Paranoide Gesellschaft. Wie das Internet nach Luc Boltanski auf das Normalitätsurteil von Personen wirkt

Eine Untersuchung sozialer Ermittlungsformen


Essay, 2015
8 Seiten, Note: 1,7
Mascha Matri (Autor)

Leseprobe

Wie wirkt das Internet als zentrales Medium der gegenwärtigen Zeit nach theoretischen Ausführungen des französischen Soziologen Luc Boltanski auf das Normalitätsurteil von Personen hinsichtlich der öffentlichen Bezichtigung eines großangelegten Komplotts?

Wie wirkt das Internet als zentrales Medium der gegenwärtigen Zeit nach theoretischen Ausführungen des französischen Soziologen Luc Boltanski auf das Normalitätsurteil von Personen hinsichtlich der öffentlichen Bezichtigung eines großangelegten Komplotts? In der folgenden Kurz-Hausarbeit wird die dargelegte Forschungsfrage anhand des Dokumentarfilms „Zeitgeist: The Movie“ des US-amerikanischen Regisseurs und Produzenten Peter Joseph aus dem Jahr 2007 untersucht. Dabei fungiert die von Boltanski lokalisierte Grammatik der Normalität aus seinem für die Soziologie äußerst bedeutsamen Werk „Rätsel und Komplotte“ als fundamentaler Baustein des Analyserahmens der vorliegenden Arbeit. Auf dieser Grundlage werden zunächst die wichtigsten Theorie-Elemente Boltanskis in Bezug auf die Untersuchung von Rätseln und Enthüllung von Komplotten zusammenfassend dargestellt. Nach einer kurzen Einführung in die Bedingungen einer kollektiven Bezichtigung werden die aufgeführten Ergebnisse anhand der spezifischen Untersuchung des Filmausschnitts „Die ganze Welt ist eine Bühne“ detailliert thematisiert, um im Anschluss die skizzierte Forschungsfrage beantworten zu können.

