Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz". Eine Initiationsgeschichte?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

23 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlung

3. Erzähltextstruktur

4. Zentrale Figuren
4.1 Karl Löwe (Krümel)
4.2 Jonathan Löwe (Löwenherz)
4.3 Bewertung und Einordnung weiterer Figuren

5. Motive und Symbolik

6. Topographie und semantische Räume

7. Initiationsmuster im Roman
7.1 Phase der Ablösung vom sozialen Ausgangssystem
7.2 Phase des Experimentierens
7.3 Soziale Reintegration

8. Fazit

9. Quellenverzeichnis
9.1 Forschungsliteratur
9.2 Primärliteratur
9.3 Sekundärliteratur
9.4 Internetquellen

1. Einleitung

Das Buch „Die Brüder Löwenherz", von der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren verfasst, ist ein phantastischer Abenteuerroman der im Jahr 1974 veröffentlicht wurde und die Thematik des Sterbens und insbesondere des Lebens nach dem Tod beinhaltet.1 Als eine der ersten Kinderbuchautoren, beschäftigt sich Astrid Lindgren mit der Thematik des „Todes" in der Kinder- und Jugendliteratur und wurde für keins ihrer Bücher so stark kritisiert wie für das Buch „Die Brüder Löwenherz". Die Textsorte Phantastik lässt sich nur kaum auf eine feste Definition beschränken, wie Wolfgang Meißner in seiner Dissertation „Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart" im Jahr 1989 festgestellt hat. Denn wegen mangelnder Begriffsklarheit [erscheint] die Forschungslage zur Definition derTextsorte Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur recht unübersichtlich [...] und [weshalb] der Versuch der Nebeneinanderstellung voneinander abweichender Konzeptionen zu einer weiteren Begriffsverwirrung geführt hat.2

Um die Textsorte dennoch genauer bestimmen zu können, definiert Roger Caillois den Begriff Phantastik in Abgrenzung zum Märchen wie folgt:

Im Phantastischen [...] offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riß[sicl] in dem universellen Zusammenhang. Das Wunder wird dort zu einer verbotenen Aggression, die bedrohlich wirkt, und die Sicherheit einer Welt zerbricht, in der man bis dahin die Gesetze für allgültig und unverrückbar gehalten hat. Es ist das Unmögliche, das unerwartet in einer Welt auftaucht, aus der das Unmögliche per definitionem verbannt worden ist.3

Angesichts definitorischer Verständnisse von Kinder- und Jugendliteratur ergänzt Hans- Heino Ewers gängige Termini und Definitionen, die Kinder- und Jugendliteratur als ein Korpus von Texten bezeichnen, mit folgendem Alternativterminus:

Nach dem bisher Entwickelten wäre Kinder- und Jugendliteraturzu definieren als die Gesamtheit der in einer bestimmten Epoche an Kinder- und Jugendliche gerichteten literarischen Botschaften. Letztere können auch als kinder- und jugendliterarische Botschaften bezeichnet werden. Es ist zudem deutlich geworden, dass Kinder und Jugendliche auf verschiedene Weise an literarischen Kommunikationen beteiligt sein können [...]. Diese Sachverhalte konstituieren verschiedene Formen (kinder- und jugend) literarischer Botschaften [...].4

Aufgrund der ernsten Thematik einerseits und der Verharmlosung des Todes anderseits wurde Astrid Lindgren sowohl von diversen Pädagogen als auch von der Gesellschaft stark kritisiert. Zurückzuführen ist die Kritik aber auch auf die Zeit, in der das Buch veröffentlicht wurde, denn die Thematik des „Todes" in Kinder- und Jugendbüchern war zu diesem Zeitpunkt nicht gesellschaftskonform und demgemäß auch kaum vorhanden.5 Trotz der Kritik vieler Erwachsener ist der umstrittene Roman bei Kindern ein beliebtes und häufig gelesenes Buch, wofür Astrid Lindgren im Jahr 1974 mit dem Preis des Schwedischen Buchhandels, im Jahr 1978 mit dem Premio Bancarelino in Italien und dem Silbernen Griffel in den Niederlanden, sowie in den Jahren 1979 mit dem Internationalen Janusz-Korczak-Literaturpreis und dem Wilhelm-Hauff-Preis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erhielt die Autorin im Jahr 2008 den Internationalen Preis der jungen Leser.6

