Diese Arbeit widmet sich dem Frage, warum die Wahlbeteiligung in Deutschland stetig sinkt und welchen Einfluss die soziale Selektivität hierauf hat. Die konkrete Frage hierbei lautet: welche Faktoren erklären die sinkende Wahlbeteiligung und somit die steigende Anzahl von Nichtwählern? Es wird die Hypothese aufgestellt, dass die sinkende Wahlbeteiligung in enger Korrelation zu der zunehmenden sozialen Ungleichheit in Deutschland steht.
Ein immer größer werdender Teil der deutschen Bevölkerung entscheidet sich gegen die Möglichkeit der aktiven Partizipation und bleibt am Wahltag der Wahlurne fern. Dieser Zustand ist alarmierend, da es sich bei Wahlen um den zentralen Legitimationsmechanismus repräsentativer Demokratien handelt.
Noch nie war die Wahlbeteiligung so niedrig wie bei den beiden Bundestagswahlen 2009 (70,8%) und 2013 (71,5%). Doch ein stetig voranschreitender Trend hin zu einer immer niedriger werdenden Wahlbeteiligung ist schon länger zu beobachten. Diese Entwicklung gilt nicht nur für Bundestagswahlen, sondern ebenfalls für Landtags- und Kommunalwahlen.
Zwar ist die deutsche Wahlbeteiligung im Vergleich zu anderen Nationen noch sehr hoch, doch ebenso hoch ist auch die Geschwindigkeit, mit der der Rückgang voranschreitet. Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, weil Deutschland ein besonders beteiligungsfreundliches Wahlsystem hat: die Registrierung von Wahlberechtigten erfolgt automatisch, Briefwahl ist möglich, die Wahlen finden an Sonntagen statt und das System der Verhältniswahl führt nur zu wenigen verlorenen Stimmen.
Neben politischer Beteiligung durch Wahlen gehört auch die politische Gleichheit zu den elementarsten Prinzipien einer Demokratie. Diese Gleichheit ist nicht nur als Rechtsanspruch zu verstehen, sondern realisiert sich eben auch durch politische Partizipation innerhalb eines demokratischen Systems. Trotz der rechtlichen Gleichheit besteht in Deutschland im Hinblick auf politische Partizipation eine erhebliche soziale Selektivität.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Rationalistischer Erklärungsansatz
2.2 Soziologischer Erklärungsansatz
2.3 Sozialpsychologischer Erklärungsansatz
3. Hypothesenbildung
4. Empirischer Teil
4.1 Bundestagswahlen 1972 und 2009 im Vergleich
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen für die sinkende Wahlbeteiligung in Deutschland und analysiert den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation anhand der Bundestagswahlen von 1972 und 2009.
- Theoretische Modelle der Nichtwählerforschung (Rational-Choice, Soziologischer und Sozialpsychologischer Ansatz).
- Einfluss sozioökonomischer Faktoren wie Einkommen und Bildungsgrad auf die Wahlteilnahme.
- Analyse der sozialen Selektivität bei der Stimmabgabe.
- Vergleich der Wahlbeteiligungsdaten zwischen 1972 und 2009.
- Auswirkungen der schwindenden politischen Gleichheit auf die demokratische Legitimation.
Auszug aus dem Buch
2.2 Soziologischer Erklärungsansatz
Der soziologische Ansatz erklärt Wahlverhalten in Abhängigkeit von bestimmten sozialstrukturellen Merkmalen, wie zum Beispiel Religion, Geschlecht, Lebensalter oder ethnischer Gruppenzugehörigkeit. Die beiden prominentesten Ansätze innerhalb der soziologischen Perspektive sind der mikrosoziologische Ansatz der Columbia School und der makrosoziologische Cleavage-Ansatz (Falter/Schoen 2014: 169-171). Der mikrosoziologische Ansatz, welcher aufgrund seines Ursprungs an der University of Columbia auch Columbia School genannt wird, wurde geprägt von der Forschergruppe rund um Paul F. Lazarsfeld (Falter/Schoen 2014: 171). In das Zentrum ihrer Pionierstudien „The People’s Choice“ (Lazarsfeld et al., 1944) und „Voting“ (Berelson et al., 1954) rückten die Autoren ein mikrosoziologisches Interaktionsmodell, welches auf den Soziologen Georg Simmel zurückgeht. Dieses Modell besagt, dass soziale Merkmale wie ökonomischer Status, Alter und Beruf darüber bestimmen, in welchen sozialen Kreisen eine Person sich bewegt. Jeder soziale Kreis besitzt seine eigene „(Wahl-)Norm“.
Die Befolgung dieser wird positiv belohnt, während entgegengesetztes Verhalten eventuell mit Ausschließungen sanktioniert werden kann (Roth 2008: 29-30). Die Grundlage für dieses Modell bildet das Menschenbild des „homo sociologicus“, welches auf den Soziologen Ralf Dahrendorf zurückgeht. Der „homo sociologicus“ begreift die Stimmabgabe bei einer Wahl einzig und allein als Ausdruck seiner, beziehungsweise der Einstellung seines sozialen Kreises. Im Gegensatz zum „homo oeconomicus“, welcher im rationalistischen Ansatz zum Tragen kommt, spielen individuelle Eigenschaften der Situation für den „homo sociologicus“ keine Rolle. So würde der „homo sociologicus“ auch seine Stimme für seine präferierte Partei oder Kandidaten abgeben, wenn er wüsste, dass dieser keine realistische Chance hätte ins Parlament einzuziehen und somit auch nicht seine jeweiligen Interessen vertreten könnte (Falter/Schoen 2014: 172).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den alarmierenden Rückgang der Wahlbeteiligung in Deutschland und führt die zentrale Forschungsfrage nach dem Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation ein.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel gibt einen ausführlichen Überblick über die klassischen Erklärungsmodelle der Wahlforschung, namentlich den rationalistischen, den soziologischen und den sozialpsychologischen Ansatz.
3. Hypothesenbildung: Hier werden auf Basis der theoretischen Literatur zwei Hypothesen formuliert, die den Zusammenhang zwischen niedrigerem Einkommen/Bildungsgrad und sinkender Wahlbeteiligung postulieren.
4. Empirischer Teil: Der empirische Abschnitt vergleicht die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen 1972 und 2009 und analysiert den Einfluss von Bildungsstand und Einkommen auf die politische Teilhabe anhand von Daten aus bestehenden Studien.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt den Zusammenhang zwischen sozialer Schichtung und Wahlverhalten und diskutiert die Konsequenzen für die demokratische Legitimation.
Schlüsselwörter
Wahlbeteiligung, Nichtwähler, soziale Ungleichheit, politische Partizipation, Rational-Choice, soziologischer Ansatz, Cleavage-Theorie, Einkommen, Bildung, Bundestagswahl, soziale Selektivität, demokratische Legitimation, Wahlparadoxon, Parteienidentifikation, politische Gleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen stetig sinkt und inwieweit soziale Ungleichheit – operationalisiert durch Faktoren wie Einkommen und Bildung – diesen Prozess erklärt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Nichtwählerforschung, die sozioökonomische Struktur der Wählerschaft, der Vergleich historischer Wahldaten sowie die theoretische Verankerung von Wahlverhalten in verschiedenen politikwissenschaftlichen Modellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu prüfen, ob die sinkende Wahlbeteiligung in enger Korrelation mit der zunehmenden sozialen Ungleichheit in Deutschland steht.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die bestehende theoretische Modelle der Wahlforschung erläutert und empirische Befunde aus sekundärstatistischen Analysen (insbesondere von Sebastian Bödeker) für einen Vergleich heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung theoretischer Erklärungsansätze (Rational-Choice, soziologisch, sozialpsychologisch), die Formulierung von Hypothesen und die empirische Überprüfung dieser Hypothesen anhand der Daten zu Bildung und Einkommen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Wahlbeteiligung, soziale Ungleichheit, politische Partizipation, Nichtwähler und sozioökonomischer Status.
Warum wurden gerade die Jahre 1972 und 2009 als Vergleichszeitraum gewählt?
Diese Jahre weisen die größte Divergenz bei der Wahlbeteiligung auf: 1972 erreichte sie mit 91,1 % ihren Höchststand, während sie 2009 mit 70,8 % auf einen Tiefpunkt sank, was einen idealen Vergleichsrahmen für die Untersuchung bietet.
Welche Rolle spielt der Bildungsgrad laut dieser Arbeit?
Bildung wird als entscheidender Faktor identifiziert, da sie nicht nur den Zugang zu politischen Informationen erleichtert, sondern auch das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit (political efficacy) und damit die Partizipationsbereitschaft positiv beeinflusst.
Was ist das Fazit zur demokratischen Legitimation?
Die Arbeit schlussfolgert, dass zwar noch keine akute Krise der Legitimation vorliegt, die zunehmende Unterrepräsentation einkommensschwacher Schichten jedoch die politische Gleichheit gefährdet.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2015, Soziale Ungleichheit als Faktor der sinkenden Wahlbeteiligung. Ein Vergleich der Bundestagswahlen 1972 und 2009, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319290