Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den Betrachtungen des Kunsthistorikers Ernst H. GOMBRICH zum physiognomischen Ausdruck. GOMBRICH hat sich in seinen Werken oft mit diesem Phänomen beschäftigt und vor allem versucht, den physiognomischen Ausdruck nicht nur kunsthistorisch, sondern auch psychologisch zu erklären. Es ge lingt ihm, zwischen den Betrachtungsweisen des Kunsthistorikers, des Psychologen und zuweilen auch des Philosophen hin und her zu wechseln und so zu einem tieferen Verständnis des physiognomischen Ausdrucks zu gelangen, als es dem Beobachter aus nur einem dieser Wissenschaftsbereiche möglich wäre1. Diese Hausarbeit möchte zum einen einen Überblick über GOMBRICHs Ansichten bezüglich des physiognomischen Ausdrucks bieten und andererseits versuchen, die Ergebnisse seiner Betrachtungen an einem Genre zu überprüfen, das ohne die Wirkung des physiognomischen Ausdrucks nicht auskommen kann: dem Bilderbuch. Nach einer Begriffsklärung und einer weitergehenden Begründung, warum diese Hausarbeit gerade das Bilderbuch zur Untersuchung des physiognomischen Ausdrucks heranzieht, sollen Wirkungsweise und Merkmale des Phänomens beschrieben und untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Zum Gegenstand dieser Hausarbeit
2. Zum Begriff des physiognomischen Ausdrucks
3. Die Bedeutung des physiognomischen Ausdrucks für die Illustrationen in Bilderbüchern
4. Die Wirkungsweise des physiognomischen Ausdrucks
5. Untersuchung einiger Merkmale
5.1. Unmittelbarkeit und Ganzheitlichkeit
5.2. Verzerrung und Übertreibung
5.3. Einfachheit der Darstellung: Konzentration, Symbol und Maske
5.4. Verdichtung
5.5. Grundlegende Kategorien und Kontraste, Kohärenz in der Darstellung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des physiognomischen Ausdrucks basierend auf den theoretischen Betrachtungen von E.H. Gombrich. Ziel ist es, Gombrichs kunsthistorische und psychologische Erkenntnisse zur Wirkung von Bilddarstellungen zu erläutern und deren praktische Anwendung sowie die zentralen Wirkmechanismen am Beispiel von Illustrationen in Bilderbüchern zu analysieren.
- Psychologische Grundlagen der physiognomischen Wahrnehmung als Kategoriensystem.
- Die historische Verbindung zwischen Physiognomie und der Gattung der Karikatur.
- Wirkungsweise und Merkmale bildlicher Darstellung: Unmittelbarkeit, Verzerrung und Übertreibung.
- Funktion von Symbolen, Masken und Verdichtung im Bilderbuch.
- Bedeutung der Kohärenz für die physiognomische Qualität von Illustrationen.
Auszug aus dem Buch
5.2. Verzerrung und Übertreibung
Die Illustrationen in Bilderbüchern haben meist nur wenig gemeinsam mit der Realität der Personen oder Gegenstände, die sie abbilden. Der erste Blick in ein solches Kinderbuch zeigt uns, dass es nicht Ziel des Zeichners gewesen sein kann, die Natur realistisch nachzubilden. Unwillkürlich sehen wir in Abb. 5 eine mürrische alte Dame.
Aber bei näherer Untersuchung des Bildes stellt sich heraus, dass wir einer Frau mit solchem Aussehen wohl kaum auf der Straße begegnen werden: Die Proportionen des Gesichts, die wie Hundeohren nach unten hängenden Ohrläppchen und allem voran die ungewöhnliche Form der Nase können wohl kaum als wirklichkeitsgetreu angenommen werden. In Abb.6 verhält es sich ähnlich: Die lachende Zirkusmaus hat kaum etwas mit einer wirklichen Maus gemeinsam und der übermäßig aufgespannte Mund lässt auch den objektiven Vergleich mit einem lachenden Zirkusjungen schwer fallen. Und nicht zuletzt der lachende Kerl, der unter Wilhelm BUSCHs Feder entstanden ist (Abb.7), führt uns die Verzerrung deutlich vor Augen, die der Realität durch die Widergabe des Zeichners widerfahren ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum Gegenstand dieser Hausarbeit: Einleitung in die Thematik der Betrachtungen E.H. Gombrichs zum physiognomischen Ausdruck und deren Anwendung auf das Genre des Bilderbuchs.
2. Zum Begriff des physiognomischen Ausdrucks: Definition des Begriffs Physiognomie und Erläuterung der historischen Entwicklung sowie des wissenschaftlichen Diskurses um diesen Begriff.
3. Die Bedeutung des physiognomischen Ausdrucks für die Illustrationen in Bilderbüchern: Untersuchung der historischen Entwicklung der Karikatur und deren Übertragung auf die bildliche Darstellung im Bilderbuch als Medium für Kinder.
4. Die Wirkungsweise des physiognomischen Ausdrucks: Analyse der psychologischen Hintergründe der physiognomischen Wahrnehmung als angeborener Reflex und Kategorienbildung.
5. Untersuchung einiger Merkmale: Detaillierte Analyse der zentralen gestalterischen Phänomene, die eine physiognomische Wirkung erzeugen.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Bestätigung der Bedeutung des physiognomischen Ausdrucks für die emotionale Wirkung von Bildern.
Schlüsselwörter
Physiognomischer Ausdruck, E.H. Gombrich, Bilderbuch, Karikatur, Wahrnehmungspsychologie, Unmittelbarkeit, Übertreibung, Verdichtung, Symbolik, Maske, Kohärenz, Kategorienbildung, Illustration, Äquivalenz, Bildwirkung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des physiognomischen Ausdrucks, wie es von dem Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich beschrieben wurde, und untersucht dessen Anwendung in Illustrationen von Bilderbüchern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Wahrnehmungspsychologie, die Geschichte der Physiognomie und Karikatur sowie die formale Analyse von Illustrationen hinsichtlich ihrer emotionalen Wirkung auf den Betrachter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, einen Überblick über Gombrichs physiognomische Ansichten zu geben und zu prüfen, wie sich diese theoretischen Erkenntnisse in der Praxis des Bilderbuchs durch gezielte Gestaltungselemente nachweisen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse der Fachliteratur von Gombrich, ergänzt durch kognitionspsychologische Modelle, und wendet diese Erkenntnisse auf Bildbeispiele (Illustrationen) an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung spezifischer Merkmale der physiognomischen Wirkung, darunter Unmittelbarkeit, Ganzheitlichkeit, Verzerrung, Übertreibung, Verdichtung sowie die Verwendung von Symbolen und Masken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie physiognomischer Ausdruck, Bilderbuch, Karikatur, Wahrnehmungspsychologie und Bildwirkung charakterisiert.
Warum spielt die Karikatur eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Bilderbüchern in dieser Arbeit?
Die Arbeit führt aus, dass das Bilderbuch auf den Erfahrungen der Karikatur aufbaut, da beide Genres durch eine vereinfachte und übersteigerte Darstellung unmittelbar emotionale Reaktionen beim Betrachter auslösen.
Was bedeutet der Begriff „Kohärenz der Darstellung“ im Kontext der Arbeit?
Kohärenz bezeichnet die harmonische Abstimmung aller Bildelemente, damit der physiognomische Eindruck eines „Ganzen“ entstehen kann, der nicht durch widersprüchliche Details gestört wird.
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- Jens Junek (Author), 2004, Der physiognomische Ausdruck, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31920