also nicht erst aus der Tragödie entwickelt, sondern nur deswegen gedeihen kann, weil die Tragödie schon in der seelischen Haltung der Liebenden angelegt ist, zeigt, wie sehr Schiller es verstanden hat, ein Gleichgewicht zwischen dem ,Innen’ und dem ,Außen’ zu schaffen.“7

DER BEGRIFF DES HERZENS

Müller hat nicht aus philologischem oder sprachstatistischem Interesse auf den Begriff des Herzens hingewiesen, sondern aus der Überzeugung, dass die Verwendung des Begriff des Herzens, eine wesentliche Einsicht in Struktur und Haltung des Dramas bringt. Die Liebe erscheine zwar gewiss als Wirklichkeit, aber Schiller nenne sie nicht beim Namen, sondern Herz.8 Auch Koopmann schreibt: „nicht zufällig und nicht nur einer bloßen Konvention folgend ist ,Herz’ gewissermaßen das Schlüsselwort des ganzen Dramas.“9

Luises Herz sei ihr eigentliches Lebenselement. Eine Hoffnung, die in dieses Herz gesenkt wurde und die nicht erfüllt wird, müsse ihre Existenz bedrohen.10

„Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist.“ (II, 6) „O du weißt allzugut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest als an Ketten liegt.“ (III, 6) „Nichts als mein Herz begleite mich in diese stolze Verweisung.“ (IV, 8) „Mein Herz trat beim Erröten des ersten Kusses sichtbar in meine Augen.“ (IV, 2)

Durch die Verwirklichung der Liebe würde Herzenswelt geschaffen, die nur dort sei, wo Gemeinsamkeit zweier Mensch herrsche.11

„Wer kann den Bund zwoer Herzen lösen oder die Töne eines Akkords auseinanderreißen?“ (I, 4) „Du, Luise, und ich und die Liebe.“ (IV, 4)

Diese Dreiheit, die eine Zweieinheit in der Liebe sei, konstituiere die Herzenswelt. Sie sei absolut und alles nicht zu ihr Gehörige ausschließend.12

„Die Unendlichkeit und mein Herz haben miteinander nicht Raum genug für einen einzigen Gedanken an ihn.“ (V, 1)

Die Herzenswelt stehe sowohl im Gegensatz zur Vernunftwelt, als auch zur realen Welt des Bürgerhauses und des Hofes. Ferdinand bestimme sein Lebensideal nicht von der Vernunft aus, sondern er könne und wolle eine Welt, seine Welt, nur vom Herzen aus gestalten.13 Luises Vorwurf „Dein Herz gehört deinem Stande.“ (III, 4) gegenüber Ferdinand habe, laut Müller, am allerwenigsten Berechtigung. Herzenswelt und Hofwelt seien nirgends so scharf getrennt wie in Ferdinand.14

„Du hast ein Herz, lieber Walter! Ich kenne es, warm wie das Leben ist deine Liebe . . . schenke sie einer Edeln und Würdigern.“ (III, 4)

Luise verkenne die Wirklichkeit der Herzenswelt, da sie sich nicht zur Lossagung von der Bürgerwelt entschließen könne aufgrund ihrer vermeintlichen Pflicht, die sie in der Bürgerwelt hemme und halte.15

„Mein Herz hatte noch außer dem Major etwas Teures - das durfte nicht übergangen werden.“ (III, 6 ) „Wenn das Herz außer der Liebe zum Geliebten noch Liebe zum Vater kennt, ist ihr Herz nicht Herzenswelt und nicht zur Herzenswelt bereit.“16

Laut Müller führt vor allem diese Tragödie Luises dazu, dass Herzenswelt im Grund nur jenseits des irdischen Lebens möglich ist und erst im Tode die reine Liebe offenbar wird. „Nur einen Augenblick konnten die Liebenden die Herzenswelt inmitten der irdischen Wirklichkeit errichten, nämlich nur, solange ihr Wesenseinklang innerlich und äußerlich ungestört währte.“17

2. FERDINANDS LIEBESEVANGELIUM

Guthkes Säkularisation bezieht sich primär auf den „Eros“ und meint die Verheiligung profaner Befindlichkeiten. Dazu zählt auch das Gefühl der Liebe. Subjektive Befindlichkeiten werden zum Kult gemacht und in religiöse Formen gekleidet. Es heißt, dass zur Beschreibung persönlicher Liebeserfahrung, fromme Muster und Strukturen genutzt werden.18 Guthke stellt den „Idealisten der Liebe“ - Ferdinand in den Mittelpunkt seiner Untersuchung.19 Die Wortwahl in den Reden der Liebenden sei dabei besonders zu beachten. Denn Säkularisation im Umkreis der Empfindsamkeit und des Idealismus sei in erster Linie ein sprachliches Phänomen.20 Bereits in der ersten Szene werde angesprochen, dass das Liebesevangelium Ferdinands und Luises zu den Lehren der Kirche in Widerspruch stehe. So berichtet Luises Mutter ihrem Mann, dass seine Tochter aus den „prächtigen Büchern […,] die der Herr Major ins Haus geschafft ha[t] […] betet“ (I, 1). Hier vereinen sich die zwei sich ausschließenden Lebensbereiche des Irdischen und des Sakralen. Luises Äußerung: „Er wird nicht wissen, daß Ferdinand mein ist, mir geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden“ (I, 3) nähme wörtlich genau die säkularisierte Liebestheologie auf, die damals bei den Empfindsamen sehr verbreitet gewesen sei.21

„Demzufolge sind die Liebenden von Gott füreinander ,bestimmt’, die Geliebte hat Gott ,geschaffen zu meiner Liebe’, und die ganze Weltordnung ist, wie später auch Ferdinand sagen wird, auf nichts anderes angelegt als auf das Glück der Liebe, die den Menschen erhebt zum Innewerden aller wahren Werte.“22

Allerdings macht sich Ferdinand auch selbst zum Schöpfer, wenn er sagt:

„An diesem Arm soll meine Luise durchs Leben hüpfen, schöner als er dich von sich ließ, soll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, daß nur die Liebe die letzte Hand an 23 die Seelen legt.“ (I, 4)

Safranski macht den Kontrast zwischen Luise und Ferdinand deutlich:

„Während Luise an der traditionell-religiösen Trennung von Diesseits und Jenseits festhält und die Erfüllung der Liebe in jenes altbekannte Jenseits verlegt, ist Ferdinands Liebe der Versuch, im Diesseits schon das Jenseits zu erringen: das ist seine säkularisierte Liebesreligion.“24

[...]


1 Struck, Hans Erich: Friedrich Schiller. Kabale und Liebe, München 1998, S. 7.

2 Sørensen, Bengt Algot: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. Jahrhundert, München 1984, S. 185.

3 Burger, H.O.: Die bürgerliche Sitte. Schillers Kabale und Liebe. In: H.O.B., Dasein heißt eine Rolle spielen. Studien zur deutschen Literaturgeschichte. München 1963, S. 202f.

4 Müller, Joachim: Das Edle in der Freiheit, Leipzig 1959, S. 94.

5 Beyer, Karen: Schön wie ein Gott und männlich wie ein Held. Zur Rolle des weiblichen Geschlechtscharakters für die Konstituierung des männlichen Aufklärungshelden in den frühen Dramen Schillers, Stuttgart 1993, S. 201ff.

6 Koopmann, Helmut: Friedrich Schiller, Stuttgart 1966, S. 41.

7 Koopmann, Friedrich Schiller, S. 41.

8 Müller, Das Edle in der Freiheit, S. 93f.

9 Koopmann, Friedrich Schiller, S. 40.

10 Müller, Das Edle in der Freiheit, S. 99.

11 Ebenda, S. 103.

12 Ebenda, S. 104.

13 Müller, Das Edle in der Freiheit, S. 105.

14 Ebenda, S. 106.

15 Müller, Das Edle in der Freiheit, S. 106.

16 Ebenda.

17 Ebenda, S. 107.

18 Vgl. Guthke, Karl S.: Schillers Dramen, Stuttgart 1979, S. 66.

19 Ebenda.

20 Ebenda, S. 65.

21 Ebenda, S. 67f.

22 Guthke, Schillers Dramen, S. 68.

23 Vgl. Kufner, Kabale und Liebe, S. 41.

24 Safranski, Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus, S. 176.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Scheitern der Liebe Ferdinands in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Schillers Dramen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V318232
ISBN (eBook)
9783668174764
ISBN (Buch)
9783668174771
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kabale und Liebe, Friedrich Schiller, Ferdinand
Arbeit zitieren
Meltem Yildirim (Autor), 2015, Das Scheitern der Liebe Ferdinands in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318232

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