Trainingsintervention durch myofasziale Selbstmassage. Erfassung und Auswertung des sensorischen und affektiven Schmerzempfindens


Masterarbeit, 2016
116 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema und Forschungshypothesen
1.2 Methodik der Untersuchung und Struktur der Arbeit
1.3 Relevanz der Thematik und Zielsetzung der Arbeit

2. Theoretischer Hintergrund I: Schmerz und Schmerzempfinden
2.1 Schmerzen: Definition und Kategorien
2.2 Pathophysiologische Grundlagen des Muskelschmerzes
2.3 Physiologische und psychologische Komponenten von Schmerz
2.4 Sensorisches und affektives Schmerzempfinden und seine Erfassung
2.5 Schmerz als akzeptiertes Nebenprodukt im Sport

3. Theoretischer Hintergrund II: Faszien und fasziales System
3.1 Definition und Aufbau der Faszien
3.2 Funktion und Bedeutung des faszialen Systems
3.3 Myofasziales Schmerzsyndrom und Triggerpunkte
3.4 Behandlung von faszialen Restriktionen und MTrP
3.5 Das Prinzip der myofaszialen Selbstmassage

4. Untersuchung der Arbeit: Erfassung der Daten und methodisches Vorgehen
4.1 Vorstellung der Testgruppen und ihrer Trainingsgestaltung
4.2 Vorstellung der Stichprobe und des Ablaufs der Untersuchung
4.3 Die Blackroll® als Therapie- und Trainingsgerät der Untersuchung
4.4 Die oberflächliche Rückenlinie
4.5 Psychologische Diagnostik mit dem Fragebogen SES

5. Präsentation und Auswertung der Ergebnisse
5.1 Statistische Auswertung
5.2 Grafische Auswertung und Skalenverteilungen
5.2.1 Ergebnisse für das Merkmal Lokales Eindringen
5.2.2 Statistischer Test auf signifikante Differenz
5.2.3 Ergebnisse für die Merkmale Rhythmik und Temperatur
5.2.4 Ergebnisse für das affektive Schmerzempfinden
5.3 Resümee zur Datenanalyse und Auswertung des Abschlussfragebogens

6. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Faszienstrukturen eines Skelettmuskels (Schleip et al., 2014, S. 4).

Abbildung 2: Detaillierte Struktur eines Skelettmuskels (Paoletti, 2011, S. 94).

Abbildung 3: Modell der Energiekrise als Entstehungsursache für MTrP (Schleip et al., 2014, S. 175. Ursprünglich aus Travell & Simons, 1999).

Abbildung 4: Ablauf der Untersuchung im Zuge der Trainingsintervention (Eigene Darstellung).

Abbildung 5: Erste Übung (Quelle: www.blackroll.de).

Abbildung 6: Zweite Übung (Quelle: www.blackroll.de).

Abbildung 7: Dritte Übung (Quelle: www.blackroll.de).

Abbildung 8: Vierte Übung (Quelle: www.blackroll.de).

Abbildung 9: Fünfte Übung (Quelle: www.blackroll.de).

Abbildung 10: Die oberflächliche Rückenlinie (Schleip, 2015, S. 64).

Abbildung 11: Die posteriore Faszienkette (Paoletti, 2011, S. 144).

Abbildung 12: Häufigkeiten der Antworten für das sensorische Schmerzempfinden (Lokales Eindringen) aggregiert nach Messzeitpunkten (Eigene Darstellung).

Abbildung 13: Stabdiagramm für das Item schneidend (Eigene Darstellung).

Abbildung 14: Stabdiagramm für das Item stechend (Eigene Darstellung).

Abbildung 15: Stabdiagramm für das Item durchstoßend (Eigene Darstellung).

Abbildung 16: Stabdiagramm für das Item reißend (Eigene Darstellung).

Abbildung 17: Häufigkeiten der Antworten für das sensorische Schmerzempfinden (Rhythmik) aggregiert nach Messzeitpunkten (Eigene Darstellung).

Abbildung 18: Häufigkeiten der Antworten für das sensorische Schmerzempfinden (Temperatur) aggregiert nach Messzeitpunkten (Eigene Darstellung).

Abbildung 19: Häufigkeiten der Antworten für das affektive Schmerzempfinden aggregiert nach Messzeitpunkten (Eigene Darstellung).

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Alter und Geschlecht der Stichprobe (Eigene Darstellung).

Tabelle 2: Überblick zu Items, Merkmalen und Globaldimensionen der SES (Geissner, 1996, S. 17).

Tabelle 3: Erhobene Messdaten zum sensorischen Schmerz.

Tabelle 4: Erhobene Messdaten für das Merkmal Lokales Eindringen.

Tabelle 5: Sensorischer Schmerz – schneidend.

Tabelle 6: Häufigkeitstabelle Sensorischer Schmerz – schneidend.

Tabelle 7: Sensorischer Schmerz – stechend.

Tabelle 8: Häufigkeitstabelle Sensorischer Schmerz – stechend.

Tabelle 9: Sensorischer Schmerz – durchstoßend.

Tabelle 10: Häufigkeitstabelle Sensorischer Schmerz – durchstoßend.

Tabelle 11: Sensorischer Schmerz – reißend.

Tabelle 12: Häufigkeitstabelle Sensorischer Schmerz – reißend.

Tabelle 13: Aggregierte Darstellung aller Antworten zum sensorischen Schmerzempfinden (Lokales Eindringen).

Tabelle 14: Nullhypothese

Tabelle 15: Erhobene Messdaten zum affektiven Schmerz.

1. Einleitung

1.1 Hinführung zum Thema und Forschungshypothesen

Sport und Schmerz sind eng miteinander verbunden. Sportler aller Art und verschiedenster Leistungsniveaus kennen das Phänomen Schmerz und wissen wie es sich anfühlt, wenn man Schmerzen empfindet. Insbesondere Spitzensportler müssen sich mit einem angemessenen Umgang der Schmerzverarbeitung und -bewältigung auseinandersetzen. Auf dem Weg zu sportlichen Höchstleitungen überschreiten sie oft die Schmerzschwelle des eigenen Körpers (Droh, 1988) und akzeptieren Schmerzen als notwendiges Übel wie auch als ein sinnvolles Leid, um ihr Ziel möglichst großer sportlicher Erfolge zu realisieren (Roessler, 2004). Das Vorhandensein von „freiwilligem“ Schmerz im Bereich körperlicher (Höchst-)Leistungen ist daher in der Geschichte des Sports ein altes Thema. Der Ausspruch „No Pain – No Gain“ (deu: „Ohne Schmerzen – kein Erfolg”) steht in so mancher Trainingshalle geschrieben und soll den Sportlern veranschaulichen, dass es keine Leistungssteigerung ohne Schmerzen und Verzicht gibt.

Die Spanne der Art und der Intensität von Schmerzen ist sehr groß und verschiedenartig. Nicht nur nach oder bei sportlicher Belastung können Schmerzen auftreten, auch Gewebeschädigungen aller Art im Zuge einer Verletzung sind meistens von Schmerzempfinden beim Betroffenen begleitet. In der dann notwendigen Therapie sind Schmerzen schon lange keine unbekannte Größe mehr. Schmerzempfindungen können einen produktiven und die Genesung unterstützenden bzw. sogar beschleunigenden Charakter besitzen, sofern sie therapeutisch bewusst ausgelöst worden sind und mit der Behandlung einer verletzten oder schmerzenden Struktur zusammenhängen. Die manualthera-peutische Behandlung von verhärteten Muskelsträngen, von faszialen Strukturen und sogenannten Triggerpunkten ist insbesondere zu Beginn durchaus schmerzhaft. Die Schmerzempfindung des Patienten tut dabei dem Behandlungserfolg keinen Abbruch. Im Gegenteil – der Prozess einer schnellen und effektiven Gesundung kann durch derartige therapeutische Interventionen angeregt und begleitet werden. In der Welt des Leistungssports geht es vorrangig um die größtmögliche Minimierung der Verletzungsdauer und der schnellstmöglichen Wiederherstellung der körperlichen Wettkampf- und Leistungsfähigkeit. Eine zeitlich intensive medizinische Versorgung und Begleitung ist dafür ein wichtiger Eckpfeiler. Doch nur die wenigsten Sportler können auf eine professionelle Rundum-Versorgung und vor allem stets greifbare therapeutische Behandlungen zurückgreifen. Sich selbst entsprechend behandeln zu können, stellt daher eine attraktive und sehr hilfreiche Alternative dar (Birrer, 2002). Eine immer stärker beachtete Form einer solchen Eigentherapie lässt sich in der myofaszialen Selbstmassage finden.

