Das US-Ostküstenestablishment und sein Wirken im Schatten des CFR hinsichtlich der Globalisierung – Organisation, Mitglieder, Verflechtungen und Ziele einer Machtelite


Magisterarbeit, 2004

97 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der theoretische Ansatz
2.1. Gaetano Mosca und sein Elitenansatz
2.2. Elitentheorie, ihre Problematik, Forschung und die Kritik an ihr
2.3. Antonio Gramsci und sein theoretischer Ansatz
2.4. Neogramscianischer Ansatzpunkt und die Forschung
2.5. Kritik am Gramscianismus
2.6. Schlußbetrachtungen zu beiden Theorien

3. Die Form einer gesellschaftlichen Erscheinung
3.1. Das US-Establishment – eine Einführung
3.2. CFR – ein Verbindungsglied zwischen Wirtschaft und Politik 33 3.2.1. Historische Vorläufer und ihre geistigen Grundlagen
3.2.2. Mitglieder, Verflechtungen und ihre Tragweite
3.3. Weitere Organisationen der Insider
3.3.1. Bilderberger
3.3.2. Trilaterale Kommission
3.3.3. Und noch ein Ableger: Die Sektion 322
3.4. Leitlinien, ideologische Inhalte und ihre Rolle vor dem Hintergrund der Globalisierung – eine einheitliche Doktrin?
3.5. Der Einfluß auf die US-Außenpolitik
3.5.1. Wirtschaftlich
3.5.2. Politisch

4. Elitentheorie angewendet auf das US-Establishment

5. Ausblick – was nun? 83 6. Literaturliste

1. Einleitung

Die momentane weltweite Entwicklung verleitet zum Nachdenken über Ursachen und Akteure des politischen Geschehens vor dem Hintergrund der viel diskutierten Globalisierung. Augenfällig wird dabei, daß die USA als einzige aktiv verbliebene Supermacht in der Politik das Tempo zu bestimmen weiß. Wer oder was macht diesen Zustand aus? Ein Land wird nicht ohne bestimmte leitend-einflußreiche soziale Kräfte in Verbindung mit anderen politisch-wirtschaftlichen Faktoren zu dem, was es ist. Mit dieser Annahme soll im Rahmen dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, einen möglichen Teilaspekt dieses gesellschaftlichen Spektrums und ihrer Form abzudecken.

Sollten konkrete Gruppen eine besondere Rolle im US-Gesellschaftssystem spielen, dann erweist sich die Annahme bezüglich ihres Einflusses auf die Geschehnisse der US-Politik als berechtigt. Daher bildet ein elitentheoretisches Modell die Grundlage dieser Ausführungen. Ein Klassiker der politischen Wissenschaften von Geatano Mosca mit dem Namen „Die herrschende Klasse“ liefert den einführenden theoretischen Rahmen, der im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit dargestellt wird. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Hegemonieansatz des Antonio Gramsci. Stärken und Schwächen der beiden Denkansätze sollen die „technische“ Zweckmäßigkeit im Bezug auf die Anwendung dieser zur Lösung des dargestellten Problemfeldes verdeutlichen. Daß beide Autoren nicht der gleichen politischen Ausrichtung angehören, macht die Sache um so interessanter.

Im Anschluß folgt der Hauptteil der Ausführungen, der in die Form und Strukturen einer gesellschaftlichen Erscheinung/Formation einführt: der US-Machteliten im Bereich der Ostküste. Was macht sie aus und was sind ihre besonderen Merkmale und Verflechtungen? Und schließlich: Wo befinden sich ihre organisatorischen Schnittstellen? Fragen, die hier den Schwerpunkt bilden und nach klaren Antworten verlangen. Einzeln aufgegliederte Organisationen dieser Kreise unterstreichen ihre Besonderheiten und zeigen ihre gemeinsamen bzw. gegensätzlichen Interessen auf. Den ersten Bezugspunkt bildet der Council on Foreign Relations (CFR), dem folgen der Reihe nach die sogenannten Bilderberger, die Trilaterale Kommission und schließlich die seltsam anmutende Sektion 322. Bei dieser Gelegenheit werde ich nachzuweisen versuchen, wie stark und bedeutsam solche Gremien sein können. Die Darstellung der Involvierung von verschiedenen wichtigen Persönlichkeiten aus diesen Gruppen im sozial-politisch-wirtschaftlichen Gefüge ist von großer Relevanz; nur so läßt sich ein Verflechtungsschema deutlich kennzeichnen.

Um gemeinsame Leitlinien oder das Fehlen solcher feststellen zu können, erscheint anschließend an den oben genannten Unterteil der Arbeit eine Darstellung von ein paar ausgesuchten Handlungsleitlinien und ideologischen Inhalten der aufgezählten Organisationen. Sie spiegeln in gewisser Weise den leitenden Geist dieser Schicht wider. An dieser Stelle wird die gesamte Spannbreite und die Komplexität in der Betrachtung des thematischen Gesamtbaus der aufgeführten Teile des Politischen inklusive ideologischer Unterbauten und ihrer einzelnen Vertreterreihen erkennbar.

Nacheinanderfolgend beleuchtet die Untersuchung den Rahmen für die außenpolitische Durchsetzungskraft der US-Insider im Bereich der wirtschaftlichen und politischen Aspekte des weltweiten Einflusses derselben. Anhand eines konkreten Falls werden die Verflechtungen in der Ölbranche und damit die Wichtigkeit der Macht-Eliten im globalen Gefüge unterstrichen. Hierbei steht die Ölkrise in den 70er Jahren explizit zur Einsicht - mit ihren Unstimmigkeiten und den daran beteiligten Schlüsselpersönlichkeiten dieser Zeit. Hier erkennt man den Stellenwert und die Rolle des amerikanischen Establishment, nicht nur für die internen Belange der USA, sondern auch im globalen Maßstab.

Um die Übereinstimmung und die möglichen Berührungspunkte zwischen den theoretischen Annahmen von Mosca und der dargestellten Establishmentempirie feststellen zu können, soll ein kurzer vergleichender Blick auf die beiden präsentierten Bereiche geworfen werden.

Zuletzt wird ein vorsichtiger Ausblick auf die weitere Entwicklung des Establishment vollzogen und dessen Rolle auf dem internationalen Parkett bewertet.

