Inklusion. Chancen und Grenzen am Beispiel "Inklusive Schule"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsdefinitionen
1.1 Der Begriff „Inklusion“
1.2 Der Begriff „Inklusion“ nach Katzenbach (2015)
1.3 Der Begriff „Inklusion“ aus eigener Position
1.4 Inklusive Pädagogik

2. Historischer Überblick - Zur Entstehung Inklusiver Schulen

3. Grundlagen Inklusiver Schule
3.1 Akzeptanz von Vielfalt
3.2 Differenzierung der Lerninhalte
3.3 Gestaltung sozialer Beziehungen

4. Chancen und Grenzen Inklusiver Schule
4.1 Mögliche Vorteile Inklusiver Schule
4.2 Mögliche Nachteile Inklusiver Schule
4.3 Interventionsmöglichkeiten für Fachkräfte

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Inklusion - ein Begriff, der noch nicht ausreichend geklärt zu sein scheint, aber dennoch bereits in einigen Bereichen Anwendung findet. Die Idee von Inklusion ist es, allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Dies eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten, sondern birgt auch einige Gefahren. So stößt auch der große inklusive Gedanke an seine Grenzen während Fachkräfte bereits dabei sind ihr eigenes Verständnis von Inklusion umsetzen. Ein großer Kernpunkt der von Inklusion ist die individuelle Förderung jedes Einzelnen, z. B. in der Schule. Doch trägt diese dazu bei die Inklusion zu verwirklichen? An welchen Stellen stoßen - sowohl Fachkräfte als auch Schüler - an ihre Grenzen? In- wiefern ist individuelle Förderung tatsächlich hilfreich? Welche weiteren Grundhal- tungen werden in inklusiven Schulen umgesetzt? Welche Vor- und Nachteile erge- ben sich aus ihnen? Diese und weitere Fragen werden in der vorliegenden Arbeit diskutiert. Grundlage hierfür ist vorerst eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Inklusion“, zuerst als Definitionsversuch sowie aus Sicht von Katzenbach (2015), der einige wichtige Kritikpunkte anspricht. Daran schließt eine eigene Betrach- tungsweise für die vorliegende Arbeit an sowie das Konzept der inklusiven Pädago- gik, das vor allem mit inklusiver Schule in Verbindung gebracht wird. Als Überblick folgt ein Ausschnitt der historischen Entwicklung von Integration und Inklusion von deren Entstehung bis heute, insbesondere im Hinblick auf Schulen.

In Hinblick auf inklusiven Unterricht werden anschließend ausgewählte Inhalte auf- gegriffen und erläutert, die einen Teil der Grundlagen von Inklusion und deren Um- setzung darstellen, darunter die Akzeptanz von Vielfalt, die Differenzierung der Lerninhalte sowie die Beziehungsgestaltung in den Klassen bzw. zwischen Lehr- kräften und Schülern. Anhand dieser Grundlagen werden Chancen und Grenzen der inklusiven Pädagogik aufgezeigt sowie mögliche Vor- und Nachteile diskutiert. Auf die Eingrenzung auf eine bestimmte inklusive Schule bzw. ein bestimmtes inklusi- ves Konzept wird in dieser Arbeit aufgrund des Umfangs verzichtet. Zuletzt folgt ein Ausblick, der die Problemlage aufgreift und neue Möglichkeiten aufzeigt, sowie Fragen beinhaltet, die sich sowohl Lehrkräfte als auch Fachkräfte der Sozialen Ar- beit im Kontext inklusiver Schulen stellen sollten, damit dieses Konzept langfristig gelingen und vorhandene Schulformen sinnvoll ablösen bzw. neu gestalten kann. Das Fazit fasst Ergebnisse zusammen und bietet Platz für weitere Fragen und mögliche neue Herangehensweisen sowie Überlegungen zur weiteren Entwicklung inklusiver Schulen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit ausschließlich die männliche Form verwendet.

1. Begriffsdefinitionen

1.1 Der Begriff „Inklusion“

Der Begriff „Inklusion“ (lat. inclusio = Einschluss) scheint noch nicht klar definiert zu sein und ist selbst im fachlichen Diskurs von Uneinigkeit geprägt. Daher erfolgt zunächst eine möglichst „neutrale“ Definition entlang des Fachlexikon der sozialen Arbeit (2007) sowie der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), bevor der Begriff im Anschluss anhand von Katzenbach (2015) diskutiert wird. Anhand des- sen wird schließlich festgelegt, wie Inklusion in der vorliegenden Arbeit verwendet wird.

