Soziale Ungleichheit als Faktor der sinkenden Wahlbeteiligung. Ein Vergleich der Bundestagswahlen 1972 und 2009


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Rationalistischer Erklärungsansatz
2.2 Soziologischer Erklärungsansatz
2.3 Sozialpsychologischer Erklärungsansatz

3. Hypothesenbildung

4. Empirischer Teil
4.1 Bundestagswahlen 1972 und 2009 im Vergleich

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein immer größer werdender Teil der deutschen Bevölkerung entscheidet sich gegen seine Möglichkeit der aktiven Partizipation und bleibt am Wahltag der Wahlurne fern. Dieser Zustand ist alarmierend, da es sich bei Wahlen um den zentralen Legitimationsmechanismus repräsentativer Demokratien handelt (Westle/Schübel/Heyder 2013: 476). Noch nie war die Wahlbeteiligung so niedrig wie bei den letzten beiden Bundestagswahlen 2009 (70,8%) und 2013 (71,5%) (Schäfer 2013b: 1). Doch ein stetig voranschreitender Trend hin zu einer immer niedriger werdenden Wahlbeteiligung ist schon länger zu beobachten. Diese Entwicklung gilt nicht nur für Bundestagswahlen, sondern ebenfalls für Landtags- und Kommunalwahlen (Schäfer 2013b: 1). Zwar ist die deutsche Wahlbeteiligung im Vergleich zu anderen Nationen noch sehr hoch, doch ebenso hoch ist auch die Geschwindigkeit mit der der Rückgang voranschreitet (Schäfer 2013b: 1). Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, weil Deutschland ein besonders beteiligungsfreundliches Wahlsystem hat: die Registrierung von Wahlberechtigten erfolgt automatisch, Briefwahl ist möglich, die Wahlen finden an Sonntagen statt und das System der Verhältniswahl führt nur zu wenigen verlorenen Stimmen (Schäfer 2013b: 1). Neben politischer Beteiligung durch Wahlen gehört auch die politische Gleichheit zu den elementarsten Prinzipien einer Demokratie. Diese Gleichheit ist nicht nur als Rechtsanspruch zu verstehen, sondern realisiert sich eben auch durch politische Partizipation innerhalb eines demokratischen Systems (Bödeker 2012: 5). Trotz der rechtlichen Gleichheit besteht in Deutschland im Hinblick auf politische Partizipation eine erhebliche soziale Selektivität.

Diese Arbeit widmet sich dem Thema, warum, trotz der durchaus guten Voraussetzungen, die Wahlbeteiligung in Deutschland stetig sinkt und welchen Einfluss die soziale Selektivität hierauf hat. Die konkrete Frage dabei ist: welche Faktoren erklären die sinkende Wahlbeteiligung und somit die steigende Anzahl von Nichtwählern? Die Hypothese lautet, dass die sinkende Wahlbeteiligung in enger Korrelation zu der zunehmenden sozialen Ungleichheit in Deutschland steht. Der Begriff der sozialen Ungleichheit soll definiert werden als ungleiche Verteilung von Ressourcen, die zu unterschiedlichen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe, in diesem Fall also zu Unterschieden in der politischen Partizipation, führen kann (Bödeker 2012: 7). Im Folgenden soll sich auf die immateriellen Ressourcen Einkommen und Bildung beschränkt werden, da diese als wesentliche Bestimmungsfaktoren für gesellschaftliche und politische Teilhabe angesehen werden (Bödeker 2012: 8). Eine OECD-Studie besagt, dass die Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren in Deutschland erheblich stärker gewachsen ist, als in den meisten anderen OECD-Ländern (Bödeker 2012: 2). Für die Untersuchung ausgewählt wurden die beiden Bundestagswahlen 1972 und 2009. Der Grund hierfür ist die große Divergenz der Wahlergebnisse dieser beiden Wahlen. 1972 war die Wahlbeteiligung mit 91,1% die höchste gemessene in der Bundesrepublik Deutschland. 2009 hingegen erreichte sie ihr bisher niedrigstes Ergebnis mit 70,8% (Marschall 2011: 52). Unter zu Hilfenahme der bestehenden Literatur soll untersucht werden, unter welchen Bedingungen die extrem divergierenden Wahlbeteiligungen von 1972 und 2009 zustande gekommen sind und ob sich die Hypothese, dass diese Divergenz stark von der sozialen Struktur abhängt, bestätigen lässt. Bis in die 1970er Jahre war das Forschungsinteresse am Thema Wahlbeteiligung eher gering, was vor allem damit zu erklären ist, dass die Beteiligung zu dieser Zeit vergleichsweise hoch war. Doch mit dem danach beginnenden Trend der sinkenden Wahlbeteiligung stieg auch die Zahl der Forschungsarbeiten, die sich mit diesem Thema auseinandersetzten (Falter/Schoen 2014: 438). Dieser Forschungsstrang, der auch als Nichtwählerforschung bezeichnet wird, greift auf theoretische Ansätze aus der Wahl- und Partizipationsforschung zurück. Die klassischen Wahlverhaltenstheorien umfassen drei Ansätze: den rationalen (Rational Choice-), den soziologischen und den sozialpsychologischen Ansatz (Falter/Schoen 2014: 439). Ersteres Erklärungsmodell, welches auf Anthony Downs (1957) zurückgeht, stellt den Wähler als rational handelnden Akteur dar. Vor einer Wahl wägt dieser Kosten und Nutzen ab und entscheidet danach, an der Wahl teilzunehmen oder nicht (Falter/Schoen 2014: 446). Der soziologische Ansatz hingegen betrachtet die Beziehung zwischen soziostrukturellen Merkmalen und Wahlverhalten. Er hebt die Bedeutung der Merkmale hervor, welche für die Herausbildung bestimmter politischer Einstellungen stehen und somit mit hoher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Wahlverhalten nach sich ziehen. Prägend sind in dem soziologischen Ansatz zwei klassische Studien, welche zwei unterschiedliche Ebenen behandeln: der mikrosoziologische Ansatz der Columbia School und der makrosoziologische Cleavage-Ansatz (Falter/Schoen 2014: 464). Während der mikrosoziologische Ansatz maßgeblich durch die Forschungen von Lazarsfeldt, Berelson und Gaudet geprägt wurde, steht der makrosoziologische Ansatz in Verbindung zu den beiden Forschern Lipset und Rokkan (Kleinhenz 1995: 23) (Falter/Schoen 2014: 464).

Das dritte und letzte Modell ist der sozialpsychologische Ansatz, welcher an der University of Michigan in Ann Arbor entstand. Diesem Ansatz nach kann die Wahlbeteiligung auf drei zentrale Faktoren zurückgeführt werden: die Parteiidentifikation, die Themen- und die Kandidatenorientierung (Falter/Schoen 2014: 454).

2. Theoretische Grundlagen

Im Folgenden wird noch einmal ausführlich auf die bereits genannten drei zentralen Ansätze der Nichtwählerforschung eingegangen. Des Weiteren soll geprüft werden, welche der Theorien am ehesten für die Untersuchung der von mir vermuteten Zusammenhänge zwischen Wahlbeteiligung und sozialer Ungleichheit geeignet ist.