In der vorliegenden Arbeit soll nun dervon Astrid Lindgren verfasste Roman „Die Brüder Löwenherz", anhand diverser Kennzeichen nach Michael Titzmann, dahingehend analysiert werden, inwiefern es sich bei der Geschichte um eine Initiationsgeschichte im Sinne der Definition handelt. Der Strukturalist und Wissenschaftler Michael Titzmann bildete dazu eine Definition heraus, die auf der Theorie von van Genneps basiert. In Hinblick auf Erzähltexte der Goethezeit und unter Einbezug Genneps Theorien etabliert Michael Titzmann den Begriff „Initiationsgeschichte". Dabei hat Titzmann „Erzählmuster vorgeschlagen, die strukturell einer Initiation gleichen."7 Damit der Prozess der Initiation in Anlehnung an Titzmann als erfolgreich gilt, müssen drei Schritte im Roman stattfinden. Die erste Phase zeichnet sich durch eine Ablösung von einem sozialen Ausgangssystems aus. Ein soziales Ausgangssystem im Roman kann beispielsweise die Herkunftsfamilie darstellen. Im zweiten Schritt findet die Phase des Experimentierens statt, wobei hier „der Initiand jedoch der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt"8 ist und der Initiand gleichzeitig entweder eine Selbstfindung oder einen Selbstverlust erlebt. Der Endzustand und somit die letzte Phase in einer Initiationsgeschichte bildet die soziale Reintegration, nachdem sich der Initiand „kurzzeitig in einen außersozialen Zustand"9 begeben hat.10

2. Handlung

Die Brüder Löwenherz leben zusammen mit ihrer Mutter in ärmlichen Verhältnissen, da der Vater der beiden Jungen zur See gefahren ist und die Mutter durch Näharbeiten versucht die Familie zu ernähren. Der 10-jährige Karl, von seinem Bruder Jonathan liebevoll Krümel genannt, ist schwer krank und weiß, dass er bald sterben wird. Krümel sieht zu seinem größeren Bruder auf, der erfolgreich, hübsch und klug ist und von jedem gemocht wird. Jonathan kümmert sich rührend um seinen kranken Bruder Krümel, der im Bett liegen muss und weder zur Schule gehen, noch draußen spielen kann. Um Krümel die Angst vor dem Sterben und die Angst davor, was nach dem Tod kommt, zu nehmen, erzählt Jonathan ihm jeden Abend am Bett vom Land Nangijala, das voller Sagen und Märchen ist und das Leben nach dem Tod sei. Jonathan verspricht Krümel, dass dieses Land zahlreiche Abenteuer mit sich bringt und er dort wieder gesund ist und genauso hübsch sein wird wie er. Bei einem plötzlich auftretenden Feuerausbruch in der Wohnung der Brüder kommt Jonathan durch einen Sprung aus dem Haus, mit Krümel auf dem Rücken, selbst ums Leben. Angesichts der Tapferkeit von Jonathan erhält er von seiner Klassenlehrerin im Nachrufden Beinamen „Löwenherz".

Wenige Tage später erliegt Krümel in einer Nacht seiner Krankheit und trifft im Nangijala Land wiederauf seinen Bruder Jonathan. Dort im Kirschtal haben die Brüder mitanderen Personen zunächst ein herrliches Leben, in dem Krümel gesund ist und wieder spielen kann. Als eines Tages aber das befreundete Heckenrosental von dem Tyrannen Tengil bedroht wird, beschließt Jonathan seinen Bruder Krümel im Kirschtal zurück zu lassen und in den Kampf gegen Tengil loszuziehen. Krümel reist kurze Zeit später seinem Bruder nach, der inzwischen Anführer der Rebellen ist, und befreit gemeinsam mit Jonathan und vielen weiteren Verbündeten die Bewohner des Heckenrosentals von Tengil. Während der Befreiungsschlacht gerät Jonathan aber in die Nähe des giftigen Drachens Katia. Jonathan wird dabei durch den Atem von Katia mit Gift infiziert, das zur vollständigen Lähmung führt und den sicheren Tod bedeutet. In der Gewissheit den qualvollen Folgen zu erliegen, nimmt Krümel diesmal seinen Bruder Jonathan auf den Rücken und springt mit ihm über eine Klippe in den sicheren Tod.11