2. Der theoretische Ansatz

Bevor wir zur Empirie übergehen, werden wir uns in diesem Kapitel dem System wissenschaftlich begründeter Aussagen im Kontext dieser Arbeit zur Beleuchtung der hier vorgestellten Problematik widmen.

Ausgehend von der Elitentheorie, der die Hegemonietheorie gegenüber- gestellt ist, wird man die Kernauseinandersetzung innerhalb des dargestellten Problemfeldes erkennen und die Komplexität der thematisierten Materie zur Geltung bringen.

2.1. Gaetano Mosca und sein Elitenansatz

Gaetano Mosca (1858-1941), der konservative Gelehrte und Politiker des italienischen Parlaments (ab 1909) und spätere Senator (ab 1919), ist nicht nur einer der Begründer politischen Wissenschaften, sondern Gedankenträger der Theorie von der „politischen Klasse“. Auf diesem letzteren Aspekt basiert auch meine Absicht, die Theorie, als einen vergessenen Klassiker innerhalb der politischen Wissenschaft, in Erinnerung zu rufen und sich seiner theoretischen Strukturen für die Lösung meines Problemfeldes zu bedienen. Mosca verfasste im Jahre 1895 das Werk „Elementi di Scienza Politica“, das als 3. überarbeitete Auflage in deutscher Sprache unter dem Titel „Die herrschende Klasse“ im Jahre 1950 erschienen ist.

Der deutsche Titel von Moscas Hauptwerk stellt eine Verengung des Gegenstandes dar. Sein Werk ist ein Plädoyer für die Grundlegung einer neuen Politikwissenschaft. „Moscas Ansicht nach beruhen die Hauptwerke der politischen Theoretiker bis hin zu Rousseau oder Montesquieu auf einer zu geringen Kenntnis des empirischen Materials, das die Geschichtsforschung zur Verfügung stellt. Er hält die Zeit für gekommen, die Ergebnisse der positivistischen Epoche durch Theoriebildung zu ordnen. Dabei ist er sich der Schwierigkeiten beim Herausarbeiten von Gesetzesmäßigkeiten in der Sozialwissenschaft bewußt.“[1]

Moscas Werk gehört zu den Entwürfen, die die Erschaffung einer objektivistisch-werturteilsfreien „Wissenschaft von der Politik“ aufzubauen versuchen. Dadurch versucht der Autor Vorurteile zu überwinden und auch die ideologischen Rechtfertigungen für herrschende Klassen, Politiker und Minoritäten zu beseitigen. Mosca übt scharfe Kritik an rassistischen und darwinistischen Lehren, er beklagt bei diesen den „aggressiven Einfluß“ auf die Sozialwissenschaften. Die Sozialwissenschaft könne sich methodisch, aber nicht inhaltlich an der Naturwissenschaft orientieren.

„Der sogenannte Genius der Rasse hat also nichts Zwangsläufiges und Unausweichliches an sich, wie manche gern glauben möchten. Selbst angenommen, daß die verschiedenen „höheren“ Rassen, die eigene Hochkulturen hervorbringen können, untereinander organisch verschieden sind, so ist es doch nicht die Summe ihrer organischen Verschiedenheiten, welche die Verschiedenheit ihrer Gesellschaftsformen ausschließlich oder auch nur vorwiegend bedingt; vielmehr beruhen diese auf der Verschiedenheit ihrer sozialen Kontakte und auf anderen geschichtlichen Umständen, wie solchen keine Nation und kein sozialer Organismus, geschweige denn irgendeine Rasse ausweichen kann.“[2] Demnach ist das Auf und Ab von Kulturen eine Frage der geschichtlichen und nicht der natürlichen Entwicklung des Menschen. Die Grundlagen für Politik und Geschichte sieht er in einem Kampf der Menschen um den Vorrang sowie in psychischen Dispositionen des jeden Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft.

Für Mosca ergibt sich, „wenn die Wissenschaft der Politik auf der Beobachtung und Interpretationen der Tatsachen des politischen Lebens aufgebaut werden soll, dann müssen wir zu der alten historischen Methode zurückkehren.“[3]

Sein Elitenkonzept basiert - wie er es selbst bemerkt - auf den Ausführungen von Saint-Simon und Ludwig Gumplowicz, „allerdings ohne den Sozialismus Saint-Simon und ohne die Rassenlehre Gumplowicz. Dieses Konzept will den in jeder – also auch in der demokratischen – Gesellschaftsordnung vorhandenen Unterschied zwischen den Regierenden und den Regierten aufzeigen.“[4]

Die Hauptthese seines Werkes stellt Mosca am Anfang des zweiten Kapitels auf:

„In allen Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den vorgeschrittensten und mächtigsten, gibt es zwei Klassen, eine, die herrscht, und eine, die beherrscht wird. Die erste ist immer die weniger zahlreiche, sie versieht alle politischen Funktionen, monopolisiert die Macht und genießt deren Vorteile, während die zweite, zahlreichere Klasse von der ersten befehligt und geleitet wird.“[5]

Demnach gibt es eine Herrschaft der Minorität über die Mehrheit, und zwar in Hinsicht auf alle Gesellschaften, ohne Ausnahme. Der Autor operiert dabei mit Verben wie befehlen und leiten. Diese unterstreichen das Prinzip des Regierens „von oben nach unten“, also ein Machtprinzip in der machiavellistischen Tradition, Macht als ein Instrumentarium der Wenigen über Viele. Die Trennung von Elite und Nichtelite soll dabei die Erhaltung der Macht der herrschenden Kreise absichern.[6] Dabei ist ihm bewußt, daß Machiavelli in der „Politik weniger eine Wissenschaft als eine Kunst, die dem einzelnen die nötige Einsicht vermitteln will, wie man an die Macht kommt und an der Macht bleibt“, sieht.[7]

Des weiteren sagt Mosca zu der Funktionsweise der „herrschenden Klasse“:

„Diese Leitung ist mehr oder weniger gesetzlich, mehr oder weniger willkürlich oder gewaltsam und dient dazu, den Herrschenden den Lebensunterhalt und die Mittel der Staatsführung zu liefern. Im praktischen Leben anerkennen wir alle die Existenz dieser herrschenden Klasse.“[8]

Mosca räumt mit der Fiktion auf, daß es die Herrschaft eines Einzelnen geben kann, eines Monarchen oder Diktators. Autokraten sind auf einen privilegierten Unterstützungsapparat angewiesen. Helfer bei der Verwaltung und Armee spielen dabei eine wichtige Rolle. Daraus resultiert automatisch die Existenz eines Kreises von Personen, der „die politische Klasse“ bzw. „herrschende Klasse“ bildet und sie zugleich sichert. Seine Ausführungen bezieht er auch – und vor allem – auf die repräsentativen Demokratien. „In der Behauptung, die Wahl drücke den Willen der Wähler aus, erkennt der konservative Gelehrte und Politiker bereits eine Unwahrheit; jedes sich darauf berufende System beruht Mosca zufolge auf einer „Lüge“.“[9] Auch in diesem Fall gibt es eine „classe dirigente“ am Werk.

