Filmanalyse von François Truffauts "Fahrenheit 451" und Vergleich mit Ray Bradburys Romanvorlage


Essay, 2009

10 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Tobias Schmitt Filmanalyse von François Truffauts Fahrenheit 451 und Vergleich mit der Romanvorlage von Ray Bradbury Ray Bradburys Klassiker "Fahrenheit 451" handelt von einer Zukunft, in welcher der Besitz und das Lesen von Büchern verboten ist. Guy Montag ist Feuerwehrmann. Doch die Aufgabe der Feuerwehr ist nicht länger das Löschen des Feuers, sondern vielmehr das Verbrennen von Büchern - denn diese machen die Menschen unglücklich und beschwören Unheil herauf, so heißt es. Eines Tages begegnet Montag dem jungen Mädchen Clarisse, die großen Einfluss auf ihn ausübt und ihn letztlich sogar zur Lektüre eines Buches animiert. Damit nimmt das Schicksal des Protagonisten seinen Lauf. Im Folgenden möchte ich den Roman mit der Verfilmung von François Truffaut und Jean-Louis Richard vergleichen. Hierbei wurde die deutschsprachige Version begutachtet. Zuerst richten wir unser Augenmerk auf den Vorspann. Dieser ist insofern ungewöhnlich, dass keine Schriftzüge auf der Bildfläche erscheinen, wie in vermutlich jedem anderen Film üblich. Der Titel, der Regisseur, die beteiligten Schauspieler sowie weitere Informationen werden von einer eintönigen, wenig emotionalen Frauenstimme verkündet. Unterlegt sind die Bilder in übertrieben grellen Farben und stets bewegt sich die Kamera auf eine Hausantenne zu. Sogleich wird uns also das Bild einer Gesellschaft vermittelt, welche dem geschrieben Wort abgeschworen hat. Der Tonlaut lässt auf eine unsympathische, stereotype Sprecherin schließen – ein Hinweis auf den im späteren Filmverlauf noch häufig thematisierten Verlust der menschlichen Individualität. Die pinken, grünen und roten Bildschirmfärbungen bereiten uns zusätzlich das Gefühl, dass die Menschen dieser Zeit einer übersteigerten Reizüberflutung ausgesetzt werden. In den folgenden Abschnitten wird der Film einer eingehenden Analyse unterzogen. 1. Wir beobachten, wie sich der rote Einsatzwagen der Feuerwehr einem Ziel nähert. Die Szene wirkt schnell, geradezu hektisch, und wird durch eine ebenso rasante wie bedrohliche Melodie untermalt. Dann legt sich die Musik und wir sehen, wie ein Mann, der im Film eine Nebenrolle übernimmt, am Tisch sitzt und einen Apfel isst. Kurz darauf wird er von einer ihm scheinbar unbekannten Frau angerufen. Nun lässt sich ein interessantes Kameraspiel verfolgen. Jedes Mal, wenn die weibliche Stimme ihre Warnung wiederholt, wird der Mann in einem harten Übergang herangezoomt - es beginnt also in der Halbnahen und endet schließlich in der Großansicht, bei der fast nur noch sein Kopf im Bild zu erkennen ist. Die ehemals ruhige Stimmung ändert sich schlagartig und der Mann flüchtet, kurz bevor die Feuerwehr eintrifft. Durch solche Methoden gelingt es den Autoren sehr gut, den Zuschauer auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Anschließend erfolgt die Hausdurchsuchung durch die Feuerwehrmänner. Sobald diese im Lampenschirm das erste Buch vorfinden, wird eine besonders unbehagliche Melodie eingespielt. Diese macht unmissverständlich deutlich, das Bücher in dieser Zeit als etwas Schlimmes, sogar Unheilvolles angesehen werden. Nachfolgend ist die Verbrennung der Bücher im Kreise von Schaulustigen zu sehen, wobei das rot-orange Feuer besonders intensiv aus dieser ansonsten farblich so tristen Szenerie hervorsticht. Auch der Feuerwehrwagen, der zuvor durch die Landschaft gefahren ist, erscheint in einem knalligen Rot, welches Gefahr signalisiert. Insgesamt erwecken die Feuerwehrmänner hier keine Sympathie beim Zuschauer. Sie verkörpern eine kaltherzige Autorität, die Angst in der Bevölkerung verbreitet. Die Überblendung in die Folgeszene geschieht, indem sich das Bild ebenfalls in roter Farbe auflöst. 