Buchenwald: Geschichte - Mythos - Erinnerung: Der 'Buchenwald-Konflikt' und die (demokratische) Erinnerungskultur


Seminararbeit, 2004
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Theorie

III. Die Geschichte des KZ

IV. Die Geschichte des Speziallager Nr. 2

V. Die Geschichte der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte der DDR

VI. Gründungsmythos ‚Buchenwald’

VII. Die Wende 1989/90 und die öffentliche Debatte über die Geschichte Buchenwalds

VIII. Die selektive Wahrnehmung und Erinnerung

IX. Die öffentliche Debatte im Rahmen einer demokratischen Erinnerungskultur

X. Schlussbemerkungen

XI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Nach der Wende 1989/1990 begann eine (zuerst auf die direkt betroffenen Institutionen wie Opferverbände und Region begrenzte, später aber bundesweite) Debatte um die Aufarbeitung und angemessene Erinnerung an das Grauen der Nationalsozialisten im Konzentrationslager Buchenwald und die Nutzung des Lagers durch die sowjetischen Besatzer nach dem zweiten Weltkrieg. Diese Debatte verdeutlicht bei genauerer Betrachtung, was 40 Jahre kommunistische, bzw. sozialistische Erinnerungskultur auch heute noch für Auswirkungen auf das Geschichtsbild in den neuen Bundesländern haben. Der staatlich verordnete Antifaschismus in der ehemaligen DDR führte zu einer Verwischung, Manipulation und Uminterpretation der Vergangenheit, deren Spuren heute noch großes Konfliktpotential bieten und den korrekten, aufgeklärten Umgang mit der Vergangenheit erschweren. Doch wie kommt es zu einer solchen Geschichtsmanipulation? Warum wird die Auseinandersetzung um die Vergangenheit teilweise so emotional geführt? Und warum ist sie so wichtig für unsere heutige Gesellschaft?

Um eine Beantwortung dieser Fragen zu ermöglichen, müssen sowohl theoretische als auch inhaltliche Grundlagen geschaffen werden – dies soll das Ziel der nächsten Kapitel sein. Nach dem Kapitel „Die Geschichte der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte der DDR“ werden dann der Themenkomplex ‚Gründungsmythos Buchenwald’ thematisiert, während zum Schluss des Kapitels „Die Wende 1989/90 und die öffentliche Debatte über die Geschichte Buchenwalds“ die Bedeutung der Debatte in einer demokratischen Erinnerungskultur erörtert werden soll.

II. Theorie

Geschichte und Erinnerung – was bedeuten diese beiden Begriffe eigentlich? Versucht man sich mit der wissenschaftlichen Diskussion über diese Schlagwörter, deren Verwendung Hasko Zimmer als „inflationär“ bezeichnet, auseinander zusetzen, entgegnen einem eine Vielzahl von neuen Begriffen, deren Definition und Verständnis wesentlich für die Auffassung von Geschichte und Erinnerung in dieser Arbeit ist.[1] Da eine ausgiebige Erläuterung dieser Begriffe im Rahmen dieser jedoch nicht möglich ist, werden hier kurze „Definitionen“ folgen, die ein Begriffsverständnis vermitteln sollen und einen Hinweis auf Literatur zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema bieten.

Die heutige wissenschaftliche Behandlung des Gedächtnisbegriffs basiert auf der durch Maurice Halbwachs ausgearbeiteten (und durch viele andere, beispielsweise Jan Assmann erweiterten) Annahme, Erinnerungen seien keineswegs statische, vorgefertigte Bilder in unseren Köpfen, sondern sie werden aktiv durch uns „rekonstruiert“. Diese „Rekonstruktion“ einer Erinnerung ist jedoch nicht objektiv. Der Mensch besitzt das Bedürfnis nach Kontinuität innerhalb seiner eigenen Geschichte. Die Art und Weise, wie ein Mensch seine Erfahrungen interpretiert und einer Art ‚Ordnung’ unterwirft um diese Kontinuität zu schaffen, ist von dem sozialen Rahmen (Wertesystem, Religion, Sprache usw.) abhängig, in dem dies geschieht.

„Individuum, Gesellschaft und kulturelles System sind als Gedächtnisträger eng miteinander verknüpft, das auf Vergangenheit gerichtete individuelle Bewusstsein wird durch sein jeweiliges soziales und kulturell-räumliches Umfeld wesentlich geprägt.“[2]

Somit ist das Gedächtnis also kein rein individuelles Muster, sondern vielmehr ein Phänomen, das mit der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld verwoben ist – eine Erinnerung hat also eine soziale Komponente.

Dieses Verhältnis darf jedoch nicht einseitig verstanden werden. Der Mensch wird nicht nur von der Umgebung geprägt und ist somit „Empfänger“ eines Bezugsrahmens, sondern er ist gleichzeitig auch „Sender“ da das „kulturelle System“ keineswegs autonom und konstant ist. Im Gegenteil: Häufig entstehen und entwickeln sich die sozialen Bezugsrahmen gerade durch die Mitglieder und ihren Erinnerungen. Die gemeinsame Geschichte hat also einen integrativen Charakter. Somit besteht also eine gewisse wechselseitige Beziehung zwischen Gruppe und ihrem Gedächtnis – die Gruppe existiert oft im wesentlichen auf der Grundlage der kollektiven Erinnerung, ist aber gleichzeitig auch Träger dieses Gedächtnisses. Dieses sogenannte „kommunikative Gedächtnis“, dass in der Regel auf ihre Träger angewiesen ist, hat eine begrenzte Lebenszeit:

Spätestens nach dem Tod der Gruppenmitglieder endet die Existenz des jeweiligen „kommunikativen Gedächtnisses“.[3] Nur wenn Elemente aus dem „kommunikativen Gedächtnis“ in das „kulturelle Gedächtnis“ transferiert werden, können sie dauerhaft bestehen. Das sogenannte „kulturelle Gedächtnis“ beruht auf einem wesentlich größeren Rahmen, ist oft weder zeitlich noch örtlich fixiert und enthält eine gesamt-gesellschaftliche Dimension: Das „kulturelle Gedächtnis“ beinhaltet alles, was durch Medien irgendwelcher Art fixiert wurde, sei es durch Schrift, durch Rituale, Bauwerke, Zeremonien usw..[4] Somit gehört auch jede Art von Museum, Denkmal, Feiertag und wissenschaftliche Arbeit zum „kulturellen Gedächtnis“. Wie dieses „kulturelle Gedächtnis“ letztendlich gestaltet wird, ist im Wesentlichen von der betroffenen Gesellschaft abhängig – dies soll aber in den letzten Kapiteln ausführlicher behandelt werden.

III. Die Geschichte des KZ

Selbstverständlich ist es nicht möglich in den folgenden Absätzen eine auch nur annähernd vollständige Geschichte über das Lager auf dem Ettersberg zu dokumentieren, einige wesentliche Fakten sind jedoch für das Verständnis dieser Arbeit nötig.[5] Als am 11.4.1945 die 6. Panzerdivision der US-Armee die Tore des Konzentrationslagers Buchenwald erreicht, bietet sich ihnen ein Bild des Schreckens. Etwa 21.000 Häftlinge erleben das Ende der grausamen Lagerführung durch die SS an diesem Tag, nachdem in den Jahren seit der Errichtung des Lagers 1937 etwa 240.000 Menschen das KZ und seine Nebenstellen durchliefen. Von dieser fast Viertelmillionen Menschen starben fast ein Sechstel, nämlich an die 43.000.[6]

Die Zusammensetzung de Häftlinge variierte stark in den Jahren der Nutzung durch die SS. Während zu Beginn fast ausschließlich politische Gegner (hauptsächlich Kommunisten und Sozialisten) inhaftiert wurden, kamen später auch andere (nicht arische) Gruppen dazu: Unter anderem Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, sogenannte Arbeitsscheue, Homosexuelle und eine große Zahl (vor allem sowjetischer) Kriegsgefangene.[7] Die Misshandlungen und menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Lager standen dem „Schlemmerleben auf Kosten der Häftlinge“ bei der SS-Lagerführung gegenüber.[8] So ließ sich der Lagerkommandant neben dem KZ sogar eine Reithalle einrichten, während die Häftlinge hungerten, bei widrigsten Bedingungen in den nahegelegenen Werken arbeiten mussten und von den SS-Ärzten als medizinische Versuchspersonen missbraucht wurden.[9]

Die innere Organisation des Lagerlebens war größtenteils Aufgabe der Häftlinge: Die Verpflegungs- und Blockzuteilung und Karteiführung waren Aufgaben der sogenannten Schreibstube, die ausschließlich von Häftlingen geführt wurde. Auch die sogenannten Kapos, die den Arbeitskommandos vorstanden, waren vorwiegend Insassen des Lagers.[10]