Dieser Fall bildet für ihn keine Ausnahme, hier ist ebenfalls die organisierte Minderheit gegenüber einer unorganisierten Mehrheit durchsetzungsfähiger.

Außer dem Aspekt der Organisiertheit „der herrschenden Klasse“ haben folgende Indikatoren eine entscheidende Rolle: Grundbesitz, Reichtum, Bildung und Prestige.[10]

Der letzte Punkt bedarf besonderer Beachtung. Dabei bieten Le Bons Passagen zum Begriff des Prestige´s bzw. Nimbus´ einen interessanten Einblick in diese doch so mächtige Kraft, die nur wenigen einzelnen vorbehalten bleibt und bei Mosca zu den wichtigsten Elementen gehört, die „die herrschende Klasse“ mit ihrer Ideologie ausmachen.

Le Bon schreibt dazu: „Eine große Macht verleiht den Ideen, die durch Behauptung, Wiederholung und Übertragung verbreitet wurden, zuletzt jene geheimnisvolle Gewalt, die Nimbus heißt. Alles, was in der Welt geherrscht hat, Ideen oder Menschen, hat sich hauptsächlich durch die unwiderstehliche Kraft, die sich Nimbus nennt, durchgesetzt. Wohl erfassen wir alle Bedeutung des Ausdrucks Nimbus (prestige), aber man wendet ihn in so mannigfacher Weise an, daß er nicht ganz leicht zu umschreiben wäre. Der Nimbus verträgt sich mit gewissen Gefühlen wie Bewunderung oder Furcht, er beruht sogar auf ihnen, kann aber sehr wohl ohne sie bestehen. Am meisten Nimbus haben die Toten, also Wesen, die wir nicht fürchten, wie Alexander, Cäsar, Mohammed, Buddha. (...) Der Nimbus ist in Wahrheit eine Art Zauber, den eine Persönlichkeit, ein Werk oder eine Idee auf uns ausübt. Diese Bezauberung lähmt alle unsre kritischen Fähigkeiten und erfüllt unsre Seelen mit Staunen und Ehrfurcht. Die Gefühle, die so hervorgerufen werden, sind unerklärlich wie alle Gefühle, aber wahrscheinlich von der selben Art wie die Suggestion, der ein Hypnotisierter unterliegt. Der Nimbus ist der mächtige Quell aller Herrschaft. (...)

Man kann die verschiedenen Arten des Nimbus auf zwei Grundformen zurückführen: auf den erworbenen und den persönlichen Nimbus. Als erworbenen Nimbus bezeichnet man den durch Namen, Reichtum und Ansehen entstandenen Nimbus. Er kann vom persönlichen Nimbus unabhängig sein. Der persönliche Nimbus ist dagegen etwas Individuelles und kann mit Ansehen, Ruhm und Reichtum zusammen bestehen oder durch sie verstärkt werden, aber auch sehr wohl unabhängig davon vorhanden sein.“[11]

Auf dieser Erscheinung wird auch die „Legitimationsideologie“ durch die Machteliten begründet; sie ist wiederum der Schlüssel zum Herrschen innerhalb des jeweiligen politischen Systems. Sie erleichtert die Durchsetzung eigener Pläne und führt zum Erreichen der Kontrolle über das Machtgefüge im Kreise der sozialen Schichten mit ihren Handlungsmöglichkeiten und Kompetenzen.

Die „herrschende Klasse“ bezieht ihren Machtanspruch auf die jeweilige „Legitimationsideologie“, diese basiert wiederum auf den durch die „in der Gesellschaft allgemein anerkannte Lehren und Glaubenssätze.“[12]

Davon leitet der Theoretiker „die politische Formel“(formula politica)[13] ab, mit ihr beherrsche die „classe dirigente“ das Bewusstsein der Menschen.

„Die formula politica muß Mosca zufolge in ihrem Inhalt als wahr empfunden werden; sie ist rational unbeweisbar, sie wendet sich an die Gefühle, nicht an die Überzeugungskraft.“[14]

Zwei zusätzliche Aspekte spielen für den Autor – in Hinsicht auf die Funktionsweise der Eliten – eine wichtige Rolle:

- Es wird die besondere Kraft der Religion, um politische Formeln abzustützen, betont und
- obwohl „die politische Formel“ die Macht sichert, wird „die herrschende Klasse“ durch Rivalen immer angreifbar bleiben können.

Es ist schließlich auch sein zentrales Anliegen herauszufinden, „wie Menschen Macht über andere bekommen, wie sie ihre Macht ausüben, und wie sie sie wieder verlieren.“[15] Also auch die „Elitenkonkurrenz und –zirkulation“ und „die sozialen Bezugsgruppen der Teileliten“ finden in seinen Untersuchungen ihre Berücksichtigung.[16]

Mosca betrachtet die politische Freiheit als „Überlegenheit der Gesetze und Verordnungen über alle privaten Begierden.“[17] Die Diktatur wird als Krankheit bezeichnet und gleichzeitig abgelehnt. Er erhebt auch „seine mahnende Stimme vor den überhandnehmenden diktatorischen Tendenzen im Mussolini-Regime – als einziger Senator im damaligen Italien mit einer mutigen Rede gegen das erste Gesetz der leggi fascistissimi, die auf die Umwandlung des Montecitorios in einer Parteiversammlung gerichtet waren.“[18]

Als eine besondere Gefahr entlarvt der Autor die Konzentration des Reichtums, die Allmacht eines stehenden Heeres, die Vereinigung von religiöser und weltlicher Gewalt und schließlich die Kontrolle der Gütererzeugung durch die politische Macht.

