Homosexualität in Thomas Mann "Der Tod in Venedig"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zeitumstände und Biographisches
2.1. Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts
2.2. Zur sexuellen Identität des Autors

3. Homosexualität in Der Tod in Venedig
3.1. Der Ort: Flucht nach Italien
3.2. Gustav von Aschenbach
3.3. Aschenbach und Mann
3.4. Homoerotik und Künstlertum
3.5. Homosexualität als Krankheitssynonym
3.6. Eros und Thanatos

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

Salopp gesagt: >Der Tod in Venedig< ist das
>coming out< der deutschen >mainstream<-Literatur.[1]

1. Einleitung

Bereits der Apostel Paulus hat die christliche Sexualmoral bis in die Gegenwart hinein etabliert. Wer mit einem Mann schläft wie mit einer Frau, war des Todes.[2]

Desto ungeachtet, sind die homosexuelle Begierden und Leidenschaften im Laufe der Zeit immer mehr zur Konsensualität innerhalb einer kulturellen Gesellschaft geworden. Individuelles Handeln und Fühlen geriet so in Widerspruch zu gesellschaftlich Normiertem, religiös Gebotenem oder sozial Tabuisiertem. Angefangen mit der biblischen Sanktionsdrohung bis hin zu den juristischen Strafen und sozialen Sanktionierungen die bis in das 20. Jahrhundert reichten, versuchte man die Homosexualität zu bekämpfen.

In der Literaturwissenschaft ist seit den 60er Jahren die „Poetologie des Erotischen“[3] fester Bestandteil des literaturwissenschaftlichen Diskurses. Die Forschung griff die Emanzipation des Sexuellen, vor allem die bis dahin unterdrückte Artikulation weiblicher und gleichgeschlechtlicher Sexualität in der Gesellschaft auf und begann, Literatur auch unter diesem Aspekt zu analysieren. Dies gilt nicht nur für die Werke, die Sexualität explizit thematisieren, sondern bezieht auch den jeweiligen biographischen Hintergrund mit ein. Die Veröffentlichung von Thomas Manns Tagebüchern und deren Einbeziehung in die literaturwissenschaftliche Erforschung ermöglichten diesen Ansatz auch in Bezug auf das Oeuvre des Literaturnobelpreisträgers. Der Zusammenhang zwischen dem Werk Thomas Manns und seinen homoerotischen Grunderlebnissen ist beispielsweise von Karl Werner Böhm[4] und Hermann Kurzke[5] detailliert herausgearbeitet worden.

Der Tod in Venedig ist Thomas Manns erste offene Darstellung von Homosexualität. Die Novelle markiert die Grenze, an der die homoerotische Camouflage endet. Manns Hauptfigur, Gustav von Aschenbach, begibt sich nach Venedig, die Stadt der ambivalenten Schönheit. Er begegnet dort dem polnischen Knaben Tadzio, einem Kind von rätselhafter Schönheit, dem er vollständig verfällt. Aschenbach beobachtet und verfolgt den Knaben. Die beiden begegnen sich, ohne, dass es zum Gespräch kommt. Der Künstler erliegt letztendlich der Cholera, der nicht erwiderten Zuneigung des Knaben sowie an der Erkenntnis der Ausweglosigkeit seines Lebens.

Ziel meiner Arbeit wird es sein, die Verbindung von Gustav Aschenbachs „Haltungs“-Moral mit den seelischgeistigen Lebensbedingungen des wilhelminischen, des imperialistisch verpreußten Deutschland zu der damaligen Zeit zu schildern und zu zeigen wie es durch Aschenbachs Hingabe an die homoerotische Neigung zu dem polnischen Knaben, zum Zusammenbruch dieser „Haltungs“-Ethik kam.

Des Weiteren werde ich der Frage nachgehen, inwiefern man Thomas Mann und seine eigene Homosexualität in Zusammenhang mit der Rezeptionsgeschichte der Novelle bringen kann.

2. Zeitumstände und Biographisches

2.1. Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Thomas Mann hat stets Fragen seiner Zeit in sein Werk einbezogen. Setzt man voraus, dass Homosexualität ein Grundproblem seines literarischen Schaffens war, wovon die moderne Literaturwissenschaft spätestens seit der Veröffentlichung der Tagebücher und deren Einbeziehung in die Forschung fast durchweg ausgeht, so liegt die Annahme einer Auseinandersetzung mit den Auffassungen seiner Zeit auch in dieser für ihn existentiellen Frage nahe. Mann gestaltet mit seinen Figuren den homosexuellen Außenseiter und diskutiert Fragen des homosexuellen Diskurses um die Jahrhundertwende.[6]

Der Paragraph 175, der gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Männern, unabhängig vom Alter, unter Strafe stellt, wurde 1871 in das Strafgesetzbuch aufgenommen. Der Öffentlichkeit im Deutschen Kaiserreich wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Skandale präsentiert, die alle in Zusammenhang mit bedeutenden Namen standen. Friedrich Alfred Krupp bildete den Auftakt, als die Arbeiterpresse zu berichten begann, was sich auf der Yacht des Großindustriellen in Capri ereignete. Wenige Jahre später wurden auch der Kaiservertraute Eulenburg sowie der Militär Graf Molke, jeweils Träger berühmter Namen, zu sittenlosen Außenseitern. Das Bekanntwerden ihrer Neigungen führte zu einer gesellschaftlichen Ächtung und zum Ausschluss aus den bis dahin frequentierten sozialen Kreisen. Für die Einstellungen und Überzeugungen des jungen Thomas Manns blieben diese Vorgänge ebenso wenig folgenlos wie der Skandal um Oskar Wilde, der die Literaturszene kurz vor der Jahrhundertwende in seinen Bann zog.

2.2. Zur sexuellen Identität des Autors

Thomas Mann hat seine eigene sexuelle Identität, im Gegensatz zu zwei seiner sechs Kinder, die ebenfalls homosexuelle Neigungen hatten, nie öffentlich thematisiert, obwohl sie ihm seit seiner Pubertät, seit seiner Liebe zum Mitschüler Armin Martens, bewusst war. Mann schildert seine homosexuellen Neigungen in seinen Tagebüchern. Der Tagebuchschreiber Thomas Mann hat den Rekurs auf seine Texte mittels persönlicher Aufzeichnungen nicht nur zugelassen, sondern als Verständnishilfe und vielleicht sogar als Leseanweisung beabsichtigt.[7] Vor allem die 1918 – 1921 gemachten Aufzeichnungen des Literaturnobelpreisträgers, die wohl nur versehentlich der Vernichtung entgangen sind und 1979 veröffentlicht wurden, gewähren Einblicke in die intimste Gedankenwelt von Thomas Mann. Die Tagebücher offenbaren, dass die Berücksichtigung biographischer Elemente in diesem Fall den Zugang zu Manns Lebenswerk nicht verstellt, sondern ihn eigentlich erst ermöglicht. Die Tagebücher decken den engen konzeptionellen Zusammenhang zwischen täglicher Selbstreflexion und dichterischer Selbstgestaltung bei Thomas Mann auf.[8]

In seinen Werken thematisiert Thomas Mann immer wieder die eigene Gegensätzlichkeit. Zugespitzt wird hier der innere Konflikt zwischen dem Verteidiger des bürgerlichen Zeitalters und Moralisten einerseits, dem Künstler und Ästhet anderseits. „Die Existenz des homosexuellen Außenseiters in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ist nur denkbar als ästhetische Existenz.“[9] Seine Schwärmereien für homophile Beziehungen sind in Tonio Kröger oder Tod in Venedig literarisch verarbeitet worden. Privat entscheidet er sich durch Eheschließung mit Katia von Pringsheim im Jahr 1905 jedoch für ein bürgerliches Leben.

Die Ehe galt als Flucht in die Ordnung. In seiner 1925 entstandenen kleinen Schrift Über die Ehe hat er die Institution gegen die homosexuelle Libertinage als bürgerlichen Grundwert verteidigt.[10] Aus Vernunft und Pflicht geschlossene Ehen sind typisch für die Zeit, in der viele Homosexuelle verheiratet waren.

3. Homosexualität in Der Tod in Venedig

3.1. Der Ort: Flucht nach Italien

Homosexuellen bietet sich in einer Homosexualität sanktionierenden Gesellschaft die Alternative Doppelleben oder Flucht, um der gesellschaftlichen Stigmatisierung zu entkommen. Als Winkelmann, der Begründer der modernen Kunstgeschichte, nach Italien ging, gab er den Seinigen ein Signal: Nur hier konnte der, die erotische Erfüllung finden. Das bürgerliche, von Geist protestantischer Weltbewährung und Familientugend durchdrungene Nordeuropa des 19. Jahrhunderts, dem auch Thomas Mann entstammte, zwang zur neuen Identitätssuche in Italien.

Im 19. Jahrhundert war die Camouflage homosexueller Wertvorstellungen in einem Nord-Süd-Diskurs weit verbreitet. Die spielerische Zwie-Existenz in Gestalt der Italiensehnsucht war eine spezifische Bewältigungsform des inneren Konflikts. Thomas Mann hat ihn künstlerisch gestaltet. Der Süden fasst für ihn eine ganze Sphäre der Homoerotik zusammen. Hierzu gehören homoerotisch konnotierte Begriffe wie Libertinage, Unmoral, Zigeunertum und Schönheitskult.[11] Venedig ist hier „Heimat für den, dessen Blut sich mischt aus Südlichem und Nördlichem“[12].

In der Italien-Sehnsucht bürgerlicher homosexueller Männer geht die Lust auf Reisen, um an ihr Ziel zu gelangen. Thomas Mann wählte eine italienische Stadt vor dem geschilderten Hintergrund. Er selbst hatte Venedig bereist, mit dem Nachtzug von München nach Triest kommend. Sein Protagonist Aschenbach erreicht Venedig, den Schwellenort zwischen Land und Meer, per Schiff über Istrien. Nicht umsonst werden in Manns Novelle Schwellen und ihre Übertretungen reflektiert. Aschenbach „ liebte das Meer aus tiefen Gründen.“[13] Die Meeresmetaphorik steht bei Mann in Zusammenhang mit der Homoerotik und der Knabenliebe: „Das Meer symbolisiert das Unmoralische, das Ausschweifende dieser Liebe als ein Unerreichbares.“[14] Passend hierzu steht der Matrosenanzug, den Jungen in der Kaiserzeit trugen. Aschenbachs Schicksal vollzieht sich im Angesicht des Meeres. Am Meer hat er die bedeutungsträchtige Begegnung mit dem Todesschiffer und schließlich endet sein Leben am Strand, mit Blick auf Tadzio und das Meer.

Venedig ist eine zweideutige Stadt.[15] Der Autor preist Venedig zunächst für seine Schönheit. Die Stadt ist nicht nur ein geographischer Punkt oder eine kulturhistorische Stätte, sondern gilt als Symbol der Liebe, einer unerfüllten oder verbotenen Liebe. Sie ist aber auch als Ort der vergänglichen Schönheit und des Verfalls. Schon bei der Anreise nimmt Aschenbach „ den fauligen Geruch der Lagune[16] wahr. Die Lagunenstadt wird als moralisch faul gezeigt, denn sie hütet ein schlimmes Geheimnis. Die Stadt verbirgt zunächst die wütende Cholera. Es handelt sich deshalb um eine trügerische beziehungsweise maskenhafte urbane Schönheit, die den Reisenden anzieht. Stundenlang verfolgt Aschenbach den Knaben mit seinen Augen – der Inbegriff der körperlichen Schönheit inmitten eines schmutzigen, hässlichen, verseuchten Venedigs. Im Verlauf der Novelle hat Aschenbach die Stadt zu seiner Komplizin gemacht, als er versuchte, seine Leidenschaft zu verbergen, so wie die Stadt ihre Krankheit verbarg. Die Cholera ist das äußere „Symptom“ von Aschenbachs Homosexualität im Tod in Venedig.

Venedig steht aber auch für die Einsamkeit, eine Herausforderung, mit der sich viele Homosexuelle konfrontiert sehen. Aschenbach reist allein nach Venedig, ist dort bei seinem Aufenthalt ständig allein und stirbt schließlich allein. Er beschränkt sich auf die Rolle des Beobachters und ist von Anfang an ein Ausgeschlossener. Deutlich wird die Einsamkeit, wenn man sie in den Vergleich mit dem jungen Tadzio setzt, der stets von anderen umgeben ist.[17] Für die Schilderung der Einsamkeit bietet die Lagunenstadt die perfekte Kulisse. Die Einsamkeit ist in Venedig tiefer als in einer anderen Stadt, da sie abseits vom Festland in der Lagune liegt und durch unzählige Wasserstraßen in viele Teile zerfällt.

[...]


[1] Detering, Heinrich: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis Thomas Mann, Göttingen 1994, S. 34.

[2] Röm 1,26.

[3] Härle, Gerhard: Männerweiblichkeit. Zur Homosexualität bei Thomas und Klaus Mann, Berlin 20023, S. 37.

[4] Böhm, Karl Werner: Zwischen Selbstzucht und Verlangen. Thomas Mann und das Stigma der Homosexualität, Würzburg 1991.

[5] Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk, München 1999.

[6] Vgl.: Steinhaußen, Jan: Aristokraten aus Not und ihre Philosophie der zu hoch hängenden Trauben. Nietzsche-Rezeption und literarische Produktion von Homosexuellen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, Würzburg 2001, S. 84.

[7] Detering, Heinrich: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann, Göttingen 2002, S. 25.

[8] Vgl.: Mayer, Hans: Thomas Mann, Frankfurt 1980, S. 477.

[9] Mayer, Hans: Außenseiter, Frankfurt 2007, S. 262. (Erstveröffentlichung 1975)

[10] Über Manns Eheverständnis: Vgl.: Tillmann, Claus: Das Frauenbild bei Thomas Mann, Wuppertal 1991.

[11] Vgl.: Steinhaußen (2001), S. 182f.

[12] Wimmer (2005), S. 12.

[13] Mann, Thomas: Der Tod in Venedig, Frankfurt am Main 1993, S. 60.

[14] Steinhaußen (2001), S. 223.

[15] Vgl.: Wimmer (2005), S. 11.

[16] Mann (1993), S. 55.

[17] Vgl.: Delassalle (1994), S. 79.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Homosexualität in Thomas Mann "Der Tod in Venedig"
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Literaturverfilmung
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V319223
ISBN (eBook)
9783668185777
ISBN (Buch)
9783668185784
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Tod in Venedig, Homosexualität, Homoerotik, Literaturverfilmung
Arbeit zitieren
Sabrina Cornelii (Autor:in), 2008, Homosexualität in Thomas Mann "Der Tod in Venedig", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319223

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Homosexualität in Thomas Mann "Der Tod in Venedig"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden