Partnersuche mittels Online-Portalen im Kulturvergleich. Online-Dating und arrangierte Ehen


Bachelorarbeit, 2011

39 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der romantischen Liebesvorstellung
2.1 Romantische Liebe, eine Universalie?
2.2 Romantische Liebe und Online-Dating

3. PartnersucheaufOnline-Portalen
3.1FaktenüberOnline-Portale

4. Virtuelle Begegnungen und eigene Darstellung

5. ForschungsfeldundSelbstversuch
5.1 DiePartnerbörseFriendscout24.de
5.2DieSingle-BörseShopaman
5.3 Vergleich der Portale

6. Online-Dating und die arrangierte Eheschließung
6.1GeschichtederEhe
6.2 Arrangierte Ehen und Online-Portale in Indien

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich habe vor kurzen eine neue Stelle angenommen und dort viele neue Leute kennengelemt. Wir standen alle beisammen und ich fragte die junge Frau neben mir wie sie denn ihren Freund kennengelernt hat. Sie blickte verstohlen nach unten und lachte nervös „Ahm im Interner‘ antwortete Sie mit leichtem zögern. Dies war nicht das erste Mal, dass mir solch eine Reaktion begegnete. Viele Bekannte tummeln sich auf Online­Portalen, um zu Daten oder für einen Flirt. Früher noch verpönt wird das Online-Dating nun immer populärer. Die Suche nach dem richtigen Partner hat sich somit in den letzten 10 Jahren enorm verändert und das Internet spielt herbei eine größere Rolle alsje zuvor. Eber die Liebe wird und wurde immer schon am meisten gesprochen, philosophiert, gedichtet und vieles mehr. Der Diskurs über die Liebe ist somit omnipräsent. Doch was unterscheidet heutige Liebesvorstellungen von denen vergangener Jahrhunderte und wie lassen sich dies mit dem Online-Dating verbinden? Wenn heute über Liebe und vor allem über die Partnerwahl gesprochen wird, wird damit häufig freien Selektion bzw. Wahlfreiheit verbunden. Die westliche Gesellschaft grenzt sich durch dies Idealvorstellung von arrangierten Ehen und Zweckbeziehungen ab. Die Mehrzahl der westlichen Gesellschaft fühlen sich in ihrer Partnerwahl autonom, es ist nicht mehr ausschlaggebend welche Stand der Partner hat oder ob die Eltern diesen als angemessen empfinden. Arrangierte Ehen werden mit der Vergangenheit oder anderen, nicht westlichen Kulturen verbunden. Doch ist dieses Bild wirklich vertretbar, ist die Anmeldung auf einem Dating-Portal und die Praktiken einer arrangierte Ehe grundsätzlich verschieden? Online-Dating basiert auf der Idee, dass ein Partner und die Liebe durch aktive Suche gefunden werden könne. Hier kommt nun das Internet ins spiel. Mit dem Slogan „ Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single auf Parship“ (parship.de:19.12.2015) wirbt die Partnerbörse für sich und ihren „Liebes Algorithmus“. Die Datingplattformen versprechen ihren Kunden eine Partnerwahl, die effizienter ist als die gängige, auf Zufällen beruhende ( Dombrowski 2006: 227). Die Frage ist somit ob sich diese „effiziente Partnerwahl“ der Portale von den Praktiken einer arrangierten Ehe unterscheiden. Diese Arbeit beschäftigt somit mit jenen deutschen Portalen, die beim „Finden der Liebe“ behilflich sein sollen und konzentriert sich hierbei darauf, Online-Partnersuche als Forschungsgegenstand mitsamt seinen Vorteilen, Nachteilen,

Chancen und Risiken zu ergründen. Zuerst soll als Basis der Begriff der romantischen Liebe näher betrachtet werden. Danach möchte ich diesen auf die verschiedenen deutschen Online-Portale anwenden. Hierfür betrachte ich zunächst aktuelle Studien zum Thema sowie die Funktionsweise der Onlineportale anhand eines Selbstversuchs. Weiter wird das Online-Dating mit den Praktiken von arrangierten Ehen in Indien verglichen und mögliche Ähnlichkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Hierfür betrachte ich einerseits die traditionelle Eheschließung in Indien und andererseits die Nutzung von speziellen indischen Heiratsportalen.