2. Nun kommt es in einer Schwebebahn zur eigentlichen Einführung Guy Montags als Hauptcharakter. Dies gelingt den Filmautoren zunächst ohne Einsatz von Worten. Die Mimik von Schauspieler Oskar Werner zeigt große Unzufriedenheit: Er blickt nach unten und hält die Augen halb geschlossen. Allein hierdurch wird uns vermittelt, dass dieser Mann nicht glücklich ist. Nun ereignet sich die erste Begegnung zwischen dem Mädchen Clarisse, gespielt von Julie Christie, und Montag. Im Buch findet diese Szene bei Dunkelheit auf einem Gehweg statt, womit Bradbury eine wohl eher romantische Begebenheit skizzieren will. Truffaut dagegen wählt ein alltäglicheres Setting und spielt hier erneut auf eigensinnige Weise mit der Musik, welche zwar romantisch beginnt, aber äußerst traurige Töne beinhaltet. Zudem ist Clarisse kein siebzehnjähriges Mädchen, als welches sie von Bradbury eingeführt wurde, sondern zwanzig und bereits Lehrerin auf Probe - ein vollkommen neuartiger Aspekt. Der Dialog zwischen den beiden Protagonisten unterscheidet sich in Wortwahl und Reihenfolge vom Original, orientiert sich inhaltlich aber unverkennbar an der Romanvorlage. Dennoch häufen sich schon zu Beginn die Eigeninterpretationen. So lässt sich beispielsweise bereits erahnen, dass Clarisse durchaus belesen ist, da sie Montag die Phrase "nicht ganz bei Trost"[1] erklärt, als hätte sie ein imaginäres Wörterbuch aufgeschlagen. Dem Zuschauer wird ebenfalls nicht entgehen, dass Montag mit einer deutlich weicheren, freundlicheren Stimme spricht, als die meisten anderen Charaktere - ein signifikanter Hinweis auf seine Andersartigkeit. 3. In der vorherigen Szene behauptete Montag, dass Clarisse seiner Frau ähnlich sähe - dies wird nun bestätigt, da Linda, die Frau des Feuerwehrmanns, ebenfalls von Julie Christie verkörpert wird. Die beiden Damen treten kein einziges Mal in der gleichen Szene auf, sodass die Doppelbesetzung ideal funktioniert. Möglicherweise verfolgen die Macher die Absicht, praktisch die gleiche Person in gänzlich unterschiedlichen Charaktertypen darzustellen: Einerseits die gebildete, belesene und lebensfrohe Person und als negativ behafteter Gegensatz die oberflächliche Ehefrau, selbstsüchtig und gleichgültig gezeichnet. Montag sieht sich mit einer beruflichen Beförderung konfrontiert, die im Buch nicht thematisiert wird. Dies erzählt er seiner Frau, die jedoch desinteressiert wirkt. Dies wird hier dadurch verdeutlicht, dass sie sehr verzögert auf seine Aussage reagiert und ihre Anerkennung schließlich äußerst gekünstelt zum Ausdruck bringt. Nicht zum letzten Mal wird Linda hier als egoistische und verwöhnte Ehefrau dargestellt, die sich lediglich nach einer möglichen Gehaltserhöhung erkundigt, die sie wiederum für sich beanspruchen möchte ("Ich möchte lieber eine zweite Bildwand."