Distinktion und Konsum der deutschen Mittelschicht. Die Abstiegsangst der sozialen Mitte


Studienarbeit, 2015

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziologische Verortung der Mittelschicht
2.1 Gängige Definition
2.2 Soziologischer Definitionsversuch

3. Phänomen der diffusen Angst
3.1 Abstiegsangst

4. Distinktive Statusarbeit
4.1 Angst vor Mindereinschätzung

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Gerade in den vergangenen Jahren wird in der Forschung, der Wirtschaft und in den Medien immer öfter über die deutsche Mittelschicht diskutiert: „Mittelschicht in Gefahr. Anteil der Bevölkerung schrumpft weiter.“ (Main Post) „Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, die deutsche Mittelschicht schrumpft rapide.“ (Spiegel Online)

Karl Marx prophezeite einst das Ende der Mittelschicht, doch bilden sie ganz im Gegenteil nicht erst seit heute das tragende Zentrum zeitgenössischer Gesellschaften. Doch können solche Meldungen und Debatten die Klassenzugehörigen mitunter zunehmend stark verunsichern und erzeugen bei den Betroffenen und darüber hinaus ein diffuses Gefühl der Angst. Eine Angst, die schwer zu greifen ist, die oftmals nur ein dumpfes Hintergrundrauschen im Sozialverhalten und –denken ist, die aber dennoch die Kraft hat ein Milieu oder gar eine Gesellschaft zu prägen und zu verändern. Dadurch stellt sich mir die Frage was diese Ausgangslage mit dem Umgang untereinander in der sozialen Mitte selbst macht, ob sich auch hier ein verstärktes Konkurrenzdenken und damit einhergehend verstärkte Distinktionsverhalten ergibt. Und dazu möchte ich auch noch den Fokus auf Konsum, kulturellen sowie wirtschaftlichen, legen. Zusammengefasst: Wie verhält sich Konsum und Distinktion der deutschen Mittelschicht im Kontext der Abstiegsangst?

Dazu werde ich zunächst einmal die Mittelschicht näher bestimmen und anschließend das Thema der diffusen Angst gründlicher beleuchten. Ich werde auf Ängste der Mittelschicht eingehen und sie in Bezug zu ihrem Distinktionsverhalten und ihrem Konsum stellen und dazu auch einige Hintergründe und Theorieansätze offenlegen.

2. Soziologische Verortung der Mittelschicht

Bevor man sich dem Thema nähert ist es erst einmal wichtig die Mittelschicht soziologisch verorten zu können, was jedoch nicht ohne Weiteres möglich ist und einigen Erklärungsraum benötigt. Die moderne Mittelschicht ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses, der bereits im 18. Jahrhundert einsetzte und im Nachkriegsdeutschland bis 1975 hinein seine prägendste Phase hatte, in der die Mittelschicht „zur dominierenden sozialstrukturellen Großgruppe“ (Schimank, Mau et al. 2014: 19) wurde.

2.1 Gängige Definition

Die allgemein gängigste Definition der Mittelschicht ist eine rein ökonomische: So würden alle Menschen mit einem Haushaltseinkommen zwischen 70 bis 150 Prozent des Haushalts – Netto – Äquivalenzeinkommens zu dieser Schicht gezählt werden. Nach diesem Verständnis würden in Deutschland 58% der Bevölkerung der Mittelschicht angehören, wobei in diesem Fall der Begriff der Einkommensmittelschicht treffender wäre (vgl. Burkhardt et al. 2013: S.20). Wenn man das kulturelle Kapital noch miteinbeziehen möchte, wird meist die Realschule als Untergrenze angesehen, wobei der Trend in jüngerer Zeit sogar hin zum Gymnasium geht. Die rein empirische Einstufung ist mittlerweile jedoch selbst unter Ökonomen umstritten, da sich auch hier die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass „die Gestalt einer sozialstrukturell komplex konturierten und kulturell so aufgeladenen Großgruppe wie die Mittelschicht schlechterdings nicht allein über [...] Einkommensgrenzen zu fassen ist“ (Schimank, Mau et al. 2014: 20). Diese ausschließlich einkommensfokussierte Sicht lässt also vieles außen vor, was man zur Beschreibung der Mittelschicht als sozialstrukturelle Großgruppe benötigt. Die dort vorgenommenen Abgrenzungen sowohl nach oben wie auch nach unten sind künstlich und nicht zwingend mit den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten der Gruppen verknüpft, die auch durch Lebensweise, familiäre Herkunft und Unterstützungsnetzwerke, soziale und berufliche Positionierung bestimmt werden. Deshalb ist es ratsam, es nicht bei dieser engen Definition zu belassen und weitere Merkmale zur Beschreibung der Mittelschicht miteinzubeziehen (vgl. Burkhardt et al. 2013: S.20f.).

