Identität und Fremdwahrnehmung in deutsch-türkischer Literatur. Feridun Zaimoglus „Liebesmale, scharlachrot“


Hausarbeit, 2012

21 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fremdheitsforschung
2.1 Fremdwahrnehmung und Fremdverstehen
2.2 Extremformen der Fremdwahrnehmung

3. Stereotypen – und Vorurteilsforschung
3.1 Definition und Abgrenzung der Begriffe

4. Identitätstheorien
4.1 Personale Identität
4.2 Kollektive Identität

5. Feridun Zaimoglu – Liebesmale, scharlachrot

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Fremdwahrnehmung und Fremdheitserfahrungen waren in allen Zeiten stets vorhandene Phänomene, die unterschiedliche Reaktionen, abwehrende wie aufnehmende, hervorriefen"1. Fremdheit und Fremdheitserfahrungen sind im Film, als auch in der Literatur ein Motiv, das zum Grundbestand literarischer Produktion gehört. Darunter fällt beispielsweise die Reiseliteratur, welche aber auch immer die Rückkehr in die Heimat impliziert, dem gegenüber steht der Begriff Fremdheit in Zusammenhang mit Migrationserfahrungen. Hier existiert eine doppelt konstante Fremdheitserfahrung. Zum einen die Fremdheit im Gastland, zum anderen das Gefühl sich von seiner Heimat zu entfremden. Folglich spielt das Fremdheitsschema vor allem bei Autoren mit Migrationshintergrund eine übergeordnete Rolle. Laut Bettina Baumgärtel "[...] ist es der Parameter des Fremden, an dem sich die Identität der Migranten festmacht. Das Fremde stellt sich als Anlass, Bezugspunkt, Reibefläche und Kontrastfolie der Identität der Migranten dar."2 Aus diesem Grund beschäftigt sich diese Arbeit vor allem mit der Frage der Identität und Fremdwahrnehmung in Zusammenhang mit Migration in Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund.

Fremdheit und Migration sind allerdings keinesfalls als feststehende Begriffe zu verstehen, je nach persönlicher und finanzieller Ausgangslage, Bildungshintergrund und spezifischer Motivation, sind sie mit individuellen Erfahrungen verbunden. Schaut man sich verschiedene Generationen mit Migrationserfahrungen an, fallen Unterschiede auf. Während sich die erste Migrantengeneration vor allem mit dem Zurechtfinden in einer neuen Umgebung, mit einer neuen Sprache beschäftigte, sind die nächsten Generationen vor allem von dem Konflikt zwischen Selbst - und Fremdbildern betroffen. Dabei spielen das Ausbalancieren von Fremdheitszuschreibungen seitens Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft und der individuelle Wunsch nach Selbstverortung eine große Rolle.

Diese Arbeit versucht folgend Fremdheits- / erfahrungen, - wahrnehmungen und vor allem - vorurteile wissenschaftlich zu betrachten. Dafür bedient sie sich der Sozialwissenschaften und der darin enthaltenen Fremdheitsforschung, sowie Vorurteilsforschung. Anschließend soll auch die Identität näher betrachtet werden und anhand von verschiedenen Identitätsmodellen der Blick auf Migrationsliteratur gerichtet werden. Diese soll auf bewusste und unbewusste Verwendung von Fremdheitsschemata überprüft werden, um abschließend die Frage des Identitätskonflikts im Zusammenhang mit Migration in der Literatur zu klären.

2. Fremdheitsforschung

2.1 Fremdwahrnehmung und Fremdverstehen

Einen Menschen, der sich in einer doppelt konstanten Fremdheitserfahrung befindet, benennt die Soziologie als "Marginal Man".

"Ein Mensch, der am kulturellen Leben und den Traditionen zweier verschiedener Völker teilhat und darin lebt, niemals ganz bereit - selbst wenn er es könnte und dürfte -, mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Traditionen zu brechen, und in der neuen Gesellschaft, wo er nur heimisch zu werden sucht, wegen der rassischen Vorurteile nur halb geduldet. Ein Mensch am Rande zweier Kulturen und zweier Gesellschaften, die einander niemals ganz durchdrangen und nie verschmolzen."3

Eine Ursache für diesen Konflikt besteht vor allem in der Wahrnehmung der Fremdheit oder Andersheit.

