Kiezdeutsch als neue Varietät des Deutschen. Typisch deutsch oder eine Gefahr für das Deutsche?

Mit einem Vergleich zu anderen Dialekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Was ist Kiezdeutsch?
2.1. Jugendsprache in urbanen multiethnologischen Wohnvierteln
2.2. Entwicklung durch mehrsprachige Einflüsse
2.3. Grammatikalische Auffälligkeiten

3. Sprache mit System – Ist Kiezdeutsch typisch deutsch?

4. Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt
4.1. Was ist ein Dialekt?
4.2. Gesellschaftliche Akzeptanz von Dialekten
4.3. Gesellschaftliche Abwertung von Kiezdeutsch als „Kanak Sprak“
4.4. Eine Gefahr oder eine Bereicherung für das Deutsche?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zuge der multikulturellen Mehrsprachigkeit hat sich eine ganz besondere Art der Jugendsprache herausgebildet, die unter dem Namen Kiezdeutsch[1] bekannt wurde. Immer häufiger wird die deutsche Sprachgemeinschaft mit grammatikalischen Veränderungen, wie „ischwör“ oder „lassma“ sowie neuartigen Sätzen, wie „Machst du rote Ampel“ oder „Ich frag mein Schwester“ konfrontiert. Besonders stark verbreitet ist Kiezdeutsch in mehrsprachigen Gebieten, wie urbanen Vierteln mit vielen Migranten, weshalb diese Jugendsprache auch ihren speziellen Namen bekommen hat.

Doch wie ist diese Sprache eigentlich entstanden und was zeichnet sie aus? Ist Kiezdeutsch nur eine grammatikalisch inkorrekte Form des Deutschen oder ist hier eine neue Varietät mit System entstanden? Heike Wiese[2] spricht von einem neuen Dialekt[3], doch was ist eigentlich genau ein Dialekt und wird Kiezdeutsch von der Gesellschaft ebenfalls als neuer Dialekt akzeptiert? Diesen Fragen werde ich mich in der folgenden Arbeit annehmen und versuchen das Kiezdeutsch in ein etwas anderes Licht zu rücken.

Dazu werde ich zunächst einmal klären, was genau Kiezdeutsch ist, wie es entstanden ist und wo diese Jugendsprache zu finden ist. Dabei werde ich grammatikalische Besonderheiten vorstellen und damit die Frage beantworten, ob es sich hier um eine Sprache mit System handelt oder ob sie doch nur eine Ansammlung von Sprachfehlern vereint.

Im vierten Kapitel möchte ich näher darauf eingehen was ein Dialekt ist und welche gesellschaftliche Akzeptanz Dialekte aufweisen. Dabei stellt sich die Frage, ob Kiezdeutsch, sofern hier von einem Dialekt gesprochen werden kann, ein ähnliches Ansehen genießt.

2. Was ist Kiezdeutsch?

2.1. Jugendsprache in urbanen multiethnologischen Wohnvierteln

Kiezdeutsch hat sich vor allem in sogenannten Brennpunktvierteln mit einem hohen Migrantenanteil entwickelt. Der Ursprung dieser Entwicklung reicht zurück bis in die Zeit der türkischen Gastarbeiter in den 1960er Jahren, die nur wenig Deutsch konnten. Die Ausländer in der zweiten und dritten Generation sind zwar meist hier in Deutschland aufgewachsen, jedoch sprechen viele kein einwandfreies Deutsch, häufig nicht weil sie es nicht gelernt haben, sondern, weil sie sich in unserer Gesellschaft nicht ganz zugehörig fühlen. Aus diesem Grund isolieren sich viele ausländische Jugendliche in ihren Vierteln mit anderen Migranten. Sie sprechen vermehrt Kiezdeutsch miteinander.

Über die Jahre hat sich Kiezdeutsch jedoch so in den multiethnischen Vierteln etabliert, dass man heute nicht mehr sagen kann, die Jugendlichen würden Kiezdeutsch sprechen, weil ihre Großeltern aus der Türkei stammen. Es braucht keinen Migrationshintergrund mehr, um Kiezdeutsch zu sprechen. Vielmehr sind es alle Jugendlichen eines solchen Viertels, die eben untereinander Kiezdeutsch sprechen.[4] Auf diese Weise ist auch der Name entstanden, den die Jugendlichen ihrer Sprache bei Wieses Interviews sozusagen selbst gaben. Es ist jenes Deutsch, dann im Kiez[5] gesprochen wird.[6]

Es sind also mitunter auch deutsche Jugendliche, die sich der Sprache anpassen, wenn sie mit anderen Jugendlichen im Viertel sprechen.[7] Es ist aber nicht die einzige Sprache, die Kiezdeutsch-Sprecher beherrschen. Wenn sie beispielsweise mit Erwachsenen oder Mitmenschen aus anderen Vierteln sprechen, sprechen die meisten von ihnen kein Kiezdeutsch. Auch sprechen nur Jugendliche in einem gewissen Altersbereich Kiezdeutsch und keine Erwachsenen, weshalb von einer speziellen Form der Jugendsprache gesprochen wird.