[2] ). Linda, im Buch Mildred genannt, hegt zudem komplett andere Interessen als Guy, der ihre "Fernsehfamilie" nicht leiden kann. Letztendlich liegen sie gemeinsam im Bett, jeder ist mit sich alleine beschäftigt und Guy blättert durch eine comicartig illustrierte Zeitung. Dem Zuschauer sticht sofort ins Auge, dass dieses Medium nur aus bunten Bildern besteht, die keine Texte beinhalten. Es wird also erneut angedeutet, dass das gelesene Wort aus dieser Welt verbannt wurde. Somit wird diese Szene zur Darstellung jener trostlosen Ehe genutzt. Schnell wird offenkundig, wie wenig sich beide zu sagen haben. Bei Bradbury hingegen, der dasselbe Bild des Ehepaars vermittelt, findet Guy Mildred bereits zu Anfang bewusstlos vor, was im Film erst später geschieht. Während Bradbury also direkt Dramatik aufkommen lässt, weiht Truffaut den Zuschauer eher langsam in die Verhältnisse zwischen den Charakteren ein. 4. Erneut folgen wir der Feuerwehr, dieses Mal auf dem Weg zur Feuerwache. Dabei werden interessante Kameratechniken angewandt. Zunächst ist der Feuerwehrwagen nur aus der Ferne zu beobachten. Anschließend fährt die Kamera praktisch auf dem Wagen mit und zeigt die Feuerwehrmänner von hinten in der Halbtotale. Zuletzt kann man das Geschehen praktisch aus der Sicht der Feuerwehrmänner verfolgen: Unser Blick ist auf die Motorhaube sowie die Kühlerfigur mit dem Salamander gerichtet, die den Mittelpunkt des Bildschirms einnimmt, während sich das Gefährt der Einfahrt der Zentrale nähert. Anschließend wird eine Szene gezeigt, in der Montag Feuerwehrschüler unterrichtet - eine Begebenheit, die sich im Roman ebenfalls nicht zuträgt. Montag instruiert sie im Aufspüren von Büchern. Zwei Knaben werden während des Unterrichts zu Montags Vorgesetztem gerufen, kurze Zeit später wird er selbst zum Gespräch gebeten. Im Warteraum kann Montag eine Konversation zwischen den beiden Feuerwehrschülern erhaschen. Daraus geht hervor, dass sich die beiden vor drohendem Ärger fürchten. Es wird nicht ersichtlich, welche Untat die jungen Männer begangen haben, aber anhand der bisherigen Handlung wird der Zuschauer seine eigenen Vermutungen anstellen. Vermutlich haben sie also Bücher versteckt oder darin gelesen. Schließlich unterhält sich Montag mit seinem Vorgesetzten über die anstehende Beförderung. Dieser Dialog enthält Textpassagen, die im Buch an anderen Stellen vorkommen. Im späteren Verlauf des Romans weigert sich Montag, zur Arbeit zu erscheinen und täuscht eine Krankheit vor. Daraufhin stattet sein Chef ihm zuhause einen persönlichen Besuch ab und führt eine längere Unterhaltung mit ihm. Allerdings wurde im Film einiges komplett anders gelöst, weshalb sich direkte Vergleiche stellenweise als schwierig erweisen.

[...]

[1] Fahrenheit 451. R.: François Truffaut. GBR 1966. TC: 00:08:05-00:08:13.

[2] Fahrenheit 451. 1966. TC: 00:13:07-00:13:08.

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Details

Titel
Filmanalyse von François Truffauts "Fahrenheit 451" und Vergleich mit Ray Bradburys Romanvorlage
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Veranstaltung
Medien und Kommunikation
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V319312
ISBN (eBook)
9783668184442
ISBN (Buch)
9783668184459
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ray Bradbury, Francois Truffaut, Film, Science Fiction, Literatur, Dystopie, Filmkunst
Arbeit zitieren
Tobias Schmitt (Autor), 2009, Filmanalyse von François Truffauts "Fahrenheit 451" und Vergleich mit Ray Bradburys Romanvorlage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319312

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