Immanuel Wallersteins Konzept des modernen Weltsystems. Eine Kritik


Essay, 2014

7 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs Weltsystem (nach Wallerstein)

3. Kritik an Wallersteins Konzept des Weltsystems

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der folgende Essay beschäftigt sich mit Immanuel Wallersteins Konzept des modernen Weltsystems. Zunächst wird eine allgemeine Definition des Begriffs Weltsystem gegeben. Daran anschließend wird Wallersteins Ansatz grob definiert, um darauf aufbauend Wallersteins Theorie auf die Fragestellung hin zu kritisieren, inwiefern sein Ansatz einem „modernen Weltsystem“ gerecht wird und ob sein Konzept auf den heutigen Welthandel zutrifft.

2. Definition des Begriffs Weltsystem (nach Wallerstein)

Weltsystem bezeichnet eine integrierte Zone, welche durch Institutionen und Aktivitäten beherrscht wird und in der global spezielle Regeln gelten. Die einzelnen Sektoren des Weltsystems sind von gegenseitigem ökonomischen Austausch abhängig, nicht aber durch gemeinsame Kultur oder gemeinsame politische Strukturen charakterisiert (vgl. Kreff 2011: 440).

Das Konzept des modernen Weltsystems stammt von Immanuel Maurice Wallerstein und liefert wichtige Denkanstöße für Analysen globaler Zusammenhänge, besonders bei der Rekonstruktion der Geschichte des Weltkapitalismus. Die Weltsystemtheorie macht globale Räume zum Ausgangspunkt der Sicht auf lokale Prozesse und differenziert in diesem Zusammenhang die Polarisierung zwischen Zentren und Peripherien durch Berücksichtigung von Halb- oder Semiperipherien dazwischen. Soziales Handeln wird nicht auf politisch-kulturelle Einheiten begrenzt gesehen, sondern in einem übergreifenden Rahmen der Arbeitsteilung des Gesamtsystems. Weltsystem meint in diesem Kontext nicht die gesamte Welt, sondern Imperien oder Ökonomien, welche eine Welt für sich formieren. Solche Totalitäten bildeten laut Wallerstein bisher nur Minisysteme (Jäger-/SammlerInnen oder einfache Agrargesellschaften) und Weltsysteme. Heute bliebe die moderne kapitalistische Weltwirtschaft (ebd.).

3. Kritik an Wallersteins Konzept des Weltsystems

In detaillierten historischen Analysen hat Immanuel Wallerstein gezeigt, dass sich im Zeitraum von etwa 1450 bis 1640 ausgehend von Nordwesteuropa ein System wirtschaftlicher Arbeitsteilung entwickelt hat, welches systematisch über die politischen Grenzen der einzelnen Staaten hinausgeht und immer größere geografische Räume umfasst (vgl. Brock 2008: 23). Wallerstein beschreibt damit allerdings nicht den Einstieg in die wirtschaftliche Globalisierung überhaupt, sondern lediglich den Einstieg in das heutige global vernetzte Wirtschaftssystem. In Bezug auf den Einstieg in das heutige global vernetzte Wirtschaftssystem stellt sich die Frage, ob nicht bereits wesentlich früher Strukturen wirtschaftlicher Globalisierung entstanden sind (vgl. Brock 2008: 24). Brock (2008: 24-25) merkt diesbezüglich an, dass solch ein modernes Weltsystem mit anderem Charakter auch von China aus hätte entstehen können. Des Weiteren weist er auf den Einfluss der unabhängigen europäischen Seestädten des Mittelmeer- (zum Beispiel Genua und Venedig) sowie des Nord- und Ostseeraums (zum Beispiel Brügge, Lübeck) hin, welche vermutlich die eigentlichen Ausgangspunkte des „modernen Weltsystems“ sind. Die amerikanische Soziologin Janet Abu-Lughod argumentiert in ihrem Buch Before European Hegemony: The World System A.D. 1250-1350, dass „[t]his book has traced the rise, from the end of the twelfth century, of an incipient world system that, at its peak in the opening decades of the fourteenth century, involved a vast region stretching between northwest Europe and China“ (Abu-Lughod 1989: 352):

Schon zu Zeiten der Römer hat es ein Weltsystem gegeben, das fast genauso aussah wie das des 13. Jahrhunderts. Südostasien (Seeweg) und Zentralasien (Landweg) spielten damals wie später eine wichtige Rolle. Die Struktur jedoch war anders: Das System zur Zeit um Christi Geburt wurde von zwei Großreichen an den äußersten Enden der bekannten Welt beherrscht. Nach ihrem Niedergang brach das System zusammen und wurde dann durch den Islam restrukturiert. Heute geht eine ähnliche Strukturierung vom Pazifischen Ozean aus. Mit dieser Erklärung eröffnet Abu-Lughod den Weg zu einer differenzierteren und stärker empirisch orientierten Anwendung der Konzeption des Weltsystems[1] (Rehbein/Schwengel 2012: 56).

Für Fernand Braudel gab es bereits im Altertum und Mittelalter mehrere Weltwirtschaften. André Gunder Frank datiert den Ursprung des Systems 5000 Jahre zurück (vgl. Kreff 2011: 440).

Wallerstein versteht die internationale wirtschaftliche Arbeitsteilung als Motor des ökonomischen und sozialen Fortschritts. In diesem Kontext sind die „Terms of trade“ zwischen getauschten Produkten eine Quelle sozialer Ungleichheit, welche im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung auch zu einer Ungleichheit zwischen Staaten führt. Die Ungleichheit der Produktionsbedingungen schlägt sich auch in einer Ungleichheit der Produktionsverhältnisse nieder (vgl. Brock 2008: 27). Die Begriffe Zentrum, Semiperipherie und Peripherie, die Wallerstein für diese über das System internationaler Arbeitsteilung etablierte Ungleichheit zwischen Regionen und Staaten verwendet, werden kritisiert (ebd.). Ein Weltsystem nach Wallerstein definiert sich durch den Austausch von Notwendigem (wozu er später auch Gold und Schutz zählte). Allerdings tauschen viele staatenlosen Gesellschaften in hohem Maße über ihre Grenzen hinweg (einschließlich Notwendigem), was ihre Eigenschaften somit verändert. Demzufolge muss ein Weltsystem nicht in Kern und Peripherie gegliedert werden. Ein solches Weltsystem besteht eher aus den Netzwerken, in denen Menschen tatsächlich leben. Dies bedeutet, dass Ausbeutung Herrschaft und ungleicher Tausch nicht vorausgesetzt werden können. Die frühen Interaktionen haben sehr lange gebraucht, um Grenzen zu überschreiten und damit Effekte auszulösen ( vgl. Rehbein/Schwengel 2012: 68).

[...]


[1] „Kritik erfährt gegenwärtig der Ethnozentrismus dieser Konzeption: Das heutige Weltsystem sei nicht allein von Europa ausgegangen, sondern das atlantische Handelssystem sei zu einem bereits bestehenden System hinzugetreten. Der Aufstieg des Weltsystems sei überhaupt erst durch den Abstieg eines Weltsystems im Osten des 13. Jahrhundert ermöglicht worden“ (Kreff 2011: 440).

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Details

Titel
Immanuel Wallersteins Konzept des modernen Weltsystems. Eine Kritik
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V319124
ISBN (eBook)
9783668182660
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
immanuel, wallersteins, konzept, weltsystems, eine, kritik
Arbeit zitieren
Cesare Siglarski (Autor), 2014, Immanuel Wallersteins Konzept des modernen Weltsystems. Eine Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319124

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