Das chilenische Militär übte während der Transitionsphase, in der sich Chile von einem autoritären Staat in eine zumindest formelle Demokratie wandelte, einen großen Einfluss aus und hat so seine Rolle als wichtiger Akteur im politischen System des Landes zementieren können. Diese Arbeit befasst sich mit der Frage, inwieweit man vor diesem Hintergrund in Chile von 'ziviler Herrschaft' sprechen kann, die elementare Bedingung eines demokratischen Staatswesens ist. Dabei wird sowohl die Verfassungsordnung als auch die Verfassungswirklichkeit untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Militär in der chilenischen Verfassungsordnung
2.1. Die Streitkräfte als ‚Garanten für Ordnung und Sicherheit’
2.2. Personalentscheidungen
2.3. Der Nationale Sicherheitsrat
2.4. Waffenkontrollgesetz und Anti-Terrorismusgesetz und die Kompetenzen der Militärjustiz
2.5. Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit
2.6. Finanzielle und institutionelle Autonomie
2.7. Indirekte Einflussnahme über die politische Rechte
3. Die Verfassungswirklichkeit - Politische Armee oder ziviles Herrschaftsmonopol?
3.1. Das Durchsetzen der militärischen Interessen durch die verfassungsmäßigen Kanäle
3.2. Einschüchterungen über militärische Drohgebärden und die Presse
3.3. Handlungsspielraum bei der Umgehung formeller Kontakte
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht, inwieweit in Chile nach der Militärherrschaft die Bedingungen für eine demokratische zivile Kontrolle über das Militär (civilian supremacy) erfüllt sind. Dabei wird analysiert, wie die chilenische Verfassung von 1980 die Rolle der Streitkräfte institutionalisiert hat und wie sich dieses Erbe in der politischen Praxis auf die Interaktion zwischen ziviler Regierung und Militär auswirkt.
- Die verfassungsrechtliche Stellung der chilenischen Streitkräfte
- Die institutionelle Autonomie des Militärs und Einflussmöglichkeiten auf politische Entscheidungsprozesse
- Die Rolle des Nationalen Sicherheitsrates (CSN)
- Das Zusammenwirken von Militär, Justiz und konservativen politischen Kräften
- Die praktische Durchsetzung militärischer Interessen durch Drohgebärden
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Streitkräfte als ‚Garanten für Ordnung und Sicherheit’
Die oben erwähnte „abgesicherte Rolle des Militärs“ schlägt sich besonders deutlich in Artikel 90 Absatz 2 nieder. Dieser bezeichnet die Streitkräfte als „Garanten der institutionellen Ordnung der Republik…, die wesentlich für die nationale Sicherheit sind“ (zit. nach Quinteros Yanez 1985). Allerdings bleibt offen wann und gegenüber wem „die institutionelle Ordnung“ und „die nationale Sicherheit“ gewährleistet werden müssen, „so dass es letztlich im Ermessen der Streitkräfte steht, ob politische Umstände oder gar andere Staatsorgane gegen die innere Sicherheit oder die institutionelle Ordnung verstoßen.“ (Thiery 2000: 294). Verständlich werden diese Bedenken, wenn man sich vor Augen führt, dass das Militär seine jahrelange Herrschaft noch heute hinreichend damit gerechtfertigt sieht, die Republik modernisiert und vor dem Sozialismus bewahrt zu haben. Andere Autoren sehen zudem in Artikel 41 „die Möglichkeit einer umfassenden Notstandsgesetzgebung“ (Blumenwitz u.a.1987: 82) gewährleistet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der zivil-militärischen Beziehungen in Chile und Definition des Untersuchungsziels.
2. Das Militär in der chilenischen Verfassungsordnung: Analyse der sieben Säulen der formellen Machtstellung des Militärs innerhalb des verfassungsrechtlichen Rahmens.
3. Die Verfassungswirklichkeit - Politische Armee oder ziviles Herrschaftsmonopol?: Untersuchung der praktischen Anwendung verfassungsrechtlicher Kanäle sowie informeller Drohgebärden zur Interessensdurchsetzung.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass Chiles institutionelle Ordnung formell keine zivile Vorherrschaft gewährleistet, jedoch positive Ansätze für eine Entspannung erkennbar sind.
Schlüsselwörter
Chile, Militär, zivile Kontrolle, Verfassung von 1980, Transition, zivil-militärische Beziehungen, Nationale Sicherheit, Pinochet, Demokratie, Autonomie, Politische Rechte, Institutionen, Streitkräfte, Machtmonopol, Menschenrechte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die politische Rolle des Militärs im post-autoritären Chile und untersucht, ob zivile demokratische Institutionen tatsächlich die Vorherrschaft (civilian supremacy) über die Streitkräfte ausüben können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die formelle verfassungsrechtliche Stellung des Militärs, seine institutionelle Autonomie, die Rolle des Nationalen Sicherheitsrates sowie das Spannungsfeld zwischen Regierungshandeln und militärischen Interessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit die Bedingungen für eine demokratisch legitimierte zivile Regierung ohne Einmischung durch das Militär in Chile nach dem Ende der Militärdiktatur erfüllt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf einer Auswertung der verfassungsrechtlichen Bestimmungen sowie der Fachliteratur zur chilenischen Transition und politischen Systementwicklung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die gesetzlich verankerten Privilegien des Militärs (wie den Nationalen Sicherheitsrat, Autonomie bei Personalentscheidungen und Militärjustiz) und prüft anhand von Fallbeispielen die praktische Umsetzung militärischer Interessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentral sind Begriffe wie zivile Kontrolle, Verfassungsordnung, Militärautonomie, Transition, chilenische Politik und die Rolle der politischen Rechten.
Welche Rolle spielt die Unión Democrática Independiente (UDI)?
Die UDI fungiert als enger ideologischer Verbündeter des Militärs, der durch das Abstimmungsverhalten im Senat wichtige demokratische Reformen blockieren kann und eine personelle Brücke zwischen ehemaligem Militärregime und heutiger Politik bildet.
Wie reagierte das Militär in der Praxis auf zivile politische Vorhaben?
Wenn formelle Wege der Einflussnahme nicht ausreichten, griff das Militär zu unverhohlenen Drohgebärden, wie etwa die Versetzung des Heeres in Alarmbereitschaft, um gegen unerwünschte parlamentarische Untersuchungen oder die juristische Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen vorzugehen.
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- Alexander Schwartz (Author), 2004, Chiles "Enklavendemokratie" und die politische Rolle des Militärs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31876