3. Erzähltextstruktur

Die Geschichte des Romans „Die Brüder Löwenherz" ist chronologisch geordnet und in Bezug auf die Typen der Erzähldauer als eine zeitdeckende Darstellung einzuordnen. Die Erzählsituation im Abenteuerroman ist in Anlehnung an Franz K. Stanzel und seinem entwickelten typologischen Modell der Erzählsituationen als eine Ich-Erzählsituation klassifiziert. Die Ich-Erzählsituation kennzeichnet sich dadurch, dass grammatikalisch betrachtet, explizit das Singular Pronomen „Ich" in der Geschichte verwendet wird. Entscheidend ist, dass ,,[b]ei der Ich-Erzählsituation [...] Erzähler und Figur identisch [sind, und] eine »Identität der Seinsbereiche« vor[liegt]."12 Konkret bedeutet das im genannten Roman, dass die Geschichte aus Sicht der Hauptfigur „Karl Löwe - Krümel" erzählt wird. Dabei wird die Geschichte von Krümel in aufrichtiger und kindlicher Sprache gehalten. In Bezug auf die Aspekte des Discours nach Gérard Genette ist festzustellen, dass es sich bei Krümels Stimme um einen extradiegetischen Erzähler handelt, das bedeutet, dass der Standort des Erzählers außerhalb der dargestellten Welt ist.13 Die extradiegetische Vermittlung „kann des Weiteren hinsichtlich der Beteiligung des Erzählers am Geschehen differenziert werden"14 und in entweder eine heterodiegetische oder homodiegetische Vermittlung unterteilt werden. Die Hauptfigur Krümel erweist sich als extradiegetisch-homodiegetischen Erzähler, da „zwar von außen vermittelt wird, die Vermittlungsinstanz [...] selbst aber Element der Diegese und [an den Geschehnissen] partizipiert"15 ist. In Hinblick auf Analysekriterien des narratologischem Systems nach Gérard Genette ist im Roman eine interne Fokalisierung festzustellen. Dabei wird der Blickwinkel einer Figur eingenommen. Genette unterscheidet grundlegend zwischen einer externen Fokalisierung, Nullfokalisierung und der internen Fokalisierung. Allgemein versteht Genette unter Fokalisierung Unterscheidungsinstanzen von Erzählsituationen. Im Gegensatz zur internen Fokalisierung, weiß der Erzähler bei der Nullfokalisierung mehr als die Figur selbst. Bei der externen Fokalisierung hingegen, bleibt das Innenleben der Figur komplett verschlossen.16 Auffallend ist bei dem im Jahr 1974 veröffentlichten Roman zudem, dass die Geschichte in sechzehn Kapitel untergliedert ist, die keine Einzeltitel tragen, sondern lediglich durchnummeriert sind. Die Handlung des Romans wird außerdem in drei Ebenen dargestellt: Die erste Ebene ist das Haus in dem Krümel und Jonathan bei ihrer Mutter in der Stadt leben, die zweite Ebene präsentiert das Nangijala Land, wohin beide Brüder nach ihrem Tod kommen und die dritte Ebene ist der Ort Nangilima, an dem die Geschichte mit dem endgültigen Tod der Brüder endet. Dort finden die Brüder Löwenherz ihren Frieden, im Sinne von einem Leben ohne Sorgen und Leid, oder die letzte Ruhestätte ihrer Seele. Die Interpretation des Endes der Geschichte liegt dabei im Auge des Betrachters und lässt dem Leser freien Spielraum.

[...]


1 Lison, Inger (2010), S. 119

2 Kulik, Nils (2005), S. 17

3 Caillois, Roger (1974), S. 46

4 Ewers, Hans-Heino (2007), S. 7

5 Vgl. Vooren, Christian. Wissenschaftliches Internetportal für Kindermedien und Jugendmedien, S. 1, Zugriff: 07.09.2015

6 Vgl. Oetinger. Die Brüder Löwenherz. S. 1, Zugriff: 07.09.2015.

7 Rostek, Markus (2010), S. 66

8 Rostek, Markus (2010), S. 66

9 Rostek, Markus (2010), S. 66

10 Vgl. Rostek, Markus (2010), S. 66 - 67

11 Vgl. Lindgren, Astrid (1974)

12 Kräh, Hans (2006), S. 356 - 357

13 Vgl. Kräh, Hans (2006), S. 352

14 Kräh, Hans (2006), S. 352

15 Kräh, Hans (2006), S. 352

16 Vgl. Genette, Gérard (2010), S. 121 ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz". Eine Initiationsgeschichte?
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V318416
ISBN (eBook)
9783668177406
ISBN (Buch)
9783668177413
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzähltextanalyse, Brüder Löwenherz, Astrid Lindgren, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Buchanalyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz". Eine Initiationsgeschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318416

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