Inklusion beschreibt laut Niehoff (2007) die „Einbeziehung und unbedingte Zuge- hörigkeit“ und „geht von einer grundsätzlich heterogenen Gesellschaftsstruktur aus“ (Niehoff 2007: 486). Demnach sollen alle Menschen, unabhängig davon wie ver- schieden sie sind, gleichberechtigt miteinander zusammenleben können. Inklusion soll - im Gegensatz zur Integration - alle Menschen einer Gesellschaft mit ein- schließen. Zentral für Inklusion scheint die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit bzw. die Anerkennung von Vielfalt in der Gesellschaft zu sein. Integration hingegen meint laut Iben (2007) die Einbeziehung von bestimmten Personengruppen (z. B. behinderter Kinder) in einen Teil der Gesellschaft, was automatisch eine Art „Aus- schlussverfahren“ bedeutet. Dies versucht Inklusion zu vermeiden (vgl. Niehoff 2007: 486; Iben 2007: 490). Ein Problem der Thematik scheint zu sein, dass Inklu- sion meist „nur“ mit der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und inklusiver Schule in Verbindung gebracht wird. Dies zeigt, dass Inklusion in der Gesellschaft, die ein Teil dessen sein soll, noch nicht angekommen zu sein scheint. Ein Grund hierfür könnte die UN-Behindertenrechtskonvention sein, die Inklusion als ihr Leit- bild versteht und den Begriff erstmals in die Öffentlichkeit getragen hat. Die UN- BRK ist ein Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Men- schen mit Behinderungen, das in Deutschland am 26. März 2009 in Kraft getreten ist. Es beschreibt die konkreten Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen und soll ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in unserer Gesellschaft er- möglichen. So ist bspw. in Art. 24 festgelegt, dass Menschen mit Behinderungen unter Berücksichtigung der Chancengleichheit und ohne Diskriminierung ein Recht auf Bildung haben und definiert darüber hinaus wie dieses Recht umgesetzt werden soll (vgl. Bildung in Deutschland 2014: 157; UN-BRK 2009; vgl. auch Textor 2015: 49ff.). Da der Begriff „Inklusion“ zwar kontrovers diskutiert wird, es aber - wie eingangs erwähnt - keine allgemeingültige Definition zu geben scheint, soll diese Arbeit nur einen Ausschnitt dessen darstellen, was Inklusion bedeuten kann. Men- schen mit Behinderungen scheinen das „Musterbeispiel“ für die Idee der Inklusion zu sein, sollen aber tatsächlich ebenso nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten von Inklusion abbilden. Am Beispiel von Katzenbach (2015) wird im folgenden Ab- schnitt eine weitere Sichtweise eröffnet und anschließend geklärt welche Sichtweise dieser Arbeit zugrunde liegt.

1.2 Der Begriff „Inklusion“ nach Katzenbach (2015)

Zahlreiche Autoren haben bereits Stellung bezogen zum Thema Inklusion und dem Auftrag, der damit einhergeht - Einigung scheint es darüber bisher nicht zu geben. So lädt auch Dieter Katzenbach (2015) zur Diskussion ein und fordert, dass wieder ein verstärktes Augenmerk auf die theoretischen Grundlagen gelegt werden solle, da der Begriff „Inklusion“ sehr unterschiedlich behandelt werde (vgl. Katzenbach 2015: 19). Dies solle dabei helfen eine fundierte Grundlage für die Praxis zu bieten, mit der sich arbeiten ließe. Er hält es für notwendig, dass „die Programmatik der In- klusion einen spannungsreichen gesellschaftlichen Veränderungsprozess“ erfordere, „der theoretisch reflektiert und eingeordnet werden muss“ (Katzenbach 2015: 19). Während der Begriff lange Zeit in der Soziologie Anwendung fand und vor allem mit der Systemtheorie Luhmanns verbunden wurde, so sei daraus mittlerweile ein Begriff geworden, der in vielerlei Hinsicht Anwendung finde, was dazu geführt habe, dass dieser mittlerweile regelrecht verwahrlost sei. Integration sei weitgehend von Inklusion abgelöst worden, was einer „konzeptionellen Weiterentwicklung“ zu- grunde liege (Katzenbach 2015: 19f.). „Während Integration sich - zumindest im Kontext der Sonder- und Heilpädagogik - vorrangig auf Menschen mit Behinde- rung bezog, versteht sich das Konzept der Inklusion als ein Ansatz, der alle Men- schen einbezieht, die von Marginalisierung betroffen oder bedroht sind“ (Katzen- bach 2015: 20).

