Gesellschaftspsychologische Betrachtungen religiöser Einflüsse bei Ibn Khaldūn und Gustave Le Bon


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in die Massenpsychologie.
2.1 Affektivität der Massen.
2.2 Urteilskraft und Überzeugungen.
2.3 Einflussfaktoren auf die Massen.
2.3.1 Die Rasse.
2.3.1.1 Die Überlieferungen.
2.3.1.2 Die Zeit.
2.3.1.3 Vorstellungen von Einrichtungen und Bildung.
2.3.2 Unmittelbare Einflüsse.
2.3.2.1 Metapher und Rhetorik.
2.3.2.2 Die Erfahrung und die Vernunft.
2.3.3 Die Führer.

3 Kultivierung der Völker durch Religiosität.
3.1 Das Verhältnis der Nomaden zur Religiosität.
3.2 Religion als gemeinsamer Nenner.

4 Schlussbetrachtung.

5 Literaturverzeichnis.

1 Einleitung

Schon Kant sagte einst: „Der Staat ist ein Volk, das sich selbst beherrscht.“[1] Diese Aussage im Umkehrschluss zu betrachten, eröffne die Einsicht in die Wirksamkeit des Volkes auf das staatliche Wirken. In der Muqaddima von Ibn Khaldūn heißt es: „Die wahre Bedeutung des Regierenden liegt darin, dass er Untertanen hat, und der Untertan ist der, der einen Regierenden hat. Die Eigenschaft, die ihm hinsichtlich seiner Beziehung zu den Untertanen zukommt, ist das, was man Herrschaft nennt, die Tatsache, dass er über sie herrscht.“[2] Diese wechselseitige Beziehung zwischen dem richtungsweisenden Führer und dem Volk als eine Gesellschaft und eine Masse, ist ein psychologisches und soziologisches Phänomen, welches die Triebkraft der Völker bestimmt und seit Beginn der Menschheit auch somit ihre Tatkraft ermöglichte. Insbesondere in der heutigen Moderne zeigt sich mit der stets zunehmenden Anzahl der Weltbevölkerung die Wirksamkeit und Notwendigkeit der Erkenntnisse über die Massen.

Um einen genaueren Einblick in die Wirksamkeit der Massen zu ermöglichen, möchte ich in der vorliegenden Arbeit auf den Faktor des religiösen Einflusses eingehen, um zu verdeutlichen, inwiefern die religiösen Einflüsse und die damit vermittelten Überzeugungen Antrieb für das Handeln und die Entwicklung der Völker und Massen sind. Für die Betrachtung dieser Umstände möchte ich neben dem islamischen Gesellschaftsgelehrten Ibn Khaldūn, auf die Untersuchungen des Pioniers der modernen Massenpsychologie Gustave Le Bon eingehen. Da die Massenpsychologie die Entwicklungen und Verhaltensmuster der Massen betrachtet, grenzt sie als Forschungsgebiet an die Soziologie und überschneidet sich in vielen Dingen mit ihr, wodurch eine zusammenhängende Analyse begünstigt wird.

Des Weiteren werden in meiner Arbeit auch einige Philosophen einbezogen, die mit ihren Ergebnissen die Erkenntnisse der zuvor genannten Wissenschaftler bereichern können, da wie in der Arbeit noch ersichtlich werden kann, die Masse aus einzelnen Individuen besteht, und somit auch epistemische Vorgänge des Einzelnen die Makroebene zu erklären ermöglichen.

2 Einführung in die Massenpsychologie

Die Massenpsychologie, die auf den Forschungen von Siegmund Freud, Wilhelm Reich und Gustave Le Bon aufbaut, beschäftigt sich mit dem Verhalten der Menschen in einer Masse. Dabei wird genauer untersucht, inwiefern die Masse als Gesamtheit und ihre Gruppendynamik das Individuum in der Masse beeinflussen können. Die verschiedenen Theorien versuchen die Wechselwirkung genauer zu erläutern, wobei alle wissenschaftlichen Ergebnisse die signifikante Intensität der Masse verdeutlichen. Es wird daher angenommen, dass jedes Individuum zur Mentalität der Masse beiträgt, aber das Endresultat einer Massenseele [3] (nach Le Bon) letztendlich als Summe aller Geisteshaltungen zu einer Haltung wird, die sich von dem eines jeden Individuums unterscheidet.