Die Wahrnehmung und Zuschreibung von Fremdheit muss keiner objektiven Nichtzugehörigkeit entsprechen, sondern ist vielmehr subjektiv und situationell bestimmt. Die Subjektivität der Wahrnehmung lässt sich auch anhand eines häufig auftretenden Paradoxons belegen.

Man kann häufig beobachten, dass in Deutschland geborene und aufgewachsene Angehörige der zweiten oder dritten Generation von Migranten, die über muttersprachliche Deutschkenntnisse und einen deutschen Pass verfügen, als fremd und ausländisch wahrgenommen werden, während die Fremdheit von Angehörigen anderer Nationen wie Schweden, Dänen, Engländern oder weißen US - Amerikanern, unter Umständen nicht einmal registriert wird. Die Ursache ist darin zu finden, dass Fremdheit und Fremdwahrnehmung nicht gleich eine Folge von Andersheit ist, sondern vielmehr ein Interpretatment (=Deutungsmittel).

In der Wahrnehmung von Andersheit werden Unterschiede in körperlichen Merkmalen in der Regel als physiognomische Merkmale interpretiert und als individuelle Ausdruckswerte geschätzt, andere Merkmale der Gestalt, wie z.B. Hautfarbe, eine bestimmte Kräuselung der Haare, oder eine bestimmte Krümmung der Nase werden nicht individual - physiognomisch, sondern als biologische Rassenmerkmale betrachtet.

Fremdheit ist folglich ein Interpretatment der Andersheit. Es ist demnach nichts, was objektiv und an sich mit einer Sache verbunden ist. Entscheidend für die Wahrnehmung als etwas Fremdes ist vielmehr die jeweilige Perspektive, soziale Konventionen und persönliche Motive. Es ist demnach ungleich dem Anderen, sondern stets das aufgefasste Andere.

Das aufgefasste Andere ist situationsabhängig. In einem anderen Kontext kann der Sachse für den Baden - Württemberger, oder der Schweizer für den Deutschen als Fremd wahrgenommen werden. Fremdheitskonstruktionen dienen somit vor allem der eigenen Abgrenzung. Fremdwahrnehmung ist damit auch immer ein Beziehungsaspekt. Fremdheit ist eine relative Größe und drückt ein Verhältnis zwischen dem wahrnehmenden Subjekt und dem Objekt aus. Eine Aussage über Andere ist somit stets eine Selbstoffenbarung und enthüllt das Eigenbild. Dies zeigt sich in der Konstruktion von Feindbildern, die beispielsweise einer Stärkung des nationalen Selbstbildes dienen.

2.2 Extremformen der Fremdwahrnehmung

Die Konfrontation mit Fremdheit löst ambivalente Reaktionen aus. Einerseits weckt es Neugier, stimuliert und fasziniert, bis hin zur Idealisierung des Fremden. Andererseits wird Fremdheit immer wieder als Bedrohung wahrgenommen und führt zu ablehnenden xenophoben (Xenophobie = Fremdenfeindlichkeit) Haltungen. Nach Alois Wierlacher geht die ablehnende Haltung dabei auf menschliche Grunderfahrungen zurück: "Unbekanntes weckt vielfach Angst; entsprechende Erfahrungen sind, wie das Fremdeln von Säuglingen anzeigt, anthropologische Konstanten. Die Erfahrung des Kleinkindes, dass Fremdheit an Trennung gemahnt, bleibt eine der Quellen von Angst und Schuldgefühlen, deren Abwehr durch die Xenophobie, durch die Vermeidung des Fremden, ermöglicht werden soll."4 Die Ablehnung des Fremden drückt sich immer in einer strikten Abgrenzung von diesem aus, häufig durch die Verwendung asymmetrischer Gegenbegriffe, wie z.B. Gläubige und Ungläubige, Zivilisierte und Wilde. Während das Fremdverstehen, wie zuvor bereits erwähnt, immer auch einen Beziehungsaspekt beinhaltet, schließen diese Gegenbegriffe jegliche Beziehung zwischen Subjekt und Objekt aus und stehen somit für einen Mechanismus der "absoluten Ausschließung".

Im Gegensatz zur Xenophobie steht die Idealisierung des Fremden, die in den Sozialwissenschaften als Exotismus bezeichnet wird. Hier wird das Fremde einer bestimmten Aura zugeordnet. Die Anziehungskraft wird umso höher, desto unbekannter die fremde Kultur ist. Ein Beispiel hierfür wäre die Vorstellung vom "edlen Wilden". Verbunden mit solchen Vorstellungen ist fast immer die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Im Exotismus drückt sich daher ein utopischer oder eskapistischer Traum von einem besseren Leben aus.