Die vorliegende Master-Thesis setzt an diesen Bereichen an und beschäftigt sich mit dem großen Themenblock von Schmerzen im Sport. Die notwendige weitere Eingrenzung gelingt über die Fokussierung auf die therapeutisch ausgelösten Schmerzen innerhalb einer myofaszialen Selbstmassage. Sie kann genutzt werden, um die Wirkungen einer manuellen Therapie lediglich unter Zuhilfenahme eines Massagerollers zu erzielen – ganz ohne einen behandelnden Physiotherapeuten. Eine solche Selbstmassage kann wiegesagt zu Beginn sehr schmerzhaft sein und bezieht sich auf den Bereich der myofaszialen Strukturen[1] der gewählten Körperregion. So rückt neben dem Phänomen „Schmerz“ auch das Gebiet der Faszien im menschlichen Körper in den Mittelpunkt dieser Arbeit. Beide thematischen Schwerpunkte werden im Zuge der Untersuchung der Arbeit miteinander verbunden. Konkret wird die Arbeit prüfen, ob mit einer sechswöchigen Trainingsintervention durch myofasziale Selbstmassage der oberflächlichen Körperrückseite das affektive und sensorische Schmerzempfinden zwischen seinem Ausgangs-, Mittel,- und Follow-up-Wert erfasst und ausgewertet werden kann. Die Erfassung und Auswertung von individuellem Schmerzempfinden bei Sportlern stellt somit die zentrale Komponente der vorliegenden Arbeit dar. Im Zuge der Auswertung der erhobenen Daten wird interessant sein, ob es zu einer veränderten – im besten Fall reduzierten – Schmerzwahrnehmung bei der myofaszialen Selbstmassage der Untersuchungspersonen kommen konnte. Die für diese Master-Thesis aufgestellten und zu untersuchenden Forschungshypothesen lauten daher:

Hypothese 1: Zwischen der sechswöchigen Trainingsintervention durch ein Rollout mit dem Trainingsgerät Blackroll® und dem tendenziellen Absenken des affektiven Schmerzes (Schmerzleiden) besteht ein positiver Zusammenhang.

Hypothese 2: Die sechswöchige myofasziale Selbstmassage der oberflächlichen Körperrückseite mit dem Trainingsgerät Blackroll® senkt das sensorische Schmerzempfinden (körperliches Schmerzgeschehen) in den Ausgangs-, Mittel,- und Follow-Up Werten.

Die Unterteilung in affektives und sensorisches Schmerzempfinden beim Sportler ist insofern wichtig, da durch sie die subjektive Schmerzbedeutung (affektiv) von den rein körperlich wahrgenommenen physikalischen Reizeigenschaften (sensorisch) getrennt werden kann. Affektiver Schmerz dient demnach zur Beschreibung des Schmerzleidens (z. B. „quälend“ oder „lähmend“), während sich sensorischer Schmerz auf die Beschreibung des körperlichen Schmerzgeschehens konzentriert (z. B. „brennend“ oder „drückend“). Insgesamt können durch diese Unterscheidung wesentlich exaktere Aussagen zum Schmerzempfinden des jeweiligen Sportlers getroffen werden. Zielsetzung ist es, das sowohl affektive wie auch sensorische Schmerzempfinden der Sportler in Bezug auf die myofasziale Selbstmassage im Verlauf der Trainingsintervention abzusenken. Ob diese Zielsetzung erreicht werden kann und ob sich die aufgestellten Forschungshypothesen bewahrheiten können, wird durch die Untersuchung und deren Auswertung herausgefunden werden. Kapitel 1.2 stellt die Herangehensweise und Methodik der präsentierten Untersuchung sowie die allgemeine Struktur der vorliegenden Master-Thesis vor.

1.2 Methodik der Untersuchung und Struktur der Arbeit

Um die beiden aufgestellten Forschungshypothesen wissenschaftlich überprüfen zu können, müssen entsprechende Werte und Daten im Rahmen einer Studie generiert werden. Zu diesem Zweck führte der Autor dieser Arbeit eine entsprechende Untersuchung durch, die sich als sechswöchige Trainingsintervention bei zwei verschiedenen Trainingsgruppen charakterisieren lässt. Zur Umsetzung der Trainingsintervention konnte ein Sportverein gewonnen werden, der aus zwei Sportabteilungen (Turnen und Handball) weibliche wie auch männliche Untersuchungspersonen bereitstellte. Als wichtiges Kriterium in der Vorauswahl der teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler musste die fehlende Erfahrung mit einem Rollout oder generellen Formen der myofaszialen Selbstmassage überprüft werden. Andernfalls wäre es zu nicht vergleichbaren Werten und Angaben des Schmerzempfindens bei den teilnehmenden Untersuchungspersonen gekommen. Keiner der Sportler konnte derartige Erfahrungen aufweisen und ging deshalb unvoreingenommen an das Rollout heran, was die authentische Schilderung des individuellen Schmerzempfindens begünstigte. Innerhalb des Untersuchungszeitraums von sechs Wochen fanden insgesamt achtzehn Trainingseinheiten statt, die sich jeweils auf drei Tage in jeder Woche verteilten. Jede Trainingseinheit im Untersuchungszeitraum wurde durch eine am Ende des Trainings gemeinschaftlich vom Team durchgeführte Rollout-Einheit ergänzt. Die myofasziale Selbstmassage umfasste dabei die oberflächliche Körperrückseite und benötigte einen zeitlichen Rahmen von zehn Minuten. Das dafür verwendete Trainings- und Therapiegerät war die sogenannte Blackroll®, eine Massagerolle. Das Untersuchungsgerät wurde in jeweils ausreichender Stückzahl vom Verfasser dieser Arbeit gestellt.

Methodisch wird ein validierter Schmerzfragebogen in Papier-Bleistift-Version angewendet und den Ausgangspunkt der Untersuchung unterstützen. Es handelt sich dabei um die sogenannte Schmerzempfindungsskala SES, zu der Geissner (1996) eine entsprechende Handanweisung publiziert hat. Die SES ist konzipiert, um besonders die Ausprägungsbesonderheiten spezifischer Schmerzformen und vor allem Veränderungen im Schmerzerleben bei entsprechenden Probanden abzubilden. Sie hat zum Ziel, eine differenzierte Beschreibung und den gegenwärtigen Grad der subjektiv akut wahrgenommenen Schmerzen zu messen. In der vorliegenden Untersuchung geht es darum, das individuell erlebte Schmerzempfinden eines jeden Sportlers, das beim Rollout mit der Blackroll® entsteht, zu erfassen und im Rahmen einer sechswöchigen Studie zu analysieren. Mithilfe des auf 24 Items basierenden Schmerzfragebogens SES ist dies möglich. Durch den Fragebogen können Einschätzungen von Probanden herangezogen werden, die beurteilen, ob und wie sich ihr Schmerzempfinden im Zuge der myofaszialen Selbstmassage verändert. Sie treffen Aussagen über die Veränderungen im Schmerzempfinden auf affektiver und sensorischer Ebene. Die SES ist in eben diese zwei Globaldimensionen des Schmerzempfindens aufgeteilt und lässt eine derartige Zielsetzung realistisch erscheinen. Des Weiteren hat die SES einen besonders hohen praktischen Nutzen durch die geringen Anforderungen an die zu untersuchenden Personen. Die SES ist leicht verständlich und mit nur fünf Minuten Bearbeitungsdauer für den Sportler schnell beantwortbar. Das Ausfüllen der Fragebögen erfolgte nach dem Rollout in der Gruppenanwendung. Das Einsetzen des SES-Fragebogens bedeutet für alle Beteiligten gleichermaßen eine stabile und zuverlässige Erfassung und Auswertung von Schmerzempfinden bei Sportlern und leistet daher einen entsprechenden Beitrag im Bereich der Sportpsychologie.

Die Struktur der Arbeit ist durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit zwei zentralen Forschungsbereichen charakterisiert. Zuerst wird ein theoretischer Hintergrund zum großen Themenfeld „Schmerz und Schmerzempfinden“ (Kapitel 2) gegeben. Nachdem die Begriffe definiert worden sind (2.1), werden die pathophysiologischen Grundlagen des Muskelschmerzes erklärt (2.2). Anschließend werden den physiologischen Komponenten sehr wichtige psychologische Komponenten des Schmerzempfindens gegenübergestellt (2.3), was dann zur Auseinandersetzung mit affektivem und sensorischem Schmerzempfinden im Speziellen überleitet (2.4). Das zweite Kapitel schließt mit einem Unterkapitel, das das Thema Schmerz mit Sport verbindet. Es betrachtet Schmerz als akzeptiertes Nebenprodukt im Sport (2.5). In einem separaten zweiten Theorieteil beschäftigt sich die Arbeit mit dem ebenso großen Themengebiet „Faszien und fasziales System“ im menschlichen Körper (Kapitel 3). Auch hier liefert die Master-Thesis zu Beginn wichtige Begriffsklärungen und setzt sich mit dem Aufbau der Faszien auseinander (3.1). Darauf aufbauend thematisiert sie die Funktion und die Bedeutung, die das fasziale System für den menschlichen Organismus übernimmt und hat (3.2). In einem nächsten Schritt werden die Bereiche Schmerz und Faszien miteinander verbunden, indem myofasziale Schmerzen in den Fokus genommen werden. Konkret beschäftigt sich die Arbeit in diesem Bereich mit dem myofaszialen Schmerzsyndrom und im Speziellen mit seiner klinischen Ausprägungsform, dem myofaszialen Triggerpunkt (MTrP) (3.3). Sachlogisch daran anknüpfend präsentiert das Unterkapitel 3.4 myofasziale Behandlungsformen, die die Lösung faszialer Restriktionen zur Zielstellung haben. Ein eigenes Unterkapitel erhält die myofasziale Selbstmassage (3.5), da sie für die Durchführung der Untersuchung dieser Master-Thesis grundlegend und zentral ist. Das vierte Kapitel der Arbeit liefert dann ausführliche Informationen zur Durchführung und Methodik der präsentierten Untersuchung. Neben der Vorstellung der Testgruppen, der aus ihnen resultierenden Stichprobe sowie des Ablaufs der Untersuchung (4.1 und 4.2), werden Informationen zum verwendeten Massagegerät, der Blackroll®, gegeben. Sie werden mit potentiellen Therapie- und Trainingsmethoden verknüpft, um zu zeigen, wie sinnvoll die Verwendung des Massage-Rollers für den Bereich der Faszien sein kann (4.3). Zusätzlich wird die oberflächliche Körperrückseite mit ihrer myofaszialen Zugbahn, der oberflächlichen Rückenlinie, vorgestellt (4.4). Sie wird im Zuge der myofaszialen Selbstmassage der Sportler beim Rollout bearbeitet. Bei der Erfassung der Daten ist die Vorstellung der Methode zur Datenerhebung wichtig. Deshalb wird ebenso die Schmerzempfindungsskala (SES), die als Fragebogen die Untersuchung begleitete, in ihrem Aufbau und ihrer Funktionsweise erläutert (4.5). Nachdem alle relevanten Gegebenheiten zur Untersuchung dargelegt worden sind, präsentiert die Arbeit die Auswertung der erhobenen Daten und somit die Ergebnisse der Studie (Kapitel 5). Im Unterkapitel zur statistischen Auswertung werden die erhobenen Daten tabellarisch verarbeitet (5.1). Für eine verbesserte Aufbereitung der Ergebnisse folgt im Anschluss daran die grafische Auswertung, die sich auf die unterschiedlichen Skalenverteilungen stützt (5.2). Ein besonderer Fokus wird hier auf der sensorischen Schmerzdimension und im Speziellen auf dem ihr zugeordneten Merkmal des Lokalen Eindringens liegen. Ein Resümee zur Datenanalyse und die Auswertung des Abschlussfragebogens schließen die Präsentation der Untersuchungsergebnisse ab (5.3). Eine Zusammenfassung kombiniert mit einem Fazit runden die Arbeit inhaltlich ab (Kapitel 6).

1.3 Relevanz der Thematik und Zielsetzung der Arbeit

Warum ist es wichtig, sich mit Schmerzen im Sport – und darauf aufbauend mit Schmerzen und Faszien – zu beschäftigen? Die Relevanz der gewählten Thematik erwächst aus dem Umstand, dass Schmerzen im Allgemeinen in der Gesellschaft und auch im Sport immer wichtigere und zu thematisierende Phänomene darstellen. Insbesondere im Sport rücken Themen wie richtige Belastung, Leidensfähigkeit, ausreichende Erholung und die Befindlichkeit der Sportler immer stärker in den Fokus des Teilgebiets der Sportpsychologie (BISp, Bundesinstitut für Sportwissenschaften, 2014). Verbunden mit der Vielfalt und Kultivierung des Schmerzes bildet sich sogar ein neues und eigenständiges Forschungsgebiet der Sportpsychologie heraus (Roessler, 2004). Das Themenfeld der Faszien erfreut sich auf diesem Hintergrund stetig wachsender Beachtung. Schleip (2015) weist explizit auf die besondere Bedeutung des Fasziennetzwerks und dessen Zustand für Sportler bei der Erbringung von Leistung und der Verletzungsprophylaxe hin.

Wenn ein Fußballspieler mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Rand humpelt oder gar vom Spielfeld getragen werden muss, wenn ein Tennisspieler wegen Schulterschmerzen ausscheidet oder Läufer kurz nach dem Start ausfallen, ist weit überwiegend fasziales Gewebe betroffen: Bänder, Sehnen, Muskelfaszien oder Gelenke haben Zerrungen, Risse oder Kapselverletzungen erlitten. (Schleip, 2015, S. 73)

Derartige Gewebeschädigungen ereignen sich demnach vor allem in weißem Gewebe, den Faszien – und nicht immer zwangsläufig im roten Muskelgewebe.[2] Verständlicher wird dieser Umstand durch Paolettis Aussage: „Es gibt keinen einzigen Körperteil, der nicht von einer Faszie umhüllt ist.“ (2011, S. 130) Aus der Anatomie sind großflächige wie auch winzig kleine Faszienhüllen bekannt. Große Faszienketten erstrecken sich über aus-gedehnte Körperregionen und setzen sich ohne Unterbrechung in die untergeordneten Strukturen fort, indem sie sogenannte Faszienduplikaturen um die immer feiner werdenden Strukturen bilden (Paoletti, 2011). Faszien halten daher alles zusammen und gewährleisten in ungeahnter Art und Weise die Kohäsion des menschlichen Körpers.

Wenn Faszien verklebt oder verletzt sind, können sie wesentlich öfter auch Ursache für Beschwerden und Bewegungsrestriktionen sein, als bisher angenommen wurde. Deswegen ist es umso relevanter, das Wissen über fasziale Strukturen und ein effektives Faszientraining zu erweitern. Alle Anstrengungen zu erhöhter Aufmerksamkeit und Beachtung der Sportler und ihren Trainern für den Bereich der Faszien tragen zum besseren Schmerzverständnis sowie zur detaillierten Analyse des individuellen Schmerzempfindens bei. Die myofasziale Selbstmassage zielt direkt auf die Aktivierung bzw. Regeneration der Faszien ab und kann daher einen wichtigen Ansatzpunkt für den optimierten Umgang mit Schmerzproblematiken im Sport darstellen.

Es ist daher zentral wichtig und relevant, die Forschung zu den Zusammenhängen von Verletzungen und Schmerzen mit faszialen Strukturen voranzutreiben und weiter auszubauen. Dies erscheint umso wichtiger, da die muskuloskeletale Forschung über mehrere Jahrzehnte den Faszien eine Art „Aschenputtel-Rolle“ zukommen ließ. Erst in aktuellen Studien rückt das allgegenwärtige Gewebe, welches früher als „weißes Verpackungsmaterial“ angesehen wurde, zunehmend in den Vordergrund medizinischer Aufmerksamkeit (Schleip, 2009). Auch die Gebiete der sportpsychologischen Schmerzforschung und der myofaszialen Selbstmassage in der Regenerationsanwendung sind in der Sportwissenschaft noch relativ junge Bereiche. Auf Basis der internationalen und nationalen Literatur- und Forschungslage ist festzuhalten, dass es keine bekannten systematischen Untersuchungen oder Studien gibt, die den Verlauf von Schmerzstärken oder Schmerzintensitäten während einer Regenerationsanwendung wie der der myofaszialen Selbstmassage darstellen. Die in der vorliegenden Master-Thesis präsentierte Untersuchung versucht daher, diesem Mangel entgegenzutreten und das Schmerzempfinden bei Sportlern im Zuge der myofaszialen Selbstmassage der oberflächlichen Körperrückseite auf sensorischer wie auch auf affektiver Ebene zu erfassen und auszuwerten. Die Arbeit möchte damit einen Beitrag leisten, um das noch sehr junge Forschungsgebiet der Faszien mit dem der Schmerzdiagnostik zu verbinden und die bestehenden „Mosaikbilder“ in diesen Bereichen weiter zu vervollständigen. Die Forschungshypothesen dieser Master-Thesis postulieren einen positiven Zusammenhang zwischen der sechswöchigen Trainingsintervention durch die myofasziale Selbstmassage der oberflächlichen Körperrückseite und dem tendenziellen Absenken des sensorischen wie auch des affektiven Schmerzempfindens der Sportler. Diesen Zusammenhang zu bestätigen und nachzuweisen, ist zentrale Zielsetzung der vorliegenden Arbeit. Darüber hinaus soll durch die Untersuchung eine realistische Antwort darauf gegeben werden, wie lange der Trainings-Anwendungszeitraum für einen Athleten sein muss, um einen nachhaltigen „Wohlschmerz“ bei der myofaszialen Selbstmassage in zukünftigen Trainingseinheiten zu erreichen und gleichzeitig die mögliche schmerzhafte muskuläre Wahrnehmung des sensorischen Schmerzempfindens bei einem Rollout zu minimieren bzw. zu normalisieren. In diesem Bereich existieren noch keine verlässlichen Daten oder verifizierte Erkenntnisse. Die Arbeit soll demnach helfen, die aktuellen sportpsychologischen Thesen zu festigen und die Forschung im Bereich des Faszientrainings besser verstehen zu können.

Um diesen Zielstellungen gerecht werden zu können, wird auf die neuesten Erkenntnisse aus Medizin, Biologie und Osteopathie zurückgegriffen. Neben den aktuellsten Forschungsergebnissen zum faszialen System von Schleip (2009; 2015) und Schleip et al. (2014) und zu myofaszialen Schmerzen und Triggerpunkten von Reilich, Gröbli und Dommerholt (2012), spielen die Standardwerke von Myers (2010) und Paoletti (2011) eine wichtige Rolle bei der Bearbeitung der Themenstellungen dieser Arbeit.

2. Theoretischer Hintergrund I: Schmerz und Schmerzempfinden

Das zweite Kapitel beleuchtet das erste große Themenfeld, das in den für diese Arbeit aufgestellten Hypothesen behandelt wird. Die folgenden Ausführungen widmen sich den Phänomenen Schmerz und Schmerzempfinden und liefern den ersten Teil des theoretischen Hintergrunds dieser Master-Thesis. An die Begriffsklärung schließen die Pathophysiologie des Muskelschmerzes sowie die physiologischen und psychologischen Komponenten von Schmerz an. Kapitel 2.4 stellt die Unterscheidung des sensorischen und affektiven Schmerzempfindens vor, was insbesondere für die spätere Studie zentral wichtig ist. Das Thema Schmerzen als akzeptiertes Nebenprodukt im Sport liefert den Bezug zum Sport und schließt die Ausführungen des zweiten Kapitels ab.

2.1 Schmerzen: Definition und Kategorien

Wie Wolfgang Larbig (1982) ganz richtig feststellte, ist der Terminus „Schmerz“ eine Bezeichnung für eine sehr weit gespannte Skala von Erlebnissen und Reaktionen. Je nach Ursache kann Schmerz bekanntlich in verschiedenen Qualitäten erscheinen. Die Art und Intensität von körperlichen Schmerzen stellt sich so mannigfaltig dar, dass eine Klassifikation und alle Bereiche abdeckende Einteilung von Schmerzen nicht möglich oder sinnvoll erscheint. Der Schmerz, der beispielsweise von überdehnten Bändern nach dem Umknicken des Fußgelenkes verursacht wird, unterscheidet sich grundlegend von starken Kopfschmerzen und wiederum jenen, die durch einen Knochenbruch ausgelöst werden.[3] Des Weiteren darf nicht vergessen werden, dass das Schmerzerleben bei zwei Menschen mit gleicher körperlicher Symptomatik dennoch komplett unterschiedlich sein kann. Das Schmerzempfinden variiert von Mensch zu Mensch und wird durch weitere äußere Umstände beeinflusst. Wie bereits angemerkt, werden Spitzensportler einen „geübteren“ Umgang mit Schmerzzuständen und unter Umständen eine höhere Schmerztoleranz als andere Menschen aufweisen. Schmerz muss daher als ein multidimensionales Konstrukt wahrgenommen werden, das durch subjektive Angaben und Verhaltensweisen definiert wird, die mit dem Schmerzerlebnis selbst zusammenhängen und einhergehen. Die Schmerzerhebung erfolgt in aller Regel durch individuelle Angaben des Betroffenen, was wiederum zeigt, wie hochgradig subjektiv sich das Phänomen „Schmerz“ darstellt (Heisel & Jerosch, 2007). Wie kann der Begriff trotzdem klar definiert werden?

Die Verschiedenartigkeit von Schmerzzuständen und deren subjektive Wahrnehmung macht eine einheitliche und vor allem allumfassende Begriffsdefinition sehr schwierig. Figge (1989) macht darauf aufmerksam, dass das deutsche Wort „Schmerz“ für unterschiedlichste Phänomenkomplexe verwendet wird und auch in der Fachliteratur eine entsprechende Begriffsverwirrung vorzufinden ist. Schmerz ist in seiner Charakterisierung und Begriffsbestimmung demnach noch nicht eindeutig geklärt. Die vorliegende Master-Thesis folgt der Definition des Medizinischen Wörterbuchs Pschyrembel, das Schmerz als „eine komplexe Sinneswahrnehmung unterschiedlicher Qualität [definiert], die i.d.R. durch Störung des Wohlbefindens als lebenswichtiges Symptom von Bedeutung ist und in chronischer Form einen eigenständigen Krankheitswert erlangt“. (Pschyrembel, 2001, S. 1500) Der Pschyrembel-Eintrag basiert demnach auf der Komplexität und Vielschichtigkeit des Schmerzbegriffs. Er stellt aber ebenso die übergeordnete Funktion des Schmerzes als lebenswichtiges Symptom heraus. Für das Verhalten und das Befinden der Menschen besitzt das Wahrnehmen von Schmerz eine elementare Bedeutung. Dem „Frühwarnsystem“ Schmerz kommt eine lebenserhaltende Aufgabe zu, denn es macht auf gefährliche äußere Reize wie zum Beispiel Hitze, Druck oder Gewebeverletzungen aufmerksam. Auch weisen Schmerzen oft auf verschiedene Erkrankungen hin, die zum Beispiel durch mangelnde Durchblutung, Entzündungen oder Tumore entstehen (Nopper, 2003). Die betroffenen Patienten werden meistens durch die verursachten Schmerzen am stärksten beeinträchtigt. Schmerzen können daher auch als die „roten Verkehrsampeln“ verstanden werden, an denen es zu halten gilt und deren Aufleuchten nicht ignoriert werden darf (Droh, 1988). Und dennoch existieren auf der anderen Seite auch Erkrankungen, die eben nicht mit Schmerzzuständen verbunden sind und deswegen vorerst unentdeckt bleiben. Die Gefährlichkeit von einigen Krebserkrankungen liegt nicht zuletzt in diesem Umstand begründet (Schaible, 2003). Als weiteren Aspekt weist die Definition des Medizinischen Wörterbuchs auf die Chronifizierung von Schmerzen hin. In solchen Fällen fungiert der Schmerz nicht mehr als Alarmsignal über eine drohende oder bereits vorhandene Körperschädigung, sondern hat sich als Symptom verselbständigt. Der Bezug zur ursprünglich auslösenden Erkrankung ist bei chronischen Schmerzen verloren gegangen (Schaible, 2003). Dieser Umstand zeigt ein weiteres Mal, wie komplex und weitreichend der Bereich des menschlichen Schmerzempfindens ist. Die internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (International Association for the study of pain, IASP) stellt die Subjektivität der Schmerzempfindung in ihrer Begriffsdefinition von 1979 daher extra heraus. Schmerz wird dort verstanden als ein „unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer akuten oder potentiellen Gewebeschädigung einhergeht oder als solches beschrieben wird. Schmerz ist immer subjektiv.“ (zit. nach Heisel & Jerosch, S. 3) Auch die tatsächliche oder potentiell mögliche Gewebeschädigung wird hier als fester Bestandteil des Schmerzbegriffes verwendet. All dies zeigt, wie hoch individuell und subjektiv das Thema „Schmerz“ begriffen werden muss.

Schmerzen können aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität in unterschiedlichste Kategorien eingeteilt werden. Einteilungskriterien können dabei die Schmerzdauer, die Schmerzqualität, die Schmerzumstände oder auch die Schmerzlokalisation sein. Im Folgenden soll der Einteilung nach der Schmerzursache gefolgt werden, wonach Schmerzen in drei Kategorien eingeteilt werden können. Es handelt sich dabei erstens um den akuten Warnschmerz. Er tritt auf, wenn noxische Reize auf das gesunde Gewebe einwirken. Wie bereits angesprochen ist er es, der für die Unversehrtheit des Körpers verantwortlich ist (Schaible, 2003). Die Notwendigkeit der Genesungsruhe wird durch akute Schmerzen unterstrichen, sollten sie bereits eine eingetretene Gewebeschädigung signalisieren. Ist ihr Auftreten mit dem Erreichen der Belastungsgrenze des Körpers verbunden, klingen akute Schmerzen meist von selbst ab, sobald die auslösende Ursache beseitigt werden konnte (Nopper, 2003). In die zweite Kategorie fällt der Entzündungsschmerz, der die Verletzung oder Entzündung eines Organs repräsentiert. Er kann sich als Spontanschmerz und/oder als Hyperalgesie (erhöhte Schmerzempfindung bei noxischen Reizen) und Allodynie (Senkung der Schmerzschwelle, sodass normalerweise nicht schmerzhafte Reize Schmerzen auslösen) äußern (Schaible, 2003). Das Gewebe ist in diesem Fall zwar pathologisch verändert, das Nervensystem selbst ist jedoch noch intakt – ein Umstand, der auf die dritte Kategorie nicht mehr zutrifft. Beim neuropathischen Schmerz ist eine Verletzung oder Schädigung des Nervensystems aufgetreten.[4] Schmerzen dieser Art äußern sich häufig als Spontanschmerzen mit brennendem Charakter oder ebenso als Hyperalgesie oder Allodynie. Sogar die Berührung der Haut mit einem Wattebausch kann bei der neuropathisch bedingten Allodynie Schmerzen auslösen. Dies verdeutlicht, dass der neuropathische Schmerz weder eine Warnfunktion übernimmt, noch eine Gewebeschädigung anzeigt und daher als abnormal eingestuft werden muss (Schaible, 2003). Gleiches gilt für den chronischen Schmerz, bei dem der Schmerz seine Funktion als Alarmsignal ebenso verloren hat und ihm keine biologische Aufgabe mehr zukommt (Nopper, 2003). Eine weitere und detaillierte Darstellung von möglichen Definitionen, Verständnissen und Einteilungsmöglichkeiten zum Schmerzbegriff würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen und stellt sich darüber hinaus als nicht zielführend dar. Vielmehr soll im folgenden Kapitel auf die pathophysiologische Entstehung des Muskelschmerzes – dem dieser Untersuchung zugrunde liegenden Schmerz – eingegangen werden.