2. Geschichte der romantischen Liebesvorstellung

In der Kunst, der Literatur und in der Musik wird die Liebe und Emotionen in zahllosen Facetten dargestellt. In der Ethnologie hingegen spielten das Themen der romantischen Liebe noch keine große Rolle. Die Abwendung von dem positivistischen Paradigma führte in der Ethnologie zwar zur vermehrten Untersuchung von Emotionen, aber die romantische Liebe wird nach wie vor relativ selten als Forschungsgegenstand betrachtet. Es lässt sich auf alle Fälle sagen, dass die romantische Liebe sehr schwer begrifflich zu definieren ist ( Dombrowski 2011:45). Die erste Frage die sich bei einer Verbindung von Ethnologie und romantischer Liebe als Forschungsfeld stellt, ist diejenige, weshalb es so wenig Untersuchungen dazu gibt. Die seltene Betrachtung der Liebe hat nach Dombrowski mehrere Hintergründe, die auf einem Geflecht von Prämissen über die Liebe beruhen. Ein zentraler Grund ist, dass die Fähigkeit, romantische Liebe zu erleben, bis in das 21. Jahrhundert zumeist als ausschließlich westliches Charakteristikum galt und damit nicht zum Forschungsbereich der Ethnologie zählte (ebd.: 46). Liebe wird aus wissenschaftlicher Perspektive vorrangig historisch, soziologisch und psychologisch betrachtet. Die Liebe gilt bei diesen Untersuchungen eher als eine soziale Kondition denn als eine Emotion. Der Eindruck, der aus solchen Darstellungen resultiert, ist, dass vor diesen Entstehungszeiträumen die Liebe nicht existiert habe. Neben Anleihen an platonischen und sokratische Liebeskonzeptionen gilt in vielen Abhandlungen das Hochmittelalter als historischer Ursprung der romantischen Liebe. Die höfische Minnedichtung wird oft als europäisches Beispiel einer der zeitgemäßen Ausdrucksform der Liebe genannt (Dombrowski 2011:45ff). Auch Luhmann datiert die historische Genese des Konzepts der romantischen Liebe im Mittelalter. Er beschreibt die romantische Liebe als Kommunikationscode. Der Minnesang mit seiner spezifischen Liebessemantik erleichterte es dem Rezipienten, in sich selbst die außergewöhnliche Emotion von Liebe zu entdecken, zu identifizieren und zu kultivieren. Luhmann geht weiterhin davon aus, dass eine Evolution des Codes Liebe auf zunehmende Individualisierung hinausläuft. Er führt aus, dass die romantische Liebe mit der französischen Aufklärung als „Passion“ dargestellt wurde und seitdem als Anzeichen wie bestimmte Gefühle als ihr zugehörig interpretiert. Auf diese Weise ist die Liebe ein Konzept, welches von immer mehr Menschen erlernt wird. Die Liebe fungiert als Ideal, das einen ersehnten Kontrast zum Alltag bildet. Zugleich bleibt Liebe eine Anomalie, fast eine Krankheit. Als Paradox der Liebe bezeichnet Luhmann die Widersprüchlichkeit von ersehntem Ideal und Krankheit ( Luhmann 1994: 57ff). Er beschreibt weiterhin, dass mit dem englischen Pietismus die Liebe als Möglichkeit einer allgemein menschlichen, soziale Klassen übergreifenden Emotion angesehen wird, während bis zur Aufklärung Liebe eine Angelegenheit des Adels und der gehobenen Stände war. Mit den sozio-ökonomischen und politischen Veränderungen des letzten Jahrhunderts wandelte sich die romantische Liebe schließlich in das Konzept, auf dem Partnerschaft und Ehe basiert.

Darstellungen wie diese von Luhmann, werfen für ethnologische Kontexte relevante Fragen auf. Bedeuten derartige Ausführungen, dass romantische Liebe außerhalb der westlichen Hemisphäre nicht existiert? Wenn es doch ähnliche Konzepte gibt , was macht nicht-westliche Liebeskonzepte aus? Selbst wenn gesellschaftliche Institutionen wie die Ehe in Deutschland noch vor 100 Jahren nicht auf Liebe basierten, darf dies nicht damit verwechselt werden, dass keine der romantischen Liebe entsprechenden Gefühle oder Emotionen existierten. Für ethnologische Studien bedeutet eine Auseinandersetzung mit der Liebe nicht, historische Forschungsparadigmen abzuweisen. Aber sie sind auch als Teil der europäische Liebesbetrachtung zu verstehen, die einen außerordentlichen Einfluss auf wissenschaftliche Praktiken mit sich bringt. (Dombrowski 2011:47)

