Mutter-Kind-Bindung. Hat die frühe Fremdbetreuung negative Auswirkungen auf die Bindungsqualität?


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Unterschiedliche Vorstellungen von Kindern und Kindheit

Kindliche Bedürfnisse

Entstehung einer sicheren Mutter-Kind-Bindung

Definition der Fremdbetreuung

Entstehung einer guten Erzieher-Kind-Bindung

Kriterien für die Qualität der Betreuung

Stress für Kinder bei der Trennung von Bezugspersonen

Auswirkung der frühen Fremdbetreuung auf die Mutter-Kind-Bindung

Auswirkung auf die kognitive Entwicklung

Bewertung der Aspekte
Positive Aspekte
Negative Aspekte

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeitet betrachtet die frühe Fremdbetreuung in Kindertagesstätten unter anthropologischen Gesichtspunkten. Darin wird die These erläutert, dass die frühe Fremdbetreuung eine negative Auswirkung auf die Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind hat und deswegen einer kindgerechten Entwicklungsförderung aus anthropologischer Sicht nicht entspricht. Diese These ist sehr umstritten, und befindet sich momentan in einer aktuellen Diskussion in unserer Gesellschaft. Immer mehr Frauen haben heutzutage bestimmte Berufsziele, die sie trotz ihrer Mutterschaft erreichen und nicht aufgeben wollen. Daher kehren viele Mütter schon kurz nach der Geburt wieder zurück in das Berufsleben und schöpfen oftmals ihre maximale Elternzeit nicht komplett aus (vgl.1 ). Deshalb ist es mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich, Säuglinge, die gerade erst drei Monate alt sind, zu sehen, die ganztägig an fünf Tagen in der Woche in einer Kindertagesstätte betreut werden (vgl.2 ). Im Gegensatz zu dieser Gepflogenheit steht die klassische Bindungstheorie. Beispielsweise unterstreicht John Bowlby, dass die Mutter gerade in den ersten Lebensjahren eine fundamentale Rolle spiele und die Bindung umso sicherer entwickeln könnte, desto konstanter die Betreuung durch die Mutter sei. Aufgrund dessen sei eine tägliche Trennung von der Mutter äußerst ungünstig für die Entstehung der notwendigen und entwicklungsfördernden Bindung (vgl.3 ).

Wie bzw. ob sich die frühe Fremdbetreuung auf die Mutter-Kind-Bindung auswirkt, werde ich in meiner Hausarbeit erläutern. Zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik werde ich zunächst einen Überblick darüber verschaffen, wie Kinder und die Kindheit in der geschichtlichen Entwicklung unserer Gesellschaft gesehen werden. Außerdem werde ich etwas näher auf die kindlichen psychischen Bedürfnisse eingehen. Des Weiteren erläutere ich, wie eine kindgerechte Mutter-Kind-Bindung entsteht und was ausschlaggebende Kriterien dafür sind. Auch werde ich die Beziehung zu den Erziehern und die Betreuungsqualität näher in Betracht ziehen. In einem weiteren Punkt werden die Auswirkungen der frühen Fremdbetreuung bearbeitet. Am Ende meiner Arbeit, werde ich die Vor- und Nachteile der Fremdbetreuung analysieren.

Unterschiedliche Vorstellungen von Kindern und Kindheit

Unterschiedliche Menschenbilder werden durch die Gesellschaft vermittelt und nachfolgenden Generationen weitergegeben (vgl.4 ). Durch gesellschaftliche Veränderungen im Laufe der Geschichte entwickelten sich unterschiedliche Bilder von Kindheit und Jugend.

Bis zum Mittelalter hatte die Kindheit im Leben eines Menschen keinen eigenen Stellenwert. Zum Beispiel wurden Kindern dieselben Aufgaben und Arbeiten wie Erwachsenen übertragen, was sie maßlos überforderte. Viele Kinder mussten schon früh anfangen zu arbeiten, um den Eltern zu helfen, den Lebensunterhalt zu verdienen (vgl.5 ). Erst im Spätmittelalter veränderte sich langsam das Bild der Kinder. Mütter und Familienmitglieder wollten auch Zeit mit den Kindern verbringen und mit ihnen spielen. Noch in der vorbürgerlichen Gesellschaft im 17. Jhd. wurden Kinder jedoch nur als „kleine Erwachsene“ gesehen und dargestellt. Sie unterschieden sich im Grunde nicht viel von Erwachsenen, dies zeigte sich unter anderem in dem Kleiderstil (vgl.6 ). Nach und nach entwickelte sich das Bild von Kindern als erziehungsbedürftige Lebewesen, die von Geburt an erzogen werden müssen. Auch Kant war dieser Auffassung. Er war der Meinung, dass der Mensch das einzige Geschöpf sei, welches erzogen werden muss. Späteren Ansichten zu Folge hat der Mensch von Natur aus Mängel, wie vermissten Witterungsschutz, also ein fehlendes Haarkleid (vgl.7 ), keine Instinktsicherheit, auch fehlt ihm demnach die Anpassung an die unmittelbare Umwelt. Durch diese Mängel ist der Mensch in der Natur hilflos und Gefahren schutzlos ausgeliefert (vgl.8 ). Durch diesen Nachteil den Tieren gegenüber ist der Mensch nur in Sozialität und selbst geschaffenen Kulturen lebensfähig (vgl.9 ) und entwickelt sich abhängig von Institutionen (vgl.10 ).

Wichtig und zu beachten ist die Einsicht, dass die Mängel des Menschen zu kompensieren sind. Durch andauerndes Streben nach Neuem und durch erlernte höhere Leistungen, wird er zu einem vervollkommnungsfähigen Wesen (vgl.11 ).

Aus heutiger anthropologischer Sicht ist für die frühkindliche Entwicklung äußerst wichtig, dass das Kind mit dem Gefühl der Geborgenheit lebt. Dieses Gefühl kann am besten in vertrauter, häuslicher Atmosphäre von einer Person vermitteln werden, zu der es eine intensive persönliche Beziehung hat, wie in den meisten Fällen die Mutter (vgl.12 ).

Außerdem weiß man heute, dass Kinder einige Entwicklungsphasen frei durchleben müssen, um ihre eigenen Grenzen zu erfahren, damit sie daran wachsen und davon profitieren können. Bei Erwachsenen, die als Kinder aus unterschiedlichen Gründen diese Entwicklungsphasen nicht entsprechend kindgerecht ausleben konnten, lassen sich Defizite feststellen (vgl.13 ). Deshalb ist es notwendig für die Entwicklung, Erziehung und Bildung, dass die verantwortlichen Erwachsenen den Kindern eine Art Schonraum zu Verfügung stellen, in dem die Kinder gefahrlos solche Erfahrungen sammeln können (vgl.14 ).

Kindliche Bedürfnisse

Kinder haben viele Bedürfnisse, auf die geachtet und denen nachgegangen werden sollte. Die sieben psychischen Grundbedürfnisse der Kinder werden nach Brazelton und Greenspan (vgl.15 ) wie folgt näher beschrieben:

1. Das Bedürfnis nach beständigen liebevollen Beziehungen

Liebevolle Beziehungen fördern nicht nur die Entwicklung des zentralen Nervensystems, sondern sind auch eine gravierende Grundlage für die intellektuelle und soziale Entwicklung. Des Weiteren fördert der liebevolle Umgang Warmherzigkeit und Wohlbefinden. Kinder lernen Empathie und Vertrauen. Die Interaktionen mit liebenden Personen prägen die Kinder und fördern die Entwicklung ihrer Identität. Ein Kind kann nur Gefühle empfinden, die es selbst erfahren hat. Erlebt ein Kind keine liebevollen Beziehungen so entwickeln sich Defizite im emotionalen Bereich.

2. Das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit, Sicherheit und Regulation

Dazu gehört vor allem der Schutz vor Gewalt, Misshandlungen und Vernachlässigungen, denn diese Faktoren sind kindeswohlgefährdend und haben negative Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem.

3. Das Bedürfnis nach Erfahrungen, die auf individuelle Unterschiede zugeschnitten sind

Jedes Kind ist individuell und hat seine Schwächen und Stärken. Wie Bezugspersonen damit umgehen, hat auf die Entwicklung des Kindes einen großen Einfluss. Durch gezielte Förderung und spezielle Methoden können die Eltern den Kindern dabei helfen, die Funktionsweisen ihres Nervensystems und ihre Persönlichkeit positiv zu entwickeln.

4. Das Bedürfnis nach entwicklungsgerechten Erfahrungen

Jedes Kind durchlebt verschiedene Entwicklungsstufen, in denen es zu gewissen Kenntnissen kommt. Diese Entwicklungsphasen werden durch die Individualität jedes Kindes unterschiedlich schnell bewältigt. Es ist nicht hilfreich, Kinder in diesen Phasen unter Druck zu setzen, dies kann sogar eine prozesshemmende Wirkung haben. Wichtig ist also, dass die Aufgaben, die den Kindern gestellt werden, angemessen und altersgerecht sind, damit keine Überforderung stattfindet.

5. Das Bedürfnis nach Grenzen und Strukturen

Kinder brauchen liebevolle Regeln und Grenzen, denn diese geben ihnen Schutz und Geborgenheit und bedeuten für sie eine Orientierungshilfe. Kinder brauchen das Gefühl, dass diese Regeln und Grenzen aus Fürsorge gesetzt werden und nicht auf Angst und Sanktionen aufbauen. Wenn Kindern liebevolle Grenzen gesetzt werden, verhalten sie sich anderen Erwachsenen gegenüber genauso respektvoll wie im Kontakt mit ihren Bezugspersonen, da sie die Menschen in ihrer Umgebung generell nicht verärgern wollen. Dagegen verhalten sich Kinder, denen durch Strafen Grenzen gesetzt wurden, anderen Erwachsenen gegenüber oftmals respektlos, da sie vor ihnen keine Angst haben. Es zeigt sich, dass Jugendliche, die früher durch Sanktionen diszipliniert wurden, ein auffälligeres Verhalten aufweisen als andere Jugendliche.

6. Das Bedürfnis nach stabiler, unterstützender, gemeinschaftlicher und kultureller Kontinuität

All die aufgezählten Grundbedürfnisse werden in den sozialen Gemeinschaften zusammengetragen. Für Kinder ist es wichtig, dass sie sich in einer Gemeinschaft wohl und sicher fühlen und dass sie in Freundschaften sozialen Austausch erleben und daran wachsen können. Auf diese Art und Weise können sich intensive soziale Kontakte entwickeln.

7. Die Zukunft sichern

Den Grundbedürfnissen der Kinder sollte nachgegangen werden, damit die Kinder eine sichere Zukunft haben.

Entstehung einer sicheren Mutter-Kind-Bindung

Unter Mutterliebe versteht man die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Demnach stellt die Mutter nach der Geburt ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund und achtet allein auf das Wohlergehen ihres Kindes. Diese Mutterliebe ist nicht nur ein Glaubensgrundsatz, sondern wird auch biologisch durch das Hormon Oxytocin verstärkt. Oxytocin ist nicht nur ein Stress und Angst linderndes Hormon sondern besitzt zusätzlich die Eigenschaft, dass es nach der Geburt mütterliche Fürsorge auslöst (vgl.16 ). Wie sich die Bindung jedoch weiterhin entwickelt, hängt viel mit dem Verhalten der Mutter gegenüber dem Kind zusammen. Um eine sichere Bindung aufzubauen, ist es vor allem notwendig, dass die Mutter dem Kind gegenüber ein feinfühliges Verhalten zeigt und empathisch dessen Bedürfnisse erkennt und entsprechend erfüllt. Mary Ainsworth hat die mütterliche Feinfühligkeit in vier Aspekte aufgegliedert (vgl.17 ):

1. Das Kind im Blick zu haben und die Befindlichkeit und Signale des Kindes wahrzunehmen.
2. Die richtige Interpretation der Äußerungen der Bedürfnisse des Kindes.
3. Die prompte Reaktion der Mutter auf das Bedürfnis, damit das Kind eine Verbindung zwischen seinem Verhalten und der Reaktion der Mutter erfährt.
4. Die angemessene Reaktion auf das Bedürfnis des Kindes, damit das Kind lernt seine Äußerungen differenziert einzusetzen.

Dabei soll dem Kind nichts abgenommen werden, was es selbst schon kann. Anderenfalls kann es schnell zu einer Überbehütung führen und wäre nicht entwicklungsfördernd (vgl.18 ).

Mütterliche Feinfühligkeit gelingt dann, wenn die Mutter sich empathisch in das Kind hinein zu versetzen vermag, versteht was es braucht und in seinem Sinne handelt. Gelingt einer Mutter diese Feinfühligkeit, ist dies eine gute Voraussetzung für den Aufbau einer sicheren Bindung zum Kind. Wird nicht feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen, so entsteht eine unsichere Bindung (vgl.19 ).

Definition der Fremdbetreuung

Man versteht unter Fremdbetreuung, wenn Eltern ihr Kind nicht selbst betreuen, sondern es in „fremde“ Hände geben. Generell sollte eine Betreuung nicht fremd im Sinne von unbekannt sein. Vor Beginn der Betreuung sollte eine Vertrautheit zwischen Kind und Betreuungsperson geschaffen werden. Dies ist nicht nur bei institutionalisierten Betreuungspersonen nötig, sondern auch bei Familienangehörigen oder anderen, der Familie nahestehenden Personen. Eine Beziehung bzw. Bindung zwischen Verwandten ist nämlich nicht automatisch vorhanden, nur weil man blutsverwandt ist oder die Eltern des Kindes ein vertrauensvolles Verhältnis zu diesen Personen haben. Auch hierbei muss sich eine Vertrautheit für das Kind erst einmal aufbauen und entwickeln. In Kinderbetreuungseinrichtungen wird deshalb nach verschiedenen Eingewöhnungsmodellen gearbeitet (vgl.20 ).

[...]


1 DJI, 2005, S.110

2 Herman/ Steuer, 2010, S. 37

3 Ahnert 2010, S. 166

4 Kluge, 2003, S. 201

5 Kluge, 2003, S. 203,204

6 Andresen und Hurrelmann, 2010, S. 11-12

7 Bollnow, 2013, S. 33

8 Kluge, 2003, S. 28

9 Bollnow, 2013, S 34

10 Kluge, 2003, S. 28

11 Bollnow, 2013, S. 33

12 Bollnow, 2013, S. 39

13 Kluge, 2003, S. 211

14 Andresen und Hurrelmann, 2010, S 15-16

15 Brazelton und Greenspan, 2000

16 Ahnert, 2010, S. 25-30

17 Bethke, Braukahne, Knobeloch, S. 23

18 Jutta Kienbaum, Bettina Schuhrke, 2010, S. 125

19 Bethke, Braukahne, Knobeloch, S. 23

20 Lenbet, 2014, S.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Mutter-Kind-Bindung. Hat die frühe Fremdbetreuung negative Auswirkungen auf die Bindungsqualität?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe  (Pädagogik der Kindheit)
Veranstaltung
Anthropologie, Kindheitsbilder, Kindheitsforschung
Note
1,2
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V319447
ISBN (eBook)
9783668186187
ISBN (Buch)
9783668186194
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mutter-Kind-Beziehung, Bindung, Fremdbetreuung, Bindungsqualität, Entwicklungsförderung
Arbeit zitieren
Felicitas Berger (Autor), 2015, Mutter-Kind-Bindung. Hat die frühe Fremdbetreuung negative Auswirkungen auf die Bindungsqualität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319447

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