Nach Le Bon ist die Masse keine beliebige Versammlung einer großen Menschenmenge. Sie benötigt auch kein notwendiges physisches Zusammenkommen der einzelnen Menschen, sondern vielmehr geht es um eine verbindende Energie, die durch die gemeinsame Mentalität und Denkrichtung erreicht werden kann. Damit die Masse als psychologisches Phänomen, in dem die Persönlichkeit der einzelnen Mitglieder verschwindet und die Gefühle und Gedanken in eine gemeinsame konkrete Richtung gerichtet werden können, zustande kommen kann, bedarf es der Bildung einer Einheit, die durch gewisse Einwirkungen und Reize, welche auf die Menge angewandt werden, erreicht werden kann, die nun genauer zu erläutern sind.[4]

2.1 Affektivität der Massen

Die Grundannahme der Affektivität der Massen ist die Rückführung aller Reaktionen und Handlungsweisen auf das Unterbewusstsein. Dabei wird die Masse von äußeren Reizen gelenkt, die dann Antrieb zum Handeln werden. Die Kraft, die durch den Zusammenhalt zustande kommt und die Tatsache, dass jedes Individuum sich in der Masse als Glied und nicht mehr als Persönlichkeit erlebt, impliziert auch die Überwindungskraft und die geringen Hemmbarrieren zu Straftaten und Gewalt.[5]

Die unterbewusste Grundlage der Masse muss notwendigerweise aufrechterhalten werden. Dies gelingt dadurch, dass Erwartungen und Gefühle auf die Masse übertragen werden. Dies wiederum gelingt durch Sinnbilder und rhetorische Anregungen, auf die im späteren Verlauf der Arbeit genauer eingegangen wird. Relevant für die Betrachtung der Umstände ist jedoch der Fakt, dass die gegenseitige Bestätigung eines Eindrucks die Dynamik und die Haltung der Masse ausmacht und zu entscheidenden Trugschlüssen führen kann, so dass die gesamte Masse eine offenbar unwahre Tatsache als deutliche Wahrheit bestätigt.[6]

2.2 Urteilskraft und Überzeugungen

Im Folgenden wird im Anschluss an die vorherigen Beschreibungen notwendig zu erläutern sein, inwiefern die Massen rationale Urteilskraft besitzen. Die Haltung der Masse bildet sich aus zwei Zugängen. Der erste Zugang sind die Grundideen, die sich in der Kultur und der sozialen und gesellschaftlichen Umgebung der jeweiligen Massen befinden. Diese bilden das Fundament der unterbewussten Überzeugungen. Der zweite Zugang sind die flüchtigen Ideen, die man im modernen Sinne als Trend oder kurzfristige Entwicklungstendenz bezeichnen kann. Diese üben schwache und auf Augenblicke beschränkte Wirkungen auf die Massen.[7] Um die Masse nun im Rahmen der Tendenzen zu beeinflussen, benötigt man Impulse und Zugänge, die leicht erfassbar sein müssen. Dabei geht es nicht darum, dass der Inhalt rational nachvollziehbar, sondern für die Masse leicht zu verarbeiten sein muss. Die Erklärung dieser Umstände ist die nachlassende Urteilskraft des Individuums in der Masse. Denn in seinem Anschluss an eine Masse bestätigt dieser die Richtigkeit der Urteile der Masse. Wenn also ein Reiz oder ein Einfluss durch geschickte Verknüpfungen bestimmter Sinnbilder auf die Masse trifft und sie die Gemüter im richtigen Maße erregt, dann folgt aus ihr die Bestätigung, die sich dann auf alle Individuen überträgt.[8]

So schrieben auch Horkheimer und Adorno bzgl. der Suggestion der modernen Konsumgesellschaft, dass die Urteilskraft des Menschen den vermittelten Werten unterliegt, die durch nicht rationale, aber für den einfachen Geist sinnlich leicht wahrnehmbare Verknüpfungen übertragen werden.[9]

Wenn die Masse die bisher genannten Zustände erreicht hat, nimmt sie eine Form ein, die Le Bon als die Form von religiösen Gefühlen bezeichnet. Unter religiösen Gefühlen versteht Le Bon „die Anbetung eines vermeintlich höheren Wesens, Furcht vor der Gewalt, die ihm zugeschrieben wird, blinde Unterwerfung unter seine Befehle, Unfähigkeit, seine Glaubenslehren zu untersuchen, die Bestrebung, sie zu verbreiten, die Neigung, alle als Feinde zu betrachten, die sie nicht annehmen.“[10] [11] Entscheidend jedoch ist hierbei der Faktor, dass das kritische Denken und Reflektieren unter diesen Umständen verschwindet. So findet auch die Neigung zum Extremismus eine Erwähnung darin, dass jede Form einer Ideologie, sofern sie Intoleranz und Unverständnis ggü. anderen Denkweisen einnimmt und sich als die einzig zu vertretende Wahrheit ansieht, einen Zugang zum Extremismus begünstigen kann.

Aus den Betrachtungen der als religiösen Gefühle bezeichneten Geisteshaltung der Masse, wird daher als Erkenntnis gewonnen, dass eine Masse mit Zielen und Hoffnungen gelenkt werden muss. Die zuvor erwähnten Regungen und Gefühlslagen der Masse müssen mit einer Aussicht geschmückt werden, die den Menschen eine Art Resultat oder Belohnung für ihre aufgebrachte Energie verspricht.[12]

2.3 Einflussfaktoren auf die Massen

Nachdem die eingeschränkte Urteilskraft der Massen genauer betrachtet wurde, ist nun zu klären, welche Faktoren beim Einfluss auf die Massen eine Rolle spielen. Wie zuvor erwähnt, wirken die kurzfristigen oder unmittelbaren Triebkräfte als Resultat der augenblicklichen Eindrücke der Masse. Die mittelbaren Triebkräfte sind jedoch das Resultat langfristiger Wirkungen, die durch die folgenden Einflussfaktoren zustande gebracht werden.[13]

2.3.1 Die Rasse

Unter der Rasse wird im engeren Sinne die kulturelle Identität verstanden. Diese beinhaltet die Glaubenslehren, die Einrichtungen und die Kunst- und Kulturgeschichte. Die kulturelle Zugehörigkeit gehört zu den stärksten Bestandteilen der Identitätsbildung. Sie beinhaltet den Einfluss der Gesellschaft in ihrer grundlegenden Form und wird somit auch von Anfang an an das Individuum der Gesellschaft übertragen.[14]

Diese Ansicht findet sich auch in der Muqaddima von Ibn Khaldūn wieder, der dieses Phänomen als Gruppensolidarität bezeichnet und es als grundlegende Kraft sieht, um Gesellschaften überhaupt aufbauen und zusammenhalten zu können.[15]

2.3.1.1 Die Überlieferungen

„Die Überlieferungen umfassen die Ideen, Bedürfnisse und Gefühle der Vorzeit. Sie bilden die Einheit der Rasse und lasten mit ihrem ganzen Gewicht auf uns.“[16] Somit können diese als das Erbe verstanden werden, in welchem die Werte der Kultur/Rasse verankert sind und an die kommenden Generationen getragen werden können.

2.3.1.2 Die Zeit

Die Zeit ist der Faktor, der überhaupt ein Wertesystem bilden kann. Das Identitätsgefühl einer Kultur ist die Summe von bestimmten historischen Elementen. Mit dem Vergehen der Zeit werden alte Werte verdrängt und neue Werte aufgenommen.

[...]


[1] Kant, Immanuel: AA XXIII: Handschriftlicher Nachlaß, Buch V. Vorarbeiten zum Öffentlichen Recht, Seite 347, Textkorpus der Universität Duisburg-Essen

[2] Ibn Khaldūn: Die Muqaddima, Übstz. von Alma Giese, C.H.Beck Verlag, München 2011, S. 209

[3] Vgl. Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 1. Buch, Kap. 1: Das psychologische Gesetz von ihrer seelischen Einheit

[4] Ebd. S. 29-32

[5] Vgl. Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 1. Buch, Kap. 2: Gefühle und Sittlichkeit der Massen S. 40-43

[6] Ebd. S. 43-53

[7] Vgl. Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 1. Buch, Kap. 3: Ideen, Urteile und Einbildungskraft der Massen S. 62

[8] Ebd. S. 63-67

[9] Siehe: Horkheimer, Max u. W. Adorno, Theodor: Dialektik der Aufklärung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2015, Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug, S. 152-158

[10] Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 1. Buch, Kap. 4: Die religiösen Formen, die alle Überzeugungen der Masse annehmen S. 73

[11] Es ist anzumerken, dass Gustave Le Bon sehr religionskritisch war. Dies zeigt sich aber nicht anhand einer Abneigung gegen Spiritualität, da er an vielen Stellen zugibt, dass es gewisse „magische“ Kräfte gibt, die auf uns Wirkung ausüben, die nicht rational ergründbar sind. Vielmehr geht seine Abneigung auf die verschiedenen empirischen Forschungen zurück, die ihm den Eindruck hinterließen, dass religiöse Massen mit Unfähigkeit und geringem geistigen Potenzial in Verbindung stehen.

[12] Vgl. Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 1. Buch, Kap. 4: Die religiösen Formen, die alle Überzeugungen der Masse annehmen S. 75

[13] Vgl. Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 2. Buch, Kap. 1: Entfernte Triebkräfte der Glaubenslehren und Meinungen der Massen S. 79

[14] Ebd. S. 80-81

[15] Ibn Khaldūn: Die Muqaddima, Übstz. von Alma Giese, C.H.Beck Verlag, München 2011, S. 209

[16] Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Übstz. von Rudolf Eisler, NIKOL Verlag, Hamburg 2015, 2. Buch, Kap. 1: Entfernte Triebkräfte der Glaubenslehren und Meinungen der Massen S. 81

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftspsychologische Betrachtungen religiöser Einflüsse bei Ibn Khaldūn und Gustave Le Bon
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Zentrum für Islamische Theologie)
Veranstaltung
Islamische Religionssoziologie u. Religionspsychologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V319035
ISBN (eBook)
9783656987253
ISBN (Buch)
9783656987260
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaftspsychologische, betrachtungen, einflüsse
Arbeit zitieren
Ali Seckin (Autor), 2016, Gesellschaftspsychologische Betrachtungen religiöser Einflüsse bei Ibn Khaldūn und Gustave Le Bon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319035

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