„[...] Es [ist] nicht übertrieben [...], wenn man feststellt, dass buchstäblich mehrere tausend Kameraden im Laufe der Jahre mit Hilfe der Schreibstube vor dem Tod gerettet, vor schweren Gesundheitsschädigungen bewahrt und in Positionen gebracht worden sind, wo sie wirklich zum Vorteil der Häftlinge wirken konnten.“[11]

Da die meisten wichtigen Posten der Häftlingsverwaltung von politischen Inhaftierten (fast ausschließlich Sozialisten und Kommunisten) besetzt wurden, erlangte der „linke Block“ im Lager eine gewisse Vormachtstellung, die oft „auch der Benachteiligung und Bekämpfung unbequemer politischer Gegner dienen [...] konnte.“[12] Diese „Cliquenwirtschaft“ hatte zur Folge, dass die Linksparteien im Lager ihre Macht kontinuierlich ausbauen konnten, und zum Ende des Kriegs sehr gut organisiert und strukturiert waren.[13] Nach der Befreiung des KZ bildeten sich verschiedene Opferverbände. Sie hatten zum Ziel, die Interessen der ehemaligen Häftlinge wahrzunehmen (auch hinsichtlich einer angemessenen Erinnerung), wurden jedoch aufgrund ihrer antifaschistischen Beschwörungen meist in die „kommunistische Ecke“ gedrängt (in der BRD), oder von den Kommunisten absorbiert (DDR).

IV. Die Geschichte des Speziallager Nr. 2

Nach der Lagerbefreiung am 11.4.1945 wurde das Lager weiterhin durch die Häftlinge selbstverwaltet bis am 13. April die amerikanische Verwaltung das Lager übernahm. Weitere drei Tage später, am 16. April, wurden etwa 1000 Weimarer Bürger und Bürgerinnen von der US-Armee durch das Lager geführt, um Ihnen ein (fast) unverändertes Bild des Lageralltags zu präsentieren und vor Verfälschung zu schützen.[14]

[...]


[1] Zimmer, Hasko, Kollektives Gedächtnis im Zeitalter der Globalisierung: Gibt es eine postnationale Erinnerungskultur?, (http://128.176.67.160/Hausderniederlande/events/eventdoc/eventdoc/ Texte%20Postkolonialismus/zimmer.pdf April 2004), Münster, 2004, Seite 1

[2] Reichel, Peter, Politik mit der Erinnerung: Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, Frankfurt am Main, 1999, Seite 13

[3] Vgl. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Frankfurt am Main, 1985 und Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt am Main, 1985

[4] Vgl. Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis, München, 21997, Seiten 15-86,

[5] Eine vergleichsweise übersichtliche, und trotzdem ausführliche Darstellung der geschichtlichen Hintergründe des KZ befindet sich auf der Webseite der Gedenkstätte Buchenwald: http://www.buchenwald.de/media_de/ctfr_ges_hist.html

[6] Vgl. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora [Hrsg.], Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945: Begleitband zur historischen Ausstellung, Göttingen, 1999, Seite 253

[7] Vgl. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 1999, Seiten 60-85

[8] Hackett David A. [Hrsg.], Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München, 1996, Seite 160

[9] Vgl. Hackett, 1996, Seite 265

[10] Vgl. Zimmer, 1999, Seite 59 und Niethammer, Lutz [Hrsg.], Der „gesäuberte“ Antifaschismus: Die SED und die roten Kapos von Buchenwald: Dokumente, Berlin, 1994, Seiten 27-32

[11] Hackett, 1996, Seite 64

[12] Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 1999, Seite 132

[13] Vgl. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 1999, Seite 132

[14] Vgl. Niethammer, 1994, Seite 246

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Buchenwald: Geschichte - Mythos - Erinnerung: Der 'Buchenwald-Konflikt' und die (demokratische) Erinnerungskultur
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
PS Erinnerungskulturen in Deutschland und Italien im Vergleich
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V31863
ISBN (eBook)
9783638327510
ISBN (Buch)
9783656854265
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buchenwald, Geschichte, Mythos, Erinnerung, Buchenwald-Konflikt, Erinnerungskultur, Erinnerungskulturen, Deutschland, Italien, Vergleich
Arbeit zitieren
Martin Meingast (Autor), 2004, Buchenwald: Geschichte - Mythos - Erinnerung: Der 'Buchenwald-Konflikt' und die (demokratische) Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31863

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