In „Rätsel und Komplotte“ greift Boltanski die Thematik einer durch Institutionen etablierten „sozialen Konstruktion der Realität“ auf, die er in seinem zuvor veröffentlichtem Werk „Soziologie und Sozialkritik“ erstmals in umfassender Weise illustrierte. Der französische Soziologe identifiziert diesbezüglich zunächst eine soziale Realität, die insbesondere den unkritisch denkenden Gesellschaftsmitgliedern in Gestalt einer realen Wirklichkeit offeriert wird (vgl. Boltanski 2013[2012]: 43). Diese beständig wahrgenommene offizielle Realität kann mit Blick auf die Akteure als Handlungsorientierung begriffen werden, die ihnen im alltäglichen Handeln durch die Reduktion zahlreicher möglicher Situationsdeutungen explizite Handlungsrichtungen vorgibt (vgl. Boltanski 2013[2012]: 43-44). Demgegenüber konzipiert Boltanski, dass die offizielle Realität, die lediglich als eine rein fiktionale Gegebenheit charakterisiert wird, eine verborgene und den Gesellschaftsmitgliedern vorerst nicht sichtbare offiziöse, aber faktisch vorhandene Realität verschleiert (vgl. Boltanski 2013 [2012]: 43). Wenn die Handlungsorientierungen der Akteure allerdings durch nicht vorhersehbare Ereignisse blockiert werden und sich die gewohnten Ordnungsstrukturen dadurch in ihrer Gesamtheit lediglich als labiles Gefüge darstellen, zweifeln die Gesellschaftsmitglieder zunehmend an der ihnen suggerierten offiziellen Realität und enthüllen durch individuell eingeleitete Ermittlungen die offiziöse Realität (vgl. Boltanski 2013[2012]: 37; 43). Dieser Prozess vollzieht sich dahingehend, dass die anormalen Ereignisse, die nicht mehr mit den vertrauten Realitätsmustern korrelieren, von der Bevölkerung als zu untersuchende Rätsel definiert werden (vgl. Boltanski 2013[2012]: 24). Die von den Gesellschaftsmitgliedern vorgenommene Untersuchung, die als essentieller Bestandteil von Kriminalromanen erfasst wird, ist dabei auf das Ziel der Enthüllung ausgerichtet, die die Bevölkerung erkennen lässt, dass die gesellschaftlichen Autoritäten in illegitimer Weise operieren (vgl. Boltanski 2013[2012]: 13; 44). Boltanski zufolge steigert sich dieser Verdacht in Spionageromanen in einem Maße, das jene staatlichen und politischen Autoritäten als trügerische Machtinhaber offenbart, die unmittelbar von im Hintergrund agierenden Großmächten beherrscht werden (vgl. Boltanski 2013[2012]: 15; 44). Infolgedessen werden die Beziehungen zwischen ihnen aufgrund politischer Machtinteressen als Ausgangspunkt latenter Machenschaften inkriminiert, wodurch eine Darlegung großangelegter interner Komplotte beabsichtigt wird (vgl. Boltanski 2013[2012]: 307-308). Damit diese Bezichtigung, die meist von einer Einzelperson hervorgerufen wird, zu einer kollektiv-solidarischen Bezichtigung transformiert wird, bedarf es der Anhängerschaft großer Gesellschaftsgruppen (vgl. Boltanski 1987: 154). Die elementare Voraussetzung hierfür ist den Anspruch einer Grammatik der Normalität zu realisieren, indem die Bezichtigung mit dem Normalitätssinn der Individuen kongruiert (vgl. Boltanski 1987: 164; vgl. Boltanski 2013[2012]: 388). Diesbezüglich muss die öffentliche Bezichtigung eines verdeckten Komplotts von der Bevölkerung als normal definiert werden. Nach Boltanski hängt dieses Normalitätsurteil allerdings von vielfachen Bedingungen ab, die der Bezichtigende zu befolgen hat (vgl. Boltanski 1987: 149). Zum einen muss er seinen persönlichen Verdacht im Hinblick auf dubiose Vorgänge in der Gesellschaft „desingularisieren“, indem die von ihm monierte „Denunziation“ als fundamentale Maßnahme zur Steigerung des Allgemeinwohls vermittelt wird (Boltanski 2013[2012]: 387). Zum anderen wirkt eine Bezichtigung begünstigend auf den Normalitätssinn der Individuen, wenn der Bezichtigende von den Gesellschaftsmitgliedern nicht als Opfer lokalisiert wird, der diese Ungerechtigkeiten selbst erdulden muss. Dazu muss die Anprangerung von einem unabhängigen Repräsentanten in Gestalt eines kollektiven Akteurs hervorgebracht werden (vgl. Boltanski 2013[2012]: 387). Desweiteren postuliert Boltanski, dass die Größe der in einer Bezichtigung existenten Akteure, welche sich aus Bezichtigendem, Opfer, Verfolger und Richter zusammensetzen, einen besonders hohen Stellenwert bei der Ausrichtung des Normalitätsurteils einnimmt (vgl. Boltanski 1987: 151; vgl. Boltanski 2013[2012]: 388). Unter Berücksichtigung dieser Bedingungen trägt der Bezichtigende somit zu einem positiven Normalitätsurteil der individuellen Gesellschaftsmitglieder bei, wodurch eine kollektive Mobilisierung bezüglich der angeprangerten Intrigen staatlicher Entitäten ermöglicht wird (vgl. Boltanski 1987: 164). Wenn der Bezichtigende die Voraussetzungen jedoch nicht erfüllen kann, wird die Bezichtigung von der Bevölkerung als anormal angesehen. Das daraus resultierende negative Normalitätsurteil modelliert ihn dabei selbst zum Gegenstand einer Bezichtigung im Sinne eines wahnsinnigen Paranoikers (vgl. Boltanski 2013[2012]: 386-387).

Im Folgenden wird der zweite Teil „Die ganze Welt ist eine Bühne“ des dokumentarischen Films „Zeitgeist: The Movie“ unter Einbeziehung der zuvor dargelegten Theoriebausteine im Hinblick auf die Forschungsfrage untersucht. Da das Internet als zentrales Medium der gegenwärtigen Zeit unzählige Untersuchungen zu diversen Komplotten in sich bündelt, kommt ihm eine bedeutende Rolle bei der Prägung des Normalitätsurteils von Personen hinsichtlich einer öffentlichen Bezichtigung zu. Dementsprechend dient das Netzwerk den Bezichtigenden als primäre Plattform, um ihre Ermittlungen zu verdeckten Komplotten einer breiten Öffentlichkeit zu illustrieren (vgl. Boltanski 2013[2012]: 352). Auch Peter Joseph nutzt diese Option und beabsichtigt mithilfe von eindeutigen Beweisen, die den 11. September 2001 als inszenierten Komplott der US-Regierung und ihrer Geheimdienste enthüllen sollen, dem Normalitätssinn der Internetgemeinde zu entsprechen.

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Paranoide Gesellschaft. Wie das Internet nach Luc Boltanski auf das Normalitätsurteil von Personen wirkt
Untertitel
Eine Untersuchung sozialer Ermittlungsformen
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V318730
ISBN (eBook)
9783668178960
ISBN (Buch)
9783668178977
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paranoide, gesellschaft, internet, boltanski, normalitätsurteil, personen, eine, untersuchung, ermittlungsformen
Arbeit zitieren
Mascha Matri (Autor), 2015, Paranoide Gesellschaft. Wie das Internet nach Luc Boltanski auf das Normalitätsurteil von Personen wirkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318730

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