2.1 Romantische Liebe , eine Universalie?

In ethnologischen Auseinandersetzungen mit dem Forschungsgegenstand Liebe dominiert bis Ende der 1990er Jahre die evolutionspsychologisch ausgerichtete Frage, ob die romantische Liebe eine Universalie darstellt. Jankowiak/Fischer (1992) gehen dieser Frage nach. Dabei überprüfen sie im Rahmen einer offenen Definition die Bekanntheit der romantischen Liebe in ca. 150 Kulturen. Für die Autoren bedeuten die mächtigen, europäischen und US-amerikanischen Diskurse zumeist, dass das Thema Liebe nicht in Untersuchungen einbezogen wird.

,, Indeed it has become axiomatic among Western literati the the experience of romantic passion is a mark of cultural refinement, if not obvious superiority, and that the less cultured masses are incapable of such refinement: desire and lust, yes; romance and love,no‘‘ (Jankowiak 1995:2)

Jankowiak nennt ein weiteres wichtiges Merkmal der Liebe in vielen westlichen Diskursen: die Veredelung der Sexualität. In dem sich Emotionen und physisches Begehren relational auf eine Person ausrichten, entfernen sich körperliche Bedürfnisse vom Status des Animalischen (Dombrowski 2011:48). Die Liebe ist funktional ausgedrückt, sozusagen die kulturelle Verfeinerung des körperlichen Bedürfnisses. Zugleich wird, wie bei Luhmann beschrieben, die Liebe in der Variante des Verliebtseins in westlichen Diskursen mit Auseinandersetzungen über Krankheit verbunden. Dabei wird angenommen, dass die Vernunft durch unkontrollierbare Emotionen und entsprechenden Handlungen den Verlust ihrer Vormachtposition erleidet.

Auch die soziale Norm der arrangierten Ehe muss nicht bedeuten, dass Ehen nicht aus Liebe geschlossen werden oder dass es keinerlei Normverstöße gibt. Mit diesen Erkenntnissen werden laut Dombrowski zwei wichtige Aspekte hinsichtlich romantischer Liebe angesprochen. Sie tragen dazu bei, dass die romantische Liebe als Forschungsgegenstand von der Ethnologie vernachlässigt wird. Die Aspekte sind folgende:

1. Die Annahme der romantischen Liebe als „typisch“ westlich geht mit der Idee einher, dass „ traditionelle“ bzw. nicht- westliche Gesellschaften durch den Kontakt mit europäischer bzw. amerikanischer Kultur die romantische Liebe kennengelernt und übernommen haben

1. Polygame und/oder arrangierte Ehen werden als grundsätzlicher Widerspruch zur romantische Liebe aufgefasst (ebd.:49f)

Zum ersten Punkt: Die Auffassung, dass durch den Kontakt mit dem Westen die romantische Liebe „importiert“ wird, impliziert Ethnozentrismus. Ein westliches Konzept gilt als derart anziehend, das bestehende, nicht-westliche Vorstellungen dafür aufgegeben werden. Abgesehen von der ethnozentristischen Position im Sinne eines Neokolonialismus ist es naiv anzunehmen, dass kulturelle Einflüsse einfach übergestreift werden können. Unbestreitbar findet mit vermehrtem Kontakt unterschiedlicher Gesellschaften auch kultureller Austausch und Vermischungen satt. Dennoch besteht ein beträchtlicher Unterschied zwischen der Übernahme eines Konzeptes und einer Aneignung. Bei der Aneignung werden nur Teile übernommen, welche die Kultur als wichtig oder erstrebenswert ansieht. Hierbei handelt es sich eigentlich mehr um eine Aneignung bei welcher neue Elemente einschliesslich Veränderungen und Umdeutungen integriert werden. Bereits diese Selektion und Integration basieren auf bestehenden kulturellen Vorstellungen und sozialen Umständen. ( Dombrowski 2011: S 50)

Zum zweiten Punkt: Polygamie und Liebe

Die Ausgrenzung von romantischer Liebe in nicht monogamen Ehekonstellationen wurzelt zu einem großen Teil in der westlichen Verquickung von Liebe als Zweisamkeit in Verbindung mit daraus resultierenden dyadischen Ehekonzepten. Die Verwandschaftsethnologie integriert vor diesem Hintergrund das Phänomen der romantischen Liebe nicht. Der Artikel zur Sozialethnologie der aktuellen Auflage in der „Ethnologie. Einführung und Überblick“ (Hebling 2013) stellt zum Beispiel detailliert Heiratsregeln und Verwandtschaftstypologien vor. Es werden auf der einen Seite politische und ökonomische Interessen als Begrünung der Partnerwahl behandelt z.B. Heiratsalliancen, emotionale Einflüsse werden jedoch nicht weiter behandelt. Es gibt jedoch Studien die das Gegenteil aufzeigen. Bell (1995) stellt anschaulich dar, wie manche polygyne Taita, eine Ethnie aus Südost-Kenia, aus Liebe Heiraten und er zeigt außerdem welche Probleme innerhalb der polygynen Haushalte durch dyadische Liebe entstehen können. Auch Bell ist der Meinung, dass Liebe und Lust schon lange vor der Ankunft der Europäer wichtige emotionale Konzepte waren (Dombrowski 2011: 51). Hinsichtlich polygynen Ehen wird in neueren Forschungen oft beschrieben, dass die erste Ehe oft aus ökonomischen Gründen eingegangen wird. Gesellschaftliche Verpflichtungen, Landbesitz und Allianzen gelten als triftiger Grund zu Heiraten. Sind diese Verpflichtungen dann aber erfüllt, sind nachfolgende Liebesehen keine Rarität (e.d. 2011:52). Solche Untersuchungen gehen auf die emische Sicht der Liebe ein, die sich von der westlichen Sicht unterscheidet. Gesellschaften mit Mehrfachehen und arrangierten Ehen sehen die romantische Liebe tendenziell als ein Risiko. Dies zeigt sich zum Beispiel in Indien, wo die romantische Liebe angesichts der Norm der arrangierten Ehe negativ belegt ist. Sie wird in manchen Regionen immer noch mit einer Gefährdung der Ordnung gleichgestellt. Die romantische Liebe wird daher in Indien auch oft als Verrücktheit und psychosomatische Störung klassifiziert. Zusätzlich existiert die Norm, dass Eltern oder insgesamt ältere Menschen besser in der Lage sind einen passenden Partner für junge Leute zu finden. Einige Ethnologen sind der Auffassung, dass romantische Liebe eine Folge sozialer Erwartungen sein kann. Hierzu gehört Rebhun (1995:241). Sie zeigt, dass in arrangierten Ehen aufgrund Ihrer verwandtschaftsbildenden Eigenschaften emotionale Obligationen entstehen. Durch die Ehe werden anfangs Fremde in eine Konstellation gebunden welche sozial und kulturell affektiv belegt ist. So kann die gesellschaftlich-kulturelle Erwartung, dass Liebe in der Ehe vorhanden ist, letzten Endes dazu führen, dass das Paar sich emotional aufeinander zubewegt (Dombrowski 2011: 53)

Durch die Betrachtung der romantischen Liebe wird klar, dass diese eine Vielzahl von emotionalen Zuständen vereinigen kann. Die Auswahl, welche emotionalen Gefüge als zur Liebe gehörig verstanden werden, ist kulturell und sozial determiniert. Zusätzlich könne wir feststellen, dass intrakulturell differenziertes Erleben und Verstehen eine große Rolle spielen.