Mosca hat sich die Erforschung herrschender Klassen, in Hinsicht auf die Politikwissenschaft, ausdrücklich gewünscht. Er setzt große Hoffnungen in „die Verbreitung dieser neuen wissenschaftlichen Ergebnisse“[19], erkennt aber zugleich die damit verbundenen Schwierigkeiten auf dem Weg der Ausbreitung dieser.

„Wenn die Wissenschaft der Politik schließlich siegen wird, so wird sie ihren Erfolg wie jede andere Wissenschaft der Gewissenhaftigkeit ehrlicher Forscher verdanken, denen die Pflicht der Forschung und der Wahrheit höher stand als jede andere Erwägung.“[20]

2.2. Elitentheorie, ihre Problematik , Forschung und die Kritik an ihr

Das Wort Elite bzw. élire (franz.) war im 17. Jahrhundert eine Bezeichnung für „Waren von besonderer Qualität, später wurde es auf „gehobene soziale Gruppen, militärische Einheiten und den Hochadel ausgedehnt“.“[21]

Dabei sind die Kriterien für die Existenz solcher gesellschaftlichen Schichten zu beachten, zu diesen zählen:

- Eng begrenzter Kreis von Personen,
- Besetzung von hervorgehobenen gesellschaftlichen Positionen,
- Ausübung von Entscheidungen hinsichtlich gesellschaftlicher Belange,
- Institutionalisierung der Macht.

„Die Macht-Eliten bestehen aus Menschen, deren Einfluß die gewöhnlichen Einflußmöglichkeiten >>normaler<< Menschen weit übersteigt. Zumeist werden die, die ihnen angehören, äußerlich sichtbare Positionen von Macht und Einfluß besetzen; wir werden sie an den Kommandostellen der großen Hierarchien und Organisationen der modernen Gesellschaft finden.“[22]

Diese Konstellation kann zur Bildung von Elitenkartellen führen, die den informellen Absprachen und informellen Zusammenschlüssen von Eliten zu sozialdefensiven Zwecken dienen.

„Die Elite, so gesehen, ist das Kollektiv der Besten. Ihr gegenüber steht in passiver Mittelmäßigkeit die Masse.“[23]

Die pionierhafte Formulierung der Elitentheorie in einem Land wie Italien, „das relativ disparitätisch entwickelt war und große Schwierigkeiten mit der parlamentarischen Regierungsform hatte“, war kein historischer Zufall.[24]

Der Grund für die Entstehung der Elitentheorie war die Skepsis enttäuschter Liberaler wie Mosca. Diese Theorie wurde zu einem wichtigen Erklärungsschema für rechte politische Gruppen vom altliberalen Honorationenliberalismus bis zu faschistischen Ideologien.[25]

Die Entstehung des Ansatzes am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auf die enormen Umwälzungen von einer monarchistischen zu einer parlamentarisch-demokratischen Ordnung des Herrschens zurückzuführen. Dies war der Versuch, die neuen sozial-politischen Machtverhältnisse zu deuten und ihnen einen konkreten Rahmen zu verleihen.

Vilfredo Pareto stellte 1916 fest, daß bereits zu allen Zeiten und in allen Zweigen menschlicher Tätigkeiten eine Elite der Erfolgreichen sich herausgebildet hatte. Dabei wurden für ihn die Zusammenhänge zwischen Leistung, Reichtum und Macht als Problemfeld erkennbar. Bei Mosca und Pareto ging es nicht nur darum, die Macht „anhand der (verfassungs-) rechtlichen Kompetenzverteilungen, des jeweiligen Institutionengefüges oder der sozioökonomischen Klassenverhältnisse zu analysieren, sondern die Struktur, die Werthaltung und das Handeln führender (individueller und kollektiver) Akteure in Hinblick auf die Stabilität und Leistungsfähigkeit sozialer Systeme ins Zentrum sozialwissenschaftlicher Theorie zu rücken.“[26]

Die beiden Autoren sind mit ihrer Herangehensweise in die Reihen der machiavellistischen Tradition anzusiedeln. Das Prinzip der Macht steht für sie im Zentrum der zu lösenden Elitenproblematik.

Bei C. Wright Mills, der das bekannteste moderne Werk zu dieser Seite der Politik unter dem Namen „The Power Elite“(1956) verfaßte, steht die Macht auch im Mittelpunkt seiner Ausführungen. Daher ist auch dieses Konzept in eine Linie mit Machiavelli, Mosca und Pareto anzugliedern. An dieser Stelle sollte die Forschung weiter anknüpfen. Macht muß hier in allen relevanten Erscheinungsformen wahrgenommen werden. Ihre Zerlegung und nicht nur Beleuchtung sind von einer enormen Bedeutung in diesem Stadium der Forschung. Erst diese Atomisierung wird uns die treibenden Mechanismen dieser Gruppen verständlich machen Treibmechanismen, die sich in verschiedenen Erscheinungs-, Verhaltens- und Konstellationsformen der aktiv handelnden Oberschicht verstecken.

Mills unternahm diesen Versuch im oben genannten Werk. Er betonte die enorme Rolle der Macht-Eliten, „die gekennzeichnet ist durch ihren Zug zur Zentralisierung der Macht, sowie durch das rapide Anwachsen und die explosive Ausdehnung der Machteinheiten in Verwaltung, in Wirtschaft und im Militär. Auf jedem dieser institutionellen Gebiete haben sich die Machtmittel, die denen zur Verfügung stehen, die die Entscheidungen zu treffen haben, vervielfacht. Gleichzeitig ist die Verflechtung der einzelnen Machteinheiten miteinander immer größer und damit unübersichtlicher geworden. Die Eckpunkte des Gebildes, das Mills das Dreieck der Macht nennt – Politik, Wirtschaft und Militär -, sind nirgends mehr klar voneinander zu trennen, sondern greifen ineinander immer mehr über.“[27]

Die Undurchschaubarkeit dieser Kreise wird deutlich, die Netzwerke einzelner Akteure lassen von der Größe und Einflussmöglichkeit der „Macht-Eliten“ ahnen. Außerdem darf die „Wandlungs- und Erneuerungsfähigkeit“, hinsichtlich des Bezuges zur Geschichte und der jeweiligen Nation nicht aus dem Blickfeld verloren werden. Zerfall und Veränderungen eines Staates werden bei den Eliten zur Anpassung an das offizielle System führen, wobei ihre (alten) Normen, Werte und Ziele weiter verfolgt und – nach Möglichkeit – umgesetzt werden. Dies ist vor allem im Hinblick auf unsere westlichen Demokratien mit ihren Veränderungsprozessen wichtig. Es zeigt die Anpassungsfähigkeit und Wandlungsfähigkeit – nach außen – des ganzen Körpers dieser sozialen Schicht. Man sollte davon ausgehen, daß solche Veränderungen diesen Gruppen dienen, gar von diesen gefördert sein können.

„Berücksichtigt man die in der neueren Forschung inzwischen aufgedeckte Vielfalt unterschiedlicher soziopolitischer Systeme und machtstruktureller Entwicklungen, so wird man kaum erwarten können, daß eine generelle Theorie des historischen Elitewandels formuliert werden kann, die zugleich auch die Vielfalt der konkreten Erscheinungen jeweils hinreichend genau zu erklären vermag.“[28]

Ein straff organisierter sozialer Organismus ist im Stande, sich verschiedenen Situationen anzupassen und diese für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Und zu guter Letzt ist er im Stande, diese zu provozieren, um aus diesen Profit in jeglicher Form zu schöpfen. Daraus entsteht ein Problemfeld, das sich in ständiger Bewegung befindet. Es erschwert die Präzisierung einer allgemeinverbindlichen Theorie, die der Elitenerscheinung gerecht werden könnte. Das Objekt der wissenschaftlichen Begierde ist dadurch schwer erfaßbar.

„Der Frage nach den Macht-Eliten liegt die Überzeugung zugrunde, daß Krieg und Frieden, Wohlstand und Depression heute nicht mehr Resultate blinder Schicksalskräfte sind, auch nicht, wie Marx dies glaubte, vorgezeichnete Folgen gesellschaftlicher Situationen, sondern daß sie weitgehend kontrollierbar sind, kontrollierbar durch jene, die an den Hebeln der Macht sind, die über den unerhört komplizierten und dabei entscheidend zentralisierten Machtapparat verfügen. Aus diesem Grunde ist die Frage nach den Personen, die letztlich diese Entscheidungen treffen, eine der wichtigen Fragen, die es heute auf dem politischen Sektor zu fragen gibt.“[29]

Diese Ansichten stoßen jedoch auf wenig Interesse in den sozial-politischen Wissenschaften. Dieser Zustand hat in Deutschland einen speziellen Charakter. „An keiner deutschen Universität konnte sich ein Zentrum der Elitenforschung etablieren, nicht einmal ein Lehrstuhl wurde für diesen Bereich geschaffen. Anzumerken ist überdies, daß die Elitenforschung in der deutschen politologischen und soziologischen scientific community nicht organisiert ist und daß die wissenschaftliche Diskussion ihre Impulse weithin aus dem englischsprachigen Ausland bezieht.“[30]

Es wird nicht selten darauf hingewiesen, daß solche Kreise nicht im Stande wären, die Geschicke der Welt zu beeinflußen und zu steuern.

Des weiteren wird die Existenz der Macht-Eliten im Kontext der internationalen Hochfinanz mit ihren dubiosen Netzwerken vielerorts verleugnet oder pauschal verschwiegen und verdrängt.

Diskussionen bzw. Untersuchungen zu diesem Bereich der Politik haben, wenn überhaupt, einen Randcharakter in den Sozialwissenschaften. Man versucht im Allgemeinen das internationale und nationale Geschehen dem Zufall zuzuschreiben. Wenn wir dieser Annahme folgen, dann ist jegliche Untersuchung der Materie und vor allem die dazugehörige Theoriebildung überflüssig. Im Endergebnis ist das Gebiet der Eliten für Nachwuchsforscher nicht populär genug, um es im organisierten Rahmen zu verfolgen.

Außer Mills sind es Autoren wie Anthony C. Sutton, Ferdinand Lundberg oder Gary Allen, die dieses kaum bekannte Wesen der Oberschicht durchleuchten und dadurch – bewußt oder unbewußt - dem Aufruf Moscas in den siebziger und achtziger Jahren gefolgt sind. Diese konzentrieren sich hauptsächlich auf bestimmte Familien aus dem Kreis des US-Establishments, unter Berücksichtigung ihrer wirtschaftlichen Verflechtungen im Rahmen der Integration zwischen Politik und Hochfinanz.

Im deutschsprachigem Raum ist es E.R. Carmin, der die transnationalen Netzwerke des (internationalen) Establishments, in seinem Werk „Das schwarze Reich“(1994) zur Schau gestellt hatte. Trotz seines Schwerpunktes innerhalb der okkulten Hintergründe mancher politischer Zirkel und ihrer ideologischen Ausrichtung, weist er einen enormen Fundus an Quellenmaterial bezüglich der Elitennetzwerke und ihrer Hintergründe auf. Leider gewinnen solche Anregungen kaum an Popularität, obwohl diese nicht mal untersucht werden, um das Gegenteil zu beweisen.

Im Resultat stellt sich die Frage nach den Ursachen für eine solche Erscheinung. Wobei man kritisch bemerken muß, daß viele der Elitenansätze auf Annahmen ohne endgültige Belege basieren. Dies ist nicht zuletzt ein „Verdienst“ der zu untersuchenden sozialen Gruppe. Die kleine, jedoch finanziell unabhängige Schicht ist im Stande, Nachforschungen gezielt zu unterbinden, oder sich diesen zu entziehen. Diskretion scheint hier ein SUMMUM BONUM zu sein.

Der Hauptteil dieser Arbeit könnte einen symbolischen Beitrag leisten, um anderen Perspektiven einen Horizont zu verschaffen.

Dazu dient schließlich der elitentheoretische Ansatz, man will die vorhandenen Gruppen innerhalb des Politischen komplett erfassen und diese auf ihre Substanz und ihr daraus folgendes Handeln untersuchen. Erst dann werden für uns Motive, Ziele, Möglichkeiten und dadurch die Rolle dieser Kreise ersichtlich und verständlich.

2.3. Antonio Gramsci und sein theoretischer Ansatz

Antonio Gramsci (1891-1937) bildete alle seine Konzepte in der geschichtlichen Ableitung „spezifischer historischer Perioden, von denen er glaubte, daß sie ein erhellendes Licht auf die Gegenwart werfen, oder aber aus seinen persönlichen Erfahrungen des politischen und sozialen Kampfes [entstanden waren]. Diese Erfahrungen schlossen die Fabrikrätebewegung der frühen 20er Jahre (consigli di fabbrica), seine Mitwirkung in der Dritten Internationalen und seine Opposition zum Faschismus mit ein.“[31]

Daraus erkennt man den historischen Kontext seiner Leitgedanken und auf diesen müssen Gramscis Ideen bezogen werden.

