Die Menschenwürde. Entwicklung einer philosophischen Idee von der Antike bis zur Gegenwart


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

A. Einführung

B. Entwicklung
Frühantike:
Stoa und Cicero:
Spätantike und Mittelalter
Spätantike
Frühmittelalter
Spätmittelalter
Humanismus und Renaissance
Zeitalter der Aufklärung
Immanuel Kant und die Würde
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Aktuelle Entwicklungen

C. Fazit

Literaturverzeichnis

A. Einführung

Der Staat und wir alle sind aufgefordert, nein verpflichtet, die Würde und die Rechte eines jeden einzelnen Menschen zu schützen und zu respektieren. Dabei darf es keinen Unterschied machen woher dieser Mensch kommt, was sein Geschlecht ist, wie alt er ist, seine Religion, seine Sprache, seine soziale Stellung, seine sexuelle Orientierung, seine Staatsbürgerschaft und seine politischen oder sonstigen Anschauungen.

Menschenwürde ist keine besondere Eigenschaft die jemand besitzt. Es steht uns allen zu, alleine dadurch, dass wir Menschen sind. Denn jeder Mensch ist gleich und jeder von uns hat Rechte die uns niemand wegnehmen kann und darf.

Die Würde zu achten und zu schützen ist heute der Grundsatz und die Hauptparole einiger Rechtssysteme von vielen Kulturen. Wenn man aber nun die Geschichte des Menschenwürdebegriffs von seinem ersten Vorkommen an verfolgt, ist ersichtlich, dass er ursprünglich aus der Philosophie stammt.[1] Es handelt sich also vorrangig um einen philosophischen Begriff.

Obwohl viele den Menschenwürdebegriff heute für selbstverständlich halten und ihn häufig gebrauchen, ist der Begriff doch nicht klar und eindeutig definiert. Seit Jahrhunderten wurden immer wieder neue Interpretationen entwickelt. Der Begriff der Menschenwürde ist nämlich mit zweieinhalbtausend Jahren Philosophiegeschichte belastet.[2]

In der Geschichte des abendländischen Denkens wurden verschiedene Vorstellungen davon entwickelt - griechisch-römische, christlich-metaphysische, humanistisch-aufklärerische und vernunftsphilosophische. Die Interpretationsvielfalt des Würdebegriffs ist daher vielfältig.

Im Folgenden wird die Entwicklung der Menschenwürde in der Geschichte dargestellt. Es wird versucht einen Überblick zu schaffen ab der Antike bis hin zu aktuellen europäischen und internationalen Abkommen.

Des Weiteren werde ich auf die gesetzlichen und verfassungsrechtlichen Vorkommnisse der Menschenwürde eingehen.

B. Entwicklung

Die Idee der Menschenwürde ist ein jahrhundertelanger Prozess. Der Begriff der Menschenwürde war nämlich schon Gegenstand der antiken Philosophie.

Hier wurde die Würde in zwei verschiedene Aspekte aufgeteilt. Einerseits ging es um die soziale Stellung des Menschen in der Gesellschaft, wie sich der Mensch verhält, agiert und sich gibt, andererseits ging es um das Recht auf Würde aufgrund seiner gottgegebenen Eigenschaft ein Mensch zu sein. Beide Bedeutungen der Würde wurden in der abendländischen Geschichte fast ausschließlich miteinander verbunden. „Der Mensch solle sich in seinem Leben seiner angeborenen Würde als Wesensmerkmal durch sein Denken und Tun als Gestaltungsauftrag würdig erweisen.“[3]

Frühantike:

Den Griechen und Römern war es gänzlich unbekannt, dass jeder Mensch ein unverlierbares Recht auf Menschenwürde hat. In Schriften sucht man nach diesem Recht vergeblich. Sie bestritten, dass alle Menschen die gleiche Würde haben. Wenn dann kam gewissen Menschen dieses Recht zu, aber auf keinen Fall stand sie allen zu. Mit der damaligen Sklaverei war die Etablierung dieses Rechtes einfach nicht möglich. Dies ging soweit, dass für sie die Sklaverei sogar philosophisch begründbar war.[4]

Nach Auffassung der alten Athenern und Römern wird die Würde sodann in zwei unterschiedlichen Ansichten gebraucht. Einerseits ist Würde das Ergebnis individueller Leistungen, sozialer Anerkennung und gesellschaftlicher Stellung und andererseits definierte sich Würde im Verhalten, in Mimik und Gestik, Körperpflege, Bekleidung und auch Intelligenz in Form von Sprechen und sozialer Kompetenz. (Dignitas et excellentia) [5]

Aber die Würde hing nicht nur alleine von der inneren Selbstbeherrschung und der äußeren Selbstdarstellung ab, sondern ebenfalls von der gesellschaftlichen Wertschätzung. Personen mit adeligem Stand oder besonderem sozialen Rang, wurde alleine dadruch Würde zugesprochen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Erwerb der Würde in dieser Epoche also durch soziale Anerkennung oder aufgrund des gesellschaftlichen Status erfolgte. Ein universales und allgemein anerkanntes Würdeverständnis hat es in der Griechisch-Römischen Antike nicht gegeben.

Stoa und Cicero:

Als Stoa wird eine der mächtigsten und wirksamsten philosophischen Lehren der abendländischen Geschichte bezeichnet. Die stoische Philosophie hat während der Jahrhunderte ihrer Überlieferung und Weiterentwicklung mancherlei Wandlung durchlebt und Generationen geprägt. Auch der Begriff der Menschenwürde wurde in dieser griechischen Philosophenschule benutzt. Sie entwickelten erstmals ein universelles Verständnis dafür.[6]

„Sie betrachten das Universum als einen göttlichen Ordnungszusammenhalt, welcher von einer alles durchdringenden Vernunft beherrscht und gelenkt werde. Und weil alle Menschen ihrer Ansicht nach an dieser Vernunft unabhängig von ihrer sozialen Stellung teilhaben kommt allen eine Würde zu.“[7]

Der Politiker Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.) ist nachweislich der Erste, der von einer allgemeinen Menschenwürde spricht. In seiner Schrift „De Officiis - Vom Rechten Handeln“ tritt die Würde erstmals als Gestaltungsauftrag und Wesensmerkmal hervor.[8]

"Aber es geht die gesamte Frage nach dem rechten Handeln an, immer vor Augen zu haben, wie sehr die Natur des Menschen über dem Vieh und den übrigen Tieren steht. Jene empfinden nichts außer der Lust und stürzen zu ihr mit aller Leidenschaft, der Geist des Menschen aber nährt sich durch Lernen und Denken, erforscht oder treibt immer irgend etwas und läßt sich durch Freude am Sehen und Hören leiten. [...] Daran erkennt man, daß körperliche Lust nicht recht des Vorranges des Menschen würdig ist und daß man sie geringschätzen und zurückweisen muß. Wenn es aber einen gibt, der etwas der Lust einräumt, so muß er in ihrem Genuß sorgsam Maß halten. [...] Und wenn wir bedenken wollen, welche Auszeichnung und welche Würde in unserer Natur liegt, wer wir auch einsehen, wie häßlich es ist, in Ausschweifungen sich gehen zu lassen und üppig und weichlich zu leben, und wie ehrenvoll, sparsam, enthaltsam, streng und nüchtern."[9]

Der triebgesteuerte Mensch wird laut Cicero also dem Tier gleichgestellt. Der Mensch muss sich also frei machen von seinen Trieben. Er muss die Leidenschaften und sein Verhalten dem Gesetz ausrichten und seiner Vernunft folgen. Nur so hat er seine Würde verdient.[10]

Folgt man den Thesen und Lehren der Stoiker – unter diesen auf Cicero genannt werden kann – wurde hier also erstmals allen Menschen eine allgemein Würde zuerkannt. Unabhängig von sozialer Stellung und gesellschaftlichem Status.

Spätantike und Mittelalter

Spätantike

Am Ausgang der Antike taucht im Werk des Theologen Aurelius Augustinus (354-430) die Frage der Willensfreiheit auf.

"Gott hat aber auch jener Kreatur die Freigiebigkeit Seiner Güte nicht vorenthalten, von der Er im Voraus wusste, dass sie sündigen und im Willen zur Sünde verharren werde, und hat sie dennoch ins Dasein gerufen. So wie ein durchgehendes Pferd immer noch besser ist als ein Stein, der nicht durchgeht, weil ihm eigener Antrieb und Sinn mangeln: so ist auch ein Geschöpf, das mit freiem Willen sündigt, vorzüglicher als eines, das nicht sündigt, weil es den freien Willen nicht besitzt. Ich lobe auch den Wein als ein Gut in seiner Art und muss den Menschen tadeln, der sich an ihm berauscht; aber trotzdem werde ich auch noch den berauschten Menschen, den ich tadele, dem gelobten Wein, an dem er sich berauschte, vorziehen. So lobe ich mit vollem Recht das eine, während ich jenen tadele, der, weil er es im Unmaß nützt, von der Erkenntnis der Wahrheit abgewendet wird; aber auch noch in seiner Verkehrtheit und Trunkenheit gebührt ihm, ungeachtet des Lasters, bloß auf Grund der Würde seines Wesens, der höhere Rang vor jener in ihrer Art so lobenswerten Schöpfung, an der er sich in seiner Sucht verging. [...]"[11]

Allerdings geht es Augustinus hierbei weniger um den Menschen und seine Willensfreiheit, sondern vielmehr um die Verteidigung des christlichen Monotheismus gegen die konkurrierende Vorstellung seiner Zeit. Es trat die Lehre auf, dass es nicht nur einen Gott gibt, sondern es einen zweiten geben muss der für das Böse verantwortlich ist. Dieser Lehre wollte Augustinus entgegen treten. Für ihn ist nämlich das Böse das Werk des Menschen und nicht das Werk Gottes. Die Fähigkeit, Böses tun zu können, ist die notwendige Bedingung der Fähigkeit, Gutes tun zu können.[12] Für Augustinus hängt die Würde des Menschen somit von der Fähigkeit ab, sich für und gegen das Gute zu entscheiden und nicht wie diese Entscheidung getroffen wird. Also nicht davon, dass er seinem Auftrag zum moralischen Lebenswandel nach den Geboten Gottes nachkommt. Genau mit dieser Wahlfreiheit verbindet Augustinus die Würde. Aus diesen Überlegungen zur Willensfreiheit als Grund der menschlichen Würde gründet Augustinus allerdings keinerlei unveräußerliche Rechtspositionen. Seine Erkenntnisse sind rein theologischer Natur.[13]

Frühmittelalter

Im Frühmittelalter schafften die Lehren Ciceros erst durch das Christentum den endgültigen Durchbruch. Nach dem christlichen Verständnis gründete die Würde des Menschen darauf, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Und als Gottes Kind besitze der Mensch einen unbestrittenen Wert, wodurch er sich von allen anderen Kreaturen unterscheidet. Da jeder Mensch, unabhängig von Status und Macht, ein Kind Gottes ist und somit ebenwürdig ist, kommen auch jedem Mensch die gleichen Rechte zu.[14]

Theophilus von Antiochien (6. Bischof von Antiochia) liefert für die vorangegangenen Thesen den frühesten Beleg aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Die Würde des Menschen leitet sich durch Gott ab. Aber interessant ist, dass Theophilus nicht auf die Gottesebenbildlichkeit abzielt, sondern vielmehr umgekehrt, auf Gottes Wahl, den Menschen für Würdig zu erachten um ihn nach seinem Bild zu formen. Es läuft daher wieder darauf hinaus, dass die Würde nicht erworben werden muss, da sie ein von Gott verliehener Status ist.[15]

Die Erkenntnisse des frühen Christentums definieren die Menschenwürde wohl nicht abschließend und waren auch nicht allgemein gültig, doch prägen sie bis heute noch das Christentum.

[...]


[1] vgl Tiedemann, Was ist Menschenwürde1, Berlin 2006, S 51.

[2] vgl Dreier, Grundgesetz Kommentar2, Band 1, Tübinger 2008, S 144, RN 1.

[3] vgl Wetz, Die Würde des Menschen, antastbar?1, Stuttgart 1998, S 5.

[4] vgl Wetz, Die Würde des Menschen, antastbar?1, Stuttgart 1998, S 16.

[5] vgl Wetz, Die Würde des Menschen, antastbar?1, Stuttgart 1998, S 5.

[6] vgl Dreier, Grundgesetz Kommentar2, Band 1, Tübinger 2008, S 144, RN 14.

[7] vgl Wetz, Die Würde des Menschen, antastbar?1, Stuttgart 1998, S 20.

[8] vgl Wetz, Die Würde des Menschen, antastbar?1, Stuttgart 1998, S 20.

[9] Cicero, Von den Pflichten1, Zürich 1820, S 91.

[10] vgl Tiedemann, Was ist Menschenwürde1, Berlin 2006, S 53.

[11] Augustinus, De libero arbitrio III, S 15.

[12] vgl P. Tiedemann, Menschenwürde als Rechtsbegriff: eine philosophische Klärung, S. 159.

[13] vgl Tiedemann, Menschenwürde als Rechtsbegriff: eine philosophische Klärung, Berlin 2012, S 160.

[14] vgl Wetz, Die Würde des Menschen, antastbar?1, Stuttgart 1998, S 6.

[15] vgl Rothhaar, Die Menschenwürde als Prinzip des Rechts, Eichstätt 2015, S 116.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Menschenwürde. Entwicklung einer philosophischen Idee von der Antike bis zur Gegenwart
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Rechtswissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V319038
ISBN (eBook)
9783668188624
ISBN (Buch)
9783668188631
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
menschenwürde, entwicklung, idee, antike, gegenwart
Arbeit zitieren
Michael Fenkhuber (Autor), 2015, Die Menschenwürde. Entwicklung einer philosophischen Idee von der Antike bis zur Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319038

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