2.1 Rationalistischer Erklärungs ansatz

Der rationalistische oder auch Rational-Choice Ansatz stellt den Bürger als rationalistisch denkenden und handelnden Akteur dar. Ob dieser an einer bevorstehenden Wahl teilnimmt oder nicht, ist eine reine Kosten-Nutzen-Abwägung. Als Kosten des Wählers bei einer Wahl gelten Informations-, Entscheidungs-, und Opportunitätskosten. Zunächst muss sich der Wähler vor einer Wahl über die möglichen Alternativen informieren, sich daraufhin seine Meinung bilden und letztendlich für einen Kandidaten beziehungsweise eine Partei entscheiden. Ebenfalls entstehen dem Wähler Kosten, wenn er sich entschließt das Wahllokal aufzusuchen, statt seine Zeit anderweitig zu nutzen. Dies sind die sogenannten Opportunitätskosten. Und schließlich gibt es in einigen Staaten auch noch wahlspezifische Kosten, wie zum Beispiel die Registrierung oder die Entrichtung einer Wahlsteuer (Falter/Schoen 2014: 446). Der potenzielle Nutzen einer Stimmabgabe des Wählers ergibt sich aus den zu erwartenden Vorteilen, die entstehen, wenn der präferierte Kandidat die Wahl gewinnen sollte (Falter/Schoen 2014: 446). Wenn der Wähler also davon ausgeht, dass seine Stimme diesem präferierten Kandidaten nicht zu einem Wahlsieg verhelfen kann, wird er der Wahlurne fernbleiben, da die Kosten den zu erwartenden Nutzen übersteigen. Diese logische Schlussfolgerung, welche auf das Downsche Modell zurückgeht, steht allerdings im Widerspruch zu der relativ hohen Wahlbeteiligung in westlichen Demokratien. Dieser Widerspruch ist als sogenanntes „Wahlparadoxon“ in die Literatur eingegangen (Falter/Schoen 2014: 333). Um dieses Paradoxon aufzulösen, versuchten einige Forscher das Modell um weitere, vor allem sozialpsychologische, Randbedingungen zu erweitern. Riker und Ordeshook bspw. führten 1968 in ihrem Aufsatz „A Theory of the Calculus of Voting“ im Magazin „American Political Science Review“ Wahlbeteiligung als Bürgerpflicht, Bekundung von Unterstützung für Land und politisches System, Ausdruck parteipolitischer Loyalität oder auch Spaß am Wahlakt an sich als zusätzliche Faktoren einer rationale Wahlentscheidung ein. Diesem Lösungsversuch wurde allerdings vorgeworfen, dass er nicht mit den Prämissen der Rational Choice Theorie vereinbar sei und einige Forscher kamen sogar zu dem Schluss, dass sich der Rational-Choice Ansatz gar nicht auf die Wahlbeteiligung anwenden ließe (Falter/Schoen 2014: 447).

2.2 Soziologischer Erklärungsansatz

Der soziologische Ansatz erklärt Wahlverhalten in Abhängigkeit von bestimmten sozialstrukturellen Merkmalen, wie zum Beispiel Religion, Geschlecht, Lebensalter oder ethnischer Gruppenzugehörigkeit. Die beiden prominentesten Ansätze innerhalb der soziologischen Perspektive sind der mikrosoziologische Ansatz der Columbia School und der makrosoziologische Cleavage-Ansatz (Falter/Schoen 2014: 169-171). Der mikrosoziologische Ansatz, welcher aufgrund seines Ursprungs an der University of Columbia auch Columbia School genannt wird, wurde geprägt von der Forschergruppe rund um Paul F. Lazarsfeld (Falter/Schoen 2014: 171). In das Zentrum ihrer Pionierstudien „The People’s Choice“ (Lazarsfeld et al., 1944) und „Voting“ (Berelson et al., 1954) rückten die Autoren ein mikrosoziologisches Interaktionsmodell, welches auf den Soziologen Georg Simmel zurückgeht. Dieses Modell besagt, dass soziale Merkmale wie ökonomischer Status, Alter und Beruf darüber bestimmen, in welchen sozialen Kreisen eine Person sich bewegt. Jeder soziale Kreis besitzt seine eigene „(Wahl-)Norm“. Die Befolgung dieser wird positiv belohnt, während entgegengesetztes Verhalten eventuell mit Ausschließungen sanktioniert werden kann (Roth 2008: 29-30). Die Grundlage für dieses Modell bildet das Menschenbild des „homo sociologicus“, welches auf den Soziologen Ralf Dahrendorf zurückgeht. Der „homo sociologicus“ begreift die Stimmabgabe bei einer Wahl einzig und allein als Ausdruck seiner, beziehungsweise der Einstellung seines sozialen Kreises.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheit als Faktor der sinkenden Wahlbeteiligung. Ein Vergleich der Bundestagswahlen 1972 und 2009
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V319290
ISBN (eBook)
9783668184411
ISBN (Buch)
9783668184428
Dateigröße
1037 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlbeteiligung, Politik, Demokratie, Wahl, soziale Ungleichheit
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Soziale Ungleichheit als Faktor der sinkenden Wahlbeteiligung. Ein Vergleich der Bundestagswahlen 1972 und 2009, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319290

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Ungleichheit als Faktor der sinkenden Wahlbeteiligung. Ein Vergleich der Bundestagswahlen 1972 und 2009



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden