Der Einsatz von Psychodrama in der Supervision. Theoretische Einführung und Verlauf einer psychodramatischen Supervision

Abschlussarbeit zur Zertifizierung "Supervision/Coach"


Studienarbeit, 2013

45 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

1. Psychodrama als Teil einer Triade
1.1 Psychodrama
1.2 Soziometrie
1.3. Gruppenpsychotherapie

2. Supervision als berufsbegleitende Beratung
2.1 Supervision, was ist das?
2.2 Ziele der Supervision
2.3 Supervision und/oder Selbsterfahrung?

3. Supervisionskonzept unter Einsatz des Psychodramas
3.1. Psychodramatische Methoden und Techniken in der Supervision
3.2. Praktisches Beispiel einer supervisorischen Sitzung

4. Verlauf psychodramatischer Supervision
4.1. Aufwärmphase
4.2. Psychodramatisches Spiel
4.3. Psychodramatische Analyse
4.4. Mögliche oder spezielle Strategien für die Team- Supervision

5. Vergleich mit Systemischer Supervision

6. Psychodramatische Supervision: Zusammenfassung

Dank

Literaturverzeichnis

Anhang 1:

Anhang 2:Teamfindung und Teamstärkung

Anhang 3: Praktisches Beispiel einer supervisorischen Sitzung Arbeit zum Thema: „Augenblickliche Stimmung“

Anhang 4: Skizze der psychodramatische Analyse aus der Praxis Arbeit zum Thema: „Teamentwicklung“

Geleitwort

In der vorliegenden Abschlussarbeit möchte ich die Anwendung des Psychodramas nach Jacob Levy Moreno als – für mich - nahezu „perfekte“ Supervisionsmethode charakterisieren und die spezifischen Eigenschaften dieser Methode anhand meiner Erlebnisse und Erkenntnisse in einer Selbsterfahrungsgruppe unter Supervision von Kurt Jürgen Schmidt und Olena Popeljyk darstellen. Ich werde vor allem auf den Aspekt der besonderen Eignung des Psychodramas für die psychische Verarbeitung der Folgen häuslicher Gewalt in einer Selbsterfahrungsgruppe eingehen und zu diesem Zweck praktische Beispiele aus meiner jetzigen Tätigkeit als Supervisorin einbeziehen. Dabei ist es mir wichtig, die Verbindung zwi[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]chen J. L. Mo[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]e[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]os „perfe[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]t[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]m“ Konzept un[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]den Versuc[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]en de[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]pr[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]kti[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]chen Umsetzung mit ihrem Gelingen/Nicht-Gelingen und meinen Erfahrungen darzulegen.

„Perfekt“ ist nicht nur eine Zeit-Form des Verbs, sondern hat mehrere Bedeutungen, z. B. das Adjektiv „perfekt“ als vollkommen (eine Fremdsprache perfekt beherrschen, eine perfekte Schauspielerin sein oder die perfekte Täuschung) und das Adjektiv „perfekt“ als abgeschlossene Sache oder Handlung (z. B. einen Bauplan perfekt abwickeln oder einen perfekten Handyvertrag mit perfektem Tarif abschließen).

Dank unserem Gehirn beherrschen wir eine Sprache, können lesen und schreiben, zählen und rechnen, mit einander kommunizieren. Wir sind in der Lage, ein Instrument zu spielen oder ein Bild zu malen, Häuser zu bauen oder zu singen. Die Aufzählungen nähmen kein Ende, wenn man sich bemühen würde, eine Liste der unendlichen Leistungen unseres Gehirns aufzustellen. Aber ist deshalb ein Gehirn perfekt? Nein – das Perfekte daran ist die biologische Ausstattung des Gehirns. Die genannten Beispiele zeigen, dass alles, was perfekt scheint, gar nicht perfekt sein muss. Nicht für jede Person ist die „Be-Deutung“ von Perfekt und Perfektionismus identisch. Man mag einerseits viel philosophieren und etliche Defin[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]t[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]onen des[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]e[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]fektionismus[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]inden, man[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ann a[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]er[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]uch nur eine einzige Definition als harte Regel in die Welt setzen.

An dieser Stelle möchte ich gerne zur Veranschaulichung ein Beispiel aus meiner Praxis bringen: Ein 21-jähriger Mann befindet sich in einer Gruppe, die 8 Teilnehmer/Innen unterschiedlichen Alters, Berufs und Status beinhaltet. An einer Stelle der Sitzung geht es um die persönliche Einstellung von Akzeptanz (allgemein gehalten). „Ich kann nicht akzeptieren, dass ich demnächst gekündigt werde und meine Lebensgefährtin für uns beide finanziell sorgen muss. Das ist doch meine Schuld, dass ich mich von der jetzigen guten Arbeit trennen muss. Ich habe meinen Chef enttäuscht, ich war nicht so perfekt wie die anderen Kollegen.“

Die Kollegen waren (seiner Ansicht nach) „perfekt“, aber es stellt sich die Frage: „Waren sie alle gleich perfekt?“

Dieses Beispiel zeigt, dass „perfekt“ zumindest unter sozialem Bezug letztlich ein relativer Begriff ist, und dass perfekt zu sein, nur eine persönliche Einstellung ist. Im Grunde genommen wissen wir, dass wir nicht perfekt sein können; wir wissen, dass wir nicht alles wissen und somit Lernende bis zum Ende unseres Lebens sind. Wenn wir uns dies klar machen und positive Signale der Zufriedenheit sehen und senden, dann ist kein Platz für Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

In meinem beruflichen Umfeld begegnen mir Menschen unterschiedlichen Alters, Status und unterschiedlicher Nationalitäten. Auch ihre Lebensgeschichten sind ganz individuell unterschiedlich. Das einzige, was diese Menschen verbindet, ist die Tatsache, dass sie Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Ihr Schritt, die Gewaltspirale zu durchbrechen, kann eindeutig der Wendepunkt ihrer Lebensgeschichte sein. Dabei werden die Themen und Geschichten nicht weniger präsent, nein, sie werden sogar an die Oberfläche geholt. Nicht selten stellt sich heraus, dass tief sitzende Probleme ihr ganzes Leben durchziehen und unerwünschte Folgen wie Krankheiten, Beziehungsstörungen, Vertrauensverlust, Zerstörung von Sel[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]s[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]wertgefüh[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]nd andere „St[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]rungen“ mom[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ntane „bl[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]nde[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Begleiter sind. Verdrängte, traumatisierend erlebte Probleme werden bewusst und besondere Situationen bedürfen einer speziellen Aufarbeitung bzw. einer Therapie, denn, nicht alles kann „die Zeit heilen“.

Praktisches Beispiel: ….7 Jahre Ehe… vor 3 Jahren eine schwere chronische Erkrankung… vor 2 Jahren unerträgliche emotionale Fallhöhen - ihre Tochter und ihr Enkelkind sind tot …Sie hatte die Hoffnung auf eine glückliche Ehe und gab ihrem Ehemann eine zweite Chance. Doch dabei wurde nicht nur ihr Vertrauen missbraucht, sondern ihr auch ihre Würde genommen.

Er war gemein, ungerecht und böse, hat sie beschimpft und gedemütigt. Sie hatte nicht das Recht, Entscheidungen zu fällen; ihre persönlichen Rechte wurden auf Null herunter geschraubt.

Am Ende ihrer Kräften angekommen, war sie Gott sei Dank in der Lage, eine Entscheidung zu treffen: sie packte nur das Notwendigste in einen kleinen Koffer und verließ die Wohnung. Auf dem Bahnhof stehend, überflutete sie die Angst vor der ungewissen Zukunft. Sie spielte mit dem Gedanken, das Leben zu beenden, und war kurz davor, sich vor einen Zug zu werfen. Tot sein ist einfacher, als das Leben zu leben und weiter zu kämpfen. Sie hat sich jedoch entschieden, ihr altes Leben zu begraben, aber nicht sich selbst. Sie fasste den Entschluss, ein neues Leben zu beginnen - ein selbstbestimmtes, souveränes Leben, nach ihren Vorstellungen und Wünschen.

Gemäß meiner Verantwortung als Beraterin vermittle ich die Opfer häuslicher Gewalt an Psychotherapeuten oder andere entsprechende Institutionen. Mit dem Handwerkszeug des Psychodramas habe ich auch die Möglichkeit, diesen Menschen in einer akuten Situation auf besondere Weise weiter zu helfen. Wie im oben genannten Beispiel wurden mit Hilfe der Psychodramatechniken für diese Frau neue Sichtweisen eröffnet und perspektivische Alternativen für die Zukunft entwickelt. „…Es ist mir gelungen, zur Ruhe zu kommen und neue Kräfte zu sammeln. Ich bin glücklich, sagen zu können, dass ich im Januar 2013 eine eigene kleine Wohnung beziehen kann. Ich freue mich auf diesen Neustart und weiß, dass ich das ohne d[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]e berateris[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]h[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Hilfe des Fr[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]uenhauses C[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]lle n[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]cht ges[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]hafft hätte…“

Mit dem Psychodrama können auch neue Verhaltensweisen und Schlüsselqualifikationen, also etwa Kreativität, Methodenkompetenzen wie selbstständiges Planen, Durchführen und Kontrollieren, Kooperations- und Kommunikationsvermögen (vgl. Wörterbuch Soziale Arbeit, 1996, S. 107) spielerisch geprobt und durch Wiederholen gefestigt werden.

„…Im Spiel werden Körpersprache und nichtverbale Kommunikationsweisen sichtbar, und es kann in größtem Maßstab von ihnen Gebrauch gemacht werden: Bewegung, Gebärde, Gestik, Gesichtsausdruck, Pausen und Körperhaltungen besagen oft mehr über die tieferen Gefühlsregungen des Protagonisten als seine Worte. Widerstreitende Gefühle werden daran erkannt, ob verbale und nichtverbale Kommunikation voneinander abweichen oder übereinstimmen. (Yablonsky, L., 1998, S. 124). Hier stellt das Psychodrama eine sehr effiziente Methode bei der praktischen Anwendung und Durchführung innerhalb meiner beruflichen und supervisorischen Arbeit dar, weil

„1. Mittel der verschiedenen Techniken des Psychodramas innere und äußere Sachverhalte sinnlich konkret dargestellt und verdeutlicht werden [können,]
2. große und kleinere Alltagsprobleme betrachtet auf spielerische Art verschiedene Lösungswege ausprobiert werden [können,]
3. Ursachen und Gründe für Konflikte herausgearbeitet und grundlegende Muster erkannt werden [können]“ (Brenner, I. u. a., 1996, S. 11f).

Mit dem Repertoire des Psychodramas habe ich selber das (für mich) perfekte Handwerkszeug zur Verfügung, diesen Menschen in einer akuten Situation auf möglichst erfolgreiche Weise weiter zu helfen.

„Perfekt“ ist für mich auch ein Annäherungszustand. Und wenn ich durch die Methode das Psychodrama und seine Veränderung(en) in der momentanen schwierigen Situation eines Menschen und somit auch die Annäherung an eine ursprüngliche, noch gesunde Situation erreiche - dann kann ich meine Arbeit als professionelle Ausführung und Realisierung des Supervisionsprozesses bezeichnen.

Meine eigene Metapher für „perfekt“ könnte folgendermaßen aussehen: Perfekt bedeutet eine übersichtliche Einbahnstraße, in der man nach jedem gefahrenen Meter immer eine Parklücke zur Verfügung hat. Am Anfang ist diese Einbahnstraße mit einem Verkehrsschild versehen, auf dem steht „Hier kommen Sie zu Ihrem Ziel“. Entlang dieser Straße findet jeder Fahrer unzählige Markierungen: Mut, Tapferkeit, Spontaneität, Schöpfergeist, Kreativität, Begegnung mit eigenen Ängsten und Sorgen etc. Die Straße endet mit einem Halbkreis, der folgende Hinweise aufzeigt: Ziel erreicht – Pause; Ziel erreicht - neues Ziel setzen; Ziel erreicht - neues Leben beginnen.