2.2 Romantische Liebe und Online-Dating

Auch die Praktiken des Online-Datings knüpfen an kulturspezifische Vorstellungen und Praktiken an, setzen diese fort und erweitern sie aufgrund der technologischen Möglichkeiten. Im Rahmen des von mir untersuchten Online-Datings stellt die romantische Liebe das omnipräsente Thema dar. Wie im vorherigen Kapitel festgestellt sind Emotionalität und Gefühlsbetontheit charakteristisch für die romantischen Liebe. Demzufolge repräsentieren Emotionen bei der Partnersuche zentrale Elemente, die in unterschiedlicher Form in Erscheinung treten. Online-Dating enthält Vorgehensweisen, die Liebesvorstellungen widersprechen, aber es finden sich ebenso viele Ideen und Praktiken, die konform mit Liebesannahmen sind. Die Gegensätze sind ein integraler Bestandteil des Online-Dating. Im Rahmen der online Partnersuche stehen nach Dombrowski (2011:15) zwei kulturspezifische Liebes- und Beziehungsvorstellungen im Vordergrund: Die Auffassung, einen Partner und die Liebe durch eine aktiv gestaltete Suche zu finden und die Sicht, dass subjektiv wahrgenommene Emotionen aus dem Bereich der romantischen Liebe das entscheidende Merkmal sind, einen anderen Menschen als Partner in Betracht zu ziehen. Die Zuschreibungen und das Erleben einzelner Emotionen sind individuell. Als Erklärung sind die unterschiedlichen Schemata, die ein Online-Dater aufgrund seiner persönlichen Biografie „aktiviert“ hat, anzuführen. Trotz der individuellen Komponenten können zwei dominierende Konzepte bei den Datingvorgängen herausgearbeitet werden: Der Wunsch, sich zu verlieben und die Sehnsucht, Teil eines Paares zu sein. Je nach Situation stehen beim Online-Dating Emotionen im Vordergrund oder sie begleiten in verdeckter Form diverse Handlungen. Emotionen übernehmen eine Vielzahl von Funktionen etwa als Entscheidungshilfe, als Rückmeldung über die eigenen Befindlichkeiten, die aus einem Kontakt resultieren oder als Grund, den Kontakt zu einem Börsenmitglied abzubrechen. In der textbasierten Kommunikation per E-Mail, die face-to-face-Treffen vorangeht, werden Emotionen vorrangig implizit behandelt. Dies entspricht kulturspezifischen Vorstellungen, nach denen explizite Kommunikation über die romantische Liebe selbige bereits in Frage stellt. Parallel dazu existiertjedoch ein inhaltlich sehr direkt geführter Austausch in den Börsen. Dieser stellt die vorherigen Ausführungen keineswegs in Frage, denn Widersprüchlichkeiten sind fester Bestandteil der romantischen Liebe. Die offensive Direktheit ist darauf zurückzuführen, dass Online-Dating in seiner Eigenschaft als Internetphänomen normative Freiheiten ermöglicht (Miller/Slater 2000: 16f).

Das Aushandeln von kulturspezifischen Liebesidealen und individuellen Emotionen wird von den Online-Datern situativ vorgenommen. Auch wenn individuelle Anteile wie die Biografien der einzelnen Börsenmitglieder einen unbestreitbaren Einfluss ausüben, bilden kulturspezifische Liebesideale die Rahmenbedingungen der singulären Verhaltensweisen und des individuellen Erlebens. Dies kann soweit gehen, dass die kulturspezifischen Annahmen bestimmte Vorstellungen und Praktiken implizit limitieren. Zentral bei den Aushandlungsprozessen zwischen individuellen und kulturellen Vorstellungen sind subjektive Emotionen. Online-Dater verstehen sie als entscheidende Instanz in Dilemmata, die zwischen subjektiven Bedürfnissen und kulturellen Vorstellungen entstehen. Zu beachten ist, dass Online-Dating vielen gesellschaftlichen Kommentaren und Diskursen zum Trotz eben nicht permanent von derartigen Konflikten geprägt ist. Die romantische Liebe ist ein Modell, welches sowohl in sozio-kulturellen Annahmen wie auch im individuellen Erleben von hoher Flexibilität geprägt ist. Weil die romantische Liebe das zentrale Modell der Online-Partnersuche darstellt, finden sich immer wieder Wege für einzelne Online-Dater, die Aushandlungsprozesse zu vollziehen (Dombrowski 2011:16f) . Ambivalenz ist folglich bei dieser Form der Partnersuche omnipräsent. Entscheidend für das Verständnis, warum Menschen eine solche Situation als akzeptabel erachten, ist, dass das kulturspezifische Modell Liebe, welches dieser Partnersuche zugrunde liegt, von Ambivalenzen und Gegensätzen durchzogen ist.

3. Partnersuche auf Online-Portalen

3.1 Fakten über Online-Portale

„Liebe ist kein Zufall- dies beweisen zahllose psychologische Studien in den letzten Jahren. Das TÜV-geprüfte wissenschaftliche Matching-system von Elitepartner hilft Ihnen, Ihre neue Liebe zu finden- gezielt, einfach und effektiv“. (Dombrowski2011:91 nachelitepartner.de) Früher eher verheimlicht und verpönt ist das Online-Dating heute zu einer immer mehr gesellschaftlich akzeptierten, immer beliebteren und scheinbar auch erfolgreichen Möglichkeit der Partnersuche avanciert. Es lässt sich spekulieren, ob in unserer medienaffinen Gesellschaft die Partnersuche künftiger Generationen vielleicht irgendwann ausschließlich im Internet stattfinden könnte. Im Internet tummeln sich über 2.500 deutschsprachige Singlebörsen, Partnervermittlungen, Seitensprung­Agenturen und ähnliches. Jene bietet mittlerweile eine Reihe verschiedenster Angebote, welche jeweils auf spezifische Vorlieben spezialisiert sind. Es kann explizit nach Seitensprüngen („meet2cheat“, „lovepoint“), nach erotischen Abenteuern („joyclub“, „AdultFriendFinder“) oder nach einem potenziellen Lebenspartner gesucht werden, wobei die Portale auch hier nochmals nach Kriterien wie Alter („50plus-TrefF“),