Für beide Wahrnehmungsweisen spielt der Begriff der Projektion eine entscheidende Rolle. Der von Sigmund Freud eingeführte Begriff wird häufig zur Erklärung von xenophoben und exotistischen Reaktionsweisen herangezogen. Projektionen dienen in diesem Kontext der Übertragung unerwünschter eigener Charakterzüge und Motive auf Mitglieder einer sozialen Gruppe. Dies betrifft insbesondere Minderheiten, Ausländer, Angehörige einer anderen Religion und Menschen anderer Hautfarbe. Verdrängtes und Unerwünschtes führt zu xenophoben Reaktionen, wohingegen Wünsche und Sehnsüchte auf fremde Kulturen übertragen zu Idealisierung führen können.

Das xenophobe Verhaltensweisen problematisch sein können, erscheint logisch, hier wird das Fremde abgewertet um sich selbst aufzuwerten, aber auch Exotismus ist kritisch zu betrachten. Sie erscheint zunächst als positive Wahrnehmungsweise, da mit dem Fremden Sehnsüchte und Wünsche verknüpft werden. Diese Zuschreibungen entmündigen allerdings das Fremde, da es selbst nicht mehr die Möglichkeit zur Korrektur hat und dauerhaft diese Charakteristika zugesprochen bekommt.

Betrachtet man beispielsweise das Deutschlandbild in anderen Nationen findet man sowohl die Idealisierung zum "Land der Dichter und Denker" als auch die Einschätzung eines "barbarischen und militaristischen Landes". Dieses Beispiel zeigt, dass beide Wahrnehmungsformen auch nebeneinander auftreten können.

Da beide Wahrnehmungsformen das Fremde auf einen Faktor reduzieren, dem Negativen oder dem Positiven, sind sie nicht für eine differenzierte Fremdwahrnehmung geeignet. Alle Reaktionen, die unreflektiert von einer der beiden Formen bestimmt sind, haben einen geringen Aussagewert und sind für die weiteren Überlegungen zu vernachlässigen.

3. Stereotypen – und Vorurteilsforschung

3.1 Definition und Abgrenzung der Begriffe

Stereotype finden sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens wieder. Ob in Zeitungen, Fernsehen, der Literatur, oder in privaten und öffentlichen Gesprächen, sie sind Teil des Alltags. In den Medien werden Stereotype oftmals gezielt eingesetzt, um durch höhere Aufmerksamkeit einen höheren Absatz zu erzielen. Demgegenüber stehen laut Günther Blaicher5 die großen Werke der Literatur, die in der Lage sind Vorurteile zu überwinden. Blaicher behauptet folglich, dass der Erfolg vieler Autoren vor allem auf die Verwendung von Vorurteilen zurückgeht und ordnet diese Literatur der Trivialliteratur unter. Ohne auf die Einordnung von „großer Literatur“ und „Trivialliteratur“ weiter einzugehen, lässt sich feststellen, dass Vorurteile, Stereotype und Klischees bewusst oder unterbewusst immer eine Rolle spielen.

In diesem Forschungsbereich spielen die Begriffe Stereotyp, Vorurteil und Klischee eine große Rolle. Um mit diesen Begrifflichkeiten arbeiten zu können, müssen diese zunächst definiert und voneinander abgegrenzt werden.

Der Begriff Stereotyp kommt vom griechischen „stereos“, starr, unbeweglich, fest und „typos“, Eindruck, Muster, Abdruck. Demnach handelt es sich um starre mentale Bilder, die weit verbreitet sind und stark schematisierende Vorstellung, die eine Gruppe von Menschen von einer anderen Gruppe oder von sich selbst hat, abbildet6. Stereotype weisen eine erstaunliche Resonanz gegen rationale Kritik auf und sind in der Regel unabhängig von eigenen Erfahrungen. Folglich führt nicht mal Erlebtes zur Infragestellung des Stereotypen, sondern wird als Ausnahme von diesem gewertet. Sie sind damit hartnäckig und erfahrungsresistent.

Die Vermehrung interkultureller Kontakte führt automatisch zu einer Reduzierung stereotyper Wahrnehmungsformen und erscheint in diesem Zusammenhang als eine oft angenommene These, die nicht haltbar ist. „Dynamik und Intensivierung interkultureller Kontakte führen keineswegs, wie häufig angenommen, zwangsläufig zum Abbau von Vorurteilen und zur Ablösung stereotyper und / oder vorurteilsbehafteter Formen durch kognitiv komplexere Strukturen der Fremdwahrnehmung, sondern können auch zu ihrer Verstärkung und Verhärtung führen.“ Die starren mentalen Bilder prägen sich so stark ein, dass entsprechende Bilder so wahrgenommen werden, dass sie sich immer wieder selbst bestätigen.

Die Forschung unterscheidet zwischen Autostereotypen, dem Selbstbild einer Gruppe von Menschen und Heterostereotypen, dem Bild welches sich eine Gruppe von einer anderen macht. Die beiden Typen stehen in einer Beziehung zueinander. Wird ein negativer Heterostereotyp benutzt, wird gleichzeitig ein positiver Autostereotyp benutzt. Als Beispiel lassen sich deutsche Wahrnehmungsmuster in Bezug auf Frankreich heranziehen. Wird vom „leichtfertigen Franzosen“ gesprochen impliziert das den „bedächtigen Deutschen“, spricht man vom „eleganten weltläufigen Franzosen“ impliziert es das Bild des „schwerfälligen provinziellen Deutschen“7. Wird also der eine Stereotyp benutzt, impliziert das automatisch auch immer den anderen Begriff.

Neben diesen beiden Unterscheidungen von Stereotypen spielt noch ein dritter Begriff eine große Rolle. In vielen Gesprächssituationen spielt der Metastereotyp eine große Rolle. Dieser beschreibt mein Bild von dem Bild, das sich die anderen von mir machen.

Der Begriff Stereotype beschreibt verfestigte Wahrnehmung– und Beschreibungsmuster, die sich kaum abbauen lassen. Bei dem Begriff „Vorurteil“ geht es um Urteile, die einen wertenden Charakter besitzen. Es beschreibt ein negatives oder positives Urteil über einen Menschen oder eine Sache, dem man sich selbst nicht anschließen kann. Die eigene Perspektive ist hier der Ausgangspunkt, sodass vorhandene Vorurteile nur bei Anderen zu finden sind, die folglich aus Unkenntnis ein Urteil getroffen haben. In der Wissenschaft findet sich keine allgemeingültige Definition des Begriffs.

[...]


1 Neubauer, Jochen (2011): Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer. Identität und Fremdwahrnehmung in Film und Literatur : Fatih Akin, Thomas Arslan, Emine Sevgi Özdamar, Zafer Şenocak und Feridun Zaimoğlu. Würzburg: Königshausen & Neumann, S.9

2 Baumgärtel, Bettina (1997): Identitätsbalance in der Fremde. Der Beitrag des symbolischen Interaktionismus zu einem theoretischen Rahmen für das Problem der Identität in der Migrantenliteratur. In: Fischer, Sabine /McGowan, Moray (Hrsg.). Denn du tanzt auf einem Seil: Positionen deutschsprachiger Migrantinnenliteratur. Tübingen: Stauffenburg – Verl., S.55

3 Neubauer, Jochen (2011): Türkische Deutsche, Kanakster und Deutschländer, S.14

4 Wierlacher, Alois (1993): Kulturwissenschaftliche Xenologie – Ausgangslage, Leitbegriffe und Problemfelder. In: Wierlacher, Alois (Hrsg.), Kulturthema Fremdheit: Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung. München; iudicium, S.39.

5 Blaicher, Günther (1987): Bedingungen literarischer Stereotypisierungen. In: Blaicher, Günther (Hrsg.) Erstarrtes Denken: Studien zu Klischee, Stereotyp und Vorurteil in englischsprachiger Literatur. Tübingen S.9

6 Nünning, Ansgar (2001): Stereotyp. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.) Metzler - Lexikon Literatur – und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart, S.602

7 Wierlacher, Alois (1993), S.284

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Details

Titel
Identität und Fremdwahrnehmung in deutsch-türkischer Literatur. Feridun Zaimoglus „Liebesmale, scharlachrot“
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V319344
ISBN (eBook)
9783668185425
ISBN (Buch)
9783668185432
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identität, fremdwahrnehmung, literatur, feridun, zaimoglus, liebesmale
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Identität und Fremdwahrnehmung in deutsch-türkischer Literatur. Feridun Zaimoglus „Liebesmale, scharlachrot“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319344

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