Sein Denken war konsequent auf die praktischen Ziele des politischen Handelns ausgerichtet . In seinen Passagen, die im Rahmen seiner Gefängnisschriften entstanden, „bezog er sich immer auf den Marxismus als „Philosophie der Praxis“.“[32]

Jedoch ist dies nicht ein Marxismus, der „aus einer Exegese der „heiligen Texte“ zum Zwecke der Verfeinerung einer zeitlosen Kollektion von Kategorien und Konzepten besteht.“[33]

Bei unserer Untersuchung im Bezug auf international agierende Organisationen ist das Konzept der Hegemonie wertvoll und sein Ansatz in unserem Kontext zu betrachten. Dabei war Gramscis Hauptanliegen, die Untersuchung der politischen Reproduktionsformen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft durchführen zu können.

„Ausgangspunkt seiner Herrschaftsanalyse war, daß sich die bürgerliche, warenförmige Vergesellschaftung ihre eigenen Reproduktionsbedingungen nicht sichern könne. Der „stumme Zwang der Verhältnisse“, der von der Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln ausgehe, reiche nicht aus, um die Lohnabhängigkeit auf Dauer in ihrer abhängigen Stellung zu halten. Aber auch die Anwendung von Gewalt genüge für diesen Zweck nicht, es bedürfe vielmehr zusätzlicher nicht - gewaltförmiger Strategien. Zur Analyse dieser Strategien, die auf einen aktiven Konsens der Beherrschten abzielen, entwickelte Gramsci einige im folgenden beschriebene Begriffe: Hegemonie, organische Intellektuelle, Alltagsverstand und historischer Block.“[34]

Die Hegemonie drückt sich also in der Fähigkeit einer (bestimmten) herrschenden Schicht aus, ihre Dominanz – selbst wenn sie still ist – über die Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Direkte Formen von Gewalt/Repression müssen dabei nicht zur Anwendung gebracht werden. Jedoch im Schlußresultat wird die Vorherrschaft dieser Schicht auf unterschiedlichen Ressourcen beruhen. Zu diesen zählen folgende Bereiche: Politik, Wirtschaft, Kultur und Militär. Die Kombination dieser Faktoren ermöglicht ein flächendeckendes Beherrschungsmonopol. In den Ausführungen von Scherrer (1999) erkennen wir hinsichtlich dieser Prämissen interessante Passagen. „Die Hegemonie einer Klasse setzt laut Gramsci voraus, daß sie erstens die Güterproduktion effektiv organisiert, zweitens fähig ist, Interessen anderer Gruppen zu berücksichtigen, und drittens, daß sie die kulturelle Führung innehat.“ Des weiteren sagt er: „Die hegemoniale Klasse durchläuft idealtypisch drei Phasen, die mit der von ihm vorgenommenen Gliederung der Gesellschaft in eine sozio-ökonomische Basis, eine Zivilgesellschaft und eine politische Gesellschaft übereinstimmen.

In der ökonomisch-korporativen Phase entdecken die Mitglieder einer Klasse ihre Interessenidentität auf der Grundlage ihrer Stellung in der Produktion und beginnen, sich entsprechend zu organisieren. Auf dieser Stufe sind ihre Forderungen borniert und egoistisch auf ihre ökonomischen Interessen fixiert. Erst wenn sie in der Lage sind, Strategien zu entwickeln, um ihre Interessen zu universalisieren – was den Verzicht auf kurzfristige Interessenrealisierung voraussetzt – gelangen sie zur nächsten, der ethisch-politischen Phase. Die letzte, die hegemoniale bzw. staatliche Phase ist erreicht, wenn sie ihrem politischen Programm eine staatliche Form geben können und somit ihre zuvor in der bürgerlichen, sogenannten „zivilen“ Gesellschaft errungene Hegemonie mit staatlichem Zwang „panzern“.[35]

Eine der Schlüsselrollen liegt für Gramsci bei den Intellektuellen. Es handelt sich dabei um die sogenannten „organischen Intellektuellen“[36], die die herrschende Klasse in ihrem Bestreben entwickelt. Sie nehmen nicht nur die Rolle der Produzenten von verschiedenen Ideologien oder Ideen ein, sie dienen auch „als Spezialisten der angewandten Wissenschaften, die Wirtschaft und Staat organisieren. Deren praktische Tätigkeit weise die Tragfähigkeit des hegemonialen Projektes aus (Gramsci Gef 1, H1 § 43; Gef 2, H3 § 119).“[37]

Die „organischen Intellektuellen“ weisen sich in der Funktion des Verständigungsfaktors innerhalb einer Klasse aus. Außerdem präsentieren sie ihren Führungsanspruch gegenüber allen anderen Klassen, es ist die Rolle der Vermittlung eines bestehenden Anspruchs hinsichtlich des Führens. Die erste Funktion beinhaltet die Entstehung/Ausarbeitung von Alltagsverstand der bestimmten Klasse. Gramsci sieht im Alltagsverstand nicht ein „falsches Bewußtsein“ , sondern eine (geltende) Lebensanschauung. Diese resultiert aus einer Mischung lebensphilosophischer und religiöser Strömungen, die aus der Retrospektive der Zeit geschöpft werden. Auf dieser Grundlage entsteht der jeweilige Alltagsverstand, der der praktischen Orientierung dient.

Zum Schluß ergibt sich aus der Korrespondierung zwischen den drei Ebenen innerhalb der Gesellschaft eine Synthese, die auf einer „sozio-ökonomischer Basis, ziviler und politischer Gesellschaft“ basiert, welche Gramsci als den „historischen Block“ bezeichnet.[38]

Erwähnenswert erscheint noch die Tatsache, daß Machiavelli in den Gefängnisschriften Gramscis eine unverkennbare Rolle spielt. Er erkennt die Notwendigkeit „einer Übertragung der politikwissenschaftlichen >>Entdeckungen<< Machiavellis von der historischen auf die theoretische Ebene, wobei zu beachten ist, daß solche Verschiebungen nie in eine Auslöschung des historischen Inhaltes seines Werkes mündet.“[39] Machiavelli bedeutet auch eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Macht. Macht als Mittel der Politik, dieser Bezug ist nicht einer zufälligen Natur entsprungen, er ist vielmehr ein wichtiger Bezugsrahmen für Gramsci gewesen. Den untersuchten herrschaftlichen Strukturen lag dieser Begriff zugrunde. Daher wäre vielleicht die Frage nach der Anatomie der Macht und mit ihr verwandten Erscheinungen eine große Hilfe in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Hegemonie. Dies ist einer der Schwerpunkte, die wir bereits auch bei Mosca erkannt und verdeutlicht haben.

2.4. Neogramscianischer Ansatzpunkt und die Forschung

Der Ansatz, demgemäß Gramsci die bürgerliche Herrschaft nicht auf den Staat stützt, zeigt Möglichkeiten für die Beleuchtung von Machtausübung, bei denen „das Fehlen einer zentralen Zwangsgewalt“ augenfällig ist.

In der heutigen Situation wurde die Verbindung zwischen dem Staat und der bürgerlichen Gesellschaft so miteinander stark verflochten, daß die Trennung der Akteure immer schwieriger erscheint. Im Bereich der internationalen Beziehungen führt das zu einer verkomplizierung der untersuchten Spielräume, vor allem im transnationalem Bereich .

Gramscis Anliegen lag bei dem Aufzeigen bürgerlicher Herrschaft und ihrer Mechanismen in Kreis der westlichen Nationalstaaten.

Die Forschung bezog sich auf das Interesse an Macht-, Zusammenarbeits- und Gewaltverhältnissen in der Gesellschaft.

Dies bietet einen guten Ausgangspunkt für die Interpretation der Wirtschafts-, und Politikinteressen innerhalb der westlichen Hemisphäre mit ihren Treibkräften aus dem Dunst des Großkapitals und nicht des Staates im klassischen Sinne. „Diese neogramscianische Sichtweise stellt das Konstrukt >> Staat-als-Akteur<< somit radikal infrage: Nicht nur, daß die Nationalstaaten ihren Status als einzige relevante Akteure verlieren, sie werden sogar den gesellschaftlichen Akteuren untergeordnet. Darüber hinaus kann Macht nicht mehr auf quantifizierbare Ressourcen reduziert werden, sondern beruht vor allem auf der Fähigkeit, ein Projekt zu formulieren, in dem potentielle in – und ausländische Bündnispartner ihre Interessen in ausreichendem Maße gewahrt sehen.“[40]

Es ist ein Forschungsblick, der sich nicht nur mit „klassischen“ politischen Kräften beschäftigt, sondern vor allem mit sozialen Gruppen, Klassen und transnationalen Konzernen usw. Im Kontext der Globalisierung erkennt man die Verschiebung zwischen den hier aufgezählten sozialen und politischen Kräften. Daraus ergibt sich , daß Hegemonie nicht auf einen führenden Nationalstaat zurückzuführen ist, sondern sich auf die Interessen und Strategien sozialer Kräfte konzentriert. Das transnationale Kapital bildet dabei den Schwerpunkt des Interesses.

Seit den achtziger Jahren entstand auf dieser Basis eine Theoriegattung, die als „neo-gramscianische Internationale Politische Ökonomie“ (IPE) bezeichnet wird, bei Gill wird von „Italian School“ gesprochen. Außerdem spricht man auch von „Open Marxism“ bzw. dem „transnationalen historischen Materialismus“.

Aus den verschiedenen Kontexten entstandene Arbeiten verfolgen zwar vielschichtige Zielschwerpunkte, setzen jedoch auf „ein übergreifendes Forschungsprogramm.“ Zu den theoretischen Grundannahmen gehören folgende Merkmale:

- Ein Verständnis der internationalen Geschichte, besonders hinsichtlich der Herausbildung von internationaler Hegemonie,
- eine Konzeption des Staates – wie schon von uns bereits angedeutet –, die als Schauplatz der gesellschaftlichen Akteure im Bezug auf ihr Wirken dient und gar den Staat ihnen unterordnet („integraler Staat“, oder ein „Staat-Zivilgesellschafts-Komplex“),
- Entwicklungen gesellschaftlicher Natur und hegemoniale Strukturen werden auch im internationalen Kontext verortet, darauf folgt die Überprüfung ,inwieweit „sie Momente eines transnationalen historischen Blocks bilden“,
- Macht-, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse der gesellschaftlichen Reproduktion, einschließlich der „kulturellen und ideologischen Dimensionen des hegemonialen Konsenses“

Zugleich „begreifen sich die Arbeiten des transnationalen historischen Materialismus als eine kritische Theorie, die auch danach fragt, inwiefern den gesellschaftlichen und internationalen Entwicklungsprozessen ein Potential (Widersprüche und Konflikte) eingeschrieben ist, das – getragen von einem Block gegenhegemonialer Kräfte – über die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen hinausdrängt“[41].

Den Ausgangspunkt bilden Arbeiten von Robert Cox. Diese entstanden am Anfang der achtziger Jahre und stellen den Anfang der neogramscianischen IPE dar.

„In seinem kritischen Beitrag zur Debatte über Hegemonie stability-These von Kindleberger präsentierte er dann Gramscis Begriffe als alternative Methode zur analytischen Durchdringung des Außenverhältnisses kapitalistischer Nationen (1983/1993). Die empirische Tragfähigkeit dieses Instrumentariums demonstrierte Cox in einer umfassenden Untersuchung der sozialen Struktur des kapitalistischen Akkumulationsprozesses und der Entstehung internationaler historischer Blöcke seit Beginn des Industriezeitalters (1987).“[42]

So wird „eine bestimmte hegemoniale Konstellation (...) nicht ausschließlich als ein Verhältnis zwischen Staaten begriffen, sondern im Sinne von Gramsci des >>historischen Blocks<< gefasst: Hegemonie ist ein soziales Verhältnis auf der Basis einer geschichtlich spezifischen Konstellation von materiellen Strukturen, politischen und sozialen Kräften sowie herrschenden Normen und Diskursen.“[43]

Autoren wie Timothy J. Sinclair und Stephen Gill rezipieren tendenziell durch „affirmative Aneignung“ der Coxschen Texte. Alle beide deuten eine positive Bezugnahme auf Cox an, wobei es leicht andere Akzentsetzung bei Gills Arbeiten gibt. Politische Eliten und die damit zusammenhängenden polit-ökonomischen Prozesse bilden den Schwerpunkt seiner Untersuchungen. Einen interessanten Ansatz – bezüglich historischer Vorläufer - bildet Kees van der Pijl.[44] Zum untersuchten Stoff gehören die transatlantischen Klassenformationen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit diesem Schritt wurde der Grundstein für den Hauptforschungsbereich der Neogramscianer gelegt. Er reißt die Thematik einzelner Organisationen des Establishments mit ihrer Entstehungsgeschichte an. Zu diesen zählen nicht geringere Organisationen als: Round Table, Bilderberger, TC, P 2 usw. Jedoch wird deren Handeln in folgender Weise durch den Autor ausgelegt:

[...]