Bildung („ElitePartner"), Religion („ChristfindetChrist“) oder sexueller Orientierung („lesarion“) unterteilt sein können ( www.singelboersenvergleich.de:22.12.2015). Der Begriff Online-Dating ist mit zahlreichen Bedeutungen belegt. Grundlegend stellt Online-Dating eine Form der Partnersuche dar. Unter dem Begriff Dating kann der erste Kontakte, ein Treffen und gemeinsame Aktivitäten zweier Menschen zusammengefasst werden mit der Option, sich zu verlieben oder bereits ineinander verliebt zu sein. Dating impliziert kein Versprechen auf eine fest Beziehung ist aber der Weg dahin, auf dem der andere quasi eine Überprüfung auf „potentieller Partner „ unterzogen wird. ( Dombrowski 2011:70ff ). Zu Beginn des neuen Jahrtausends etablierten sich zunehmend Websites zur Partnersuche im Internet, den Anstoß hierfür gab der US- amerikanische Markt. Einen statistischen Überblick über Singles in Deutschland zu erhalten, gestaltet sich nicht einfach. Nach dem Zensus des statistischen Bundestamtes 2011 , sind mehr als ein drittel aller Haushalte in Deutschland Singlehaushalte. Hierbei wird Singlehaushalt als ein Haushalt einer alleinstehenden Person definiert. Der Anteil der Singlehaushalte in Deutschland liegt bei 37,2 %; damit leben 17,1 % der Bevölkerung allein. Wie das Statistische Bundesamt anhand der Ergebnisse des Zensus 2011 weiter mitteilt, handelt es sich bei den Singlehaushalten um den häufigsten Haushaltstyp in Deutschland (destatis.de:26.12.2015). Das Internet-Portal „Singlebörsen-Vergleich.de“ hat sich seitdem darauf spezialisiert, verschiedene Singel­und Partnerbörsen zu testen und jährlich eine Studie zum Online-Dating-Markt des deutschsprachigen Raumes zu veröffentlichen. In den vergangenen fünf Jahren hat das Smartphone unser Kommunikationsverhalten deutlich beschleunigt. Weit mehr als 40 Millionen Smartphone-Nutzer zählte Deutschland 2014, die Zahl hat sich binnen weniger Jahre mehr als versechsfacht ( www.singelboersenvergleich.de:22.12.2015). Die Parallele erleben wir beim Online-Dating: Flirtmails werden über mobile Endgeräte ununterbrochen „gecheckt“ und man erwartet vom Gegenüber kürzere Antwortzeiten. Auch die Bereitschaft zu spontanen Treffen hat sich erhöht, insbesondere bei den jüngeren Nutzern. Die Suche nach einem Lebens- oder Flirtpartner hat sich damit zum Überall- und Nonstop-Dating entwickelt. Um mit dieser Entwicklung mithalten zu können, haben die Singlebörsen-Anbieter den Fokus darauf gelegt, ihre Apps technisch weiterzuentwickeln und ihr Angebot noch mehr auf die mobile Nutzung zuzuschneiden. So ist es ihnen gelungen, erstmals auch nennenswerte Umsätze über die „Smartphone­Singles“ zu generieren.

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Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Partnersuche mittels Online-Portalen im Kulturvergleich. Online-Dating und arrangierte Ehen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Kulturwissenschaften)
Note
2,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
39
Katalognummer
V319280
ISBN (eBook)
9783668185821
ISBN (Buch)
9783668185838
Dateigröße
821 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
partnersuche, online-portalen, kulturvergleich, online-dating, ehen
Arbeit zitieren
Victoria Weßel (Autor), 2011, Partnersuche mittels Online-Portalen im Kulturvergleich. Online-Dating und arrangierte Ehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319280

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