Katzenbach führt weiterhin das Problem auf, dass Integration und Inklusion in der Öffentlichkeit wie auch in Fachkreisen nur mit bestimmten Thematiken verbunden würden, so werde z. B. Inklusion vor allem mit Menschen mit Behinderung in Ver- bindung gebracht, was daran liegen könne, dass der Begriff erstmalig in Verbindung mit der UN-Behindertenrechtskonvention aufkam (vgl. auch Kap. 1.1). Allgemein herrsche in vielen Bereichen eine große Ratlosigkeit, wenn es um die Unterschei- dung von Integration und Inklusion gehe. Dabei werde auch in Fachkreisen wie z. B. sozialen Einrichtungen oft behauptet, Inklusion sei besser als Integration und man sei auf dem Weg von integrativer zu inklusiver Arbeit. Doch selbst über die Zielrichtung von Inklusion bzw. über dessen Inhalt herrsche eine gewisse Unsicher- heit, sodass diese erst bestimmt werden müsse. Die Neuheit des Begriffs und die zeitgleiche Verbreitung in der breiten Öffentlichkeit und Fachkreisen hätten hierzu beigetragen. Zudem sei der Einfluss der Wissenschaft sehr gering, wenn es um den Gebrauch eines Begriffs im öffentlichen Diskurs gehe, so Katzenbach. Dies alles zeige wie schwierig die Umsetzung von Inklusion eigentlich sei, da selbst in Fach- kreisen keine Einigkeit bestehe, weshalb der theoretische Diskurs zu Grundlagen der Inklusion dringend notwendig sei (vgl. Katzenbach 2015: 20f.). Eine geeignete Theorie müsse bestimmte Kriterien erfüllen, sie müsse in der Lage sein, „gesell- schaftliche Prozesse, Konflikte und Widersprüche angemessen [zu] rekonstruieren und [zu] analysieren“ (Katzenbach 2015: 23). Katzenbach geht weiterhin darauf ein, dass sich Inklusion in einem gesellschaftlichen Spannungsverhältnis bewege und thematisiert hier vor allem den „Umgang mit Differenz und das Verhältnis de- ren Thematisierung und De-Thematisierung“ sowie „das Verhältnis von egalitärer Differenz und meritokratischem Prinzip“ (Katzenbach 2015: 23). Beide Bereiche sollen hier kurz dargestellt werden, um Katzenbachs Sichtweite auf Inklusion zu vertiefen und um Problematiken deutlich machen zu können, die mit dem Thema verbunden sind.