2.2 Soziologischer Definitionsversuch

Versucht man sich nun dem tatsächlich auf soziologischer Ebene zu nähern, muss man einige weitere soziokulturelle Lagemerkmale wie Bildung, berufliche Stellung und den damit verbundenen Lebensstandard mitberücksichtigen. Doch auch mit dieser Sichtweise ist es nicht möglich alle für die Mittelschichten charakteristischen kulturellen Aspekte der Mentalität, wie Wertvorstellungen und auch die daraus resultierende Lebensführung zu erfassen. Insgesamt stellt es sich als überaus schwer heraus, die Mittelschicht als homogene Gruppe erfassen zu können. So präferiere ich eine Auffassung der Mittelschicht von Uwe Schimank, Stefan Mau und Olaf Groh-Samberg, die Max Webers Betrachtung von einer übergreifenden Logik gestifteten Ganzheitlichkeit der Lebensführung in den verschiedenen Lebensbereichen und der gleichzeitigen Vielfalt konkreter Praktiken ausgehen. Zudem bedienen Sie sich bei der Charakterisierung des Lebensführungsmodus bei theoretischen Konzepten Bourdieus, der die soziale Lage und den daraus hervorgehenden Habitus als Kombination von ökonomischem und kulturellen Kapital ausmacht. Anknüpfend daran, bestimmen die Autoren die Mittelschicht durch den spezifischen Lebensführungsmodus, der überwiegend auf den Erhalt und die mögliche Verbesserung des sozialen Status durch konstantes Investieren in die beiden Kapitalarten, ökonomisches Kapital und kulturelles Kapital, fokussiert ist (vgl. Schimank, Mau, et al. 2014: 23). Mit kulturellen Kapital ist unter anderem eine gewisse Fülle an Bildungszertifikaten gemeint, was als Indikator für Humankapital angesehen wird, sowie das inkorporierte kulturelle Kapital, bestimmt durch soziale Herkunft, Bildungslaufbahn und andere Lebenserfahrungen (vgl. ebd.: 26).

Der Lebensführungsmodus fußt auf der Annahme, dass die Angehörigen der Mittelschicht über eine mittlere Ausstattung an beiden Kapitalarten verfügen und deswegen zu beiden Teilen etwas zu verlieren, als auch zu gewinnen haben. Der Lebensführungsmodus ist ein Teilaspekt des Handelns von Mittelschichtsangehörigen und zeigt ein charakteristisches Passungsverhältnis bzw. eine kennzeichnende Wahlverwandtschaft „zur sich in der Kapitalausstattung manifestierenden Positionierung im Gefüge gesellschaftlicher Ungleichheitsstrukturen [...]“ (ebd.: 23) auf. Es geht bei der Kapitalausstattung nicht vordergründig um dessen Höhe, sondern auch um deren institutionellen Verwertungsbedingungen beider Arten von Kapital. Ein entscheidender Punkt ist, dass nicht mehr das Kapital die Lebensführung und deren Ergebnisse determiniert, sondern nur noch die Kapitalausstattung als Basis des je individuell praktizierten Einsatzes den Ausschlag gibt (ebd.: 24). Natürlich ist es nun nicht einfach so, dass die Kapitalausstattung alleinig soziokulturell auferlegt und die Weise wie man sein Kapital einsetzt ausschließlich individuell bestimmt wird, sondern es spielen weitere Faktoren, wie das Sozialisationsmilieu und den dort erlernten Umgang mit Kapital, mit hinein. Der Modus muss nicht bewusst empfunden und gelebt werden, er existiert meist als implizites Wissen in Form des Habitus und beeinflusst Wahrnehmung, Entscheidung, Bewertung und Handlung. Er ist also zugleich kulturelles Kapital, als auch ein in der Lebensführung erkennbares Resultat des Zusammenwirkens von kulturellem und ökonomischem Kapital (vgl. ebd.: 27).

[...]

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Details

Titel
Distinktion und Konsum der deutschen Mittelschicht. Die Abstiegsangst der sozialen Mitte
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V319107
ISBN (eBook)
9783668182721
ISBN (Buch)
9783668182738
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
distinktion, konsum, mittelschicht, abstiegsangst, mitte
Arbeit zitieren
Maximilian Brauer (Autor), 2015, Distinktion und Konsum der deutschen Mittelschicht. Die Abstiegsangst der sozialen Mitte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319107

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