[1] Eberle, Friedrich M.: Gaetano Mosca, in: Theo Stammen (Hg.): Hauptwerke der politischen Theorie, Stuttgart 1997, S. 357.

[2] Mosca, Gaetano: Die herrschende Klasse, Bern 1950, S. 34f.

[3] Ebd., S. 45.

[4] Röhrich, Wilfried: Eliten und das Ethos der Demokratie, München 1991, S. 56.

[5] Ebd., S. 53.

[6] Vgl. auch: Beyme, Klaus von: Die politischen Theorien der Gegenwart, Wiesbaden 2000, S. 219.

[7] Mosca, Gaetano: Das Aristokratische und das Demokratische Prinzip, In: Wilfried Röhrich (Hg.): Demokratische Elitenherrschaft. Traditionsbestände eines sozialwissenschaftlichen Problems, Darmstadt 1975, S. 33.

[8] Mosca [wie Anm. 2 ], S. 53.

[9] Röhrich [wie Anm. 4], S. 58.

[10] Vgl.: Mosca [wie Anm. 2], S. 55.

[11] Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Stuttgart 1982 (15-e Auflage), S. 92 f.

[12] Mosca [wie Anm. 2], S. 68.

[13] Vgl. auch: Herzog, Dietrich: Politische Führungsgruppen. Probleme und Ergebnisse der modernen Elitenforschung, Darmstadt 1982, S. 14.

[14] Röhrich [wie Anm. 4], S. 59.

[15] Röhrich [wie Anm. 4], S. 12.

[16] Klingemann, Hans-Dieter/Stöss Richard/Weßels, Bernhard: Politische Klasse und politische Institutionen, In: Hans-Dieter Klingemann/Richard Stöss/Bernhard Weßels (Hg.): Politische Klasse und politische Institutionen. Probleme und Perspektiven der Elitenforschung, Wiesbaden 1991, S. 28.

[17] Mosca [wie Anm. 2], S. 359.

[18] Röhrich [wie Anm. 4], S. 60.

[19] Mosca [wie Anm. 2], S.269.

[20] Ebd.

[21] Beyme [wie Anm. 6], S. 218.

[22] Hoffmann, Kurt (Hg.): Vorwort, In: Ders.:Die Macht-Eliten der Welt, München /Zürich 1965, S. 8.

[23] Ebd., S. 6.

[24] Beyme [wie Anm. 6], S. 218.

[25] Vgl.: Beyme [ wie Anm. 6], S. 218.

[26] Herzog, Dietrich: Politische Elite/ Politische Klasse, In: Dieter Nohlen (Hg.): Lexikon der Politik. Politische Theorien, München 1995, Bd. 1, S. 468.

[27] Hoffmann [wie Anm. 22], S. 6.

[28] Herzog [wie Anm. 13], S. 26.

[29] Hoffmann [wie Anm. 22], S. 6.

[30] Klingemann [wie Anm. 16], S. 10.

[31] Cox, Robert W.: Weltordnung und Hegemonie – Grundlagen der „Internationalen Politischen Ökonomie“, Marburg 1998, S. 69.

[32] Ebd.: S. 70.

[33] Ebd.

[34] Scherrer, Christoph: Globalisierung wider Willen?. Die Durchsetzung liberaler Außenwirtschaftspolitik in den USA, Berlin 1999, S. 17.

[35] Scherrer [wie Anm. 34], S. 18.

[36] Gramsci beschränkt die Existenz der „organischen Intellektuellen“ nicht nur auf die herrschende Klasse, sondern sieht diese innerhalb der beherrschten Klassen ebenfalls existieren.

[37] Scherrer [wie Anm. 34], S. 19.

[38] Ebd.

[39] Frosini, Fabio: Krise, Gewalt und Konsens. Gramsci-Machiavelli-Mussolini, In: Uwe Hirschfeld/Werner Rügemer (Hg.): Utopie und Zivilgesellschaft. Rekonstruktionen, Thesen und Informationen zu Antonio Gramsci, Berlin 1990, S. 59.

[40] Scherrer, Christoph: Critical International Relations. Kritik am neorealistischen Paradigma der internationalen Beziehungen, In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 95, 24. Jg. 1994, Nr. 2, 316-317.

[41] Bieling, Hans-Jürgen/Deppe, Frank/Tidow, Stefan: Soziale Kräfte und hegemoniale Strukturen in der internationalen politischen Ökonomie, In: Robert Cox: Weltordnung und Hegemonie-Grundlagen der „Internationalen Politischen Ökonomie“, Marburg 1998, S. 7-8.

[42] Scherrer [wie Anm. 34], S. 21.

[43] Borg, Erik: Steinbruch Gramsci. Hegemonie im internationalen politischen System, In: iz3w, 2001a, Heft 256, S. 17.

[44] Dieser war zunächst stark durch den strukturdeterministischen Marxismus beeinflusst. Vgl.: Scherrer [wie Anm. 34], S. 21.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Das US-Ostküstenestablishment und sein Wirken im Schatten des CFR hinsichtlich der Globalisierung – Organisation, Mitglieder, Verflechtungen und Ziele einer Machtelite
Hochschule
Universität Kassel  (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften)
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
97
Katalognummer
V31894
ISBN (eBook)
9783638327732
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
US-Ostküstenestablishment, Wirken, Schatten, Globalisierung, Organisation, Mitglieder, Verflechtungen, Ziele, Machtelite
Arbeit zitieren
Adam Winnicki (Autor), 2004, Das US-Ostküstenestablishment und sein Wirken im Schatten des CFR hinsichtlich der Globalisierung – Organisation, Mitglieder, Verflechtungen und Ziele einer Machtelite, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31894

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