Zu Beginn thematisiert Katzenbach, dass sich mancher dafür einsetzt die „Zwei- Gruppen-Theorie“ abzuschaffen, die das Denken in den Kategorien behindert bzw. nicht-behindert meint. Demnach sei der zentrale Leitgedanke von Inklusion: „Inklu- sion zielt auf das selbstverständliche, gleichberechtigte und werkschätzende Mitein- ander der Verschiedenen, wobei das Selbstverständliche darin besteht, dass ihre Un- terschiedlichkeit nicht eigens thematisiert werden muss“ (Katzenbach 2015: 23). Im Gegensatz dazu habe Integration stets die Unterschiedlichkeit von Menschen in den Vordergrund gestellt, so z. B. den Unterricht von behinderten Schülern mit nicht-be- hinderten Schülern. Daraus schlussfolgert er folgenden Leitgedanken: „Integration zielt auf das gleichberechtigte und wertschätzende Miteinander der Verschiedenen, wobei ihre Unterschiedlichkeit explizit thematisiert wird, um Gleichberechtigung und Wertschätzung zu sichern“ (Katzenbach 2015: 23). Dabei spricht er ein zentra- les Problem an, das sich daraus ergibt, nämlich die Thematisierung bzw. De-Thema - tisierung von Differenz. Dies zeige sich bereits an der UN-Behindertenrechtskon- vention, in welcher der Begriff der Behinderung bereits als diskriminierend erlebt werde und eine Umsetzung somit erschwert würde. Die Problemstellung sei laut Katzenbach eher, dass es aufgrund „der Vielfalt menschlicher Daseinsformen“ (Kat- zenbach 2015: 25) notwendig sei, die Unterschiede zwischen Menschen anzuspre- chen, was die Begriffe Gleichheit und Differenz bereits verdeutlichen. Ohne eine Differenzierung gebe es keine Diskussionsgrundlage und es bestünde die Gefahr, dass tatsächliche Benachteiligungen - ob gruppenbezogen oder individuell - nicht zur Sprache kommen bzw. nicht sichtbar werden können. Katzenbach empfiehlt da- her bei Bildung einer fundierten Theorie dieses Spannungsverhältnis zu beachten, damit Verschiedenheiten thematisiert werden können (vgl. Katzenbach 2015: 25). Als nächsten Punkt greift Katzenbach das Spannungsverhältnis zwischen egalitärer Differenz und meritokratischem Prinzip auf, das mit der eben angesprochenen The- matisierung und De-Thematisierung von Differenz eng zusammenhängt. Egalitäre Differenz meint zunächst „die Problematisierung der Neigung […], Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen sofort in hierarchischen Ordnungen zu denken, also entlang der Dimensionen von besser/schlechter, zurückgeblieben/fort- schrittlich oder normal/abweichend zu sortieren“ (Katzenbach 2015: 25). Der Schwerpunkt liegt hier auf der Notwendigkeit, die Unterschiede von Menschen an- zuerkennen, diese aber wertfrei zu behandeln. Demnach ist ein Leben mit Behinde- rung zwar anders, jedoch nicht schlechter als ein Leben ohne Behinderung (vgl. Katzenbach 2010: 25).

Katzenbach sieht darin die Gefahr der „Banalisierung und gleichzeitigen Übergene- ralisierung“ (Katzenbach 2010: 26) und wirft im Zuge dessen die Frage auf, inwie- fern subjektives Erleben von Leiden ausgedrückt werden soll, wenn es nicht mehr als besser oder schlechter als andere Leiden angesehen wird. Die Gefahr dabei Un- terschiede nicht mehr zu benennen oder benennen zu dürfen, sei, dass jegliche Dis- kussionsgrundlage für die Feststellung von gesellschaftlichen Missständen und/oder sozialer Ungerechtigkeit wegfalle und Benachteilung demnach nicht mehr sichtbar gemacht werden könne (vgl. Katzenbach 2010: 26). Diesbezüglich ist für Katzen- bach weiterhin die soziologische Unterscheidung in horizontale und vertikale Diffe- renz von Bedeutung. Horizontale Differenz untersucht die Unterschiede zwischen Menschen und sozialen Gruppen „unter der prinzipiellen Maßgabe ihrer Gleichwer- tigkeit“ (Katzenbach 2010: 26), während vertikale Differenz gesellschaftliche Hier- archien analysiert. Hier greift Katzenbach auf, dass z. B. marktwirtschaftlich orga- nisierte Gesellschaften nicht daran interessiert sein könnten, die vertikale Differenz aufzuheben, da hier der Wettbewerb als Motivation für individuelle Leistung im Vordergrund stehe.

Das meritokratische Prinzip beschreibt, dass individuelle Leistung im Vordergrund stehen und letztendlich über die soziale Position wie auch über da Einkommen ent- scheiden soll. Dies sei jedoch nicht realisiert - im Gegenteil, es hänge nach wie vor sehr von der sozialen Herkunft ab, wie sich diese Position entwickelt. Dieses Prin- zip steht daher im unmittelbaren Spannungsverhältnis zur egalitären Differenz, die die Wertschätzung des Einzelnen hervorhebt, während das meritokratische Prinzip auf die Auswahl der „Besten“ abzielt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Inklusion. Chancen und Grenzen am Beispiel "Inklusive Schule"
Hochschule
Hochschule Osnabrück
Veranstaltung
(Inklusive) Bildung und soziale Teilhabe in kleinräumiger Perspektive
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V319363
ISBN (eBook)
9783668185029
ISBN (Buch)
9783668185036
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inklusion, individuelle Förderung, Schule
Arbeit zitieren
Katrin Schnegelberger (Autor), 2016, Inklusion. Chancen und Grenzen am Beispiel "Inklusive Schule", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319363

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