2.2 Pathophysiologische Grundlagen des Muskelschmerzes

Was Schmerz ist und was genau darunter zu verstehen ist, wirft auch die Frage nach der Entstehung von Schmerz auf. Dieses Unterkapitel beschäftigt sich mit der Entstehung und den pathophysiologischen Grundlagen des Muskelschmerzes.

Der menschliche Organismus verfügt über ein System zur Wahrnehmung von Schmerzen aller Art. Wie schon aus Kapitel 2.1 hervorgegangen ist, können drohende oder bereits eingetretene Gewebeschäden (wie z. B. Prellungen, Distorsionen, Hautverletzungen oder Knochenbrüche) mit unterschiedlichsten Schmerzempfindungen verbunden sein. Den Ausgangspunkt dieser Schmerzempfindung bilden entsprechende, im peripheren Gewebe liegende Sinnesfühler (Rezeptoren), die eigens für die Erfassung von Schmerz vorhanden sind (Heisel & Jerosch, 2007). Es handelt sich dabei um sogenannte Nozizeptoren, die in ihrer Gesamtheit das nozizeptive System bilden. Der Oxforder Physiologe Sir Charles Sherrington[5] prägte bereits vor über einhundert Jahren den Begriff des Nozizeptors, der sich vom lateinischen Verb „nocere“ ableiten lässt, was mit „schaden“ übersetzt werden kann. Dies erklärt sich durch die Bedeutung der Nozizeptoren als solche sensorischen Nervenendigungen, die jene Reize erfassen, welche die Integrität des Körpers bedrohen oder ihr eben schaden (Handwerker, 1999). Da die Muskelfasern selbst keine eigenen Schmerzfasern besitzen, die eine Weiterleitung und Verarbeitung des Schmerzimpulses über das zentrale Nervensystem bis hin zur endgültigen Erkennung des Schmerzreizes im Kortex gewährleisten können, benötigen sie die sensorischen Nervenendigungen der Nozizeptoren. Sie sind darauf spezialisiert, Einwirkungen objektiv gewebeschädlicher und subjektiv schmerzhafter Reize zu registrieren (Schoser, 2012) und die gewonnene Information über die Einwirkung der Schadreize an das zentrale Nervensystem weiterzugeben. Histologisch gesehen sind Nozizeptoren als freie Nervenendigungen über dünne, markhaltige sowie marklose afferente Nervenfasern mit dem Zentralnervensystem verbunden (Mense, 1988) und können so dieser Aufgabe gerecht werden.

Wann genau führt ein Reiz zu einer Erregung von Nozizeptoren? In ihrer Funktion als Messfühler für Schadreize müssen sie zwischen schädlichen und unschädlichen Reizeinwirkungen unterscheiden können. Auf unschädliche Reize reagiert ein Nozizeptor daher mit keiner oder zumindest keiner nennenswerten Erhöhung der Entladungsfrequenz. Er besitzt daher eine hohe mechanische Schwelle im gewebsschädlichen Bereich (Mense, 1988). Handwerker (1999) weist jedoch darauf hin, dass sich die Nozizeptorerregbarkeit durch ausschließlich starke Reize allenfalls auf mechanische und thermische Reize anwenden lässt und selbst bei diesen Reizmodalitäten problematisch bleibt. Das leitet zu der Frage über, welche konkreten Reize eine Erregung von Nozizeptoren auslösen können. Physikalisch gesehen stellen z. B. die angesprochenen mechanischen Reize wie Druck und Kompression bedrohliche Impulse dar, ebenso wie thermische Reize durch stark veränderte Temperatur (sowohl Kälte wie auch Wärme) eine Nozizeptorerregung nach sich ziehen können. Diverse Entzündungsmediatoren, die sich auf lokale Irritationen und Traumata zurückführen lassen können, gehören in die Kategorie chemischer Reize als Auslöser einer Nozizeptorerregung (Heisel & Jerosch, 2007).

Ist ein solcher als bedrohlich eingestufter Impuls registriert worden, kommt es demnach zur Erregung eines oder meistens mehrerer Nozizeptoren, die für die Weiterleitung an das Zentralnervensystem verantwortlich sind. Durch spezielle endogene und algetisch wirksame Substanzen erfolgt die periphere Reizaufnahme und es kommt zur direkten Weiterleitung ohne Umschaltung in die Hinterhörner des Rückenmarkes. Bei den dann folgenden Prozessen handelt es sich um die spinale und zerebrale Nozizeption. Im Hinter-hornbereich des Rückenmarkes wird zunächst der Neurotransmitter Glutamat ausgeschüttet, der sich an spezielle Glutamatrezeptoren bindet und somit eine synaptische Erregung von Neuronen der Hinterhörner verursacht (Heisel & Jerosch, 2007). Demnach werden die durch die Nozizeptoren registrierten Nervenimpulse synaptisch auf Neurone im Hinterhorn des Rückenmarks und des Hirnstamms übertragen. Zwei verschiedene Arten von sekundären nozizeptiven Neuronen sind dort zu finden: Einerseits die sogenannten WDR-Neurone („wide dynamic range“), die durch ein weites Spektrum von Reizen von der leichten Berührung bis hin zu noxischen Reizen erregt werden und andererseits die sogenannten NS-Neurone („nociceptor specific“), die überwiegend nozizeptiven Input erhalten. Die nozizeptive Information über den Erregungsimpuls gelangt schließlich über beide Typen von Neurone ins Gehirn – über den Thalamus bis in den Kortex. Dort – am Ende dieser Weiterleitung – wird aus dem ursprünglich registrierten Reiz der Nozizeptoren der Sinneseindruck „Schmerz“ abgebildet (Handwerker, 1999 und Heisel & Jerosch, 2007). So ist auch klar geworden, dass sich das nozizeptive System über den gesamten menschlichen Organismus erstreckt und lediglich im Zentralnervensystem (Rückenmark und Gehirn) keine Nozizeptoren vorhanden sind (Heisel & Jerosch, 2007).

Über diese beschriebene Kette der Weiterleitung kann als Folge der Aktivierung von Nozizeptoren in einem Lebewesen mit Bewusstsein subjektives Schmerzempfinden ausgelöst werden (Mense, 1988). Der Umstand des vorhandenen Bewusstseins soll an dieser Stelle nochmal besonders hervorgehoben werden. Schmerzen und Schmerzempfindungen müssen als Bewusstseinsvorgänge eingestuft werden (Wessely, 2001 und Handwerker, 1999). Somit können die pathophysiologischen Prozesse der Nozizeption nur dann zum Phänomen Schmerz führen, wenn Bewusstsein vorhanden ist – andernfalls ist dieses Empfinden nicht zu erreichen oder auszulösen (Wessely, 2001). Interessanterweise tragen Nozizeptoren zu motorischen Flucht- oder Schutzreflexen bei, die als sogenannte nozifensive Reflexe bezeichnet werden. Der bekannte „Wegziehreflex“, bei dem eine Extremität von einem schädigenden Reiz zurückgezogen wird, ist z. B. ein klassischer nozifensiver Reflex (Handwerker, 1999). Die bereits erwähnten Neurone im Rückenmark und im Hirnstamm sind an derartigen Reflexen beteiligt. Die Großhirnrinde jedoch ist in der Regel bei diesen Prozessen nicht beteiligt, sodass nozifensive Reflexe vom Bewusstsein unabhängig sind. Deswegen funktioniert der Wegziehreflex auch unter Narkose – Voraussetzung ist lediglich, dass die Narkose nicht so tief angesetzt wird, dass sie die neuronale Aktivität im Rückenmark unterdrückt (Handwerker, 1999). Die körperlichen und nozizeptiven Vorgänge müssen daher losgelöst vom tatsächlichen individuellen Schmerzempfinden eines jeden Einzelnen betrachtet und verstanden werden. Jedes Schmerzerleben setzt körperliche Prozesse voraus, bei denen es sich um jene der Nozizeption handelt. Diese führen jedoch nicht zwangsläufig zum Empfinden von Schmerz. Handwerker (1999) weist deshalb darauf hin, dass die Erregung einzelner Nozizeptoren und sogar die einer ganzen Nozizeptorenpopulation nicht notwendigerweise ein Schmerzempfinden induzieren muss. Nozizeption kann daher sehr wohl ohne Schmerzerleben ablaufen – ein wahrgenommener und tatsächlich empfundener Schmerz setzt dagegen die Vorgänge der Nozizeption voraus und kann nicht ohne sie entstehen (Handwerker, 1999). Nozizeption und Schmerz können nicht als Synonyme verwendet werden – vielmehr handelt es sich um folgenden Zusammenhang: „Unter Nozizeption versteht man die nervösen Prozesse, die dann zu Schmerz führen können, wenn Bewusstsein vorhanden ist.“ (Handwerker, 1999, S. 10) Dabei ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass sich die wahrgenommene Schmerzintensität nicht immer linear zur Erregung der Nozizeptoren verhält. Die Schmerzreize im peripheren Nervensystem werden immer unterschiedlich in ihrer Stärke kodiert. Die komplexe zentralnervöse Informationsverarbeitung stellt das Bindeglied zwischen Nozizeptorerregung und Schmerzempfindung dar und ist beiden Elementen zwischengeschaltet (Handwerker, 1999). Ihr kommt daher eine zentral wichtige Bedeutung zu.

Wie hängen nun die körperlichen Vorgänge, die das Schmerzerleben voraussetzt, mit dem Bewusstseinsphänomen Schmerz zusammen? Das folgende Unterkapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel der physiologischen Prozesse auf dem Weg zum Schmerzerleben und setzt diese in den Kontext wichtiger und vielfältiger psychologischer Einflussfaktoren.

2.3 Physiologische und psychologische Komponenten von Schmerz

Schmerzen können von einer Nozizeptorerregung induziert werden, sofern diese Erregung von einem bewussten Hirn verarbeitet wird (Handwerker, 1999). Die Beziehung zwischen Nozizeptorerregung und Schmerzempfinden gestaltet sich jedoch noch weitaus vielfältiger und komplexer. Werden Nozizeptoren bei zwei Probanden auf die gleiche Art und Weise erregt, wird man trotzdem auf unterschiedlich wahrgenommene Schmerzintensitäten stoßen können. Das liegt an den verschiedenen Möglichkeiten der Kodierung von Schmerzreizen im peripheren Nervensystem. Der Weg von der ursprünglichen Nozizeptorerregung bis hin zum letztlichen Schmerzempfinden ist durch komplexe Prozesse der Informationsverarbeitung im zentralen Nervensystem gekennzeichnet (Handwerker, 1999) – und daher hochgradig subjektiv und individuell.

An dieser Stelle soll auf die einflussreiche „Gate-Control-Theorie“ von Melzack und Wall aus dem Jahre 1965 eingegangen werden. Mit ihr wurde eine „umfassende und integrative Sichtweise des Schmerzes als multikausal verursachtes Phänomen“ präsentiert (Larbig, 1982, S. 20). Auch wenn die Theorie bis heute in wichtigen Teilaspekten widerlegt wurde, schuf sie ein multifaktorielles und efferentes Konzept der Übertragung und Verarbeitung von Schmerzen. Seither sind psychologische Herangehensweisen und Komponenten für ein ganzheitliches Verständnis des Schmerzempfindens nicht mehr wegzudenken und ergänzen eine jede neurophysiologische Untersuchung (Larbig, 1982). Schiefenhövel (1989) betont in diesem Zusammenhang, dass die einzelnen Vorgänge der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung auch bis heute noch nicht vollständig verstanden oder umfassend geklärt sind. Die Entwicklung einer psychophysiologischen Schmerzforschung stellte daher lediglich den Auftakt für weitere Studien und Forschungen in diesen Bereichen dar (Larbig, 1982).

Die Kernaspekte der „Gate-Control-Theorie“ setzen an dem Weiterleitungsmodell von Schmerzreizen an, das im letzten Unterkapitel vorgestellt wurde. Dort, wo die als schädlich wahrgenommenen Reize über die Nozizeptoren auf die ersten afferenten Synapsen im Rückenmark treffen, befindet sich das so verstandene „Tor“ („gate“). Dieses Tor am Hinterhorn kann enger oder weiter gestellt werden, sodass entweder mehr oder eben auch weniger Schmerzimpulse die zum Gehirn aufsteigenden Bahnen erreichen. Gleichzeitig ankommende Schmerzimpulse konkurrieren daher am „Tor“ miteinander, um für die Weiterleitung durchgelassen zu werden (Schiefenhövel, 1989). Bereits an dieser Stelle der Weiterleitungskette kann demnach durchaus selektiert werden, sodass nicht jeder von den Nozizeptoren aufgenommene Impuls bis in die höheren Zentren des Zentralnervensystems vordringt und dort ein Schmerzerleben auslöst. Die am Hinterhorn des Rückenmarks ankommenden Informationen rufen deshalb nicht alle und nicht automatisch eine (Schmerz-)Reaktion hervor. Das ist auch sehr gut so, denn andernfalls befände sich der Mensch in einem Zustand ständiger Erregung mit häufigen Schmerzeindrücken. Damit eine adäquate Reaktion ausgelöst wird, ist deswegen eine gewisse Menge an Informationen und Reizen erforderlich (Paoletti, 2011). Schaffen es die Schmerzimpulse doch, diese erste Hürde zu überwinden, befinden sich im Gehirn allerdings erneut Interventionsinstanzen. Sie können dafür sorgen, dass ein identischer Schmerzreiz ganz unterschiedlich auf das Bewusstsein der jeweiligen Person wirkt (Schiefenhövel, 1989).[6] Die tatsächliche Schmerzhaftigkeit hängt deshalb nicht ausschließlich von den unterschiedlich intensiven Reizen an den sensorischen Nervenendigungen ab, sondern wird durch die weitere und individuelle Kodierung (die eben auch eine Diskriminierung des Reizes bedeuten kann) mitbestimmt (Schiefenhövel, 1989). Der im Hinterhorn des Rückenmarks wirkende „Tor“- bzw. Regelmechanismus kann daher den Zustrom von Nervenimpulsen und deren Weiterleitung mittels des beschriebenen Übertragungsmodus steigern oder vermindern (Paoletti, 2011). Bei der Wahrnehmung von Schmerzen spielen daher viele neuronale und elektrophysiologische Vorgänge eine Rolle, die mit Hilfe der „Gate-Control-Theorie“ gut erklärt und verdeutlicht werden können (Schiefenhövel, 1989).[7]

Zu diesen physiologischen Komponenten des Schmerzes gesellt sich eine weitere nicht zu unterschätzende Dimension: die psychologische Komponente einer jeden Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung. Der Blick auf chronische Schmerzpatienten verdeutlicht diese Dimension. Schmerz kann eben nicht nur ausschließlich als Folge einer Gewebeschädigung auftreten und in seiner Stärke das Ausmaß dieser eingetretenen Gebeschädigung repräsentieren.[8] Welche Erklärungsansätze bleiben der modernen Medizin, wenn körperliche Schmerzen ohne ersichtlichen physiologischen Auslöser oder Grund auftreten? Aufgrund der fehlenden anatomischen und physiologischen Erklärbarkeit des Schmerzes besteht oft die Gefahr, als Patient implizit oder sogar explizit in die diagnostische Restkategorie der Simulation gesteckt zu werden. Die durch die Möglichkeiten moderner Bildgebungsverfahren des Gehirns gewonnenen Erkenntnisse zur zentralen Schmerzverarbeitung werden dabei vernachlässigt (Egle, 2014). Andersartige Erklärungsmuster berücksichtigen dagegen psychologische Komponenten und ebnen den Weg zu andersartigen, aber unter Umständen zutreffenderen Diagnosen wie der einer somatoformen Schmerzstörung, bei der psychosoziale Probleme und emotionale Konflikte als Auslöser im Vordergrund stehen können.

Die Wichtigkeit psychischer Prozesse bei der Schmerzwahrnehmung wird außerdem durch die Placeboforschung verdeutlicht. Jedes Schmerzmittel wirkt durch eine rein pharmakologische und eine ergänzende psychologische Komponente – dem sogenannten Placeboanteil. Das Medikament zeigt eine deutlich geringere Wirksamkeit, wenn dieser psychologische Anteil nicht voll ausgeschöpft wird. Sind dagegen viele Patienten von der schmerzlindernden Wirkung des Medikamentes überzeugt, erfüllt es seine Aufgabe umso besser. Opiate beispielsweise sind deswegen bis zu einem Drittel weniger wirksam, wenn sie verdeckt – also ohne das Wissen des Patienten – verabreicht werden (Klinger, 2014). Bei Kindern lassen sich Schmerzen relativ gut durch Ablenkung lindern. Unter Umständen ist ihr Schmerz dann suggestiv durch „Blasen“ ganz zu beseitigen. Viele unbewusste Beurteilungsprozesse bestimmen daher, ob eine Nozizeption als Schmerz erlebt wird oder nicht. Diese Prozesse beziehen sich auf der einen Seite auf die echten oder vermeintlichen Ursachen und auf der anderen Seite auf die echten oder vermeintlichen Folgen. So ist allgemein das Phänomen bekannt, dass man sich als Erwachsener verletzen kann, ohne es selbst zu bemerken und die Schmerzen erst dann einsetzen, wenn man auf die Verletzung aufmerksam geworden ist (Figge, 1989). Auch hat der Kontext, in dem ein Schmerz entsteht, großen Einfluss darauf, wie stark er letztendlich wahrgenommen wird. Ist man z. B. schlecht gelaunt, nimmt man Schmerzen oftmals als wesentlich stärker wahr. Neben Aufmerksamkeit und Stimmung sind auch die mögliche Kontrollierbarkeit eines Schmerzes oder Ängste wichtige psychische Faktoren für die tatsächliche Schmerzwahrnehmung (Klinger, 2014). Ganz praktisch gesehen hängt auch die Bewältigung einer Verletzung von psychischen Komponenten ab. Die Persönlichkeit eines Sportlers und seine Art und Weise mit der verletzungsbedingten Einschränkung umzugehen, tragen entschieden dazu bei, ob er mit langanhaltenden Schmerzen zu kämpfen hat oder nicht (Roessler, 2004). Die allgemeine Schmerztoleranz unterliegt ebenso verschiedenen äußeren und inneren Einflüssen. Je nach soziokulturellem Milieu, dem Hintergrund einer schmerzverleugnenden oder schmerzäußernden Kultur oder auch den eigenen gemachten Erfahrungen mit Schmerzen der verschiedensten Art, variiert die Schmerztoleranz stark (Schiefenhövel, 1989).

Die rein biologische, somatische Grundlage des Schmerzes ist daher sehr eng mit psychischen und auch sozialen Faktoren verknüpft – beide Bereiche wirken stets zusammen, weshalb man auch von einem biopsychosozialen Schmerzgeschehen spricht (Klinger, 2014). Das körperliche und psychische Geschehen bei der Schmerzentstehung und Schmerzwahrnehmung kann daher nicht voneinander getrennt werden. Durch die zentrale Enkodierung eines jeden Schmerzreizes haben neben Aufmerksamkeitsprozessen auch kognitive und emotionale Vorgänge einen entscheidenden Einfluss auf die Schmerzverarbeitung eines jeden Einzelnen (Klinger, 2014).

2.4 Sensorisches und affektives Schmerzempfinden und seine Erfassung

Das Unterkapitel 2.3 hat dargelegt, dass das Schmerzerleben des Menschen immer mehrdimensional kreiert wird. So existiert im menschlichen Gehirn nicht nur ein einziges Schmerzzentrum, das alleinig für das Erleben von Schmerzen zuständig ist. Vielmehr sind mehrere Hirnsysteme an der Schmerzverarbeitung beteiligt. Zu unterscheiden ist ein laterales und ein mediales System. Ersteres besitzt die laterale somatosensorische Kerngruppe des Thalamus und die somatosensorischen Hirnrindenfelder S I und S II als zentrale Projektionsgebiete. Was die Funktion angeht, dient das laterale System offenbar u. a. der Lokalisation und der genauen sensorischen Differenzierung der Schmerzreize. Das mediale System wird dagegen von medialen retikulären Kerngebieten des Mittelhirns und medialen Thalamuskernen gebildet. Von dort aus projizieren diese Hirnregionen in den Hypothalamus und in die limbischen Kerngebiete. Insbesondere die emotionale Verarbeitung von Schmerzreizen wird an diesen Stellen des Gehirns verortet (Handwerker, 1999). Es ist demnach von unterschiedlichen Hirnarealen zu sprechen, die an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind.

Sie sind nicht zuletzt auch für unterschiedliche Dimensionen von Schmerzempfinden zuständig. Hörmann (1988) präsentiert vier verschiedene Dimensionen des Schmerzerlebens. Die sensorisch-diskriminative Dimension ist für das Registrieren der Eigenheiten von Schmerzimpulsen verantwortlich. Dabei geht es um die räumliche, zeitliche und quantitative Abgrenzung und Charakterisierung des Schmerzes, weshalb hier Intensität, Lokalisation und Richtung des Schmerzes im Vordergrund stehen. Bei der motivierend-affektiven Dimension spielen neben Belohnungs- und Bestrafungstendenzen auch Annäherungs-, Flucht- und Vermeidungsverhalten bei der schmerzlichen Reizeinwirkung eine Rolle. Die dritte Kategorie der kognitiv-evaluativen Dimension beschäftigt sich mit den Bereichen Aufmerksamkeit, Wertvorstellungen, Vorerfahrungen mit Schmerzerlebnissen und Schmerzbewertungen. Die Arbeit konnte bereits aufzeigen, wie wichtig diese psychologischen Komponenten bei der Schmerzwahrnehmung und -bewertung sind. Zuletzt listet Hörmann (1988) eine kommunikative Dimension auf, die Schmerz eine spezifische Bedeutung als Medium der zwischenmenschlichen Interaktion zuweist. Schmerzen erlangen auf diese Weise einen konkreten Stellenwert in sozialen Beziehungsgeflechten. Am wichtigsten für die Untersuchung der vorliegenden Arbeit sind die übergeordneten Begriffe des affektiven und des sensorischen Schmerzempfindens. Sie werden im Folgenden herausgegriffen und genauer betrachtet.

Empfundener Schmerz kann auf unterschiedlichen Ebenen sprachlich erfasst und ausgedrückt werden. Die verbale Beschreibung eines individuellen Schmerzempfindens besitzt nicht zuletzt für die Diagnosestellung einen zentralen Stellenwert. Im Folgenden wird auf die in der Überschrift verwendeten Begriffe des sensorischen und affektiven Schmerzempfindens eingegangen. Es handelt sich um die für die Untersuchung dieser Arbeit wichtige Unterteilung in der Einordnung eines erlebten Schmerzes. Die Beschreibung der Qualität eines Schmerzes erfolgt auf der sensorischen oder affektiven Ebene. Die sensorische Schmerzqualität reduziert sich auf die „eigentliche“ – die körperliche – Wahrnehmung des Schmerzgeschehens. Sportler, die sich auf diese Ebene beziehen, verwenden Wörter wie z. B. „klopfend“, „stechend“, „brennend“, „drückend“, „bohrend“, „dumpf“ oder „ziehend“. Die affektive Schmerzqualität hingegen schildert die emotionale Wahrnehmung des Schmerzes und charakterisiert die subjektive Schmerzbedeutung. Auf dieser Ebene würden Sportler auf Beschreibungen wie z. B. „schrecklich“, „quälend“, „lähmend“, „marternd“ oder auch „furchtbar“ zurückgreifen (Geissner, 1996). Affektives Schmerzempfinden betont daher den Gefühls- oder Leidensaspekt eines Schmerzes, während sich sensorisches Schmerzempfinden auf Reizcharakteristika wie z. B. Rhythmik oder Hitze- und Druckeigenschaften eines Schmergeschehens konzentriert (Geissner, 1996).[9] An dieser Stelle muss deutlich darauf hingewiesen werden, dass es sich beim sensorischen Schmerz keineswegs um den „einzig echten“ Schmerz handelt. Ebenso wenig ist der affektive Schmerz deswegen nur ein rein psychischer oder gar ein gänzlich eingebildeter. Von einem solchen Dualismus zwischen „organischem“ und „psychogenen“ Schmerzerleben kann nicht ausgegangen werden (Geissner, 1996). Vielmehr würde durch ihn die Bedeutung der Unterteilung in affektives und sensorische Schmerzempfinden verfehlt.

Dennoch ist die sensorische Dimension eines jeden Schmerzerlebens klar abzugrenzen und meist eindeutig festgelegt. Wie auch andere Sinneseindrücke lässt sich der Schmerz lokalisieren und in seinem zeitlichen Verlauf beschreiben. Nicht ganz so einfach ist es jedoch mit der affektiven Dimension. So äußert Handwerker (1999), dass ein „richtiger“ Schmerz „wehtun“ muss und somit eine unangenehme affektive Komponente aufweisen sollte. Nun gibt es aber genügend Schmerzeindrücke, die zwar als solche empfunden werden, aber emotional nicht derart negativ besetzt sind. Vielmehr sind sie neutral oder sogar positiv affektiv betont. Insbesondere im Sportbereich lassen sich diese Zustände oft finden, wenn z. B. die Belastung der Muskeln beim Krafttraining im Fitnessstudio Schmerzen auslöst (Handwerker, 1999). Unbestritten ist sicherlich, dass alle schweren und langandauernden Schmerzzustände negativ affektiv belegt sind (Bullinger et al., 1990). „Die Schwelle der negativen affektiven Komponente liegt offenbar höher als die der sensorischen. Somit ist die affektive Komponente vom sensorischen Eindruck abhängig.“ (Handwerker, 1999, S. 71)

Versucht man das Schmerzempfinden bei der myofaszialen Selbstmassage zu erfassen, wie die vorliegende Arbeit dies tun wird, eignet sich die Unterteilung in sensorisches und affektives Schmerzerleben sehr gut. Anfänglich kann die Eigentherapie durch das Rollout noch sehr schmerzhaft sein und dementsprechend negativ affektiv belegt sein. Wie die erste Hypothese dieser Arbeit annimmt, könnte sich dies im Zuge der weiteren Trainingsinterventionen im Sinne der myofaszialen Selbstmassage ändern und eine Art „Wohlweh“ erreicht werden. Auch die vollständige Schmerzunempfindlichkeit während des Rollouts ist nicht auszuschließen. Demnach wird ebenso die sensorische Dimension über-prüft, was passend zur zweiten aufgestellten Hypothese dieser Arbeit ist. Zur Erfassung und Überprüfung der Entwicklungen wird die sogenannte Schmerzempfindungsskala (SES) herangezogen. Sie stellt ein Verfahren zur Erfassung der Schmerzqualität bzw. der Schmerzcharakterisierung dar. Die Skala bietet 24 Items an, die sich in fünf Teilskalen einordnen lassen. Zehn Items dienen der Erfassung des sensorischen Schmerzempfindens und vierzehn Items sind auf die Erfassung der affektiven Komponente des Schmerzes ausgerichtet (Kappis, 2014). Auf die Methodik der durchgeführten Untersuchung und die verwendete Schmerzempfindungsskala wird detailliert im Kapitel 4.3 eingegangen.

Das folgende und letzte Unterkapitel des zweiten Abschnittes dieser Arbeit setzt den Schmerz wieder in direkte Verbindung zum Sport. Dies ist wichtig, da die durchgeführte Untersuchung einen deutlichen Sportbezug aufweist und die Probanden allesamt Sportler sind. Das Kapitel 2.5 wird klären, inwieweit der Schmerz als akzeptiertes Nebenprodukt im Sport verstanden werden kann.

2.5 Schmerz als akzeptiertes Nebenprodukt im Sport

Sport und insbesondere Leistungs- und Hochleistungssport ist untrennbar mit Schmerzen verbunden. Wer sich in der sportlichen Elite behaupten will, muss hart trainieren und dabei nicht nur bis an seine Grenzen gehen, sondern oft auch darüber hinaus. Spintge und Droh (1988) gehen sogar davon aus, dass sportliche Höchstleistungen nur noch unter Schmerzen vollbracht werden können. Der Wille und die Motivation des einzelnen Sportlers lassen ihn trotz Überbelastung und Überanstrengung des Körpers weitermachen. Dabei wird der so wichtige Warnungsmechanismus des Schmerzes ignoriert, vernachlässigt oder eben bewusst in Kauf genommen. Roessler (2004) zitiert in ihrer Studie zum „Sport und Schmerz“ eine junge Sportlerin mit folgendem Satz: „Es soll weh tun, bevor es gut tut.“ (zit. nach Roessler, 2004, S. 145) Der Schmerz wird nicht nur akzeptiert, sondern bewusst im Trainingsprozess gefordert.

Nichtsdestotrotz bedeutet der akute Schmerz auch für den Sportler eine Warnung, dass sich der Körper schädlichen Einwirkungen ausgesetzt sieht. Dieser Mechanismus funktioniert auch dann schon, wenn noch keine direkte Schädigung eingetreten ist (Klinger, 2014). Schmerzen signalisieren demnach, dass eine Belastungsgrenze erreicht wird oder bereits überschritten ist. Das unbemerkte Überschreiten der Schmerzschwelle steht jedoch der Natur wie auch dem Sinn eines jeden Schmerzes an sich entgegen (Droh, 1988). Er wird dann in seiner Funktion als bedeutungsvolles Element bei der Sicherung des menschlichen Lebens ignoriert. Auch wenn die meisten Sportverletzungen als nicht lebensbedrohlich einzustufen sind – die aktive und in Kauf genommene Schädigung des Körpers ist nicht erstrebenswert. Die Schmerzempfindung unterstreicht dies und versucht, einen generellen oder weiteren Schaden des Körpers abzuwenden. Sie tut dies, indem sie den Sportler von einer weiter aufrechterhaltenen Belastung abzubringen versucht und somit die schädlichen Einwirkungen auf den Körper zu beenden.

Sowohl in der Medizin wie auch in der Psychologie werden Schmerzen eher als Zeichen einer Krise empfunden und beschrieben. Dennoch nutzen viele Menschen den Sport, um ihre persönlichen Grenzen auszuloten und provozieren regelrecht körperlichen Schmerz. Sie bringen sich freiwillig in schmerzhafte körperliche Grenzbereiche (Roessler, 2004).[10] Auch wenn Schmerzen grundsätzlich als ein zentrales Instrument der Warnung und als wichtiges Präventionsverfahren des Körpers angesehen werden können, lässt sich durchaus zwischen den vor Verletzungen warnenden Schmerzen und solchen unterscheiden, die ein befriedigendes Gefühl hervorrufen, weil der Körper etwas geleistet hat (Roessler, 2004). Eine daher für den Leistungssportler grundlegend wichtige Eigenschaft ist die Einordnung der von ihm wahrgenommenen Schmerzen. Sind es Schmerzen, die er aushalten kann und will, weil sie die Folge einer hochintensiven Belastung darstellen? Oder gehen die von ihm wahrgenommenen Schmerzen bereits auf eine Verletzung und damit auf eine eingetretene Gewebeschädigung zurück? Die Kenntnis des eigenen Körpers und die exakte Eigenwahrnehmung sind für den Leistungssportler essentielle Rahmenbedingungen auf dem Weg zum Erfolg. Eine weitere Sportlerin in der Studie von Roessler (2004) meint dazu, dass der Schmerz im Sport eine andere Bedeutung bekommt. In einigen Fällen wird er als etwas Positives und Gutes betrachtet, weil sich in ihm der eigene Trainingsfortschritt widerspiegelt. Schmerzen, die dieser Kategorie nicht zugeordnet werden können und von denen die Sportlerin nicht weiß, woher sie kommen oder wieso sie auftreten, lösen dagegen statt Wohlbefinden eher Angst und Sorge aus. Diese Schmerzen werden außerdem als insgesamt schmerzhafter wahrgenommen (Roessler, 2004). So kann von einer Zweiteilung ausgegangen werden, wenn Schmerzen im Sport thematisiert werden. Auf der einen Seite existiert der „schlechte“ Schmerz, der als wirklich unbehaglich wahrgenommen wird und der möglichst verschwinden soll. Es handelt sich bei ihm um den Verletzungsschmerz, der in den meisten Fällen auch mit entsprechenden Einschränkungen verbunden ist. Der „gute“ Schmerz dagegen ist derjenige, der mit hartem Training oder dem Wettkampf selbst verknüpft ist (Roessler, 2004). Er steht damit in direktem Zusammenhang mit dem Sporttreiben selbst, dem Training und der Bewegung des Körpers, was – trotz eines möglichen Schmerzes – in der Gesamtheit als Mittel zur Verbesserung der Leistung eines Sportlers anzusehen ist. Schmerz ist daher sehr eng mit dem Leistungssport verbunden und wird für die Athleten nicht selten als akzeptierter Teil eines jeden Trainings und Wettkampfs begriffen (Roessler, 2004).

[...]


[1] Als myofasziale Strukturen wird das bindegewebige Netzwerk von Muskelfaszien bezeichnet, das eng mit dem jeweiligen Muskelgewebe verbunden ist (Myers, 2010). Was im Detail unter myofaszialen Strukturen zu verstehen ist, klärt Kapitel 3 dieser Arbeit.

[2] Die Arbeit wird an mehreren Stellen betonen, wie eng und untrennbar fasziale Strukturen mit dem Muskelgewebe verbunden sind. Da sie als funktionelle Einheit begriffen werden müssen, wirken sich Verletzungen der Faszien auch immer auf die lokale Muskulatur und andersherum aus.

[3] Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf den körperlichen, auf den Muskelschmerz. Anderweitige Schmerzzustände wie Trauer, Stress oder Angst werden nicht thematisiert. Die psychische Komponente eines jeden Schmerzerlebens wird jedoch im Kapitel 2.3 berücksichtigt werden.

[4] Neuropathische Schmerzen, die auch als neurogene Schmerzen bezeichnet werden, implizieren eine Schädigung des peripheren oder zentralen Nervensystems und unterscheiden sich daher grundlegend von den nozizeptorvermittelten Schmerzen (Handwerker, 1999). Das nächste Unterkapitel wird die Pathophysiologie des Schmerzes genauer vorstellen.

[5] Für seine Erkenntnisse erhielt er 1932 den Nobelpreis für Medizin.

[6] Da hier auch die motorischen Impulse generiert werden und im efferenten Schenkel des Zentralnervensystems zu den Muskeln geleitet werden, reagiert man auf Schmerzreize mit Vermeide-reaktionen (Schiefenhövel, 1989).

[7] Larbig (1982, S. 51 ff.) präsentiert einige weiterführende Informationen und Wirkungszusammenhänge zur „Gate-Control-Theorie“. Die Darlegung detaillierterer Aspekte würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und die Themenstellung zu sehr ausweiten.

[8] Mitte des 17. Jahrhunderts postulierte René Descartes ein Schmerzverständnis, das das Auftauchen von Schmerz mit einer körperlichen Schädigung assoziierte. Bis heute existieren durch seine Annahmen weitreichende Folgen für medizinische Diagnostik und Therapie und insbesondere für die Begutachtung chronischer Schmerzpatienten. Man spricht auch vom sogenannten kartesianischen Schmerzverständnis (Egle, 2014).

[9] Weiterführende Erklärungen und Informationen zu diesen Reizcharakteristika beinhaltet das vierte Kapitel dieser Arbeit, das sich u. a. mit der in der Untersuchung benutzten Schmerzempfindungsskala (SES) auseinandersetzt.

[10] Roessler (2004, S. 13) spricht sogar von der „Neigung zu einer lustvollen Inszenierung des Schmerzes“, die viele Sportlerinnen und Sportler im Training antreibt.

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Trainingsintervention durch myofasziale Selbstmassage. Erfassung und Auswertung des sensorischen und affektiven Schmerzempfindens
Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
1,8
Autor
Jahr
2016
Seiten
116
Katalognummer
V318750
ISBN (eBook)
9783668180802
ISBN (Buch)
9783946458517
Dateigröße
1362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schmerz und Schmerzempfinden, Faszien und fasziales System, Myofasziales Schmerzsyndrom und Triggerpunkte
Arbeit zitieren
Christian Blisse (Autor), 2016, Trainingsintervention durch myofasziale Selbstmassage. Erfassung und Auswertung des sensorischen und affektiven Schmerzempfindens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318750

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