2.2. Entwicklung durch mehrsprachige Einflüsse

Kiezdeutsch hat sich vor allem durch den Einfluss verschiedener Sprachen herausgebildet. Viele Kiezdeutsch-Sprecher sprechen neben Kiezdeutsch noch eine oder mehrere weitere Sprachen, beispielsweise mit den Eltern oder Großeltern. Häufig existieren sogar mehr als eine Muttersprache innerhalb einer Familie, weshalb die Jugendlichen häufig zwischen mehreren Sprachen umschalten. Auch die deutschstämmigen Sprecher können meist einzelne Bruchstücke zum Beispiel aus dem Türkischen mit einbringen, weil sie es von Freunden gelernt oder im Viertel mitbekommen haben.[8]

Aber was genau wird von anderen Sprachen in das Kiezdeutsch übertragen? Ein Hauptmerkmal sind die nichtdeutschen Wörter, die immer wieder zu finden sind. Beispiele hierfür sind „lan“, was so viel wie ‚Typ‘ oder ‚Mann‘ heißt (eher negativ) und aus dem Türkischen stammt, „moruk“, ebenfalls aus dem Türkischen und für ‚Alter‘ stehend, „wallah“, aus dem Arabischen kommend heißt es ‚Echt!‘, „yallah“, was ebenfalls Arabisch ist und für ‚Los!‘ steht oder auch „abu“, was aus dem Arabischen stammt und so viel wie ‚Ey!‘ (negativ, auch als Beleidigung) bedeutet.[9] Diese Wörter sind im Kiezdeutsch mittlerweile fest etabliert, sie sind jedoch nur eine kleine Auswahl von ausländischen Wörtern, die ins Kiezdeutsche übertragen wurden. Wie in den Beispielen schon gut zu erkennen finden sich solche Fremdwörter häufig in der Anrede, am Satzanfang oder am Satzende, oftmals mit einer bekräftigenden oder beleidigenden Wirkung.[10]

Aber nicht nur ganze Wörter sind aus anderen Sprachen übernommen, auch die Satzstellung oder phonetische Laute werden an andere Sprachen angepasst. Häufig wird aus einem „ch“ ein „sch“, wie in dem Beispielen „isch“, „gleisch“ oder „natürlisch“.[11] Häufig findet auch eine sogenannte Vokalisierung statt, indem zum Beispiel ein [er] zu einem [a] wird. Beispiele hierfür sind „lecka“ oder „Spiela“.[12] Neben diesen Veränderungen gibt es noch eine Vielzahl grammatikalischer Veränderungen, wie die eben genannte Satzstellung, auf die ich im nächsten Abschnitt etwas genauer eingehen möchte.

2.3. Grammatikalische Auffälligkeiten

Es gibt eine Vielzahl grammatikalischer Merkmale in Kiezdeutsch. Ich möchte in diesem Abschnitt daher die grammatikalischen Neuerungen vorstellen, die so häufig vorkommen, dass man fast schon von grammatikalischen Regeln für Kiezdeutsch sprechen kann. Dabei geht es um die Veränderung der Nominalphrase, um Verkürzungen, neue Aufforderungswörter und Partikeln, um das Funktionsverbgefüge und die Wortstellung und um das kleine Wörtchen „so“.

In Kiezdeutsch werden bei Nominalphrasen häufig Artikel und Präposition weggelassen. Es heißt dann „Wir gehen Görlitzer Park“[13] oder „Ich werde zweiter Mai fünfzehn“[14]. Das Weglassen von Präposition ist zwar typisch für Kiezdeutsch, aber auch häufig bei nicht-Kiezdeutsch-Sprechern in der gesprochenen Sprache zu finden. So hat Wiese mit ihren Studenten eine Studie durchgeführt, in der bei 124 Sätzen (von 200) in Bezug auf Wegbeschreibungen im öffentlichen Personennahverkehr der Artikel oder die Präposition oder gar beides weggelassen wurde. Befragt wurden dabei hauptsächlich potenzielle nicht-Kiezdeutsch-Sprecher, also Personen mittleren Alters, oft auch äußerlich betrachtet, jene Personen die zur mittleren oder höheren Bildungsschicht zu zählen scheinen, beispielsweise Anzugträger.[15]

Ein weiteres grammatikalisches Merkmal sind Verkürzungen. Diese können sich im Weglassen von Endungen oder ganzen Wörtern auszeichnen. Beispiele hierfür sind „Ich frag mein Schwester.“[16] oder „München weit weg, Alter.“[17]. im ersten Beispiel ist das ‚e‘ von „meine“ gekürzt worden, während im zweiten Beispiel das Verb ‚ist‘ komplett weggelassen worden. Besonders Kasusendungen oder Wörter, die wenig Inhalt haben, wie beispielsweise unbestimmte Artikel werden im Deutschen schon seit vielen Jahren vermehrt weggelassen.[18] Darauf möchte ich jedoch im nächsten Kapitel noch einmal genauer eingehen.

Ein weiteres sehr wichtiges Merkmal sind Wörter, wie „lassma“, „ischwör“ oder „musstu“, sogenannte neue Aufforderungswörter und Partikeln.[19] Aus „lass (uns) mal“ wird demnach „lassma“, und aus „musst du“ wird „musstu“ zwei Wörter werden zu einem, das im Satz eine Aufforderung oder einen Vorschlag signalisieren soll. Dabei fällt in beiden Fällen das Pronomen weg.[20]

Zur Erinnerung:

„Partikel sind nicht flektierbar (veränderbar), sind weder spitzenstellungsfähig, noch erfragbar, können also – nach den Tests – weder Satzglied, noch Attribut sein und sie haben keine verbindende Funktion (im Gegensatz zu Präpositionen und Konjunktionen/Subjunktionen). Partikeln drücken entweder eine Sprechereinstellung bzw. die innere Befindlichkeit des Sprechers aus (Abtönungspartikeln) oder dienen der Steuerung des Gesprächs (Gesprächspartikeln). [...] Partikeln werden vor allem in der gesprochenen Sprache verwendet.“[21]

Wir können somit bei den neu entstandenen Aufforderungswörtern auch von Partikeln sprechen, da sie nicht flektierbar und nicht erfragbar sind und keine verbindende Funktion haben. Außerdem drücken sie meist die Einstellung des Sprechers aus. Wobei die Aufforderung „lassma“ den Sprecher mit einbezieht, während „musstu“ eine Aufforderung ist, die den Sprecher in der Regel ausklammert.[22]

Ähnlich ist es bei der neu entstandenen Partikel „ischwör“, hier verschmilzt das Pronomen „ich“ mit dem Verb „schwör(e)“. Damit soll der Wahrheitsgehalt einer Aussage deutlich hervorgehoben werden. Auch „ischwör“ ist ein sehr bekanntes Merkmal von Kiezdeutsch, das in der Öffentlich bereits vielfach diskutiert ist. So wird auch abwertend oder gar ausgrenzend von der „Ischwör-Sprache“ geredet, womit die Jugendsprache im Allgemeinen negativ betrachtet wird. Wiese sieht es jedoch als weiteres faszinierendes Beispiel dafür, dass Kiezdeutsch auf eine interessante und typisch deutsche Entwicklung zurückgeht.[23] Darauf werde ich ebenfalls im nächsten Kapitel nochmals genauer eingehen.

[...]


[1] benannt von Heike Wiese, vgl.: Wiese 2012, S.15.

[2] Professorin an der Universität Potsdam, Institut für Germanistik, Lehrstuhl für deutsche Sprache der Gegenwart. Sie hat das Phänomen Kiezdeutsch entdeckt und befasst sich seit jeher damit. Sie ist daher führend in der Forschung um Kiezdeutsch, weshalb meiner Arbeit auch überwiegend ihre Literatur zugrunde liegt.

[3] Vgl.: Wiese 2012.

[4] Vgl.: Wiese 2012, S.14.

[5] „Ein Ausdruck, der im Berlinischen ein alltägliches Wohnumfeld bezeichnet.“ Wiese 2012, S.15.

[6] Vgl.: Wiese 2012, S.15.

[7] Vgl.: Wiese 2012, S.14.

[8] Vgl.: Wiese 2012, S.36.

[9] Vgl.: Wiese 2012, S.39.

[10] Vgl.: ebd.

[11] Vgl.: Wiese 2012, S.38.

[12] Vgl.: Wiese 2012, S.37.

[13] Wiese 2012, S.53.

[14] Wiese 2012, S.57.

[15] Vgl.: Wiese 2012, S.55.

[16] Wiese 2012, S.60.

[17] Ebd.

[18] Vgl.: Wiese 2012, S.61.

[19] Vgl.: Wiese 2012, S.63.

[20] Vgl.: Wiese 2012, S.64.

[21] Kessel/Reimann 2012, S.46.

[22] Vgl.: Wiese 2012, S.64.

[23] Vgl.: Wiese S.70.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kiezdeutsch als neue Varietät des Deutschen. Typisch deutsch oder eine Gefahr für das Deutsche?
Untertitel
Mit einem Vergleich zu anderen Dialekten
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
2,0
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V319072
ISBN (eBook)
9783668182462
ISBN (Buch)
9783668182479
Dateigröße
785 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kiezdeutsch, Dialekt, Jugendsprache, Grammatik
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Kiezdeutsch als neue Varietät des Deutschen. Typisch deutsch oder eine Gefahr für das Deutsche?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319072

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