Mein Resümee über „perfekte“ Veränderung (nicht nur) mit Hilfe von Beratung, Psychodrama, Supervision: Umgestaltung und Erneuerung der eigenen unzufrieden stellenden Lebenssituation gezielt angehen, aber (zugleich) spontan handeln. Nicht nur ein veränderter, zufrieden stellender Zustand, sondern auch der unterschiedlich lange Weg dahin, die Entscheidung den Weg gehen zu wollen, aber auch Impulse und Ideen diesen Weges zu gehen sowie die ursprünglichen Gedanken vor diesen (neuen) Gedanken und Ideen – all dies gibt uns neue Fülle im eigenem Wachstum.

1. Psychodrama als Teil einer Triade

Der Psychiater Jakob Levy Moreno (1889-1974) entwickelte die triadischen Aktionsmethoden Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie. Mittlerweile werden diese sozial- und tiefenpsychologisch fundierten Methoden weltumfassend in Psychotherapie, Sozialpädagogik und Organisationsentwicklung verwendet. Die triadischen Aktionsmethoden beinhalten zwei Komponenten: das spirituelle Menschenbild und das interaktionistische Rollenkonzept. Der Mensch ist erfüllt von einem "Willen zum höchsten Wert" und von einem Prinzip des "Alles Einschließens" (Moreno, 1959; zitiert nach Hutter & Schwehm, 2009, S. 378), und seine Entwicklung im sozialen Milieu geschieht durch Interaktionen sowie durch Selbsterfahru[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]g mit allen d[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]rchlebten Höh[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]n und Tiefe[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Der Men[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ch[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ebt durch seine Beziehungen und Interaktionen mit Hilfe der Gestaltung von Spontanität und Kreativität sowie durch seine anregende Fantasie. Im Fokus befindet sich definitiv nicht nur das isolierte Individuum, sondern das Individuum in Verbindung mit seinem sozialen Netzwerk.

Im Mittelpunkt der Methode stehen die eng miteinander verbundenen Begriffe Spontaneität und Kreativität. Spontaneität ist laut Moreno die "adäquate Reaktion auf neue Bedingungen oder eine neue Reaktion auf alte Bedingungen " (Leutz, 1974, S. 56). Er betrachtet dabei Spontanität als die wahrscheinlich älteste, universell vorhandene, jedoch am schwächsten entwickelte Kraft eines Menschen. Oft ist sie durch Sozialisations- und Enkulturationsprozesse gehemmt und beeinträchtigt. Ein großer Teil der menschlichen Psycho- und Soziopathologie kann nach Moreno einer ungenügenden Entwicklung resp. einer Hemmung der Spontaneität zugeschrieben werden. Eng verbunden mit der Spontaneität ist die Kreativität, die aktives und schöpferisches Handeln erst möglich machen.

In der triadischen Aktionsmethode geht es letztlich immer darum, blockierte Kräfte zu befreien und Menschen bei ihrem schöpferischen Tun zu unterstützen. Damit wird der Mensch zum verantwortlichen Handeln für sich selbst, die menschliche Gemeinschaft und die Umwelt hingeführt. Die Befreiung der Spontaneität und Kreativität geht mit einer integrierenden Katharsis einher, die Moreno wie folgt konzipiert: “Mentale Katharsis wird hier als ein Prozess definiert, der jede Art des Lernens begleitet, nicht nur Konfliktlösung, sondern auch Selbstverwirklichung, nicht nur Spannungsabfuhr und Entlastung, sondern auch Gleichgewicht und Frieden. Sie ist keine Katharsis des Abreagierens, sondern eine Katharsis der Integration“ (Moreno 1953, S. 546; zitiert nach Gunkel, 2008, S. 75).

1.1 Psychodrama

Moreno selbst bezeichnet das Psychodrama „als diejenige Methode, welche die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründet“ mit dem Ziel, „die menschliche Spontanität freizusetzen und gleichzeitig in das gesamte Lebensgefüge des Menschen sinnvoll zu integrieren“ (Leutz, 1974, S. 56; zitiert nach Ameln, Gerstmann & Kramer, 2004, S. 210).

Im Kernpunkt der Psychodramakonzeption nach Moreno stehen die drei Grundbegriffe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das psychodramatische Spiel mit unzähligen psychodramatischen Techniken ist sehr variabel, kann als protagonistenzentriertes oder gruppenorientiertes Spiel eingesetzt werden. Psychodramatische Arbeit nach Moreno ist als systematische Verwendung des triadischen Systems (Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie) zu betrachten.

Auf Morenos Satz „Handeln ist heilender als Reden“ (zitiert nach Ameln, Gerstmann & Kramer, 2004, S. 272) basieren auch Schwerpunkte seiner Lehre. Psychodrama ist eine handlungsorientierte Methode der humanistischen Psychologie; kommuniziert wird nicht nur durch Reden, sondern auch durch Bewegung, durch Handeln und durch Begegnung. Das Zusammenwirken dieser Elemente hilft den Menschen, Kommunikation zu verstehen und zu optimieren, sich selbst und die anderen zu verstehen, und zwar sowohl im beruflichen Kontext wie auch in privaten Beziehungen. Mit Hilfe des Psychodramas können inter- und intrapersonelle Konflikte blitzlichtartig erkannt, gut verstanden und gelöst werden. Notwendige Dinge ein zweites Mal unter professioneller Begleitung zu erleben, macht die Methode so effektiv, indem jedes „wahre zweite Mal die Befreiung vom ersten" ist (Moreno, zit. nach Leutz, 1974, S. 19).

Das Psychodrama verfügt entsprechend dem Menschenbild Morenos über eine Persönlichkeitslehre, in denen die Begriffe der „Rolle“ und des „sozialen Atoms“ (siehe Skizze in der Anlage 1) verankert sind. „Im Zusammenhang mit dem Menschenbild Moreno ist immer wieder die Rede davon, dem Psychodrama liege keine Krankheits-, sondern eine Gesundheitstheorie zu Grunde. In der Tat war es Morenos Anliegen, den Menschen nicht durch die pathologisierende Brille zu betrachten, eine Haltung, die er der Psychoanalyse vorwarf. Stattdessen soll der Blick auf die Potenziale für spontanes, kreatives und authentisches Handeln gerichtet werden, mit dem Ziel, diese im Psychodrama zu aktivieren. „Krankheit» ist für Moreno letztlich nur eine Kategorie der sozialen Zuschreibung: "vom Standpunkt des Universums gibt es keine ‘Pathologie’, nur vom Standpunkt der menschlichen Wissenschaften. Gemeint sind Abweichungen von kulturellen Normen und sozialer Gesetzgebung oder seelischer Leere, die vielfach zur Verschlechterung der soziometrischen ‘Status’ der individuellen beitragen" (Moreno, 1959,S. 53). Nichtsdestoweniger formuliert Moreno auch ein Gegenbild zu seinem Gesundheitskonzept“ (Ameln, Gerstmann, Kramer, 2004, S. 207).

1.2 Soziometrie

Die Soziometrie ist Morenos Lehre von den Netzwerken sozialer Beziehungen, den Bahnen, in denen in einer Gruppe Sympathie, Antipathie und Neutralität pulsieren, die er auch als Anziehung, Abstoßung und Gleichgültigkeit bezeichnet. Diese grundlegenden Tendenzen kommen "in allen Formen der Gesellschaft, in Menschen - und Tiergruppen und allen Stadien ihrer Entwicklung" vor. "Positive oder kohäsive, negative oder zerstörende Kräfte treten in allen möglichen Verbindungen auf. […] Von diesen allgemeinen Grundlagen gingen alle Formen der Gesellschaft aus, von der einfachsten bis zur kompliziertesten Struktur" (Buer, 2010, S. 100).

Moreno spricht von Kräften der Anziehung und Abstoßung. Diesen durch die Gruppendynamik bewirkten Prozess bezeichnet Moreno als „Wahl“, die er als "Tatsache erster Ordnung" qualifiziert (Moreno, 1954,1996, S. 447). Jeder Mensch baut für sich sukzessiv ein soziales Gefüge auf und aus und lebt in einem solchen für ihn lebenswichtigen Netzwerk von Beziehungen. Moreno hat die Soziometrie als Lehre der zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelt (vgl. Leutz 1974, S. 4); ihm war es wichtig, die soziale Struktur zwischen den Individuen aufzudecken. Das Ergebnis der jeweiligen Untersuchung ist eine Momentaufnahme, worauf auch in der konkreten Arbeit hinzuweisen ist.

Mit soziometrischen Tests kann erfasst werden, welche Strukturen und Modelle von Beziehungen in einer Gruppe bestehen - sachgemäß zum jeweiligen Zeitpunkt und bezogen auf bestimmte Anhaltspunkte, "um die sich […] Individuen sammeln und um die sich Gruppierungen verschiedener Beständigkeit und Dauer bilden" (Moreno, 1947, S. 170).

Diese können privater oder kollektiver, psychischer oder axiologischer Natur sein, zu biologischen und sozialen Faktoren in Beziehung stehen und durch die Vermischung verschiedenster Rollen bedingt sein (Vgl. Moreno, 1954, 1996, S. 361, 373). So können zum Beispiel Mitglieder einer Gruppe feststellen, mit welchen Mitgliedern sie am liebsten ein Projekt angehen wollen. Auf diese Weise kann erfasst werden, ob und wie sich die Beziehungsstrukturen und Beziehungsdynamiken verändern, wie stark der Zusammenhalt der Gruppe ist. Auch Entwicklungsmöglichkeiten der Gruppe können unter gezielten Kriterien erarbeitet und erkannt werden.

Soziometrische Methoden eignen sich insbesondere für die Gruppe in der Anwärmphase. Sie dienen der Informationsbeschaffung und oder der Förderung der Gruppenkohäsion. Dabei werden Gruppenmitglieder unkompliziert in eine soziometrische Abfrage einbezogen, die vom Supervisor durchgeführt sowie exploriert wird. Diese Inputs von Gruppenmitgliedern liefern entscheidende neue inhaltliche Impulse und lassen (sich) den Prozess fortentwickeln/weiterentwickeln.

Beispiel aus der Praxis

Seit kurzem führe ich eine Supervision in einem Team durch, das sich aus examinierten Altenpfleger(inne)n und Krankenschwestern/-pfleger(inne)n in einem Pflegeheim zusammensetzt. Um eine familiäre und vertrauensvolle Atmosphäre unter dem Dach des Alten- und Pflegeheims zu schaffen, sind von den Teammitgliedern Geduld, respektvoller Umgang mit Bewohner/Innen dieses Heimes und Wertschätzung im Umgang miteinander gefordert.

Die erste supervisorische Sitzung in diesem Team beginnt mit soziometrischen Abfragen. Die Teilnehmer werden aufgefordert, sich in Bogenform zwischen den Aspekten zuzuordnen.

Die bogenförmigen Skalen verschaffen Blickkontakt im Umgang miteinander und zeigen die Kommunikationsbereitschaft. Ausschließlich alle Teilnehmerinnen sind zu der unbekannten Selbstkonfrontation bereit; sie sind neugierig auf die Informationen, die von anderen preisgegeben wird.

Mir wurde deutlich, dass ich mich auf Morenos Methode der „Soziometrie“ verlassen kann und dass psychodramatische Arbeit mit soziometrischen Ansätzen in der Supervision auch für Anfänger optimal ist.

1.3. Gruppenpsychotherapie

Laut Möller, Deister und Laux (2001, S. 507) werden „.in einer Gruppentherapie schwerpunktmäßig Rollenkonflikte und zwischenmenschliche Kontakte und Beziehungsstörungen bearbeitet. Aus Sicht der Patientenversorgung weist Gruppentherapie zeitökonomische Vorteile auf, dem „Gruppen-Setting“ kommt aber insbesondere eine Eigendynamik zu, die therapeutisch genutzt werden kann. Nicht wenige Patienten erleben ein Gruppengefühl als günstig, sie fühlen sich mit ihrer Störung nicht als Einzelfall und Außenseiter, sondern erleben, dass Mitmenschen ähnliche oder gleiche Probleme, Schwächen und Konflikte haben wie sie selbst. So entstehen Gruppendynamische Prozesse, die Therapiegruppe entwickelt unter Anleitung, Moderation und Supervision des Therapeuten ein modellhaftes, kleines Abbild der als problematisch bis unerträglich empfundenen eigenen Rolle in Gesellschaft und Familie“.

In der Gruppenpsychotherapie nach Moreno geht es in vergleichbarer Weise um die Beziehungen zwischen Individuen; er legte großen Wert auf die Gruppe und sagte kurz und bündig: "…wenn Gott wieder auf die Welt käme, würde er nicht als Individuum inkarniert, sondern als Gruppe, als Kollektiv“ (Autobiografie, 1974/1995, S. 60, zitiert nach C. Hutter). Ziel einer Gruppenpsychotherapie ist Integration und Erweiterung des Rollenrepertoires jedes Individuums sowie Förderung der Veränderung durch Spontanität, d. h. durch spontane, freie Interaktion, und Kreativität, vor allem im psychodramatischen Spiel.

Zu bemerken ist noch, dass in der Gruppenpsychotherapie alle Mitglieder der Gruppe und die Gruppe als Ganzes betrachtet werden. Therapeut wie Klient nehmen im Rahmen der therapeutischen Beziehung verschiedenen Positionen ein, wobei die Beziehung zwischen Therapeut und Klient sich aus verschiedenen Rollenkonstellationen heraus gestaltet. Es handelt sich um einen sogenannten wechselseitigen Teleprozess zwischen dem Therapeuten und Klienten. Ob die Telebeziehung sich aktiv oder weniger aktiv ausbildet, hängt von dem Rollencluster und Rollenrepertoire eines Menschen beziehungsweise eines Klienten ab.

2. Supervision als berufsbegleitende Beratung

In meiner Psychodramaausbildung und der praktischen Anwendung, der Psychodrama-Selbsterfahrung, aber auch momentan in der Supervisionsgruppe im Altenheim fragte ich mich immer wieder: “Wo ist eigentlich die Grenze zur Psychotherapie?“. Kritisch war für mich der Gedanke, dass ich es nicht schaffen könnte, eine Grenzziehung zu erkennen. Theoretisches Wissen über die Berührungspunkte sowie Unterscheidungsmöglichkeiten machen es aber deutlich und transparent. Ich zitiere die äußeren Kriterien:

„pädagogisch-therapeutisch ist jede Situation, die dem psychisch eingeengten Menschen hilft, Zugang zu sich selbst und zu anderen zu finden, d. h. deutlicher zu empfinden, präziser wahrzunehmen, tiefer zu fühlen, klarer zu denken und sich bezogen auf den anderen auszudrücken“ (Cohn, R., 1975, zitiert bei Springer, R., 1995, S. 59).

Klassisches Beispiel aus meiner Praxis:

„Meine Freunde sind besser als ich“

„Ich schaffe es nicht zu studieren!“

„Ich hatte schon immer Schwierigkeiten mich durchzusetzen!“

Diese Aussagen zeigen, dass dieser Personenkreis in der Persönlichkeitsentwicklung deutliche Defizite aufweist, die mit einem limitierten Rollenrepertoire zu erklären sind.

Psychodramatische Supervision kennt einen klaren Verlauf der SV-Sitzung; bestimmte Methoden und Techniken prägen sie in besonderer Weise. Durchgängig ist ein leichter „Touch“ psychotherapeutischer oder beraterischer Funktionen spürbar. Die Spannweite der psychodramatischen SV repräsentieren begleitend–beratende, explorative und helfende Aspekte. Anschauliche Intentionen, bildhafte Vermittlung einer praktischen Lebensphilosophie und geduldigen Haltung, spontane und kreative Erprobung einer/der „gleichen neuen“ Situation bewirken entscheidende Verhaltensänderungen und somit letztlich auch Zufriedenheit.

2.1 Supervision, was ist das?

Supervision ist eine Beratungsform und leitet sich vom lateinischen „supervidere“ ab, was so viel wie Überblick bedeutet. Supervision wird häufig aufgefasst als ein Handeln, in dem ein besonders Erfahrener einen weniger Erfahrenen mit der Absicht einer Veränderung zur selbstständigen (Weiter-)Arbeit verhelfen möchte.

„Supervision ist ein soziales System, das über Kommunikation (verbal und nonverbal) seiner Mitglieder entsteht. Sinn ist die Konstituierung eines Beratungszusammenhanges.[…] Dabei muss ein Mitglied das Verhalten einer Supervisorin und ein anderes Mitglied das einer Supervisandin zeigen und beide müssen sich als Supervisorin beziehungsweise Supervisandin anerkennen…“ (Kersting & Neumann-Wirsig, 1992, S. 18)

Psychodramatische Supervision in psychosozialen Arbeitsfeldern bietet eine offene Bühne für grundverschiedene Anliegen im Rahmen der beruflichen Rolle. Das Spektrum reicht von klientenorientierter Fallarbeit, über Beseitigung von Konflikten im Team, Umorientierung im beruflichen Kontext bis hin zu persönlichen Themen, die sich nachhaltig auf die professionelle Arbeit auswirken können.

Menschen, die in pädagogischen, sozialpädagogischen, medizinischen, psycho-therapeutischen und ähnlichen Bereichen arbeiten, stellen in der Regel ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen unter Beweis. Berufe von dieser Art besitzen im Prinzip kontinuierlich förderlichen Charakter und verlangen automatisch berufliche sowie persönliche Kompetenzentwicklung. Dementsprechend wendet sich der Supervisand oder ein Team, das seine Ziele überprüfen und zu entwickeln wünscht, an einen autorisierten und von ihm für kompetent gehaltenen Supervisor. Gelungene interpersonale Beziehung zwischen dem Supervisor und SD bildet die Kernvoraussetzung für den Erfolg des beratenden Handels. Natürlich können Störungen in der Beziehung zwischen dem Supervisor und dem SD hervortreten. Ich konnte leider nicht nachlesen, welche Aspekte die Störungen solcher Beziehung verursachen, möchte aber meine Vermutung äußern: mangelnde Fertigkeiten und Fähigkeiten des Supervisors sowie Priorität der eigenen Interessen.

2.2 Ziele der Supervision

Ziel von Supervision ist die professionelle Unterstützung des beruflichen Handelns und die Bewältigung privater und beruflicher Aufgaben sowie Reflexion des eigenen Handelns. Von daher ist Supervision daraufhin angelegt, zu Lern- und Veränderungsprozessen zu führen. Dabei müssen auf der Reflexions-, Analyse-, und Handlungsebene Besonderheiten des Fachgebietes einbezogen werden, um fachliches Grundwissen in der Praxis umzusetzen.

Vereinbarung und Konkretisierung der Ziele sind wichtig für die Verlaufsorientierung im supervisorischen Prozess. Zum Beispiel:

- Verbesserung der Arbeitsmotivation (Selbstmotivation, Fremdmotivation)
- Sicherung der Qualität im beruflichen Kontext
- Betrachtung persönlicher, interaktiver und systemischer Aspekte
- Persönliche und berufliche Weiterentwicklung

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Der Einsatz von Psychodrama in der Supervision. Theoretische Einführung und Verlauf einer psychodramatischen Supervision
Untertitel
Abschlussarbeit zur Zertifizierung "Supervision/Coach"
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V318897
ISBN (eBook)
9783668189294
ISBN (Buch)
9783668189300
Dateigröße
2080 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einsatz, psychodrama, supervision, theoretische, einführung, verlauf, abschlussarbeit, zertifizierung, supervision/coach
Arbeit zitieren
Natalia Rusyniak (Autor), 2013, Der Einsatz von Psychodrama in der Supervision. Theoretische Einführung und Verlauf einer psychodramatischen Supervision, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318897

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Einsatz von Psychodrama in der Supervision. Theoretische Einführung und Verlauf einer psychodramatischen Supervision



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden